Erfahrungsbericht über

The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde / Robert Louis Stevenson, JR. William Stevenson

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Bü-Frü: Hyde and seek - closer than an eye....

5  02.04.2012 (03.04.2012)

Pro:
zeitlose Meister - Erzählung  -  ein Klassiker, den man kennen sollte

Kontra:
-

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Stil

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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Lilamond

Über sich: Man kann es einfach bleiben lassen.

Mitglied seit:04.02.2007

Erfahrungsberichte:176

Vertrauende:74

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"Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe,
Und ringt die Hände, vor Schmerzensgewalt;
Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe -
Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt."
Heinrich Heine

INTENTION UND ANLASS

Eiinigermaßen enttäuscht von aktuellem Lesestoff hab ich mich mal wieder einigen meiner Lieblinge gewidmet – ich finde, im Zweifelsfall lese ich ein wirklich gutes Buch lieber öfter als dass ich mir irgendeinen fragwürdigen aktuellen Roman gebe.

Ob das in den aktuellen Bücherfrühling von ciao passt? Keine Ahnung! Aber Stevensons "The strage case of Dr. Jekyll and Mr Hyde" ist nun so ein für mich zeitloses Werk, zweifellos von einiger Bekanntheit, aber andererseits kennt mittlerweile kaum mehr jemand das Original, dafür aber diverse Abklatsche, vor allem im Film. Eine der größten Unsinnigkeiten und Verallhornungen dieses Stoffs begegnete mir zuletzt in den ersten Szenen des grotesken Movies „Van Helsing“, wo alle einstigen Schauergrößen zu Witzfiguren verkommen.

Eine wirklich sehenswerte filmische Bearbeitung des Stoffs - die sich allerdings sehr weit von der Vorlage entfernt - ist übrigens der Film "Mary Reilly" mit einer überwältigenden Julia Roberts und einem hinreißenden John Malkowich. Alleine dieser Film wäre mir einen Bericht wert.
Aber heute heißt es erst einmal: Back to the roots. Und zwar werde ich – dem Anlass und der Bedeutung des Werkes entsprechend - ganz klassisch. Im Vorübergehen handle ich das nicht ab, zumal sich ein tieferer Blick, der einige Erkenntnisse zulässt, durchaus lohnt. Wem danach zumute ist, der möge jetzt weiterlesen…allen anderen wünsche ich bereits an dieser Stelle noch einen schönen Tag! :-)

THEMA UND GESTALTUNG DER ERZÄHLUNG

Die Idee für seine Erzählung will Stevenson durch einen Alptraum erhalten haben. Es gab aber auch einen authentischen Fall, der Stevenson in seiner Kindheit tief beeindruckt hatte: Da gab es einen gewissen Deacon Brodie, ein Kunsttischler in Edinburgh, bei Tage ein respektabler Bürger, bei Nacht ein Mörder, der vielleicht als Grundmodell diente.*
Bei der Behandlung des Doppelgänger-Motivs konnte Stevenson außerdem auf zahlreiche literarische Vorbilder zurückgreifen, insbesondere Poes Erzählung William Wilson soll ihn beeinflusst haben, - und dennoch gelang Stevenson mit The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde eine ganz eigene und neuartige Realisierung des Themas der Dualität von Gut und Böse. Der unmittelbare öffentliche Erfolg der Erzählung erklärt sich durch ihre (damalige) Aktualität, die nicht nur im zeitgenössischen, städtischen setting, sondern auch in der Nähe zu den gegenwärtigen Ängsten und Vorstellungen des spätviktorianischen Publikums ihren Ausdruck findet.

Man muss bedenken, dass Stevensons Geschichte den psychologisierenden Tendenzen des späten 19. Jahrhunderts und dem Publikumsgeschmack sehr entgegenkam. Dem wachsenden Bewusstsein der Autoren und Leser über die psychologischen Wurzeln des Bösen entsprechend, rückten das innere Böse und die Abgründe der menschlichen Natur immer mehr ins Zentrum des Interesses. Stevenson spricht das allen Menschen gemeinsame Thema der Widersprüche in der menschlichen Natur an, die Neugierde und gleichzeitige Unsicherheit hinsichtlich der verborgenen Schattenseiten, sowie die Furcht vor dem Brüchigwerden der sauberen Fassade.

Der heutige Leser mag sich durch Stevensons Erzählung auch an die sehr populär gewordenen, unaufklärbaren Morde an insgesamt sieben Prostituierten erinnert fühlen, die im Jahre 1888 in London von einem nie gefassten Mörder begangen wurden, dem man den Namen "Jack the Ripper" gab. Es wurde angenommen, dass es sich beim Mörder um einen gesellschaftlich höher stehenden Mann, möglicherweise um einen Arzt, handeln musste. Die Verbrechen wurden als bestialisch, dämonisch und monströs beschrieben, - all dies sind auffallende Parallelen zu Erscheinen und Wirken der literarischen Figur Edward Hyde, die es fast so scheinen lassen, als habe Stevensons 2 Jahre zuvor erschienene Erzählung die realen Vorfälle förmlich ins Leben gerufen.

Mit der Figur des Dr. Jekyll belebt Stevenson auch die Figur jenes zwiespältigen Wissenschaftlers wieder, den Mary Shelley mit Frankenstein (1818) in die englische Literatur eingeführt hatte, und der am Ende des so genannten “wissenschaftlichen Jahrhunderts” wirklich glaubwürdig geworden war. Auch Victor Frankenstein hat den Anspruch, der Menschheit zu dienen und versucht, die göttliche Schöpfung zu verbessern und die dem Menschen gesetzten Grenzen aufzulösen.

Wie Victor Frankenstein ist auch Jekyll kaum in der Lage zu sehen, dass es dabei im Grunde um ihn selbst geht, denn sein Wunsch, einen neuen Menschen zu schaffen, beruht auf Problemen seiner zwiespältigen Persönlichkeit. Der Aspekt des Experiments wird in nur oberflächlich behandelt. Wesentlich ist, dass Dr Jekyll sein Elixier selbst hergestellt hat, welches im Gegensatz zu irgendwelchen magischen “Zaubertränken” das Ergebnis seiner chemischen Forschungen ist, wodurch eine wissenschaftliche, wenn auch nicht realistischere Erklärung für die empirische
Bilder
The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde / Robert Louis Stevenson, JR. William Stevenson Jekyll_and_Hyde_Title - The Strange Case of Dr. Je
The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde / Robert Louis Stevenson, JR. William Stevenson, die Erstauflage
Unmöglichkeit einer Verwandlung gegeben wird.

DER AUSSCHLUSS VON FRAUEN UND VON SEXUALITÄT

Bezeichnenderweise scheinen Frauen in Stevensons Erzählung überhaupt keine Rolle zu spielen, was auf den zweiten Blick allerdings viel besagt: Sie werden (als Agierende) konsequent - auch für damalige Verhältnisse vielsagend - negiert und ausgeschlossen. Wir befinden uns also in einer reinen Männergesellschaft; alle Charaktere sind Junggesellen, ihrer beruflichen und gesellschaftlichen Reputation verpflichtet, sie erscheinen regelrecht asexuell und haben auch keine tieferen emotionalen Bindungen, sondern zeigen ein recht ritualisiertes und kontrolliertes Verhalten im Umgang miteinander.

Stevenson selbst hat die Relevanz des Themas Sexualität für seine Erzählung immer heruntergespielt, doch bleibt es legitim zu sagen, dass mit dem Leugnen männlicher Sexualität das Ausschließen von Frauen einhergeht. Tatsächlich sind die wenigen Andeutungen, die Jekyll in diese Richtung macht, verklausuliert und gewunden; das, was er als “a certain impatient gaiety of disposition” oder als “irregularities” benennt, lässt im Zusammenhang vorwiegend sexuelle Konnotationen zu, doch die Worte, die er dafür findet, zeugen von Verleugnung, Peinlichkeit und einer gewissen Sprachlosigkeit.

Hyde verkörpert allerdings nicht nur männliche Perversion, sondern auch die damals herrschende Angst vor der Geschlechtskrankheit Syphillis, die als Strafe für einen nicht tugendhaften Lebensstil betrachtet wurde. Dass Hyde Dr Jekylls sexuelles Ich verkörpert, wird an einer Stelle der Erzählung besonders deutlich: Jekyll ist wieder einmal in eigener Person seinen Vergnügungen nachgegangen, und als er sich der Erinnerung an die vergangenen Stunden hingibt, verwandelt er sich unvermittelt in Mr Hyde, wodurch implizit die Sexualität mit dem Bösen in Verbindung gebracht, wenn nicht gar gleichgesetzt wird.


VERBERGEN UND VERSCHWEIGEN

The Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde gehört aufgrund des Rätselcharakters auch zum Genre der analytischen, detektivischen Erzählung. Darüber hinausgehend hat sie allegorischen Inhalt und kombiniert Eigenschaften der Schauernovelle mit psychologischen Erkenntnissen. Auf der detektivischen Ebene finden wir die Lösung des Falles, dass Dr Jekyll und Mr Hyde eine Person sind; dies ist kaum weniger beunruhigend als die Lösung auf der sinnbildlichen Ebene: dass ein und derselbe Mensch zwei grundverschiedene Seiten hat, entsprechend Jekylls These: “man is not truly one, but truly two.”

Die komplexe narrative Struktur der Erzählung reicht von der auktorialen Ebene und personalen Erzählperspektive bis zur Ich-Erzählung (Henry Jekylls Geständnis) und bietet dem Leser immer nur stückweise Information - im Laufe der Handlung bewegen wir uns von der Peripherie des Falles in sein Zentrum. Dabei finden wir eine Vielzahl von Schriftstücken, Dokumenten und Briefen, die in die ersten neun Kapitel eingefügt sind, und die wiederum darin eingeschlossene Anlagen enthalten. Aber nicht nur im Schriftlichen, auch in Gesprächen stoßen wir auf Vorsichtsmaßnahmen, auf nicht Gesagtes und nur Angedeutetes, all dies verbirgt ebenso viel, wie es offenbart. Nie scheint es einen direkten Weg von A nach B zu geben. Insofern entspricht der organisierte Aufbau der Story auch der eigentlichen Handlung, in der das Verstecken und Einschließen das zentrale Thema bedeutet, und das Entdecken und Begreifen für die Nebenfiguren wie für den Leser zur Aufgabe wird.

Auf der Entdeckungsreise begleitet der Leser einen gewissen Mr Utterson, den Detektiv wider Willen, der aufgrund seiner Freundschaft zu Dr Jekyll in den Fall involviert ist und dennoch mit größter Zurückhaltung vorgeht: Die Tendenz, Dinge zu verschweigen und zu verheimlichen, und die Angst davor, etwas herauszubekommen, scheinen bei ihm nicht weniger ausgeprägt als der Wunsch, den Fall zu lösen. Sein Zögern erklärt sich einerseits dadurch, dass er Jekyll schützen möchte, denn er will nicht, dass andere etwas über dessen Verbindung mit Hyde erfahren und begreift instinktiv, dass er nichts gegen Hyde unternehmen kann, ohne Jekyll zu schaden. Andererseits liegt in seinem gesamten Wesen eine vorsichtige Zurückhaltung, eine Distanz selbst in seinen engsten persönlichen Beziehungen, die die Einsamkeit und Bindungslosigkeit der anderen männlichen Figuren widerspiegelt. Loyalität und Verpflichtung haben den Vorrang vor emotionaler Anteilnahme oder gar Einmischung in die Angelegenheiten anderer.

So lässt Utterson trotz massiver Vorfälle, wie der Ermordung des älteren Herrn, den Dingen lange Zeit ihren Lauf. Die Nachforschungen, die er anstellt, wie etwa den Vergleich der Handschriften von Jekyll und Hyde, bleiben ohne Konsequenzen, allenfalls in seinem Bewusstsein - jedenfalls im Bewusstsein des Lesers - verringert sich graduell der Abstand zwischen den beiden Männern. Es liegt nahe, dass sie Komplizen sind oder zumindest ein Geheimnis miteinander teilen. Würden alle Informationen offen mitgeteilt und kombiniert, würde die Wahrheit rasch offenbar werden. Da sich der Leser und die Figuren allerdings nie auf dem gleichen Informationsstand befinden (ebenso wenig wie die Figuren untereinander), wird der Leser selbst zum Detektiv, indem er Angedachtes zuende denkt, Lücken logisch auffüllt und Verbindungen herstellt.

DOPPELUNGEN UND DOPPELGÄNGER

Das Doppelgänger-Motiv hat schon lange eine zentrale Position in der Schauerliteratur. Im Volksglauben berührt es sich mit der vorherrschenden Auffassung, dass die Existenz des Menschen im Spiegel, im Schatten oder im Traum ein zweites Dasein bedeutet; wobei das Abbild als ein lebendiger Teil der Person betrachtet wird. Nach germanischer Anschauung bedeutet die Begegnung mit dem eigenen Doppelgänger die Vorankündigung des nahenden Todes, - kurz vor dem Tod spaltet sich beim Menschen ein zweites Ich ab und zeigt dem Sterbenden seine Auflösung. Eine andere Komponente ist die - vorwiegend christlich geprägte - Idee von den zwei Seelen, einer guten und einer bösen, die um die Herrschaft über den Menschen kämpfen.

Nachdem das Doppelgänger-Motiv von der Romantik dämonisiert und externalisiert worden war, überwiegen im vorherrschenden Realismus des 19. Jahrhunderts allegorische Akzente, sowie psychologische Motive der Bewusstseinsspaltung und Identitätsauflösung. Häufig charakterisieren die Erzählungen dieser Zeit die Heuchelei und restriktive Moral der viktorianischen Ära, deren Ideale auf Arbeit und Pflichterfüllung ausgerichtet waren, sowie auf eine strenge Unterdrückung all dessen, was mit Schwäche und Nachgiebigkeit sich selbst gegenüber zu tun hatte, also auch den Bereich der Sexualität betraf. Diese Standards zwangen die Menschen zu einem heuchlerischen Lebenswandel, dessen innere Widersprüchlichkeit die Aktualisierung des literarischen Doppelgängers förderte.

In Oscar Wildes großartigem Roman "The Picture of Dorian Gray" fungiert beispielsweise das Portrait als Spiegel der Seele und zeigt die wahre Natur hinter der schönen Fassade. Auch hier wird die Kluft zwischen den beiden Persönlichkeitshälften immer größer und kann erst durch den gleichzeitigen Tod aufgehoben werden. Die Unterschiede sind nicht immer äußerlich sichtbar, manchmal ist der Doppelgänger wie in Dostojevskis Roman "Der Doppelgänger" (1846) ganz im wörtlichen Sinne ein exaktes äußeres Abbild des ersten Selbst und trägt sogar dessen Namen.
Da die Konfrontation mit den nicht erkannten oder nicht akzeptierten Persönlichkeitsanteilen nicht vermeidbar ist, werden die inneren Kämpfe nach außen projiziert, wo das zweite Selbst dem ersten entgegentritt und ihm seinen Platz in der Welt streitig macht. Im Versuch einer Integration via Projektion in die Welt kann der Doppelgänger auch als Halluzination identifiziert werden.

In Stevensons Erzählung zeigt das andere Ich in Gestalt Mr Hydes nicht nur im Verhalten, sondern auch äußerlich völlige Verschiedenheit von Dr Jekyll. Eine direkte Konfrontation zwischen den beiden ist nicht möglich, da es ein und derselbe Mensch ist, der entweder in der Gestalt des „guten“ Dr Jekyll oder in der Rolle des bösen Schurken auftritt. Die Ich-Spaltung wird hier durch das übernatürliche Element einer Verwandlung beschrieben, die - der Zeit angepasst - durch ein wissenschaftliches Experiment möglich wird.
Als das personifizierte Böse lässt Hyde wie ein Umkehrspiegel alles offenbar werden, was an Jekyll nicht sichtbar ist bzw. was dieser nicht auslebt, obgleich es zu ihm gehören muss. Ohne das spezifische Krankheitsbild der Schizophrenie hinreichend bewerten zu können, kann man dennoch - psychiatrisch gesehen - schlussfolgern: Hier erkennt der Mensch in seinem alter ego zwar seine latenten Ängste und das Böse, unter dem er leidet, ist aber nicht fähig, dieses als zu sich gehörig zu empfinden und so symbolisiert der literarische Doppelgänger den gescheiterten Versuch, die eigenen Lebensfragen und Probleme zu meistern.

Jekylls Erkenntnis zeigt sich daran, dass er seine dunkle Seite nicht auf jemanden anderen oder etwas außerhalb seiner eigenen Person projiziert. Es ist die mangelnde Akzeptanz seiner zwiespältigen Natur, die ihn die falschen Konsequenzen ziehen lässt. Dabei entspricht das Offensichtliche, der Anschein, nie dem inneren Sein. Wie Jekyll, so ist auch sein Freund Utterson ein dualitätsgeplagter Mensch, nur verkehren sich bei letzterem die Vorzeichen: Seine “äußere Fassade” wirkt mürrisch und unnahbar, doch dahinter verbirgt sich ein menschenfreundlicher Charakter. Während Jekyll sich bemüht, seine verborgene Seite vor anderen Menschen geheimzuhalten, kommt die verstreckte heitere Seite bei Utterson in der Gesellschaft mit anderen zum Vorschein.

Zwei verschiedene Seiten ein und desselben Gegenstandes finden wir auch in dem Vorder- und Hintereingang zu Jekylls Haus. Beide Häuserfassaden repräsentieren sinnbildlich ihre Bewohner und fallen in ihrer jeweiligen Umgebung aus dem Rahmen. Die schäbige Rückseite, die von Mr Hyde betreten wird, liegt in einer schmucken Nebenstraße.
Dies wird allerdings erst im Laufe der Erzählung offengelegt und ist ein Gleichnis für den Umstand, dass Dr Jekyll und Mr Hyde ein und derselbe Mann sind. Konsequenterweise ist der Zeitpunkt des Aufbrechens der inneren Verbindungstür, die Wohnhaus und Laboratorium voneinander trennt, auch der Zeitpunkt des gemeinsamen, vereinigenden Todes von Jekyll-Hyde.

Die zwei Verbrechen, die Mr Hyde begeht, stehen trotz des gemeinsamen Täters und dessen sinnloser Gewalt auch in auffälligem Kontrast: Einmal ist es ein kleines Mädchen aus der Arbeiterschicht, das von Hyde gedankenlos niedergetrampelt wird, das andere Mal ist es ein angesehener, älterer Herr der besten Gesellschaft, gegen den sich Hydes massive Wut spontan, aber mit zielgerichter Heftigkeit, entlädt.

Es gibt zwei schriftliche Geständnisse, die den Fall am Ende aufklären, einmal aus der Sicht des Beobachters Dr Lanyon, einmal aus der persönlichen Perspektive Jekylls. Während Lanyon sieht, wie sich Mr Hyde in Dr Jekyll verwandelt, beschreibt Jekyll, wie er zu Mr Hyde wurde. Beide Schreiben sind an den gemeinsamen Freund Utterson gerichtet, beide werden kurz vor dem Tod ihrer Verfasser geschrieben und erst nach deren Tod gelesen.

Und schließlich gibt es zwei miteinander zusammenhängende Gründe, die Jekyll das Leben kosten: Zum einen scheitert er sicher an der grenzenlosen Bösartigkeit seines Doppelgängers, zum anderen - und entscheidender – an dem übermäßig hohen Anspruch an sich selbst, der gleichermaßen von übertriebenen Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen sowie von Anmaßung und Selbstüberschätzung geprägt ist.

DIE DUALE NATUR DES DR JEKYLL

Die Aufhebung der Dualität von Gut und Böse ist für Jekyll ein Fortschritt, der der ganzen Menschheit zugute kommen soll, aber in erster Linie geht es ihm um sich selbst, darum, seinen Kopf in der öffentlichen Gesellschaft hoch tragen zu können. Seine weniger respektable Seite, seine “Vergnügungen”, verheimlicht er daher und betrachtet sie mit einem tiefen Schamgefühl und zugleich als einen unverzichtbaren Teil seines Wesens.

Dennoch zeigt er bereits bei seinen Wachträumen, Gut und Böse voneinander zu trennen, eine merkwürdige Sorglosigkeit gegenüber den folgenden Konsequenzen, eine Verantwortungslosigkeit gegenüber dem sich selbst überlassenen bösen Anteil. Nach der ersten Verwandlung in Edward Hyde empfindet er ein befreiendes Glücksgefühl und erkennt in dessen Spiegelbild: “This, too, was myself. It seemed natural and human.”

Zunächst genießt er die Vorteile seiner perfekten Tarnung und findet sich damit ab, dass sein Experiment nur zur Hälfte gelungen ist. Denn bei der angestrebten Trennung in eine gute und in eine böse Persönlichkeit zeigt sich eine auffallende Asymmetrie: Während Hyde das absolut Böse verkörpert, bleibt Jekylls Persönlichkeit ganz unverändert mit ihren guten und bösen Anteilen. Dies zeigt bereits ein Übergewicht des Bösen, bzw. dass sich zwar das rein Böse, aber nicht das rein Gute herausfiltern lässt. Möglicherweise erwog Stevenson, dass ein Mensch, der nur gut ist, überhaupt nicht lebensfähig wäre, da das Dasein auch aggressive Energie für die Durchsetzung persönlicher Bedürfnisse erfordert.

Anders gesagt: Ein Mensch kann nicht schuldlos leben. Aber genau das versucht Jekyll zu erreichen. Zunächst ist ihm völlig klar, dass Hyde ein Teil von ihm ist. Doch dass er infolgedessen auch für Hydes Taten verantwortlich ist, das kann er immer weniger akzeptieren: Als Hyde immer stärker und unkontrollierbarer wird, sich schließlich auch ohne Hilfe des Elixiers manifestiert, werden Jekylls Abwehr-versuche stärker und zugleich erfolgloser, er beginnt echte Furcht vor seinem anderen Selbst zu empfinden und versucht daher, sich weiter von ihm zu distanzieren.
Gleichzeitig beginnt er auch in der dritten Person von Jekyll zu sprechen: Und bei alledem ist der als unmenschlich, sogar unorganisch empfundene Hyde für Jekyll “closer than a wife, closer than an eye” - wobei es naheliegt zu verstehen: “closer than an I”. Dieses Ich existiert allerdings am Ende der Geschichte nicht mehr, und möglicherweise liegt in den letzten Worten “I bring the life of that unhappy Henry Jekyll to an end” die Erkenntnis, dass er sein wahres Selbst weder durch Mr Hyde noch durch Dr Jekyll leben konnte, sondern sich immer mehr von seiner eigentlichen Natur entfremdet hatte.

Dafür hätte Jekyll sich damit abfinden müssen, dass der Mensch von Natur aus gut und böse ist. In den hohen Ansprüchen, die er an sich bzw. seinen Lebenswandel stellt, liegt die eigentliche Ursache für die Kluft, die er zwischen seinen verschiedenen Anteilen empfindet. Im Namen einer Moral, die das Böse nur unterdrücken oder abspalten kann, handelt er unmoralisch.
Da er mehr sein will als ein (fehlerhafter) Mensch, trennt er die natürliche Einheit und setzt das Dämonische frei, das ohne Bindung an die besseren Anteile keine Grenzen kennt. Das vor der Trennung noch halbwegs kontrollierbare Gleichgewicht der Kräfte verschiebt sich zugunsten des Bösen. Hyde braucht Jekyll vor allem als Zufluchtsort; Jekyll aber bleibt innerlich an Hyde gebunden, da dieser ein Teil von ihm ist. Im gemeinsamen Tod wird die Einheit wieder hergestellt. Der Tod, sagt man, zeige das wahre Gesicht. Im Falle von Jekyll ist es: ......? (Nicht das, was die meisten Verfilmungen dieses Stoffes zeigen!)


FAZIT

Ein zeitloser Klassiker, für mich immer wieder lesenswert – einfach gute Literatur. Ich kenne leider nur die englische Ausgabe, daher kann ich über die deutsche Übersetzung und ihre Qualität nichts sagen.
Aber vielleicht hat ja jemand Lust bekommen..? Das dünne Bändchen kostet jedenfalls weniger als ein Appel und ein I / eye / Ei.

>> Frohe Ostern!

* Nachtrag zu "Deacon Brodie":
Ich hatte das verkürzt und insofern nicht 100%ig historisch korrekt, eben mit einer eher literaturwissenschaftlichen als historischen Orientierung - und aus meinem Gedächtnis frei wiedergegeben. Ich hab das jetzt noch mal nachgesehen und deshalb kommt nun eine Korrektur bzw. Präzisierung: Das Drama "Deacon Brodie or the Double Life" (1882) gilt als ein Vorläufer von Stevensons Erzählung. Dieses Drama themastisiert das Leben des historischen William Bodie, der meinen Quellen zufolge tagsüber ein hochanständiges Leben führte und nachts in Häuser eingebrach und auch vor Mord nicht zurückgeschreckt haben soll. (vgl. "A strange case reconsidered" von Andreas Dierkes) Besser weiß ich's leider nicht...


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Karry2000de

Karry2000de

25.04.2012 14:00

bh

Sydneysider47

Sydneysider47

19.04.2012 22:31

Interessante Auseinandersetzung mit einem Klassiker, den ich bisher nur vom Namen her kenne. Das sollte ich mal ändern... Viele Grüße und bh!

billywilder2

billywilder2

16.04.2012 21:11

Chapeau! Bei dir werde ich jetzt öfter reinschauen! VLG Billy

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