Talentierte Mr. Ripley, Der

Erfahrungsbericht über

Talentierte Mr. Ripley, Der

Gesamtbewertung (137): Gesamtbewertung Talentierte Mr. Ripley, Der

 

Alle Talentierte Mr. Ripley, Der Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


 


Die Krux mit Romanverfilmungen!

2  01.07.2004

Pro:
Darsteller, Bilder aus dem Italien der Fünfziger, Score,

Kontra:
ein brillantes Buch vermurkst, völlig unnötige Änderungen gegenüber dem Buch, verkorkstes Ende, Charaktere bleiben viel zu eindimensional, .  .  .  .  .

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

mehr


BillMaplewood

Über sich:

Mitglied seit:26.09.2001

Erfahrungsberichte:513

Vertrauende:79

Diesen Bericht teilen auf Google+
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 74 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Es ist eine Krux mit der Verfilmung berühmter Romane. Der Autor, der das Buch adaptieren soll und der Regisseur stehen immer wieder vor der gleichen Frage: Hält man sich sehr stark an die Vorlage und bekommt vielleicht den Vorwurf mangelnder Eigenständigkeit oder verfilmt man den ursprünglichen Roman sehr frei und sieht sich eventuell Vorwürfen mangelnder Werksgetreue der Anhänger des Romans ausgesetzt? Es gibt mittlerweile so viele Romanverfilmungen, dass es für beide Wege positive und negative Beispiele gibt. Anthony Minghella („Cold Mountain“, „Der englische Patient”), schon erfahren im Adaptieren und Verfilmen bekannter Romane, hat sich 1999 bei der Verfilmung von Patricia Highsmiths Roman „Der talentierte Mr. Ripley“ für die freie Variante entschieden. Es ist nicht die erste Verfilmung eines Ripley-Romans der berühmten Autorin, auch nicht die erste ihres bekanntesten Werkes, welches schon 1960 unter dem Titel „Plein Soleil“ mit Alain Delon in der Hauptrolle verfilmt wurde, doch es ist eine der schlechtesten. Minghella hat sich für die freie Verfilmung entschieden, sogar eine extrem freie Verfilmung. Von der brillanten Romanvorlage hat er nur noch die Grundidee, die Personennamen und viele Einzelszenen übrig gelassen, alles andere, vor allem auch die Beziehungen einiger Personen zueinander, hat er völlig verändert.

Doch für Nichtkenner der Romanvorlage oder der ersten Verfilmung erst kurz ein paar Worte zum Inhalt. Der eher mittellose, in New York lebende, Tom Ripley (Matt Damon) wird durch Zufall von dem reichen Herbert Greenleaf (James Rebhorn) für einen ehemaligen Mitschüler seines Sohnes gehalten. Da dieser seit einiger Zeit in Italien lebt und kein Interesse für das Unternehmen seines Vaters zeigt, bietet Mr. Greenleaf Tom nach Italien zu reisen und seinen Sohn zur Heimkehr überzeugen. Schon während der Seeüberfahrt nach Europa spielt Tom mit dem Gedanken wie es wäre selbst der Sohn von Mr. Greenleaf zu sein und gibt sich sogar beim Aussteigen aus dem Schiff gegenüber der hübschen Meredith Logue (Cate Blanchett) als Dickie Greenleaf aus.

In dem kleinen italienischen Örtchen Mongibello angekommen, studiert Tom erst einmal Dickie Greenleaf (Jude Law) und dessen Freundin Marge (Gwyneth Paltrow). Langsam schleicht er sich in ihr Vertrauen ein, wird ein enger

Bilder von Talentierte Mr. Ripley, Der
Talentierte Mr. Ripley, Der Bild 35353 tb
DVD-Cover
Freund der beiden. Immer mehr fasziniert ihn das leichte Leben von Dickie Greenleaf, bis es schließlich, nach einer Toten, nach einer Zurückweisung durch Dickie und nach dem Auftauchen von Dickies Freund Freddie (Philip Seymour Hoffman) zu einem Zwischenfall kommt. Bei einem Bootsausflug bringt Tom Dickie um und nimmt von nun an seine Rolle an. Er reist als Dicke durch Italien, genießt den neuen Status in der Gesellschaft und das Geld. Doch die zwei Identitäten bereiten auch Probleme, denn es gibt Leute, die kennen den echten Dickie Greenleaf, allen voran Marge und Freddie.


Minghella macht von Anfang an klar, dass er nicht vorhat, sich groß an die Romanvorlage zu halten. Das Zusammentreffen von Tom und Herbert Greenleaf findet ganz anders als im Roman statt. Bei der filmischen Umsetzung geschieht es mehr oder weniger aus heiterem Himmel, es ist kaum nachvollziehbar, warum der schwerreiche Greenleaf einem völlig unbekannten Menschen viel Geld gibt, um seinen Sohn wieder zu sehen. Die ganze Motivation und Verzweiflung des reichen Herbert Greenleaf und seiner Frau kommt im Gegensatz zur Romanvorlage fast gar nicht zum Tragen. Genauso wenig wie eine glaubhafte Motivation von Tom Ripley diese Reise anzutreten. Im Film entwickelt sich in Tom Ripley von Anfang an die Idee selbst einmal Dicke Greenleaf zu werden. Wenig glaubwürdig, wo er den jungen Mann, der ja völlig anders aussehen könnte, als er gar nicht kennt. Im Buch kennt Tom Dickie wirklich - Mr. Greenleaf unterliegt hier keinem Irrtum - trotzdem entwickelt sich der Gedanke Dickie Greenleaf zu werden, erst nach und nach bei Tom, der es zudem aufgrund einiger kleiner Betrügereien im Buch vorzieht aus New York zu verschwinden. Er entschließt sich zu dem unheilvollen Schritt Dickie zu töten, erst nachdem er dies als letzte Chance ansieht, das leichte Leben fortzuführen und Dickies Zurückweisung dazu kommt. Es geschieht insgesamt spontaner (auch wenn die Tat selbst im Film aus einer plötzlichen Situation heraus geschieht). Die Buchvorlage ist in all diesen Punkten viel stimmiger und glaubwürdiger als der Film, der immer wieder an unpassenden Stellen mit Lücken aufwartet.

Minghella scheint die wendungsreiche Kriminalgeschichte mit vielen psychologischen Elementen aus dem Original zudem nicht gereicht zu haben. Wo „Crime“ ist, gehört auch wenigstens etwas „Sex“ hin, scheint er sich gedacht zu werden. So wird - für die Handlung völlig unnötig - eine Liebesgeschichte zwischen Dickie und Marge eingebaut, die im Buch nur von Seiten Marges besteht (was zu einigen interessanten Wendungen und Verstrickungen führt, die im Film natürlich fehlen). Dazu betrügt Dickie Marge noch mit einer jungen Italienerin (Stefania Rocca), die nachdem sie schwanger wird, sich das Leben nimmt. Eine unnötige Randgeschichte, die Minghella nur dazu dient, durch andere Änderungen entstandene Glaubwürdigkeitslücken, notdürftig zu kaschieren.

Natürlich muss man einem Regisseur und Drehbuchautor zugestehen, ein noch so bekanntes Buch, frei zu verfilmen. Doch der Regisseur und Drehbuchautor muss sich auch den fehlenden Sinn seiner Änderungen vorwerfen lassen. Die Änderungen hier sind fast durchweg zum Nachteil der Geschichte. Sie nehmen der Geschichte ihre psychologische Tiefe, einige Konflikte wirken dadurch gekünstelt und die Figurenzeichnung fällt deutlich flacher aus, ist fast sogar lieblos. Einzig das Importieren einer zweiten Frau in die Geschichte sorgt für einige zusätzliche, spannende Elemente: Meredith Logue - ein vergleichbarer Charakter existiert in der Romanvorlage überhaupt nicht - verliebt sich in Tom, den sie für Dickie hält, und sorgt so dafür, dass Toms Identitätenwechsel ihn vor Probleme stellt, denn gegenüber ihr muss er als Dickie auftreten, während er gegenüber Marge und Freddie als Tom auftreten muss. Dazu kommt eine gelungene Szene, in welcher diesen Umstand für sich ausnutzt.

Positiv zugute halten muss man Minghella allerdings, dass er ein hervorragendes Bild des Italiens der fünfziger Jahre schafft. Für die Bilder des kleinen Städtchens Monghibello, von Rom oder von Venedig hat er das richtige Gespür. Untermalt von wunderbar passender, meistens sehr zurückhaltender Musik (von Klassik bis Jazz) ergeben sich zahlreiche - für sich gesehen - wunderbare Szenen. Dazu kommt eine Ansammlung großartiger Schauspieler, wobei vor allem Philip Seymour Hoffman überzeugen kann. Wie es der Film aber auf fünf Oscarnominierungen gebracht hat, ist nur schwer nachzuvollziehen. Die Nominierungen für den fabelhaften Score und das Set-Design ist ebenso wie die für die Kostüme noch nachvollziehen, auch Jude Laws Leistung ist stark (auch wenn P. Seymour Hoffman die Nominierung noch eher verdient gehabt hätte). Das Drehbuch kann wirklich nur wenig gute Einfälle vorweisen, im großen und ganzen wird aber eine hervorragende Geschichte durch zahlreiche Änderungen zu losem Flickwerk gemacht und bekommt vor allem gegen Ende immer mehr Probleme, die selbst unnötig geschaffenen Probleme und Lücken zu schließen. So betont Minghella auch völlig unnötig die homoerotischen Tendenzen des Tom Ripley, die sich auch im Buch - aber nur sehr zurückhaltend - zwischen den Zeilen finden. In Minghellas Film gipfelt das in einem völlig missratenen Ende. Zugute halten kann man Minghella nur noch, dass es sich bei Patricia Highsmiths Roman sicher um eines der schwerer zu adaptierenden Bücher handelt, fokussiert sich das Buch doch sehr auf die Gedankenwelt des smarten Betrügers Thomas Ripley.


Aber andere Regisseure haben es auch geschafft, ähnlich schwer zu verfilmende Bücher sowohl frei als auch werksgetreu hervorragend zu verfilmen. Minghella hat es nicht geschafft und deswegen kann an dieser Stelle auch der Film nicht weiterempfohlen werden. Stattdessen sollte man lieber zum Buch greifen, welches jetzt Dank der neuen Reihe „50 große Romane des 20. Jahrhunderts, ausgewählt von der Feuilletonredaktion der Süddeutschen Zeitung“ auch sehr günstig zu erwerben ist. Die einzelnen Romane dieser Reihe kosten nur 4,90 €.

D A T E N
°°°°°°°°°°°
Titel Deutschland: Der talentierte Mr. Ripley
Originaltitel: The Talented Mr. Ripley
Genre: Thriller / Drama
USA 1999, FSK 12, Laufzeit: 139 Minuten

Darsteller: Matt Damon (Tom Ripley), Gwyneth Paltrow (Marge Sherwood), Jude Law (Dickie Greenleaf), Cate Blanchett (Meredith Logue), Philip Seymour Hoffman (Freddie Miles), Jack Davenport (Peter Smith-Kingsley), James Rebhorn (Herbert Greenleaf), Sergio Rubini (Inspector Roverini), Philip Baker Hall (Alvin MacCarron)

Regie: Anthony Minghella
Produktion: Sydney Pollack, William Horberg, Tom Sternberg
Drehbuch: Anthony Minghella nach dem gleichnamigen Roman von Patricia Highsmith
Kamera: John Seale
Musik: Gabriel Yared
Schnitt: Walter Murch

W E I T E R F Ü H R E N D E * I N F O R M A T I O N E N
°°°°°°°°°°°°
Internet Movie Database: http://german.imdb.com/title/tt0134119/

Online Filmdatenbank: http://www.ofdb.de/view.php?page=film&fid=3811

© Björn Becher 2004
Diesen Bericht teilen auf Google+
Sponsoren-Links
Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
colonski

colonski

31.03.2006 16:49

So sollten CIAO-Berichte sein: Kritisch, distanziert, aber dennoch mit persönlicher Note und allen nötigen Hintergrundinformationen. Danke für diesen sehr guten Bericht. Ich hole mir den Film trotzdem auf DVD, weil ich das Buch nahezu verschlungen habe. Gruß colonski

ronny777

ronny777

12.11.2004 21:21

Sehr guter Bericht-ich wußte gar nicht, daß das Buch so stark von Flim abweicht!

Flavius

Flavius

06.07.2004 15:13

Schade, dass dir der Film nicht gefällt. Mir hat er ganz ausgezeichnet gefallen, grandiose Bilder, eine spannede und emotional bewegende Geschcihte, akzeptable (Damon) bis sehr gute Schauspieler (der Rest) und ein hochgradig interessantes Psychogramm einer faszinierenden Titelfigur hätten mich bewogen, diesem Film 5 Sterne zu geben. Gruß Flavius

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Verwandte Angebote
Der talentierte Mr. Ripley, Patricia Highsmith Der talentierte Mr. Ripley, Patricia Highsmith Diogenes Der talentierte Mr. Ripley
Der talentierte Mr.​ Ripley, Patricia Highsmith Der talentierte Mr.​ Ripley, Patricia Highsmith Diogenes Der talentierte Mr.​ Ripley
Weltbild Weltbild buecher.de
€ 24,95 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 11,90 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 21,90 *

Händler kann Preis
erhöht haben

Versandkosten: 0.​00
mehr
Versandkosten: 0.​00
mehr
Versandkosten: 0
mehr
 zum Shop  zum Shop  zum Shop
Weltbild Weltbild buecher.​de
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 1163 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (5%):
  1. colonski
  2. ronny777
  3. hlydnc
und einem weiteren Mitglied

"sehr hilfreich" von (95%):
  1. Sven792
  2. tinavfl
  3. Schkaterle
und weiteren 67 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.
Verwandte Tags für Talentierte Mr. Ripley, Der