Tag der Forschung

4  27.11.2008

Pro:
breites Angebot, viel zu Sehen und Lernen

Kontra:
riesiger Campus, Ausschilderung

Empfehlenswert: Ja 

gerrhosaurus78

Über sich: Meine neue Wohnung ist zur Hälfte eingerichtet, auf dem neuen Bett schläft es sich gemütlich, und im...

Mitglied seit:31.12.2005

Erfahrungsberichte:249

Vertrauende:194

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 342 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Hallo, heute gibt es mal wieder einen Bericht von mir, diesmal aber mit einem Thema, über das ich nicht allzu oft schreibe. Im Prinzip geht es über ein Thema, das mehr oder weniger mit meinem Beruf zu tun hat. Der eine oder andere wird vielleicht mitgekriegt haben, dass ich Diplom-Biologin bin und dass ich an meiner Doktorarbeit sitze. Zu diesem Zweck bin ich an die Heinrich-Heine Universität Düsseldorf gegangen, dort dann an die Klinik für Hämatologie, Onkologie und klinische Immunologie. Und da darf ich dann den ganzen Tag über Forschen, wenn ich nicht gerade am Daten zusammenschreiben bin (man will ja auch Publikationen haben). Und ich bin beileibe nicht die einzige, die forscht. In der ganzen Universität wird geforscht, in allen möglichen Instituten.
Das ist zunächst sehr schön, aber für "normale" Menschen nicht unbedingt weiter spannend und interessant, weil für die meisten Menschen der Zugang dazu nicht vorhanden ist. In der Heinrich-Heine Universität hat es seit 1994 Tradition, dass die Universität ihre Pforten öffnet und Menschen jeden Alters zum

Tag der Forschung


einlädt, um zu zeigen, was denn überhaupt so passiert, woran die Forscher arbeiten. Um einfach eine Brücke zu interessierten Leuten zu schlagen und diese für die Forschung zu begeistern. Und damit vielleicht den einen oder anderen jungen Menschen dazu zu bewegen, zu studieren oder aber als Technischer Assistent an der Hochschule zu arbeiten.

Termin

Ich war dieses Jahr zum 3. Mal beim Tag der Forschung, und in den 3 Jahren fand er immer am 1. Sonntag im November statt, von 10 bis 18 Uhr. Und die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Datum beibehalten wird, ist doch recht groß.
Der Tag der Forschung beginnt in der Früh um 10 Uhr und endet abends um 18.00 Uhr. Und in der Zeit dazwischen kann man sich über verschiedenste Fachbereiche informieren, Vorträge anhören, an Aktionen zum Mitmachen teilhaben und die Universität sowie Klinik unsicher machen.


Was bekommt man angeboten?

Wie gesagt, man bekommt Einblicke in die verschiedensten Institute, die an der Heinrich-Heine Universität zu finden sind. Von der Medizin über die Mathematisch-Naturwisssenschaftliche Fakultät hin zu den Geisteswissenschaftlern weiter zu den Philosophen und den Juristen endet man bei den Wirtschaftswissenschaftlern. Und überall gibt es Institute, die meinen, dass sie ihren Fachbereich dem Publikum näher bringen müssen oder dürfen. Dies geschieht oft in Form von Vorträgen oder Ausstellungen, aber auch in Form von Demonstrationen und Aktionen zum Mitmachen und zwar für Jung und Alt. Auch die Universitäts- und Landesbibliothek präsentiert sich dort. Der Tag der Forschung steht unter einem bestimmten Motto - dieses Jahr war das "Wissen schafft Leben", das einfach einen Schwerpunkt liefert.
Verhungern muss man an dem Tag auch nicht - nicht nur fürs intellektuelle, sondern auch fürs leibliche

Bilder von Tag der Forschung
  • Tag der Forschung Seminarraum
  • Tag der Forschung Labor
  • Tag der Forschung Flur
Tag der Forschung Seminarraum
Hier haben mein Chef und ich unsere Vorträge gehalten
Wohl ist gesorgt, wenn man ein paar Euro Kleingeld einstecken hat, die Cafeterien haben extra am Sonntag geöffnet.


Tag der Forschung aus Sicht eines Beteiligten

So könnte man mal meine Erfahrungen aus Sicht eines Angestellten beschreiben, mein Chef ist begeistert davon, dass er eine Doktorandin hat, die er für solche Dinge auch ganz gerne mal einspannen kann. Meinen Kollegen geht es unter ihren Betreuern auch nicht anders, auch sie müssen ran und zeigen, womit wir uns so beschäftigen. Dafür bekommt man im Gegenzug Erfahrung im Präsentieren, hat auch was für sich, weil das braucht man ja immer wieder.
Angefangen habe ich vor gut 2 Jahren, an der Klinik zu arbeiten, schon ein paar Tage vor meinem ersten Arbeitstag hätte ich den ersten Vortrag halten können, wenn mein Chef dann nicht spontan entschieden hätte, ihn doch selber zu übernehmen, weil die einzigen 3 Gäste Patienten waren. Und wenn man noch so rein überhaupt nicht in einem Thema drinnen ist, ist das dann verdammt schwer, sich so mal eben locker hinzustellen und zu erzählen. Also gab es eine Lehrstunde für mich und das erste Aha-Erlebnis, was ich so alles zum Thema Chronische Myeloische Leukämie Lernen und Wissen kann. Nach 2 Jahren Auseinandersetzung mit der Literatur und praktischer Arbeit im Labor weiß ich - immer noch viel zu wenig, aber doch deutlich mehr als zu dem damaligen Zeitpunkt.

Im darauf folgenden Jahr durfte ich wieder ran, zu diesem Zeitpunkt hatte ich immerhin schon die ersten eigenen Daten, die ich dann zur Präsentation hergenommen habe - ein Kongressposter ist da sehr hilfreich gewesen - auch hier war die Beteiligung eher mau, wieder 3 Leute, einer davon ein ehemaliger Doktorand, der an der Klinik promoviert hat, und einmal eine Mutter mit Tochter, die am Überlegen war, Medizin zu studieren. Und die ich mit meinen Ausführungen wohl total erschlagen habe. Und was noch besser war, war die Tatsache, dass ich nicht nur meine eigene Präsentation abgeben musste, sondern auch noch wie meine Laborkollegen spontan 3 Tage vorher eingeteilt wurde, an dem Tag noch in 2 weiteren Sessions meine Kollegen zu unterstützen, hätten wir das etwas eher gesagt bekommen, hätten wir uns da auch entsprechend vorbereiten können, aber so zeigten wir, dass wir wahre Meister im improvisieren sind. ¾ von der ersten Session habe ich alleine gemacht, meine Kollegen haben sich erst mal elegant davon gemacht, bei der 2. Session habe ich den Spieß dann umgedreht, hatte ja an dem Tag genug erzählt gehabt.

Und dieses Jahr wurde ich wieder eingeteilt, und zwar durfte ich zur Routinediagnostik in den Labors etwas erzählen, wir haben das wieder auf die Leukämieart reduziert, mit der ich mich halbwegs auskenne und wo ich weiß, was wie gemacht wird. Der Besucherandrang war relativ hoch - 6 oder 7 Leute, so viele kamen zuvor noch nie zu mir und ich habe dann einen halbstündigen Vortrag gehalten. Und anschließend noch eine kleine Führung ins Routinelabor gemacht, um den Leuten zu zeigen, wo gearbeitet wird und was für Geräte zur Verfügung stehen. Es gab eine anregende Diskussion mit einem Teil der Besucher, diese waren wie fast nicht anders zu erwarten selber Patienten mit einer Krebserkrankung, die einfach mal wissen wollten, wie die Routine so ihre Arbeit macht bzw. sich darüber hinaus über die Ursachen von Erkrankungen erkundigen und fachsimpeln wollten. Schwierig nur, wenn man kein Arzt ist und sich nicht allzu gut mit allen Erkrankungen auskennt, zwar die Krankheitsbezeichnungen kennt, mit ein bisschen Glück auch, welche Medikamente in der Therapie eingesetzt werden, aber das alles eben nur sehr unzureichend. Ich bin eine Laborratte, die im Labor forscht, und kein Arzt, der sich tagtäglich mit den immer wiederkehrenden Krankheiten auseinander setzt.

Und im Anschluss an meine Session hatte mein Chef noch eine Session, in der er über Stammzelltransplantation erzählen musste - der Experte hierfür war erkrankt und mein Chef durfte einspringen. Im Anschluss an seinen Vortrag durfte ich dann noch einmal die Routinediagnostik vorstellen, der Professor und Klinikleiter hat wohlwollend zur Kenntnis genommen, dass ich da sehr aktiv war.
Zum Vortrag meines Chefs sind auch PetitSoleil und Nicki2003 erschienen, besser gesagt, ich musste sie suchen und abholen gehen, weil wir natürlich keine Ausschilderungen hingehängt haben, was unter Verbesserung für nächstes Jahr verbucht werden muss. Ich hoffe, dass mein Chef und ich ihnen ein bisschen unserer Arbeit näher bringen konnten.


Aus Sicht eines Besuchers

Aus dieser Perspektive muss ich auch einen Kommentar abgeben, denn in den ersten beiden Jahren habe ich die Gelegenheit genützt, auch andere Bereiche anzusehen, es blieb im Wesentlichen bei Medizin und Mathematik / Naturwissenschaft. In dem Zusammenhang bin ich im Botanischen Garten gelandet und habe mir mal den Blick ins Gewächshaus gegönnt. Ein durchaus lohnenswerter Besuch, wobei der Botanische Garten im Sommer noch mehr Spaß macht.
In der Biologie war es dann die Genetik, die ihren Reiz hatte - auch dort gab es nur die Drosophilas (Essigfliegen) zum Ansehen, vor allem die Augenfarbe und die Flügelform, die ja je nach Kreuzung der Tiere vererbt wird. Erinnerte mich so an ein Grundpraktikum Genetik während des Studiums - was anderes haben wir dort auch nicht gemacht. In der Genetik habe ich sogar eine Pflanze bekommen, die im Becher mit Nährmedium luftdicht verschlossen war und die tatsächlich auch ein Jahr überlebt hat.
Faszinierender fand ich da schon, wie man aus Erbsen nur mit Hilfe von Küchenequipment DNS (Desoxyribonukleinsäure), also den Baustein des Lebens, gewinnen kann. Ich habe mir das Protokoll geben lassen, aber es gab da grad kein Angebot, das nur mit mir durchzuführen und ewig warten wollte ich auch nicht.
Ich habe mir sogar Honig von einem Lehrstuhl gekauft, die Forschung mit Bienen betreiben, der Honig ist sehr gut gewesen.

Und was ich in den ersten beiden Jahren mit viel Spaß angesehen habe, ist die Physik- und Chemiewelt, die speziell für Kinder zugeschnitten war. Dort herrschte auch ein großer Andrang, gerade vom Nachwuchs, der in vielleicht 10-15 Jahren selber mal studieren wird, wer weiß das schon. Die Mathematik-Ralley war auch nicht verkehrt, so wurde ebenfalls den Kindern die Welt der Mathematik ein wenig näher gebracht. Was mir noch sehr gut gefallen hat, war das Quiz, bei dem es jeweils um logisches Denkvermögen ging, da habe ich auch mitgemacht, ein paar Antworten gewusst und sogar eine Kleinigkeit gewonnen.

Und ansonsten fand ich das eine sehr gute Idee, mal zu sehen, wer denn überhaupt so vertreten ist, was denn gemacht wird.


Kritikpunkte

Ein Kritikpunkt ist mit Sicherheit die mangelnde Ausschilderung, da möchte ich mich gar nicht ausschließen, es hat uns zwar jeder Interessierte gefunden, aber das war wohl auch teilweise ein wenig Kampf. Wobei meine Erfahrung gezeigt hat, dass man als Besucher selbst mit Beschilderungen noch gut suchen kann. Und wenn zu viel Beschilderung von den verschiedenen Instituten aufgehängt wird, man sich genauso wenig zu Recht findet. Da müsste man sich noch eine bessere Lösung einfallen lassen.
Ein weiterer Kritikpunkt ist in meinen Augen, dass doch einiges an Angeboten etwas gestrafft werden sollte und müsste. Gerade im Hinblick darauf, dass sich viele Leute möglichst viel informieren möchten und das möglichst vielfältig. Und wenn dann Vorträge zu lange dauern, man keine Chance hat, in der Zeit andere Dinge anzusehen.

Dies ist ohnehin ein Aspekt, der von Besuchern berücksichtigt werden sollte - wenn man sich entschließt, dass man zum Tag der Forschung gehen möchte, sollte man sich tunlichst im Vorfeld von der Universitätswebseite das Programm herunter laden und sich im Vorfeld informieren, was angeboten wird und danach sortieren, wohin man möchte. Das Angebot ist riesig und man bekommt allenfalls Ausschnitte daraus zu sehen. Zu bedenken ist auch, dass der Campus riesig ist, man also von den Biologen und Botanikern bis zu den Kliniken locker mal 1,5 bis 2 km unterwegs ist, je nachdem, wohin man möchte. Und man muss dann jeweils noch Suchen, wo der genaue Ort ist, rennt also den lieben langen Tag übern Campus, gut, das hält fit und das mache ich fast täglich, wenn ich meine Proben einsammle, aber das ist einfach Laufzeit, die mit einkalkuliert werden muss, wenn man sich seine Route zusammen steckt.

Und dann laufen oft genug auch interessante Dinge parallel, ich hätte mir gerne ein paar Dinge angesehen dieses Jahr, aber da ich praktisch 4 Stunden lang für die Klinik eingeteilt war, ging das schlecht. Noch nicht mal zu den Kollegen ins Labor in der Vorklinik habe ich es geschafft (1 km, 10 min zu Fuß, ok, wenn ich es eilig habe, in 5 Minuten). Dafür habe ich dann noch ein wenig Sightseeing für PetitSoleil und Nicki2003 gemacht, ihnen ein paar wenige Dinge gezeigt, bevor wir - halb verhungert und von Wissen (bzw. ich vom Vortragen erschlagen) den Tag im Scottis haben ausklingen lassen.

Fazit

Der Tag der Forschung ist eine prima Sache von der Universität, um dem Normalbürger Einblicke in die tägliche Arbeit des Forschers zu gewähren, zu zeigen, wo man steht, was gemacht wird, vielleicht auch, wohin die Reise gehen soll. Organisatorisch gibt es mit Sicherheit an der einen oder anderen Stelle Verbesserungsbedarf und ansonsten kann der Tag der Forschung sehr erschlagend sein, wenn man zu viel ansehen und mitnehmen möchte. Aber das ist Wissenschaft. Insgesamt vergebe ich für den Tag der Forschung 4 Sterne und eine klare Empfehlung, mal in die Universität zu gehen und zu sehen, was denn dort so getrieben wird.


Vielen Dank fürs Lesen, Bewerten und Kommentieren. Daniela

Ich schreibe für Ciao.de sowie Dooyoo.de als gerrhosaurus78 und für Yopi.de als gerrhosaurus1978


Diese Seite zu den Lesezeichen hinzufügen delicious.com www.mister-wong.de www.google.com

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
meinemiamaria

meinemiamaria

02.11.2011 11:08

Du kennst Dich mit Leukämie-Arten aus. Ich habe jetzt gehört daß ein 37 jähriger an einer AKUTEN Leukämie ganz schnell gestorben ist. Davon hatte ich bisher noch nie gehört. ----- Maria -----

miss_chocolate

miss_chocolate

08.10.2011 15:36

verdammt interessant!!

sussmannwerner

sussmannwerner

02.05.2011 13:55

sehr informativ lg

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 879 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (11%):
  1. Cara-Kyra
  2. 4fox
  3. daddyslittlegirl
und weiteren 34 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (89%):
  1. golden_rose
  2. schotterkoenig
  3. meinemiamaria
und weiteren 302 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.