Tiefer Fall
22.04.2006
Pro:
sein guter Name
Kontra:
hölzern, bedeutungsleer, langweilig, lahm
Empfehlenswert:
Nein
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
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 Hyby
Über sich:
Mitglied seit:05.04.2000
Erfahrungsberichte:288
Vertrauende:18
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 29 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Henning Mankell ist für mich immer einer der Besten gewesen. Aber nun hat seine weiße Weste einen fetten Fleck. Diesen Fleck hat ein Buch mit dem Titel "Tiefe" hinterlassen. Den Titel hat er sich ja sehr passend ausgesucht - er weist nämlich recht treffend auf etwas hin, was man keinem Autoren wünscht: den freien Fall. Ich sag es gleich vorweg - ich habe das Buch nicht zuende gelesen: es ging einfach nicht. Das Folgende wird also auch keine redlich abgewogene Rezension mit Für und Wider und einer präzisen Einordnung des Büchleins ins Gesamtwerk. Ich werde hier nichts weiter tun als meine ganz persönlichen Erlebnisse mit dem vorliegenden Buch zu schildern.Das Buch erschien bereits im letzten Jahr und hatte hinreichend Gelegenheit, auf meinem To-Do-Lesestapel zu reifen. Genützt hat es natürlich nichts. Vor zwei Tagen nahm ich es voller Erwartung in die Hand und begann zu lesen. Im Jahre 1937 gelingt einer Insassin einer gut gesicherten Psychiatrie auf einer schwedischen Insel die Flucht - keine Frage, das könnte ein guter Ausgangspunkt für eine spannende Geschichte sein, doch bevor sich der Leser so recht auf die Situation einstellen kann, reißt ihn Mankell weiter, schleppt in weiter zurück ins Jahr 1914 - natürlich wiederum ein geschichtsträchtiges Jahr, an dem auch ein schwedischer Autor nicht vorbeikommt: der Ausbruch des 1. Weltkrieges. In der Ostsee bereiten sich die Kriegsgegner Deutschland und Russland auf mörderische Seeschlachten vor - als unmittelbarer Anrainerstaat macht sich da Schweden klein und hofft, ungeschoren davon zu kommen. Kanonendonner erfährt der Leser in diesem Fall höchstens als fernes höllisches Wetterleuchten, stattdessen wird er den Seevermessungsingenieurs Lars Tobiasson-Svarmann zu seinem Job begleiten müssen. Tobiasson-Svarman hat einen geheimen Auftrag: er soll für das Marineministerium offiziell die auf den Seekarten verzeichneten Fahrrinnen überprüfen, aber insgeheim möge er doch erkunden, ob es nicht vielleicht doch bislang unentdeckte Fahrwege, die dann im Bedarfsfall von schwedischen Kriegsschiffen zur Verblüffung feindlicher Seekartenbesitzer genutzt werden könnten. Na ja - leidlich spannend, dieser Plot. Aber es kommt noch schlimmer. Der Leser hat keine andere Möglichkeit, als Tobiasson-Svarman bei seiner täglichen, eintönigen Vermessungsarbeit zu begleiten. Das Wetter ist schlecht und kalt, auf See ist nix los, tagtäglich plumpst das Lot ins Wasser. Wenn es Mankell tatsächlich darauf ankam, die Ödnis jenes Seegebiets zwischen den schwedischen Schären zuveranschaulichen, das ist ihm allerdings trefflich gelungen - leider besser, als ihm gut tut. Eines Tages entdeckt der Vermessungsingenieur auf einer einsamen Schäre eine alleinlebende junge Frau, die da mitten in der Ödnis in einer kleinen gemütlichen Kate haust. Und was passiert jetzt wohl ? Na ? Richtig ! Der brave Vermesser geht so allmählich seiner sieben Sinne verlustig, fühlt sich immer stärker zu der spröden Einsiedlerkrabbe hingezogen. Und es adauert nicht sehr lange, da hat der Mann auch den gewünschten Erfolg. Und ich hatte die Nase voll - zuklappen das Buch, aber schnell !Ich sitze also da mit knapp hundert gelesenen Seiten und frage mich: Was soll das denn ??! Was hat den Mann geritten, einen derart blassen Plot zu verbraten ? Seitenlang Leerlauf, unterbrochen von gestammelten Dialogen und düsteren Metaphern ohne Kern. Kapitel - alle sehr kurz diesmal - enden immer wieder in prätentiösen und bedeutungsschwangeren Sätzen. Wo ist die fast ertastbar dichte Atmosphäre der Afrikaromane, wo die genialen Spannungsbögen der Wallanderkrimis ? Weg. Spurlos verschwunden. Bei Mankells früheren Werken habe ich selbst in den jubelnsten Rezensionen immer wieder mal beckmesserisch angemerkt, dass die Dialogschreiberei seine Sache nicht ist. Aber dort wurde das zumindest aufgefangen und neutralisiert durch die sich aufbauende Spannung, die mich fast zerriß. Wenn sie jetzt fehlt wie in diesem Falle, treten seine Schwächen nur um so unbarmherziger zutage. Bislang habe ich mich bei meinen Kommentaren immer um ein Mindestmaß an Strukturen bemüht, selbst bei Verrissen. Wenn ich jetzt so auf das bisher Geschriebene gucke, muß ich feststellen, dass mir das diesmal nicht möglich war. Warum ? Es ist einfach Enttäuschung. Ein geliebter Mensch beginnt plötzlich, irre zu reden. So fühlt sich das an.Übrigens "Kennedys Hirn" liegt auch noch auf meinem Lesestapel. Jetzt ziehe ich lieber erstmal was anderes vor….
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23.04.2006 22:14
Danke für die Warnung. Liebe Grüße, Bine.
22.04.2006 12:40
Schade, wenns so schlecht war ... von Mankell erwartet man ja doch mehr.
22.04.2006 12:33
Ich finde es gut, das du trotzdem einen Bericht drüber schreibst, denn oft reichen wirklich schon 100 Seiten, um zu wissen, dass der Roman schlecht ist und warum er das ist, hast du hier gut beschrieben. Dass Mankell gut in der Lage ist, diese Ödniss zu schildern, glaube ich gerne - ist es ihm doch immer wieder gelungen, dass ich schon allein beim Lesen, fast den depressiven Stimmungen seiner Protagonisten erlegen bin.☺