... Das gelingt nicht vielen.
Insgesamt ist das Buch, ich muß es wohl so sagen, einfach sehr schön geschrieben. Iris Murdochs Sprache ist elegant, doch nicht sehr kompliziert. Ich hatte kaum Schwierigkeiten beim Lesen des Originaltextes. Die verwendeten Metaphern stimmen und heizen die eigene ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Pundamilia über Das Meer, das Meer / Iris Murdoch 13.06.2002
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
berührt ein wenig
Pro:
Gut geschriebenes Buch mit lebendigen und psychologisch ausgefeilten Charakteren .
Kontra:
Das Buch hat so einige Längen, die den Lesespaß etwas trüben
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
und auch sein "Fischzug" mißlingt trotz größter Anstrengung. Und auch wieder nicht, denn er hat etwas anderes gefunden... Mehr Parallelen gibt es aber nicht zwischen Hemingways Novelle und Iris Murdochs Booker-Preis gekrönten Roman "The Sea, the Sea".
Charles Arrowby hat sich nach einer glanzvollen Theaterkarriere als Intendant in den Ruhestand begeben. Er hat sich in ein einsam gelegenes Haus am Meer zurückgezogen. Dort will er an seinen Memoiren arbeiten. Iris Murdoch läßt uns diese Memoiren lesen, die schon nach kurzer Zeit mehr zu einem Tagebuch mutieren. Plaudert er anfangs von seinem Haus, seinen Schwimmausflügen, seinen seltsam anmutenden Mahlzeiten und seinen Schwierigkeiten in der Gegend heimisch zu werden, mischen sich erste Erinnerungen an seine Eltern, seinen Onkel, an seine Geliebten und sein Theaterleben unter.
Schon bald entpuppt sich Charles als egoistischer und überaus eifersüchtiger Frauenheld, der andere Menschen nur benutzt. Zu Frauen hat er dabei ein besonderes Verhältnis: Er besticht durch die Auffassung, daß alle Frauen ihn einfach lieben müssen. Und so hatte er zwar unzählige Geliebte gehabt, denen er nichts versprach, nichts geben wollte und die er nach Belieben verließ. Und auch jetzt noch plant er, eine seiner früheren Geliebten als bedingungslos ergebene Gefährtin zu reaktivieren. Und Charles fühlt sich vollkommen im Recht damit, denn er behauptet, nur einmal im Leben wirklich geliebt zu haben – seine Jugendliebe Hartley und diese hat ihn damals verlassen. Alle Frauen, die er später kennengelernt hatte, konnten sich einfach nicht mit ihr messen und so konnte er diese auch nicht so sehr lieben wie Hartley.
Und dann passiert das Unfaßbare – Hartley wohnt genau in derselben Gegend. Als ob die Jahre nichts wären und ungeachtet dessen, daß sie verheiratet ist, macht sich Charles daran, seine Hartley zurück zu erobern. Er geht davon aus, daß sie ihn liebt und schon längst bereut hat, nicht bei ihm geblieben zu sein. Doch die Rückgewinnung der einstigen Jugendliebe gestaltet sich schwierig. Als er Hartley gar gegen ihren Willen entführt, stürzt er nicht nur fast sich, sondern vor allem ihren Pflegesohn Titus ins Verderben.
Im Ganzen handelt es sich um die Geschichte einer aus vollen Herzen gelebten Lebenslüge.
Besonders reizvoll an diesen Roman ist das psychologische Gespür Iris Murdochs, mit dem sie Charles Arrowby beschreibt. Dabei gelingt ihr etwas Bewundernswertes. Anfangs erscheint Charles als sympathisch und etwas exzentrisch. Dann wird sein arrogantes Gehabe besonders den Frauen und Männern, die er als schwächer einschätzt immer deutlicher. Er beherrscht die Manipulation seiner Mitmenschen und ich wunderte mich, daß andere ihn überhaupt mögen, denn im Verlauf der Geschichte erregte er richtige Haßgefühle in mir. Ein oder zweimal wollte ich sogar das Buch weglegen und doch konnte ich es dann doch nicht. Denn trotz der Persönlichkeit ihres Hauptcharakters hat Iris Murdoch auch andere interessante Figuren geschaffen, deren Wohl und Wehe mir doch am Herzen lag. Und schließlich bin ich der Meinung, daß eine Autorin, die mich so sehr emotional aufrühren kann einfach das Durchlesen ihres Werkes verdient.
Zudem glänzt das Buch durch präzise Beschreibungen der Häuser, der Landschaft und der Menschen, die starke Bilder im Kopf erzeugen. Beim Lesen befand ich mich schnell mittendrin und sah das Haus in seiner schroffen Schönheit und die Umgebung. Ich vermeinte sogar die tosende See zu erblicken. Besonders die akribische Beschreibung des Seeungeheuers faszinierte mich. Und Iris Murdoch gelingt es sogar die beschriebenen Charaktere nicht aus der Rolle fallen zu lassen und ihre körperlichen Voraussetzungen auch während ihrer Handlungen zu berücksichtigen. Das gelingt nicht vielen.
Insgesamt ist das Buch, ich muß es wohl so sagen, einfach sehr schön geschrieben. Iris Murdochs Sprache ist elegant, doch nicht sehr kompliziert. Ich hatte kaum Schwierigkeiten beim Lesen des Originaltextes. Die verwendeten Metaphern stimmen und heizen die eigene Phantasie an. Für mich war es besonders interessant, daß sie aus der Sichtweise von Charles erzählt. Sie bedient sich zwar einiger Kunstgriffe (z. B. Transkriptionen von Briefen), doch die Persönlichkeit der handelnden Charaktere schimmern realistischer durch, als es wohl Charles je bewußt sein wird. Auf jeden Fall versteht Iris Murdoch ihr Handwerk. Sie schreibt einfach Klasse.
Aber das Buch hat auch eine riesige Schwäche. Es könnte wohl gut und gern 100 Seiten kürzer sein. Freunden actionreicher Bücher sei vom Lesen dieses Buches gänzlich abgeraten, denn es passiert erst ab dem 2. Drittel des Buches so richtig etwas und auch dann wird sehr viel über das Geschehene reflektiert. Zuvor gilt es Charles, seine Sichtweise auf die Welt und einige seiner Erinnerungen kennenzulernen. Ganz so störend empfand ich selbst dies nicht, da für mich die Atmosphäre des Buches stimmt. Jedoch neigt Charles zum öfteren Wiederholen, was teilweise nervend ist und meinen Lesefluß doch erheblich störte. Aus diesem Grund erhält das Werk auch nur 4 der 5 zu vergebenden Sternelein.
Iris Murdoch ist ja gerade vom Kino entdeckt worden. Sie wurde am 15.07.1919 in Dublin geboren. Sie studierte Klassische Philosophie in Oxford und Philosophie in Cambridge. Sie arbeitete viele Jahre als Philosophiedozentin und veröffentlichte 1954 mit 35 Jahren ihren ersten Roman "Under the Net". Sie schrieb insgesamt 26 Romane (z. B. "Flucht vor dem Zauberer", 1956; "Maskenspiel", 1961; "Lauter feine Leute", 1968; "Ein Mann unter vielen", 1971; "Uhrwerk der Liebe", 1974; "Das Meer, das Meer", 1978; "Das Buch und die Bruderschaft", 1987; "The message to the planet", 1989). Neben dem Booker-Preis erhielt sie weitere Auszeichnungen für ihr literarisches Werk. 1987 wurde sie von Elisabeth der II. in den Adelsstand erhoben.
Iris Murdoch starb am 8.2.1999 in Oxford. Sie litt in ihren letzten Lebensjahren an der Alzheimerschen Krankheit. John Bayley, mit dem sie 43 Jahre verheiratet war, berichtet in seinem Buch "Elegie für Iris" über ihr Leben und ihre Krankheit. Dieses Buch diente auch dem erwähnten Film als Vorlage.
Ich habe die Penguin-Ausgabe gelesen (ISBN 0-14-118616-X), die auch eine Einleitung zum Roman von Mary Kinzie beinhaltet. Diese empfand ich an manchen Stellen als zu weit hergeholt, aber doch interessant zu lesen.
Danke fürs Lesen dieses Berichtes. Ich freue mich auf Eure Kommentare und Anregungen.