Europa hat uns aufgegeben,
07.04.2003
Pro:
Interessant, spannend, kritisch
Kontra:
Preis, teilweise bekannt
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Vanessa.Kensington
Über sich:
Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins Jahr 2005.
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ehe wir überhaupt angekommen sind, dachte sie. Das darf ich nie vergessen, wie auch immer es mir in Zukunft ergehen wird. (Seite 7) Wer in den letzten Wochen an einem Buchladen vorbei kam, oder auch die amazon- Werbung hier bei Ciao verfolgt hat, der wird fast zwangsläufig auf Henning Mankells neuestes Werk "Tea-Bag" gestoßen sein.Das Buch ist weder den Wallander-Krimis noch der Reihe der Afrika-Romane zuzuordnen. Mankell, der selber abwechselnd in Schweden und in Afrika lebt und als Regisseur von Theaterstücken und Schriftsteller mittlerweile schon sehr erfolgreich ist, widmet sich in "Tea-Bag" den Geschichten von Einwanderern. ***Inhalt*** Jesper Humlin verfasst Gedichtbände, die sich mehr oder weniger gut verkaufen. Das heißt sie bleiben - bei einer Auflage von ca. 1.100 Bänden - unter den eigentlichen Erwartungen zurück. Andrea, seine Freundin, arbeitet als Krankenschwester und möchte nun endlich Kinder von ihm haben. Wenn Jesper ihr ausweichend oder gar ablehnend entgegen tritt, dann droht sie ein um das andere Mal eine Geschichte über sie und Jesper zu veröffentlichen. Der Verlag, bei dem Jesper Humlin veröffentlicht ist mittlerweile in den Händen einer Ölfirma, die fordert, dass nur noch Bücher aufgelegt werden, die sich in einer Auflage von mindestens 50.000 Büchern verkaufen. Jespers Lyrik verkauft sich nicht so gut. Daher fordert sein Verlege, Verleger Olof Lundin, ihn auf., einen Kriminalroman zu veröffentlichen. Einen Kriminalroman - alles will Jesper Humlin veröffentlichen, aber doch keinen Kriminalroman. Allerdings scheint ganz Schweden dem Krimi-Wahn erlegen. Nachdem schon sein ärgster Konkurrent einen Krimi angekündigt hatte, drohen nun auch noch sein Finanzberater und seine Mutter - immerhin fast 90 Jahre alt - mit einem Krimi. Bei einer Dichterlesung in Göteborg tritt das erste Mal das Flüchtlingsmädchen Tea-Bag in das Leben des Jesper Humlin. Bei einer zweiten Dichterlesung, ebenfalls in Göteborg, taucht sie erneut auf. Als Humlin auf der anschließenden Party im nahe gelegenen Boxclub von Pelle Törnborg das Versprechen gibt, Leyla, einer iranischen, Unterricht im Schreiben zu geben, willigt er ein, weil er glaubt ein gutes Buch über Flüchtlinge schreiben zu können. Doch auf das was dann geschieht ist er nicht vorbereitet. Bei seinem Schriftstellerkurs sind nicht nur einige Mädchen mehr, als er angenommen hatte, jedes Mädchen hatte noch seine Familie mitgebracht - um die eigene Ehre zu überwachen. Als er im Hinausgehen ein Mädchen an der Wange berührt, findet sich Jesper nach längerer Ohnmacht im Krankenhaus wieder. Ein kulturelles Missverständnis war der Auslöser, was Humlin als eine harmlose Geste betrachtete war für den Vater des Mädchens ein fast schon ehrloses Verhalten. Mittlerweile hatte Pelle Törnborg ihm jedoch erläutert, dass nichts schlimmes passiert sei, so dass der Vater mit samt seiner Familie zerknirscht auf dem Flur wartet, um Humlin einen Rugby Ball zu schenken. Jesper Humlin weigert sich einen weiteren Kurs zu geben - bis, ja bis er in der Zeitung seine guten Kritiken für die Aktion liest. Als dann auch noch Tea-Bag vor seiner Wohnungstür steht, will er erfahren, was ihre Geschichte ist. Langsam beginnt Jesper zu verstehen, dass er hier auf eine völlig andere Kultur und Denkweise gestoßen ist. Nach und nach wird Jesper Humlin mehr und mehr in die Geschichten von Leyla, Tea-Bag und der russischen Einwanderin Tanja hineingezogen. Langsam beginnen sie von sich zu erzählen.***Bewertung/Kritik*** Nachdem Mankell bereits in seinen Wallander-Krimis, Kritik an der Asylpolitik geäußert hatte, macht der die Geschichten der legalen und illegalen Einwanderer zum Hauptthema seines neuesten Romans "Tea-Bag". Nein, es ist keine langweilige Dokumentation, aber auch keine fiktive Geschichte. Durch die Rahmenhandlung, um den Dichter Humlin, der sich nie zuvor auch nur einen Gedanken um Flüchtlinge und Ausländer gemacht hat, wird der Leser zu den Flüchtlingsgeschichten hingeführt. Hierdurch werden die Welt des snobistischen Humlin, der sich bisher mehr um seine Sonnenbräune und seinen Ruhm sorgte und dessen größtes Problem es war, dass er einen Kriminalroman schreiben soll und die Welt der Flüchtlingsmädchen miteinander verbunden.Wir erfahren Stück für Stück, was Tea-Bag und Tanja dazu bewogen hat ihr Land zu verlassen. Warum Tea-Bag sich einmal Tea-Bag, dann aber wieder Florence nennt. Und Tanja immer wieder als Natalia auftritt. Wir erfahren, welche Not sie dazu treibt Handys zu klauen und in fremden Wohnungen zu Wohnen. Die Beschreibungen Mankells werden auf eine spannende, witzige, authentische, aber auch ernste Art und Weise Erzählt, so dass der Leser wissen will wie es weiter und aus geht.Am Ende schließlich, als ich als Leserin die Geschichten der Mädchen endlich kannte, war ich enttäuscht. Die Geschichten waren genau, wie ich mir das Schicksal eines iranischen, afrikanischen oder russischen Flüchtlingsmädchen vorgestellt hatte. Keine Überraschungen. Keine abweichende Geschichte, kein Happy End. Aber kann ich das als Leser erwarten? Kann ich erwarten, dass Humlin am Ende von einer egozentrischen Art abweicht und einfühlsam mit den Flüchtlingsmädchen umgeht? Sich mehr um andere als um sich kümmert? Kann ich erwarten, dass die Flüchtlingsmädchen ein unglaubliches Abenteuer hinter sich haben?Nein, dass kann ich nicht. Mankell will mit diesem Roman keine glückliche Scheinwelt aufbauen, er will die schwedische Gesellschaft karikieren. Er will die Geschichte der Flüchtlingsmädchen aufzeigen und diese Geschichten ähneln sich auch im wahren Leben immer ein wenig. Leider ist es nun einmal so, dass Menschen aus Afrika fliehen müssen, um ihr Leben zu retten. Mädchen aus dem Iran haben aufgrund ihres kulturellen Hintergrundes ein anderes Leben, als Mädchen in Deutschland oder Schweden. Und auch russischen Mädchen ergeht es oft anders als deutschen oder schwedischen. In der Rahmenhandlung viel mir vor allem auf, dass Jesper Humlin, als er sich zu einem Buch über die Flüchtlingsmädchen entschied, auf Gegenwehr von allen Seiten stieß. Da auch Mankell zunächst seine Krimis und nun Tea-Bag veröffentlichte. Eine Parallele, die mich immer wieder zu der Frage anregte, ob vielleicht ein bisschen Mankell in Humlin steckt. ***Der Autor*** Henning Mankell, der im Jahre 1948 in Stockholm geboren wurde, ist der meistgelesene schwedische Autor. Heute lebt er als Autor und Theaterregisseur abwechselnd in Maputo (Mosambik) und Schweden. Er selbst sieht sich als Gesellschaftskritiker. Bereits in den 70er Jahren veröffentlichte er seine ersten Werke, die sich vor allem mit der Arbeiterbewegung und dem Zu seinen populärsten Werken gehören die Krimis aus der Reihe um den Kommissar Wallander. Im Zsolnay-Verlag sind die sogenannten Afrika-Romane des Autors erschienen: Der Chronist der Winde (2000) und Die rote Antilope (2001). ***Leseprobe*** Keiner der anderen fragte Tea-Bag etwas. Warum waren weder Tanja noch Leyla interessiert? Hatten sie die Geschichte schon vorher von ihr gehört? Oder war sie aus Teilen zusammengesetzt, zu denen alle drei mit ihren Erfahrungen beigetragen hatten? Er wusste es nicht. Tanja hatte die ganze Zeit am Herd gestanden und in einem Topf gerührt. Als Jesper Humlin aufstand, um sich ein Glas Wasser zu holen, entdeckte er zu seiner Verblüffung, dass der Topf leer war und die Platte kalt. Leyla saß da und hielt ihre Armbanduhr in der Hand, als habe sie bei Tea-Bags Erzählung die Zeit gestoppt. Kapitel 17, Seite 325*** Bibliographie *** Titel: Tea-Bag Originaltitel: Tea-Bag Übersetzung: Verena Reichel Verlag: Zsolnay Seitenzahl: 384 Erschienen: 2001 (deutsche Ausgabe 2003) ISBN: 355 205 220 8 Preis: 24,90 Euro (gebundene Ausgabe)***Fazit*** „Tea-Bag“ ist eine neue und gelungene Erzählung von Henning Mankell, die sicherlich für die Unterhaltung des Lesers sorgt. Leider ist der Roman zur Zeit nur als gebundenes Buch erhältlich und den Preis von 24,50 Euro finde ich ziemlich teuer für ein Buch, dass ich zumindest innerhalb von einer Woche gut lesen konnte. Ich denke, dass es eine lohnenswerte Anschaffung ist – zumindest für eine Stadtbibliothek. Allen anderen empfehle ich bis zum Taschenbuch zu warten oder in der örtliche Bibliothek zuzuschlagen. Aufgrund des Preises gibt es von mir auch nur 4 statt 5 Sterne. Dieser Bericht entstand im Rahmen der Aktion „Bücherfrühling – Feed your head“ – ins Leben gerufen von Espionne und BlankAttack.
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16.02.2004 12:29
Guter Bericht! Die Idee mit der Leseprobe fand ich besonders gut gewählt. Gruß Katja
29.04.2003 12:12
toller Bericht. Ich muss das Buch unbedingt mal lesen, damit ich die Mankell-Reihe vollständig gelesen habe. Aber wie ich ja auch immer schreibe, ich teile mir die Bücher ein, damit ich das Vergnügen nicht allzu schnell los bin :-) Hast du schon die rote Antilope gelesen= Das interessiert mich auch, aber ich finde das TB einfach zu teuer :-(
09.04.2003 21:40
Danke für den vortrefflichen Bericht. Bin schon gespannt auf das Buch - im Taschenbuchformat.