Politik & Wirtschaft auf 120 Seiten (Update)
12.05.2001 (28.01.2004)
Pro:
Objektiv, Seriös, Kompetent, Anspruchsvoll
Kontra:
keine
Empfehlenswert:
Ja
 somejustsurf
Über sich:
Mitglied seit:10.10.2000
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“Schon wieder so eine Wirtschaftszeitung!” Das war der Kommentar eines Freundes (Amerikanistikstudent) als er den Economist bei mir auf dem Schreibtisch sah. Wahrscheinlich ist genau das, was die meisten von der englischen Zeitung halten – zu Unrecht. Als er nämlich für eine Seminararbeit einen Artikel zur Drogenproblematik in Lateinamerika suchte, gab’ ich ihm einen Economistartikel, der sein Thema auf den Punkt brachte. Er hat seitdem seine Meinung revidiert und liest die Zeitung (der Economist weigert sich Zeitschrift zu nennen, weil sie behaupten so Zeitnah zu arbeiten, dass „Zeitschrift“ als Beschreibung ungeeignet ist) regelmäßig. Selber habe ich die Zeitung seit 1995 im Abo. >>Wichtiges Vorab
„The Economist“ wurde 1843 in London zum ersten mal gedruckt mit dem Ziel „in einem Wettbewerb zwischen der forschenden Intelligenz und der scheuen, bremsenden Ignoranz, die den Fortschritt verhindert, teilzunehmen“. Herausgeber ist der Economist Verlag, der mehrheitlich zur Pearson Gruppe gehört. Zur Pearson Gruppe gehören auch u.a. die Financial Times. Die Zeitung ist nach wie vor Englisch und kommt wöchentlich auf den Markt (zum Jahresende gibt es eine Weihnachtsausgabe die sich über zwei Wochen erstreckt). Am Kiosk ist sie Freitags zu kaufen, Abonnenten erhalten sie zwischen Freitags und Montags, je nach geographischer Nähe zu einem großen Verteilerzentrum. „The Economist“ ist ab Donnerstag Abends auch im Internet zu lesen, die Vollversion für Abonnenten, die Light-Version (nur ausgewählte Artikel) für Gäste.
>>Kosten Die Einzelausgabe kostet am deutschen Kiosk 8DM, im Einjahresabo 316DM (ca. 6DM/Ausgabe), im Studentenabo ca. 150DM. Das Abo kann direkt beim Economist per Post/Fax/Internet bestellt werden. Studenten erhalten ihn am leichtesten über die Studentenpresse oder über das Internet. --ZUSATZ APRIL 2002 – Von der Studentenpresse kann ich allerdings nur abraten. Sie haben trotz Verlängerung meinerseits das Abo einen Monat ausgesetzt und weigern sich hartknäckig die fehlenden Ausgaben zuzuschicken, obwohl sie ihren Fehler inzwischen eingesehen haben. Also: Lieber direkt beim Economist bestellen!
>>Aufbau Die Zeitung ist in folgende Hauptteile gegliedert: Leaders (Europe; Europe; Britain; Middle East and Africa; United States; The Americas; Asia, auch Ozeanien; Business; Finance and Economics; Science and Technology; Books and Arts. Außerdem gibt es immer die “Leaders”, Leitartikel zu den wichtigsten Themen der Woche, Leserbriefe, einen wöchentlichen Nachruf und Wirtschaftsindikatoren. Alle paar Ausgaben gibt es einen „Special“, entweder als herausnehmbarer Sonderteil, genannt „Survey“ (ca. 20-40 Seiten) oder als 4-10-Seitiger Artikel in der Zeitung.
Einmal im Jahr erscheint der Big Mac Index, der anhand vom Big Mac Preis (der einen einheitlichen Warenkorb symbolisieren soll) die Wechselkurse nach Kaufkraftparitäten festlegt. Nicht ganz ernst-gemeint war der erste Index 1986, hat sich aber inzwischen etabliert und wird auch von allen Banken und Investmentfirmen als wichtiger Wechselkursindikator verwendet. Übrigens war der Big Mac Index einer der wenigen Indices, der den Euro beim Start als stark-überbewertet sah. Vom Aufbau ist zu erkennen, dass Wirtschaft und Finanzen nicht der Hauptteil des Economists sind. Diese Teile machen nur etwa 1/5 der etwa 120 Seiten der Zeitung aus. Im Mittelpunkt stehen eindeutig Politik.
Die Teile Europe, Britain und United States haben neben normalen Artikeln am Ende immer einen einseitigen Kommentar, der sich mit dem wichtigsten Thema der Woche beschäftigt. Im Businessteil ist die letzte Seite „Face Value“ und beinhaltet eine Kurzbiographie über eine wichtige Person in der globalen Wirtschaft. >>Layout
„Like you, we believe in self improvement.“ “The new look Economist. Easier on the eye, just as hard on the facts.”
Ganze 4 mal in der Geschichte des Economist wurde das Layout geändert, zum ersten Mal 90 Jahre nach Gründung, zum letzten im Frühjahr 2001. Bis dann war der Economist wohl die letzte Zeitung/Zeitschrift ohne Farbe. Lediglich rote Farbhervorhebungen zeichneten die Farbgebung aus. Fotos waren klein und unscharf, nur die Werbungen in prachtvoller Farbe. Inzwischen gilt der internationale vier-farb Standard, was die Zeitung etwas moderner gemacht hat. Auch das Inhaltsverzeichnis ist inzwischen top. Am Inhalt hat sich, nichts geändert. Die Änderung sind subtil, sachbezogen, erleichtern die Navigation ohne das Gehirn zu entlasten. :) >>Zielgruppe
Die Zielgruppe ist ganz eindeutig der global-denkende, Politik- und Wirtschaftsinteressierte Mensch. Die Artikel beschäftigen sich nur mit den bedeutenden Themen in den jeweiligen Gebieten. Die Werbung im Economist gibt noch ein bisschen Mehr über den Economist Leser her: NTT DoCoMo, McKinsey, Reuters, Pfizer, Star Alliance, Messe Frankfurt, Cessna, KPN.
Die Stellenanzeigen sind meistens mit hoch-qualifizierten Personen mit langjähriger, verantwortungsvoller Berufserfahrung zu besetzen und stammen von der UNO, Universitäten, Beratungsfirmen, der EZB. Allerdings gibt es im Economist relativ wenig Werbung. Vergleichbar mit Zeitschriften wie Focus oder Spiegel wird es dem Leser sehr krass auffallen. Trotzdem sollten nicht nur Vorstandsvorsitzende die Zeitung lesen, für die ist es nur Pflicht, genauso wie für Wirtschafts- und Politikstudenten.
>>Stil Allgemein: Nüchtern, manchmal sehr trocken, immer mit bissiger Ironie. Die Bildunterschriften bringen das Thema immer mit einem leicht sarkastischen Ton auf den Punkt, der Einfluss von gehobenen, gepflegtem britischen Humor. Von der politische Richtung eher konservativ-liberal, wobei es nicht bei allen Artikeln ganz eindeutig ist.
Die Artikel sind alle sorgfältig recherchiert, sehr objektiv und fair. Sie bringen Fakten und Meinungen, versuchen dem Leser aber nicht die eigene Meinung aufzuoktroyieren. Es kann durchaus sein, dass zu einem Thema unterschiedliche Meinungen im Economist vertreten werden. Manchmal gibt es aber auch eine vorgegebene Richtung, z.B. als der Economist im Wahlkampf Bob Dole vs. Bill Clinton ganz klar auf der Seite Doles war. Allerdings war die Redaktion so fair, und hat nach zwei Jahren Clintons Amtszeit neu Position bezogen und die eigene Fehleinschätzung eingeräumt. Das Niveau wird in allen Teilbereichen gehalten, egal ob Politik, Wirtschaft oder Kultur. Die Buchrezensionen beim Economist sind z.T. nicht weniger als fabelhaft, immer seriös. Ich habe schon das eine oder andere Buch auf Empfehlung des Economist gelesen.
Interessant ist, dass der Economist einer der wenigen „Populärmagazine“ (das hört die Redaktion wohl überhaupt nicht gerne) ist, die wissenschaftlich zitierfähigen ist. Auch werden Artikel aus dem Economist von anderen Zeitschriften weltweit als Vorlage für eigene Artikel genutzt, in Deutschland insb. die Wirtschaftswoche, wo Economistartikel der Vorwoche oft in einer kürzeren „Lightversion“ abgedruckt werden. Auch verursachen Economistartikel oft Wellen der Empörung, wenn besonders kritische Artikel gedruckt werden. Jüngstes Beispiel: Die Titelseite von 28.04.01 mit dem polemischen Titel „Why Silvio Berlusconi is unfit to lead Italy“. In Italien gab es eine mittlere Kriegserklärung des rechts-gerichteten Lager gegen die britische Zeitschrift. Wer solche Wellen verursachen kann, hat es weit gebracht. Umfragen haben ergeben, dass Economistleser sich viel Zeit nehmen um die 120 Seiten pro Woche zu lesen. Informationen aus der Zeitung werden als seriös und bedeutend
>>Sprache Der Economist ist auf Englisch... auf einem sehr hohem Niveau was ihn für den normalen Bürger mit 3 oder 4 Jahren Schule sehr schwierig macht. Für nicht-Muttersprachler ist ein Wörterbuch unverzichtbar, denn die Wortwahl beim Economist ist sehr selektiv und gehoben. Trotzdem ist er schön zu lesen, schildert komplexe Zusammenhänge so, dass jeder sie versteht, egal ob das Thema Leitzinsenerhöhung oder Expansion des Universum ist. Wer sein Englisch aufpolieren will, oder auf hohem Niveau halten will, ist hier gut aufgehoben.
>>Website Abonnenten des Economist erhalten kostenlosen Vollzugriff auf alle Artikel zurück bis 1995 auf der Internetseite. Die Seite ist auf neuestem Stand und präsentiert alle Artikel nüchtern und sachlich. Außerdem gibt es im Internet den Shop, in dem man Bücher, Taschenkalender, und Handbücher bestellen kann. Per E-Mail erhält man auf Wunsch Business and Politics in Brief, das wichtigsten in Kürze, einmal die Woche. Wer den Newsletter nicht liest, kann in der nächsten (Papier)Ausgabe alles noch mal nachlesen.
Nicht-Abonnenten erhalten Zugriff auf ausgewählte Artikel, können aber auch ein reines Web-Abo abschließen, für $59 p.a. Auf der Seite gibt es auch noch Zugriff auf ausgewählte Artikel von anderen Zeitungen, eine Karrieredatenbank und eine Mobile Ausgabe für PDAs. Als Besonderheit eine Länderdatenbank mit wichtigsten Fakten über das jeweilige Land und Artikel aus alten Economistausgaben die das Land betreffen.
>>Fazit The Economist ist die wichtigste und bedeutendste Wochenzeitung in Politik und Wirtschaft, allemal Lesenswert. Die 8DM für einen Probekauf sind gut-investiert, ein späteres Abo wird dann allerdings riskiert. Dafür gewinnt man aber einen neutralen, objektiven und seriösen Einblick in die Welt.
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25.07.2006 23:44
Gut dargestellt. -- Inzwischen liegt der Einzelpreis bei 4,90 EUR, Jahresabos ab 92.- EUR.
12.05.2001 12:11
Ui respekt, dass ist ein klasse Bericht!!! Man liest sich...Bussi!!!