Suzuki XF 650 Freewind

Erfahrungsbericht über

Suzuki XF 650 Freewind

Gesamtbewertung (17): Gesamtbewertung Suzuki XF 650 Freewind

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Reiseintopf mit Spaßfaktor

4  08.02.2001

Pro:
Spaß pur .

Kontra:
Genannte Mängel

Empfehlenswert: Ja 

StLeicht

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:44

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 26 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

1. Prolog

Viele kennen das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit, welches man beim Motorradfahren empfindet. Ähnlich müssen sich unsere Vorfahren auf dem Rücken ihrer Pferde gefühlt haben. Ich fahre nun schon seit 19 Jahren, und ich habe meinen Motorradführerschein noch gemacht und nicht geschenkt bekommen, weil ich irgendwann vor 1980 meinen Führerschein erworben habe. Diese vor einigen Jahren getroffene Lösung finde ich nicht besonders glücklich, da eben doch ein gewaltiger Unterschied zwischen einem Auto und einem Motorrad besteht und nicht jeder , der ein super Autofahrer ist, auch gleich Motorrad fahren kann. Einige (Nicht alle!) der auf diese Weise nun hinzugekommenen Motorradfahrer werden so entweder zum Verkehrshindernis oder auf Grund von Problemen bei der Bedienung der Maschine sogar zur Verkehrsgefährdung. Hier würde ich als Gesetzgeber, wenn schon keine Prüfung gemacht werden muss, zumindest einige Fahrstunden auf dem neu erworbenen Motorrad vorschreiben, um ein wenig Sicherheit im Umgang mit der Selben zu erlangen und sich so anschließend wieder auf den Verkehr konzentrieren zu können. Ich weiß, dass ich mit dieser Meinung sicher wieder heftige Diskussionen hervorrufen werde, aber wenn man beobachtet, was sich hauptsächlich in den Sommermonaten vor allem im Bereich der 125er Maschinen auf der Straße so alles abspielt, kräuseln sich einem die Zehennägel auf.

Heftige Diskussionen entwickeln sich auch immer wieder um die Bauart eines Motorrades, und nicht selten wird man an Kreuzungen mitleidig von der Seite angelächelt, wenn das von einem selbst gefahrene Motorrad nicht den Vorstellungen des „Nebenmanns“ entspricht. Hinzu kommen auch hier wieder diverse Vorurteile gegenüber Motorrädern aus Asien. Viele schwören auf Chopper a la Harley, andere sind lieber sportlich auf einer Straßensportmaschine a la Suzuki GSX 1300 R Hayabusa unterwegs, welche gar nicht genug PS haben kann. Dann gibt’s da auch noch die Tourer, Enduros und alle möglichen Zwitterlösungen. Ich will mich an diesem Glaubenskrieg nicht beteiligen, den letztendlich sollte ein Motorrad genau wie ein Auto auch an die persönlichen Bedürfnisse jedes einzelnen angepasst sein. Für mich persönlich muss die Maschine handlich, leicht und in jeder Situation gut beherrschbar sein. Trotzdem muss der Motor über genügend Leistungsreserven verfügen, um auch längere Touren in akzeptabler Zeit zu bewältigen und eventuell auch noch eine Sozia (einen Sozius) und das benötigte Gepäck zu transportieren. Die Sitzhaltung muss für mich entspannt sein und darf auch auf längeren Strecken nicht zu Schmerzen in Rücken und nach unten verlängerten Rücken führen. Daher und wahrscheinlich auch durch meine früheren sportlichen Aktivitäten kommen für mich eigentlich nur Straßenenduros (auch Spassenduros, Funduros, Funenduros usw. genannt), da diese sowohl entspanntes Fahren auf längeren Strecken oder dem Weg zur Arbeit zulassen, als auch gelegentliche Abstecher in leichtes Gelände nicht krumm nehmen. Für richtiges Gelände sind diese Maschinen allerdings nicht geeignet, dafür sind sie immer noch zu schwer und meist auch nicht hochbeinig genug. Aber über Feld- und Waldwege und über Schotterpisten machen diese Bikes einen riesen Spaß.

Ein würdiger Vertreter dieser Fahrzeugkategorie ist die Suzuki XF 650 Freewind. Diese habe ich im Rahmen meiner Sondierungen für eine eigene Maschine diverse male Probe gefahren und auch über einige Tage für eine Mehrtagestour gemietet. Zum Schluss standen für mich nur noch eben jene besagte Freewind und die BMW F650 zur Wahl, wobei die Suzi wegen der besseren Leistungsentfaltung im unteren Drehzahlbereich, dem besseren Windschutz und den subjektiv besseren Fahrkomfort/-eigenschaften zum Schluss klar die dicke Nase vorn hatte. Das letztlich dann doch nichts aus dem Kauf wurde, liegt letztlich nur daran, dass ich die Kohle dann schließlich zum Hausbau brauchte.

2. Erste Eindrücke und (einige) technische Daten

Die Freewind sieht nicht so aus, wie man sich eine Enduro landläufig vorstellt. Ihre Domäne liegt trotz des groben Stollenprofils der Reifen eindeutig auf der Straße. Das große Benzinfass fasst 18,5 Liter Normal-Benzin, das reicht für gut 370 km. Die Sitzbank ist gut ausgeformt und weist eine ausgezeichnete Polsterung auf. Die Sitzhöhe von 83 cm reicht für Biker bis 1,85 m, für Personen unter 1,75 m kann man die Freewind leicht tieferlegen, die Höhe reduziert sich dann auf 80 cm. Allerdings leidet zum einen gewaltig die Bodenfreiheit unter dieser Maßnahme, zum anderen wird die Maschine geschuldet den kürzeren Federwegen bretthart. Ob man damit leben kann, sollte man bei einer Probefahrt besser selbst ermitteln.

Der Motor ist der schon aus der DR bekannte 644 cm3 4-Takt-Einzylinder (daher der Begriff Reiseintopf) und wird per Knopfdruck gestartet. Allerdings wurde er für den Einsatz in der Freewind etwas modifiziert und leistet nun 48 PS. Für Fahranfänger gibt es auch eine auf 34 PS gedrosselte Variante, diesem Triebwerk fehlt dann allerdings der Biss. In der offenen Variante mangelt es allerdings nicht an Leistung. Die Beschleunigung von 4,9 Sekunden 0-100 km/h lässt beim Kreuzungsspurt selbst eingefleischten GTI/GSI-Fahren (Ist nicht diskriminierend gemeint!!!) das Lächeln auf dem Gesicht gefrieren.

Die zwei Scheibenbremsen packen kräftig zu und verzögern die Maschine so stark, dass man besser in den Rückspiegel schauen sollte, ob dem Autofahrer hinter einem der Platz zum Anhalten reicht.

Die Frontverkleidung geht fliesend in den Tank über und beherbergt den Scheinwerfer und das Mäusekino. Tja, diesen Namen hat das Digitaldisplay weg, welches über alle wichtigen Details wie Geschwindigkeit, Drehzahl und Füllstand des Tanks präzise informiert.

Der Spritzschutz am Hinterrad sieht nicht so toll aus, aber Vorsicht, er ist wichtiger Bestandteil der Betriebserlaubnis dieses Motorrades und darf weder verändert noch entfernt werden.


3. Fahreindrücke

Die Domäne dieses Motorrades liegt eindeutig auf kurvenreichen Landstraßen. Sie reagiert dabei absolut gutmütig und lässt sich in jeder Situation sehr gut beherrschen. Sie ist somit auch das ideale Motorrad für Einsteiger und Frauen. Die Technik gibt keinerlei Rätsel auf und lässt so auch noch den Blick für die umgebende Landschaft übrig. Die Vibrationen, welche vom Einzylinder ausgehen, kann man als angenehm bezeichnen. Der Klang, welcher hinten raus kommt ist kernig, man hört die Leistung des Motors förmlich, ohne aber übermäßig Krach zu verbreiten. Die Verarbeitung der Maschine ist gut. Auch der tägliche Weg zur Arbeit macht auf diesem Bike einfach Spaß.

Nach längeren Fahrten steigt man entspannt und schmerzfrei von der Maschine. Längere Autobahnfahrten sind kein Problem, auf die angegebenen 161 km/h Höchstgeschwindigkeit kann man gut und gerne noch einmal 15 km/h drauflegen. Lange Vollgasfahrten sollte man allerdings vermeiden, eine Reisegeschwindigkeit von und 130 km/h bietet den besten Kompromiss zwischen Fahrkomfort und zügigen Reisen. Bei Fahrten mit Sozia und viel Gepäck ist die Federung leider etwas zu weich.

4. Bekannte Probleme

Die Freewind hat zwei Kinderkrankheiten, welche die Suzuki-Konstrukteure leider bis heute nicht auszumerzen in der Lage waren. Eine davon betrifft die Scheinwerferaufhängung, welche den Vibrationen der Maschine nicht standhält. Dadurch kommt es früher oder später zu Brüchen derselben, die Scheinwerfer werden undicht und durch eindringendes Wasser matt. Ein erstes Anzeichen hierfür ist ein lautes Klappern aus diesem Bereich. Auch die Einführung des glubschäugigen Scheinwerfers vor zwei Jahren hat diesen Mangel leider nicht beseitigt. Dieser Fehler ist bekannt und wird von Suzuki auch außerhalb der Garantiezeit meist auf Kulanz beseitigt.

Die zweite Kinderkrankheit ist ein Ölaustritt an den Befestigungsschrauben des Zylinderkopfes. Diese Problem wird durch die zu starre Verbindung des Zylinderkopfes mit dem Rahmen verursacht. Suzuki hat diesen Fehler erkannt und den Fachwerkstätten eine Anleitung zur Beseitigung dieses Problems zukommen lassen. Warum das aber nicht gleich in den Produktionsprozess mit einfließt, ist mir schleierhaft.

5. Fazit

Trotz der genannten Probleme ist die Freewind ein gutes Alltagsfahrzeug sowohl für den Weg zur Arbeit als auch für längere Touren. Gelegentliche Ausritte im leichte Gelände sind mir ihr genau so problemlos zu Händeln wie zügige Landstraßenfahrten. Trotz des relativ hohem Eigengewichtes von 188 kg ist sie in allen Situationen gut unter Kontrolle zu halten und empfiehlt sich daher auch für Fahranfänger und Frauen. Die genannten Mängel sind mit etwas bastlerischen Geschick übrigens selbst dauerhaft zu beheben.

Eins bietet die Freewind auf jeden Fall, und das ist Spaß pur.

Und die Qualität stimmt bis auf wenige Ausnahmen. Ich werde mir die Freewind auch dieses Jahr sicher für eine größere Tour ausleihen und bin sicher, dass ich wieder viel Spaß damit haben werde.

Und noch etwas möchte ich an dieser Stelle loswerden:
Die meisten Motorradfahrer sind verantwortungsbewusste Verkehrsteilnehmer. Ausnahmen gibt es hier genauso wie bei den Autofahrern, was leider immer wieder zu der Verallgemeinerung führt, dass all Motorradfahrer hirnlose Rowdys sind. Motorräder haben das gleiche Recht wie alle, am Verkehr teilzunehmen, und oft werden die leistungsstarken Maschinen von anderen Verkehrsteilnehmern unterschätzt, was häufig zu Rücksichtslosigkeit und schweren Unfällen führt. Ein wenig gegenseitige Rücksichtsnahme hilft hier allen, sicher durch den Verkehr zu kommen. Und wer über Biker schimpft, welche sich in brütender Hitze am Autobahnstau vorbeischlängeln, sollte sich mal bei eben solchen Wetter mit einem Helm und Schutzkleidung über einen kochend heißen Motor setzen. Vielleicht bekommt man so dann etwas mehr Verständnis.

© Steffen Leicht, 08.02.2001
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
tomalex

tomalex

04.06.2001 17:40

Hi Steffen, schöne Meinung... Abwechslungsreich und interessant geschrieben. Lässt sich gut lesen. Meine Freundin hat leider ein Problem damit, wenn ich Motorrad fahre - wegen der Familie und so. Allerdings bin ich lieber Yoghurtbecher gefahren. Meine FZR musste ich aus oben genannten Gründen leider verkaufen. :-( Hinzu kommt, dass zwei meiner Freunde im letzten Jahr schuldlos verunglückt sind. Zum Glück nur ein paar Brüche! Das spiegelt auch das wieder, was Du am Ende Deiner Meinung gesagt hast. Na ja, ab und zu darf ich mir ein Maschinchen vom Freund leihen... :-) Gruß tomalex

Chatritter

Chatritter

08.02.2001 13:43

Spitzenmeinung ... alle Achtung und Hut ... *ähm* ... Helm ab. Grüße vom Bodensee! Chatritter

chatgod

chatgod

08.02.2001 13:39

Hi StLeicht!! Wirklich eine TOP MEINUNG!! Einfach komplett mit allen wichtigen Fakten! Gut geschrieben und gut zu lesen!! Weiter so! Ich hoffe man liest sich auch in Zukunft! Ciao Chatgod

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