Vom Lyriker, der keine Krimis schreiben wollte
04.05.2003
Pro:
endlich nimmt sich jemand des Themas "Illegale Flüchtlinge" an
Kontra:
hölzerner Stil, viele Wiederholungen, er vertraut der eigenen Story nicht
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 Die_Buchhaendlerin
Über sich:
"Der Umgang mit Büchern führt zum Wahnsinn" Zitat von Erasmus von Rotterdam...
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Jetzt aber mal wieder ein Beitrag zum Bücherfrühling! Mittlerweile dürfte es sich herumgesprochen haben, dass der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell nicht nur Krimis schreibt, auch sein großes Interesse an Menschen aus anderen Kulturkreisen dürfte zumindest den Lesern seiner Afrikaromane „Chronist der Winde“ und „Die rote Antilope“ bekannt sein. Sein neuestes Buch „Tea-bag“ ist, auch wenn das Gesicht einer wunderschönen schwarzen Frau den Umschlag ziert, kein weiterer Afrikaroman. Vielmehr geht es um das Schicksal illegaler Einwanderer.Über den Autor: Auch wenn ich sicher nicht mehr viel über ihn sagen muss, gebe ich der Ordnung halber kurz die wichtigsten Daten an: Mankell wurde 1948 in Schweden geboren, er lebt abwechselnd in Schweden und in Mosambik. Neben der Schriftstellerei ist Theater seine zweite große Leidenschaft, er arbeitet in Maputo auch als Theaterregisseur. In Deutschland wurde er anfangs durch viele gute mit diversen Preisen ausgezeichneten Jugendbücher bekannt, den durchschlagenden Erfolg erreichte er allerdings erst mit seinen Kriminalromanen rund um Kommissar Wallander. Persönlicher Einschub: Bisher habe ich mich immer auf jedes neue Buch von Henning Mankell gefreut und ich wurde nie richtig enttäuscht. Selten war ich jedoch so gespannt wie auf dieses. Das liegt sicher daran, dass ich während meiner politisch aktiven Zeit in einer Gruppe die sich für Immigranten und Flüchtlinge einsetzte, tätig war. Mein wichtigstes Anliegen dort, das ich durch Teilnahme an Seminaren und –natürlich – durch das Lesen von Büchern, die sich mit der Materie beschäftigten, aber auch durch eigene Referate und Flugblätter, durchzusetzen versuchte habe (im Endeffekt ergebnislos), war genau dieses Thema: Die Illegalen, die Sans-Papiers, die Flüchtlinge, die sich versteckt, ohne Papiere und Aufenthaltsgenehmigungen in Europa aufhalten. Und nun kommt einer der richtig wichtigen, einer der auflagenstärksten Schriftsteller Europas daher und schreibt genau über dieses Thema, über das man hierzulande (in Schweden bestimmt auch nicht) sicher noch sehr wenig gelesen hat.Einfach dafür möchte ich Henning Mankell meinen Dank und meinen Respekt aussprechen. Unabhängig davon, wie ich dieses Buch nun besprechen werde, freut es mich ungemein, dass er seine große Popularität dazu nützt, auf diese im Schatten lebende Menschengruppe aufmerksam macht. Zum Inhalt:Jesper Humlin ist ein anerkannter und erfolgreicher Lyriker, nun ja, was man halt bei einem Lyriker erfolgreich nennen kann. Gedichtbände verkaufen sich nun mal nicht so gut wie Romane und schon gar nicht wie etwa Kriminalromane. Sein Verleger übt immer stärkeren Druck auf ihn aus, doch endlich mal etwas Erfolg versprechenderes als Gedichte zu schreiben, am besten wirklich einen ordentlichen Krimi. Dieser weigert sich zwar vehement, aber seinen Verleger ficht das nicht an, er kündigt einfach schon mal einen Krimi aus Humlins Feder an. Überhaupt sieht es zur Zeit mau aus für den Lyriker: seine Freundin möchte unbedingt ein Kind von ihm und zwar schnell, auch sie setzt ihn massiv unter Druck, seine Aktien, die er alle im Neuen Markt investiert hatte, sind total im Keller, seine uralte Mutter nervt ihn mit nächtlichen Essenseinladungen und noch mehr mit ihrem höchst unmoralischen Nebengewerbe. Über allem steht jedoch seine tief sitzende Angst, im Grunde genommen kein wirklich guter Schriftsteller zu sein. Er fürchtet sich permanent davor, dass andere Menschen aus seinem Umkreis demnächst Bücher herausbringen, die besser werden als es seine je waren. Jesper Humlin wird als eine sehr unsichere, dabei aber höchst eitle, arrogante, egoistische und oberflächliche Person gezeigt. Als er durch einen Zufall auf Tea-bag, eine junge afrikanische Frau trifft, zeichnet sich eine Wende in seinem Leben ab. Ein alter Freund, Leiter eines Boxclubs in einem trostlosen Vorort, einem Viertel, in dem fast ausschließlich Immigranten wohnen, bittet ihn, vor „seinen Leuten“ einmal eine Lesung abzuhalten. Aus dieser ungewöhnlichen Lesung resultiert ein Kurs, um den ihn einige junge Immigrantenmädchen bitten. Sie möchten schreiben lernen und er soll es ihnen beibringen. Mehr gezwungen als freiwillig stimmt er zu und kommt auf diese Weise in Kontakt mit Leyla, einer übergewichtigen Iranerin, mit Tanja, einer russischen Taschendiebin und wieder mit Tea-bag, die aber vielleicht auch Florence heißt.Den weiteren Handlungsablauf könnte ich sehr verkürzt als ein langsames Herantasten von Jesper Humlin an die Geschichten dieser Mädchen beziehungsweise der Mädchen an ihn beschreiben. Natürlich sind die Flüchtlinge scheu und haben wenig Vertrauen; selbstverständlich gäbe es auch durchaus vertrauenswürdigere Personen als ausgerechnet Jesper Humlin. Dennoch erzählen sie ihm – und dadurch uns – langsam, in Etappen und mit vielen Verzögerungen ihre Geschichten. Die Flucht im Schiff, bei dem fast alle anderen Flüchtlinge ertrunken sind, die Ankunft in einem Flüchtlingslager in Spanien, die schier unerträgliche Zeit dort, die Hoffnung auf Schweden, die Enttäuschungen und persönlichen Ängste von Tea – bag werden ebenso aufgerollt wie das Leben der schweigsamen und geheimnisvollen Tanja. Leyla möchte schreiben lernen um erfolgreiche Soaps zu veröffentlichen, doch letztendlich ist sie es, die nicht für sich allein, sondern für eine andere Person ihre Stimme erheben möchte. Was mit diesen Geschichten nun eigentlich passieren soll, ob der Schreibkurs den Mädchen selbst zu einer eigenen Stimme verhelfen wird, ob Jesper Humlin einfach Material für ein eigenes Buch sammelt, oder ob er diesen Kurs nur abhält, um als Menschenfreund zu gelten, ist lange nicht klar. Weder uns als Lesern noch scheint es dem unentschlossenen Humlin selbst ganz bewusst zu sein. Als er sich endlich zu einer eigenen Entscheidung (überraschend, irgendwie logisch und dennoch ziemlich dumm) durchringt, endet alles, was langsam an Beziehung und Vertrauen aufgebaut wurde, in einem rechten Desaster. Ironischerweise vermasselt er alles genau in dem Moment, als er erstmals wirklich nicht an sich selbst, sondern an das Wohl der Mädchen dachte. Wie und warum und was dann noch geschieht, das mögt ihr bitte selbst nachlesen.Zum Stil: Leider ist der Stil recht enttäuschend. Die Sprache Mankells ist hier sehr einfach, um nicht zu sagen, völlig kunstlos. Ich erwarte auch von ihm keine tollen literarischen Stilelemente oder eine hinreißende Sprache. Nein, er ist weder Philip Roth noch Lobo Antunes und auch kein Saramago oder Thomas Mann. Dennoch: wenn man auf zwei Seiten hintereinander zwei – dreimal dem gleichen Bild begegnet, wenn sich Metaphern, die er für gelungen hält (es manchmal auch sind) so gut findet, dass er sie alle naslang wiederholt, dann fällt mir das negativ auf. Man kann nicht kurz hintereinander die Ausdrücke „ auch Lebendige könne tot sein“ und dann „ nicht alles was lebt ist wirklich lebendig“ und dann noch mal „ man muss nicht tot sein, um nicht mehr zu leben“ verwenden, ohne ein bisschen lächerlich zu wirken. (ich habe nicht wörtlich zitiert, weil ich die Stelle nicht mehr finde, sondern aus dem Gedächtnis). Auch stören mich nachgestellte halbe Sätze, die nur um des Effekts willen, in einen falschen Satzzusammenhang gebracht werden. Darüberhinaus wirken einige seiner Dialoge (und Dialoge gibt es viele in diesem Buch) regelrecht hölzern, konstruiert und holprig.Meine Meinung: Vielleicht habe ich gerade bei diesem Buch meine Ansprüche zu hoch angesetzt. Ich hätte mich wahnsinnig gefreut, wenn Mankell ein Meisterwerk zu diesem Thema gelungen wäre. Ich hätte es ihm gegönnt, denn mir ist im Laufe der Zeit schon klar geworden, dass es nicht die Krimis sind, die ihm am meisten am Herzen liegen, sondern seine anderen Bücher. Und ich hätte es vor allem denen gegönnt, die sonst nie eine Sprache besitzen, da sie nicht reden dürfen, da sie versteckt sind, da sie kriminalisiert werden, da sie im Untergrund leben, da sie ausgenutzt werden, da sie im Schatten stehen ohne etwas anderes falsch gemacht zu haben, als im falschen Land zur falschen Zeit geboren zu sein. Leider ist es Mankell nicht gelungen, dieses Meisterwerk. Ob sein Stil nun wirklich schlechter ist als in den Krimis (meine Kollegin meint, auch in den Wallanderromanen glänze er nicht wirklich durch eine schöne Sprache, aber da fiele es wegen der spannenden Handlung nicht so auf) oder ob es mir nur diesmal stärker auffiel, wer weiß…Leider ist es aber nicht nur der Stil, der schlechter ist, sondern auch die Story ist nicht so wirklich vom Hocker reißend. Die Geschichten der Mädchen sind eigentlich interessant und aufwühlend genug (wenn auch nicht sehr überraschend und auch mit Klischees durchtränkt), der Autor hätte sich mehr auf sie konzentrieren können und nicht so viele langweilige Ablenkungsmanöver (Humlins doofer Broker etwa, oder die Eskapaden seiner Mutter) hineinbringen. Auch der Running- gag mit den vielen Möchtegern – Krimischreibern war anfangs zwar lustig, aber Mankell reitet viel zu viel darauf herum. Fazit: Nein, das ist kein böser Verriss, auch wenn es sich manchmal so anhören mag. Um bei der hier üblichen Bewertung zu bleiben: Anliegen: 5 Sterne, Inhalt: 4 Sterne Stil: 2-3 SterneIch wünsche dem Buch trotz seiner Mängel viele Leser und empfehle es hiermit zum Lesen und besonders zum Drüber Nachdenken weiter!
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25.01.2004 17:17
Hallo! Die Krimis vom Mankell lese ich lieber, sind spannender. Für das Buch "Der chronist der Winde" habe ich eine Woche gebraucht. Danke für den Tipp! Gruß, irafrieden.
23.07.2003 18:11
oh schade, nach dem Chronist der Winde bin ich eigentlich sehr gespannt auf die Nicht-Krimis von Mankell. Das mit den Metaphern habe ich gestern schonmal in einem Bericht gelesen (über "vor dem Frost"), das war dann wahrscheinlich deiner, nicht wahr? Dass Mankell sehr einfach schreibt, fällt ja in den Wallanderromanen schon auf, da stört mich das aber auch gar nicht so sehr, weil sich die kurzen Sätze sehr leicht und schnell lesen lassen und ich schneller das Ende erfahre. Aber in einem "Nicht-Krimi".... da könnte man mehr erwarten, schon richtig. Trotzdem werde ich mir das Buch mal zulegen, wenn es endlich billiger zu kriegen ist.
23.05.2003 14:45
Immerhin hast du vier Sterne vergeben. Ich habe bisher nur einen Krimi von Mankell gelesen. Spannend bis zum Schluss. Also bleibe ich bei den Krimis. Dein Bericht sagt vieles über dich, deshalb finde ich ihn auch gut. Ciao, Bernd