... Wie Männer halt manchmal sind, nämlich neugierig, schaute ich in diesen Beutel hinein (natürlich wußte ich, daß es sich um Bücher handelt) und fand unter vielen anderen Werken eines namens "Taiga Blues". Dieses Buch zog mich sofort in seinen Bann, Beutel und Frau waren selbstverständlich nur ... Bericht lesen
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Erfahrungsbericht von Lupenglas über Taiga Blues / Ikonnikow, Alexander 31. Mai 2006
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
durchschnittlich
Unterhaltungswert:
durchschnittlich
Spannung:
durchschnittlich spannend
Humor:
ziemlich humorvoll
Aufmachung:
schön
Pro:
facettenreiche Kurzgeschichten, gebundene Ausgabe
Kontra:
nichts bekannt
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Herzlich willkommen, liebe an Literatur interessierte Leserinnen und Leser!
Meine Frau kam eines späten Abends von einer literarischen Lesung nach Hause, mit einem Beutel voller Bücher, die ihr von einer Freundin empfohlen worden waren. Wie Männer halt manchmal sind, nämlich neugierig, schaute ich in diesen Beutel hinein (natürlich wußte ich, daß es sich um Bücher handelt) und fand unter vielen anderen Werken eines namens "Taiga Blues". Dieses Buch zog mich sofort in seinen Bann, Beutel und Frau waren selbstverständlich nur für eine Weile vergessen, und ich begann sogleich zu lesen. Was euch dabei erwartet, erfahrt ihr also in Kürze:
Buch Autor Übersetzerin Inhalt Verlag ISBN, Preis Fazit
B U C H _____
Es handelt sich um ein sorgfältig gebundenes Buch mit einem wunderschönen Umschlag. Darauf ist die Abbildung "Eine Nacht am Fluß" von Annette Frick (1995) zu sehen. Sie zeigt einen lang ausgestreckten, auf dem Boden schlafenden jungen Mann, dessen Oberkörper von einem aufgespannten schwarzen Regenschirm beschattet wird. Der Boden ist mit Haufen von Blättern bedeckt, auf denen der Mann liegt; links daneben ist offener Erdboden mit verkohlten Baumstämmen, die noch rauchen, zu erkennen.
Ein hellblauer Schriftzug kündet vom Titel des Buches: TAIGA BLUES (auch am Buchrücken). Die Schriftzeichen haben eine unterschiedliche Schriftgröße. Der Autorenname auf der Vorderseite und Rezensionsauszüge von Klaus Bednarz und Wladimir Kaminer auf der Rückseite erscheinen in einem fahlen Gelb. Nahezu unbedeutend verläuft der Verlagsname in kleiner roter Schrift.
Das Buch, dessen Buchdeckeln unirot sind, liegt sehr leicht in der Hand, es ist schön und sorgsam verarbeitet und verfügt über ein hellblaues Inlet. Das Seitenpapier selbst ist schmutzigweiß. Verantwortlich für diese gesamtheitlich reizvolle Gestaltung sind für die Umschlagsgestaltung Ott + Stein in Berlin, die Umschlagreproduktion lag in den Händen des Mega-Satz-Service in Berlin, die Buchgestaltung bei sans serif, ebenfalls in Berlin, und der Satz bei Greiner & Reichel in Köln.
Gedruckt wurde es in Deutschland bei Clausen & Bosse in Leck, und erschienen ist es letztlich 2002 im Berliner Alexander Fest Verlag. Auf 174 Seiten lassen sich Alexander Ikonnikows Erzählungen verfolgen.
A U T O R _________
Alexander Ikonnikow ist ein russischer Schriftsteller. Nur durch Zufall und über mehrere Ecken wurde man im Ausland (in diesem Fall in Deutschland) auf ihn aufmerksam.
1974 wurde er in der russischen Provinzstadt Urzum, die an der Vjatka liegt, geboren. Urzum liegt ungefähr auf halber Strecke zwischen Moskau und dem Ural, dem natürlichen Grenzgebirge zwischen Europa und Asien. Nach einem abgeschlossenen Studium der Germanistik arbeitete er zunächst als Dorfschullehrer und Dolmetscher. Später zog er nach Kirow, der Provinzhauptstadt ca. 100 km nördlich von Urzum, wo er heute lebt.
Seine zahlreichen Werke sind bislang in Rußland nicht erschienen, weil seine Darstellung der dortigen Verhältnisse nicht mit der Sichtweise der verantwortlichen Verleger übereinstimmt. So war es für ihn ein Segen als er über mehrere deutsche Kontakte die Veröffentlichung seiner Erzählungen unter dem Titel "Taiga Blues" erreichte. Mittlerweile hat er seinen ersten Roman herausgebracht. Dieser erschien 2003 unter dem Titel "Liska und ihre Männer" (ISBN: 3-49803216-X) und wurde allseits vielbeachtet.
Ü B E R S E T Z E R I N __________________
Ikonnikows Erzählungen zu Taiga Blues tragen den russischen Originaltitel "Berichte aus der Schlammzeit". Diese mußten nun in die deutsche Sprache übersetzt werden und darum kümmerte sich Annelore Nitschke.
Annelore Nitschke lebt in Feldafing bei München und übersetzt(e) zahlreiche russische Texte in unsere Sprache. Unter den bislang übersetzten Autoren befinden sich Namen wie Boris Chasanow, Warlam Schalamow, Alexej Remisow, Nina Berberova, Valeria Narbikova, Alan Tschertschessow, Edward Radsinski und Wladimir Makanin.
In bezug auf "Taiga Blues" versteht sie es ausgezeichnet, den Text in seiner Aussagekraft und Stilistik zu belassen: knapp, einfühlend, komisch, verständlich, flüssig. Offenbar haben Ikonnikows Erzählungen unter ihrer Übersetzung nicht gelitten.
I N H A L T ________
Der Inhalt ist in sechs Kapitel aufgeteilt, die folgende Überschriften tragen:
- Von Rußland, dem großen - Nachbarn, Nachbarn - Moderne Zeiten - Ewiges Dorf - Geschichten vom Leben - Gott mit dir
Innerhalb dieser sechs Kapitel finden sich sechs bis acht Kurzgeschichten. Die kürzeste 'Es lebe Coca-Cola' von ihnen umfaßt gerade einmal 1 1/4 Seiten, die Längste 'Nachbarn' immerhin 15 3/4.
Von den insgesamt 44 Kurzgeschichten möchte ich nur ein paar besonders hervorheben, obwohl alle Geschichten absolut lesenswert sind.
"Das Bein" (ab Seite 9) berichtet von einem Unfall im Alkoholrausch. Die Melkerin Krotowa hackte ihrem Mann ein Bein ab. Der wurde sogleich ins Krankenhaus gebracht, sie und das abgetrennte Bein kamen auf das Revier. Dort wußten sich die Beamten allerdings nicht weiterzuhelfen. Nach erfolglosem Versuch, das Bein im Krankenhaus und anschließend im Leichenschauhaus (der Ehemann war noch nicht tot) abzuliefern, entschließen sich die Beamten zu einer makabren Lösung.
"Vorsicht, Wache!" (ab Seite 31) handelt von Gas- und Ölarbeitern, die nach monatelanger harter Arbeit in karger Landschaft ihren wohlverdienten mehrmonatigen Urlaub antreten wollen und am Ausgang des Fluhafens von einem Riesenaufgebot an Polizei / Miliz empfangen werden. Arkadi, der Protagonist, fühlt sich als ehrlich arbeitender Mensch gedemütigt und revanchiert sich daher auf seine (gewitzte) Weise.
"Das Exponat" (ab Seite 69) In einem verschlafenen Dorf sorgt selbst ein unbeabsichtigter Beinbruch für Furore. Aus lauter Langeweile versuchen die dort lebenden Menschen ihren Alltag etwas interessanter zu gestalten. Leider mangelt es an Möglichkeiten. Aber als Valentin aus der Stadt mit einem verdächtig großen Karton nach Hause zurückkehrt, schießen die Vermutungen ins Kraut. Dabei handelt es sich lediglich um eine importierte Waschmaschine für seine unzufriedene Frau. Doch Steckergröße und die in fremder Sprache (koreanisch!!!) verfaßte Gebrauchsanweisung sorgen für Verdruß. Ein Kumpel hilft, ein Elektriker sorgt für die benötigte Stromspannung und alles läuft?
"Monitoring" (ab Seite 73) Als langjähriger tätiger Leiter eines russischen Forstamtes wird Boris Gennadjewitsch eines Tages von einer Nachricht aus der städtischen Forstzentrale überrascht, die er begriffstechnisch nicht versteht. Er soll in Kürze in der Stadt sein Monitoring vorstellen. Zum Wort Monitoring hat er keinerlei Bezug, seinem Stellvertreter fallen auch nur seltsame Begriffe und Erklärungen ein: früherer Lehrergehilfe, Kriegsschiffklasse und Fernseher. Boris fürchtet nun um seine Entlassung, weil er bereits ein Jahr zuvor Mist gebaut hatte. Ein Leiter, der den Begriff nicht kennt, geschweige denn, dies im letzten Jahr auch gar nicht durchgeführt hat. In höchster Not setzt er sich an den Schreibtisch und schreibt und schreibt und schreibt bis in den frühen Morgen hinein. Wenn er nur gewußt hätte, was er da macht?
"Die neue Arbeit" (ab Seite 80) erzählt von einem überarbeiteten und unterbezahlten Arzt, der wegen seiner nörgelnden Frau seine geliebte Stellung aufgibt. Sie verlangt mehr Geld von ihm, damit sie sich bessere Kleider und den Kindern Obst kaufen kann. Er tut es, doch infolge seines Gewissens verliert er die neue, gut bezahlte Arbeit schnell wieder. Denn er rettet jemandem das Leben und verstößt dabei gegen drei Regeln. Der Barmann, dem er das jeweils erzählt, hat eine erfrischende Lösung des Problems parat.
"Liebe, Sex und Tod auf dem Lande" (ab Seite 99) handelt von einem jungen Mädchen und einem jungen Mann, die sich zunächst verliebte Blicke zuwerfen. Beide zeugen zusammen ein Mädchen namens Nina, er muß anschließend zum Militär, sie muß sich um das Kleine kümmern statt mit ihren Freundinnen in die Disco gehen zu können. Wie sieht es wohl 40 Jahre später aus?
"Das Geschenk" (ab Seite 131) Oleg Protorenko steckt in der Klemme. Der Journalist hat sich am Heiligabend auf dem Heimweg mit seinem Wagen festgefahren, weil er aus Zeitgründen eine unbekannte Abkürzung genommen hat. Als er in einem nahegelegenen kleinen Dorf um Hilfe bittet, wird er enttäuscht. Denn es gibt nur einen Postbeamten, einen 13jährigen Jungen und einen 73jährigen Dorfbürgermeister. Dort herrscht keine Hektik, niemand arbeitet, und es ist dunkel. Dafür gibt es viele Frauen und hübsche Mädchen.
"Die Legende vom Tod" (ab Seite 161) Durch eine Blinddarmentzündung kommt der junge Sascha in ein Krankenhaus. Während der Narkose lernt er die alte Frau Tod kennen, die ihm interessante Geschichten und intime Details erzählt. Als Sascha wieder aufwacht, erfährt er etwas Schreckliches, aber zugleich auch Komisches.
V E R L A G ________
Der kleine Berliner Alexander Fest Verlag wurde 1996 vom gleichnamigen Philosophen und Altphilologen Alexander Fest gegründet. Bereits sein Vater, Joachim C. Fest, war bekannt geworden als Historiker (Hitlerbiographie) und Mitherausgeber der FAZ.
So konnte er sich auf zahlreiche Kenntnisse und Kontakte stützen, um sein anspruchsvolles Verlagsprogramm umzusetzen. Seine Autoren lernte er nicht durch die Einsendung von Manuskripten oder auf Empfehlung von Verlagsagenten kennen, sondern wurde häufig durch dezidierte feuilletonistische Beiträge oder durch Veröffentlichungen in Zeitungen und Zeitschriften auf sie aufmerksam. Er zeigte eine ausgesprochen seltene Eigenschaft in dieser Branche: die persönliche Betreuung seiner Autoren.
In der Folge verlegte er mitunter auch Erzählungen, die bei anderen Verlagen auf nicht unerhebliche Probleme gestoßen waren. Sein Gespür ist äußerst feinsinnig gewesen. Wenn sich Alexander Fest derer annahm, dann ist das Buchprojekt zumeist ein Erfolg geworden. So auch Alexander Ikonnikow.
Trotz oder gerade wegen dieser Erfolge mußte Alexander Fest Anfang 2002 seine Türen schließen. Er löste kurzerhand den Verlag auf, nahm seine Mitarbeiter und viele seiner Autoren mit an seine neue Wirkungsstätte. Denn er wurde zum Geschäftsführer des renommierten Reinbeker Rowohlt-Verlages ernannt.
I S B N --- P R E I S ______________
3- 8286-0150-2
EUR 14,90
F A Z I T ______
Allein der Titel dieses Buches "Taiga Blues" deutet viele Dinge gleichzeitig an; zum einen wäre da die karge, abweisende, eintönige und zumeist kalte Landschaft zu nennen und zum anderen der langsame Rhythmus des Blues, der aber auch für eine Verstimmung sorgt. Denn er steht als amerikanische Musikerfindung für frischen Westwind, der in die Lethargie der Taiga hineinweht.
Aus diesem Widerspruch speisen sich Alexander Ikonnikows Erzählungen. Auf der einen Seite das alte und träge Mütterchen Rußland, auf der anderen Seite die Hektik und der Druck des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Unzulänglichkeit stößt auf Erneuerung, Hektik auf Gemütlichkeit, soziale Kälte auf menschliches Gewissen, Vodka auf Coca-Cola usw. usw.
Meine Erfahrungen mit Ikonnikows Erzählungen sind grundweg positiv. In einem schönen Buch befinden sich wunderschöne Geschichten, die allerdings nicht Klischees bedienen, sondern aus unterschiedlicher Perspektive die Wirklichkeit im nachkommunistischen Zeitalter der Jelzins und wahrscheinlich der Putins abzeichnen. Es ist absolut erschreckend, wie dominierend in der russischen Gesellschaft der Vodka-Konsum ist. Vodka ist allgegenwärtig. Kaum eine Geschichte kommt ohne ihn aus. Aber es dient in den Geschichten nicht als platte Entschuldigungen für Mißstände oder dergleichen, sondern als banale Zugehörigkeit zum Alltag. Ikonnikow versteht es ausgezeichnet, diese Zustände nicht in einem beklagenswerten oder gar anklagenden Stil zu äußern, sondern es als Beiläufigkeit, gepaart mit einem gewissen Esprit und Komik aussehen zu lassen. Sein Schreibstil ist klar und eindeutig, manchmal vorwitzig, geradezu keck. Die mündliche Rede benutzt er in seinen Geschichten häufig und gibt damit den Erzählungen sehr viel Authentizität.
Wer noch nie in Rußland gewesen ist, der lernt wahrscheinlich das Land allein nur durch dieses Buch besser kennen als durch eine zweiwöchige Reise.
Mit anderen Worten, dieses Buch ist sein Preis allemal wert; ich kann es unbedingt empfehlen.
Das war mein letzter Bericht für den Monat Mai; vielen Dank für das Lesen, Bewerten und / oder Kommentieren.
Pro: Satirisch, aber liebevoll, erzählt Ikonnikow vom Leben im heutigen Rußland Kontra: --
...wecken, selbst für die, die eine Mitschuld an der Misere tragen.
Ikonnikows Blick auf die Menschen ist liebevoll und das macht nicht nur die "Helden" seiner Geschichten sympathisch, sondern auch den Autor selbst. Die Fakten: Alexander Ikonnikow
Taiga Blues
174 Seiten
rororo
ISBN: 3-499-23450-5
7,90 Euro ...
Bericht lesen
Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Humor:
Aufmachung:
sehr hilfreich
03.03.2005
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