Gepflegte Belanglosigkeiten
10.04.2003
Pro:
Passabler Unterhaltungswert, Besetzung ist auch ok
Kontra:
Ziellosigkeit und fragwürdige Motivation
Empfehlenswert:
Nein
 HilkMAN
Über sich:
HP: http://lidude.net - Hier: Spieleberichte ohne Angabe der Packungsgröße! -- Gegenlesungen? Son Qu...
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Die toten Sprachen seien von den Klassischen PhilologInnen erst totgeschlagen worden, sagte einst jemand Schlaues. Wie wir uns so etwas vorstellen können (allerdings dann doch nicht am Beispiel des Latein, sondern an der römischen Geschichte), demonstriert Kevin Kline in einem seiner neueren Filme. Dieser heißt “The Emperor’s Club” und wurde von China Airlines, einer Fluglinie, die für belanglose Filme an Bord bei mir eine gewisse Berühmtheit erlangt hat, auf einem Langstreckenflug sozusagen vorpräsentiert (deutscher Filmstart steht wohl noch nicht fest, aber es gibt auch keinen Grund, sich vor lauter Vorfreude die Fingernägel abzukauen). Kevin Kline spielt Professor Hundert, einen Lehrer für die Geschichte des klassischen Altertums, der in einem piekfeinen Internat die wohlerzogenen Söhne schwerreicher LangeweilerInnen darauf vorbereitet, in jeder Alltagssituation einen Sinnspruch von Cicero oder die Schlachtaufstellung von Cannae herunterrasseln zu können, sprich, Stützen der Gesellschaft zu werden. Der junge, gutaussehende Mann bleibt dabei von den Errungenschaften der Pädagogik (wurde die nicht vielleicht auch im alten Rom erfunden?) gänzlich unbeleckt und hämmert den armen Kindern seitenweise Datenwissen in die Köpfe. Höhepunkt des Schuljahres ist dabei so eine Art “Wer wird Julius Caesar?” – Quiz, bei dem die Teilnehmer nicht etwa zu irgendeinem Felsen rennen müssen, sondern ihren gespeicherten Datenmüll herausleiern sollen. In diesem Jahr (so Mitte der Siebziger) kommt ein besonders verzogenes Bengelchen namens Sedgewick Bell an die Schule. Der Bengel versucht sich zunächst als Aufrührer und Verweigerer, wird aber durch EINEN Anruf seines Vaters, der ihn daran erinnert, wieviel er für die Bildung seines Sohnes bezahlt, plötzlich zum Streber, der alles tut, um das Finale des Julius Caesar-Wettbewerbs zu erreichen. Ich würde sagen, da gab es schon coolere Rebellen in der Filmgeschichte.
Fünfundzwanzig Jahre später erhält der ergraute Professor von Bell eine Einladung zu einer Neuauflage des damaligen Finales. Er reist an und findet sich inmitten einer Horde von mittelalten Herren, die inzwischen allesamt hochdotierte Posten in allen relevanten Bereichen der Gesellschaft (Jura, Politik, Wirtschaft und in immerhin einem Fall Forschung) bekleiden und sich somit die Albernheiten herausnehmen können, die ihnen in ihrer Kindheit versagt geblieben waren. Und die Geschichte wiederholt sich… Die Handlung wird im Rückblick des Professors erzählt. Und an einer Stelle gibt er freimütig zu: In dieser Geschichte gibt es keine Überraschungen. Warum dieses definitive Manko des Filmes noch so hervorgehoben wurde, habe ich ehrlich gesagt nicht ganz verstanden. Überhaupt ist mir die Stoßrichtung nicht klar geworden. Was will dieser Film uns sagen? Dass wir unsere Söhne auf teure Eliteschulen schicken sollten, damit sie reich, berühmt und erfolgreich werden, egal, wie miserabel die Ausbildung dort ist? Dass Menschen sich nie ändern? Dass Strebsamkeit eine Tugend ist? Dass das, was wir in der Schule lernen, für den späteren Werdegang irrelevant ist? Oder gar, wer Shutruk Nahunte ist (die dazugehörige Tafel ist übrigens ein Witz)?
In all diesen Bereichen versagt der Film leider ziemlich, denn er ist zwar leidlich unterhaltsam, aber es fehlt ihm jede klare Linie und auch jede Überzeugungskraft. Das fängt bei simplen Dingen an. Ich bin ja wahrlich kein Experte für römische Geschichte, sondern schöpfe mein Wissen aus einem Sagenbuch und einem Was ist Was-Band, die ich vor 20 Jahren mal gelesen habe. Dennoch konnte ich einige der Fragen locker beantworten und fragte mich, wofür die armen Jungs denn da wochenlang gebüffelt hatten. Und der Herr da im Hintergrund (wer den Film sieht, wird wissen, wen ich meine) ist doch wohl wirklich total peinlich. Unmotiviert und unlogisch – das hätte ich selbst sicher besser gekonnt (aber abgesehen davon hätte ich das Buch, das er liest, gern mal). Trotz dieser unklaren bis peinlichen Grundlagen ist der Film nicht völlig furchtbar. Er ist letzlich professionell gemacht und kann für ein Weilchen unterhalten, das heißt, ich habe mich schon gefragt, wie es weitergeht. Da gab es schon Langweiligeres auf dem Markt. Einen gewissen Anteil daran haben sicherlich die Schauspieler (-innen kommen nur marginal vor). Bekannt ist von ihnen wohl nur Kevin Kline, der den Film tragen soll und es auch einigermaßen tut (alle anderen wesentlichen Charaktere werden zu Beginn des Filmes von einem und dann in der zweiten Hälfte von einem anderen Schauspieler verkörpert – bei ihnen machen die 25 Jahre Unterschied wohl mehr aus). Da hatte ich eigentlich nicht viel zu meckern.
Insgesamt ist “The Emperor’s Club” einer dieser Filme, deren Sehen ich nicht völlig bereut habe. Aber noch immer frage ich mich, ob ich irgend eine tiefere Bedeutung übersehen oder einfach nur zuviel hineingelesen habe. Für eine Empfehlung reicht es leider nicht.
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11.09.2005 16:00
Kann Deine Erfahrung nicht bestätigen. Ich halte den Film - gerade in der heutigen 'Null Bock' Stimmung - für äußerst wertvoll und sehenswert.
09.11.2004 20:53
Leider hat der Verfasser von "Gepflegte Belanglosigkeit" den Film nicht verstanden. So wie der kleine Sedgewick Bell in dem Film nicht seinen Lehrer verstanden hatte. Irgendwie wirkt sein Beitrag sogar unbewußt komisch :-)
03.06.2003 14:20
Hi, wieder mal ein guter Bericht. Ich wäre wohl arglos ins Kino gelaufen, hätte mich die Geschichte doch wieder an meinen absoluten Lieblingsfilm erinnert (alle mal raten, welcher?!). Mfg Schlumpfinchen