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Kaum sind die Tage wieder kälter, erweckt die Lust nach - nein, nicht etwas zum Spielen, sondern nach etwas Spannenden. Ein Krimi muss her. Eine Tasse heißen Kakao und dann geht's auf Sofa unter eine warme Decke. Das Telefon kann getrost klingeln.
DIE STORY Im Gegensatz zu mir nimmt Arto Söderstedt, Ermittler in der Spezialeinheit bei der Reichskriminalpolizei für Verbrechen von Internationalem Charakter, einen Anruf auf seinem Handy entgegen. Dabei verbringt er gerade seinen verdienten Urlaub in Italien mit Frau und Kindern. Doch die Ruhe hat ein Ende. Denn in Stockholm wurde ein Mann bestialisch umgebracht. Mit einer Nadel in der Schläfe werden seine wenigen erhaltenen Teile in einem Gehege für Vielfraße im Freizeitpark Skansen gefunden. Seine letzte und mysteriöse Botschaft eingekratzt in den Boden: Epivu. Wenig später wird ein Professor für Hirnforscher tot aufgefunden. Er starb auf die selbe Art und Weise mit einer Nadel in Schläfe. In der U-Bahn verunglückt zudem ein Kleinganove. In dem Wirrwarr aus Spuren und Beobachtungen führt ein Weg nach Italien. Arto Söderstedt muss sich vor Ort einem bekanten Politiker und Führer einer Verbrecherorganisation nähern. Seine Kollegen in der schwedischen Heimat erkennen, dass es bei diesem Morden einen Zusammenhang zwischen der düsteren Vergangenheit des Dritten Reiches und einer Gruppe Prostituierten (man glaubt es kaum) gibt. Die letzte Spur führt Arto schließlich von Italien über die Ukraine nach Weimar. In der thüringischen Stadt existierte während des Dritten Reichs eine spezielle medizinische Abteilung von SS-Ärzten, die die Schmerzfähigkeit an KZ-Gefangenen testete. Eben mit jener Mordwaffe: der Nadel in der Schläfe. Schließlich offenbaren die Ermittlungen, dass dieser schwedische Hirnforscher, der sich als ein KZ-Opfer ausgab, ein ehemaliger SS-Arzt war, ebenso der Boss der italienischen Verbrecherbande sowie ein Vorfahr von Arto, Onkel Pertti. Dieser hat ihm nach seinem Tod ein Vermögen hinterlassen. Arto erkennt, dass dieses Geld von den jüdischen Opfern des Holocaust stammt. Er bleibt jedoch bei der Begegnung mit dem Mörder verschont und wird sogar von ihm gerettet. Er lernt das Motiv der einzelnen Morde bei einem persönlichen Gespräch mit dem Mörder kennen. Die Botschaft "Epivu" ist übrigens griechisch und benennt die Erinnyen, die antiken Rachegöttinnen, die aus dem Totenreich kommend, Rache für begangenes Unrecht begehen.
BRISANTER HINTERGRUND Arne Dahl hat mit seinem Roman ein brisantes Thema in der schwedischen Geschichte und Gegenwart aufgegriffen. Nicht nur berührt er mit dem Holocaust und dem Antisemitismus Tabuthemen innerhalb Schwedens. Mit seiner Story um ein Institut für Schmerzensforschung, in dem SS-Ärzte gnadenlos ihre Experimente an KZ-Häftlinge durchführten, benennt er durch Ergebnisse seiner Recherchen auch einen düsteren Fleck in der schwedischen Geschichte. In Uppsala wurde das erste Institut für Rassenbiologie gegründet, das Vorbild war für das spätere Kaiser-Wilhelm-Institut für Rassenhygiene in Berlin, in dem die menschenverachtenden Theorien entstanden, die viel Leid über Millionen von Menschen brachten.
DIE SPRACHE UND STIL "Tiefer Schmerz" ist ein besonderer Krimi mit Tiefgang. Er widmet sich einem Tabuthema (siehe Abschnitt Brisanter Hintergrund), dass in der schwedischen Öffentlichkeit oft verschwiegen wird. Trotzdem verwendet der Autor an einigen Stellen im Gegensatz zu seinem Kollegen Mankell statt dieser grauen Düsterheit Ironie, ohne das Thema dadurch zu verharmlosen. Ironisch wird es vor allem bei den Beschreibungen der einzelnen Ermittler, die in diesem Buch sehr lebendig erscheinen, da deren Privatleben in die Geschichte einfließen. Jeder bekommt eine besondere Eigenschaft und ein besonderes Aufgabenfeld zugewiesen. Allen voran natürlich Arto Söderstedt, der in diesem Roman die Hauptrolle erhält, auch wenn man dies auf den ersten Blick nicht erkennt, da der Großteil des Buches sich rund um die Ermittlungen seiner Kollegen in Stockholm abspielt. Aber Söderstedt ist direkt von der Geschichte betroffen und muss sich auf Grund der Geschichte seines Onkels neu finden. Der Autor spielt außerdem mit den Identitäten seiner Opfer, die erst am Ende des Romans entschlüsselt werden. Ebenso werden erst auf den letzten Seiten die Fäden des Buches zusammengeführt. Für den Leser bleibt so die Spannung bis zum finalen Ende erhalten. "Tiefer Schmerz" ist ein psychologischer Roman per excellence: Er dringt nicht nur in die Gedanken- und Gefühlswelt der Polizisten ein, sondern auch in die der Opfer wenige Minuten, gar Sekunden vor ihrem Tod.
DER AUTOR Der Name Arne Dahl ist eigentlich ein Pseudonym. Der schwedische, 1963 geborene Autor heißt mit richtigem Namen Jan Arnald. Er ist Doktor der Literaturwissenschaft und lebt in Stockholm. Arnald ist zugleich Herausgeber zweier literaturwissenschaftlicher Zeitschriften und Kritiker bei den "Göteborgs Posten". Außerdem arbeitet er für die schwedische Akademie, die alljährlich den Nobelpreis für Literatur vergibt. Als Krimiautor debütierte Dahl alias Arnald mit dem Roman "Misterioso", mit dem die Geschichte rund um den Sonderermittler Paul Hjelm und die Spezialeinheit bei der Reichskriminalpolizei für Verbrechen von internationalem Charakter ihren Anfang nimmt. Privat ist der Schwede Vater zweier Töchter. Wer die schwedische Sprache beherrscht und sich ein Bild von diesem Autor machen will, dem ist ein Blick auf die persönliche Homepage www.arnedahl.net zu empfehlen.
DAS BUCH "Tiefer Schmerz" erschien 2001 unter dem Originaltitel "Europa Blues". Der Piper Verlag gab das Buch erst vier Jahre später heraus in der Übersetzung von Wolfgang Butt. Bisher ist der Roman nur als gebundene Ausgabe erhältlich. ISBN: 3-492-04714-9 - Preis: 19,90 Euro - Seiten: 411
FAZIT Für dieses Buch gibt es volle Sternenzahl. Spannend bis zum Schluss, mit Tiefgang und Personen, die in einem Sympathie oder Antipathie wecken, weil sie so lebendig beschrieben sind - das haben nur wenige Krimis und zeigt, dass vielleicht die besten Krimis doch aus dem hohen Norden kommen, oder? Kleines Minus: was für ein schreckliches Cover. Ein rot geschminkter Frauenmund. Gibt es dafür Erklärungen?
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26.12.2005 12:31
Ich mag die Krimis von Arne Dahl. Schöner Bericht. Trollige Grüße und eine schöne "Restweihnachtszeit" sowie einen guten Start ins neue Jahr ;-)
21.12.2005 10:25
Besprichst Du die drei Vorgänger auch noch?
09.12.2005 18:28
Das tönt jetzt ganz nach einem Buch für mich.... Danke für den Tipp. Grüssle Jude