Über sich:Der Alltag ist wieder zurück, aber nebenbei erscheint viel Gutes, Blödes oder beides unterhaltsam Ve...
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Der geniale, aber skrupellose Wissenschaftler und Wirtschaftstycoon Robert Doniger hat es geschafft: Er kann Menschen zurück in die Zeit reisen lassen. Dabei bedient er sich der modernsten Erkenntnisse der Quantenphysik, die so kompliziert sind, dass er und sein Team sie zwar anwenden, nicht aber wirklich verstehen können. Die Zeitmaschine entmaterialisiert ihre Passagiere, um sie am Zielort wieder "zusammenzusetzen". Allerdings gelingt dies nicht immer hundertprozentig ... Dank seines Vermögens und seines Einflusses ist es Doniger bisher gelungen, einige hässliche Zwischenfälle totzuschweigen.
Nun setzt Doniger Edward Johnston, Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Yale, von seiner Erfindung in Kenntnis. Johnston arbeitet schon länger für Doniger, der sich als Mäzen der Wissenschaft gefällt, als Leiter einer umfangreichen Ausgrabung. Im Südwesten Frankreichs graben er und ein Reihe weiterer Wissenschaftler und Studenten an den Ufern der Dordogne die mittelalterliche Stadt Castelgard mit ihren beiden Burgen aus.
Johnston kann nicht widerstehen: Welcher Historiker hatte bisher die Möglichkeit, echte Feldforschung zu betreiben? Er lässt sich ins Castelgard des Jahres 1357 schicken. Doch etwas geht schief - die Zeitmaschine kehrt ohne den Professor zurück. Doniger wird nervös; allmählich wird man auf ihn und seine Experimente aufmerksam. Das Verschwinden eines weltberühmten Wissenschaftlers könnte er nur schwer erklären. So schlägt er Johnstons Mitarbeiter vor, mit zwei Zeitmaschinen ihrem Mentoren in die Vergangenheit zu folgen und ihn zu retten. Sie lassen sich darauf ein, obwohl sie ahnen, dass Doniger ihnen einiges verschweigt:
Das ist zunächst jedoch ihre geringste Sorge. Im Jahre 1357 ist der französische Südwesten ein Brennpunkt des Hundertjährigen Krieges mit England. Die Zeitreisenden geraten in die Kämpfe und müssen ihr Heil in der Flucht suchen. Eine der Zeitmaschinen kehrt halbzerstört in die Gegenwart zurück, explodiert und zerstört die Empfangsstation: Bis sie wenigstens notdürftig repariert ist, sind die Retter wie Professor Johnston bis auf weiteres in der Vergangenheit gefangen. Sie versuchen, ihren Auftrag dennoch zu erfüllen, stellen dabei aber rasch fest, dass die Realität des Mittelalters sich stark von der Theorie unterscheidet. Der Professor wird gefunden; er nutzt sein Wissen und hat sich als "Magister" eine gewisse Stellung geschaffen. Doch die Situation bleibt heikel: Ein feindliches Heer nähert sich der Stadt, und die Verteidiger sind uneins und untereinander in schwer durchschaubare Machtkämpfe verwickelt.
Die Zeitreisenden sind ständig auf der Flucht, ohne dass es ihnen die Umstände erlauben, den Rücksturz in die Gegenwart einzuleiten. Neue Schwierigkeiten treten auf, als sich einer der Ritter ebenfalls als Mensch des 20. Jahrhunderts entpuppt. Die technischen Unzulänglichkeiten der Zeitmaschine haben in einen gefährlichen Psychopathen verwandelt, der den Neuankömmlingen nach dem Leben trachtet. Und in der Gegenwart kommt Doniger allmählich zu dem Schluss, dass dem Gelingen seines ehrgeizigen Zeitreise-Projektes nichts schädlicher werden kann als die Existenz von Zeugen, die dessen Unwägbarkeiten bestätigen könnten ...
Die moderne Science Fiction, das darf man vereinfachend wohl sagen, begann mit einer Zeitreise-Geschichte: H. G. Wells "Die Zeitmaschine". Seit 1895 hat sich ein ganzes Heer mehr oder minder begabter Schriftsteller des faszinierenden Themas angenommen. Dennoch kann man angesichts des flankierenden Presserummels um "Timeline" den Eindruck gewinnen, es sei Michael Crichton, der die literarische Zeitreise just erfunden habe. Dieses Phänomen wirft ein bezeichnendes Schlaglicht auf den Status der Science Fiction in der zeitgenössischen Kultur: Allen Bemühungen (und allen Gegenbehauptungen) zum Trotz hausen SF-Autoren und SF-Leser noch immer in jenem Getto, in dem sie seit Hugo Gernsback selig weitgehend unter sich sind.
"Timeline" ist ein Zeitreise-Romane wie tausend andere. Er ist gut recherchiert und wird routiniert erzählt, und es macht Spass, ihn zu lesen, aber vor allem ist er ein Roman von Michael Crichton - und dem ist es gelungen, sich als "normaler" Belletristik-Autor zu etablieren, obwohl er durchaus lupenreine Science Fiction schreibt ("Andromeda: Tödlicher Staub aus dem All" oder die beiden "Jurassic Park"-Bücher seien als Beispiele genannt).
Das Mittelalter (das soll wohl die "Mitte der Zeit" sein, die der seltsame deutsche Untertitel anspricht) ist ein wunderbarer Hintergrund für eine Geschichte, weil uns diese Zeit heute so fremd ist. Ritter in blitzenden Rüstungen und Burgfrauen in wallenden Gewändern mit spitzen Hüten auf dem Kopf - darin erschöpft sich meist das "Wissen" der meisten Zeitgenossen vom Mittelalter. Selbst der größte Ignorant sollte jedoch begreifen, wie unwahrscheinlich es ist, dass Menschen jahrhundertelang in dumpfer Unwissenheit und Aberglaube verharrten. Die Grundlagen dessen, was wir "die Moderne" nennen, wurden im Mittelalter gelegt. Crichton stellt dies heraus; in seiner Geschichte träumen Mönche nicht die ganze Zeit davon, "Ketzer" auf den Scheiterhaufen zu zerren, nehmen Burgfrauen ihr Schicksal selbst in die Hand, statt auf Rettung durch starke Männerhand zu warten, und ist Körperhygiene mindestens ebenso verbreitet wie heute.
Leider macht Crichton trotzdem nicht wirklich viel aus seinem angelesenen Wissen. Seine Geschichte kann an keiner Stelle wirklich überraschen. Sobald die Zeitreisenden im Mittelalter gelandet sind, erschöpft sich die Handlung in einer ellenlangen Verfolgungsjagd. Dazu gibt es viele edle und finstere Ritter, Ränke und Intrigen, Kriegsgetümmel und Schwertergeklirr, düstere Verliese - mit diesen und ähnlichen Attributen arbeitete schon Mark Twain in "Ein Yankee aus Connecticut am Hofe König Arthus'" (1889). Hier scheint (zu) deutlich das Kalkül des routinierten Bestseller-Autoren durch: Crichton schreibt einen Roman immer gleich als Vorlage für ein Filmdrehbuch, und im modernen Hollywood-Kino muss eine Geschichte möglichst einfach sein, damit sie die angeblich so dummen Zuschauer auch begreifen. Hier hat es Crichton sich und allen Beteiligten besonders einfach gemacht: "Timeline" verwendet noch einmal das Handlungsgerüst von "Jurassic Park"; zwischen Dinosauriern und Rittern mag für manchen Zeitgenossen ohnehin kein grosser Unterschied bestehen. (Die Vorbereitungen zur Verfilmung von "Timeline" haben unterdes begonnen.)
"Timeline" profitiert von Crichtons Geschick, komplexe naturwissenschaftliche Themen populär zu vereinfachen und spannend darzustellen. Manchmal hat er aber seine Schwierigkeiten, solche "Vorlesungen" in seine Geschichte zu integrieren. Wahrscheinlich kann nur er es sich leisten, seine Romane mit mehr oder weniger gelehrten Fussnoten zu spicken. In "Timeline" begeht er dennoch den Kardinalfehler, genau erklären zu wollen, wie seine Zeitmaschine funktioniert. Daran haben sich schon klügere Köpfe und bessere Schriftsteller die Zähne ausgebissen; am besten ist es wohl, die Maschine einfach in Gang zu setzen und rasch zur eigentlichen Geschichte überzugehen. Crichton meint ein Hintertürchen gefunden zu haben: die moderne Quantenphysik, die auch Unmögliches möglich macht und die - grosser Vorteil! - nicht einmal die Fachleute wirklich verstehen. Er flicht lange ellenlange Abhandlungen zum Thema ein und präsentiert schliesslich stolz seine Lösung: "Was wir entwickelt haben, ist eine Art des Raumreisens. Um genau zu sein, wir verwenden die Quantentechnologie, um eine orthogonale Koordinatentransformation im Multiversum zu erzeugen." (S. 147) Das klingt recht eindrucksvoll, bedeutet tatsächlich überhaupt nichts und ist "Techno- Bubble", wie er in jeder STAR TREK-Episode zu hören ist.
Auch echte Nachlässigkeiten lassen sich finden. Donigers Darlegungen, aus welchem Grund es keine Zeitparadoxa geben kann, sind schlichtweg Unfug. Plump hat sich Crichton auch des Problems entledigt, seine Zeitreisenden mit der Sprache (vielmehr den Sprachen und Dialekten) des 14. Jahrhunderts vertraut zu machen: Er lässt sie im Schlaf ein Band anhören, setzt ihnen miniaturisierte Simultan-Übersetzer ins Ohr, und siehe da - die Verständigung wirft keine Schwierigkeiten auf, solange man daran denkt, in die Unterhaltung mit den Zeitgenossen hier und da ein "fürwahr" oder "mich deucht ..." einzuwerfen! Kommentar besser überflüssig ...
So bleibt unter dem Strich wahrlich kein Meisterwerk, aber solides "Lesefutter", das ein paar Stunden gut zu unterhalten weiss. Trotzdem sei eindringlich darauf hingewiesen, dass Michael Crichton seinen Zenit als Unterhaltungsschriftsteller wohl überschritten hat. Immerhin gibt es gleichwertigen Ersatz: Philip Kerr heißt er, und er liefert inzwischen eindeutig die besseren Crichton-Romane!
Originaltitel: Timeline (1999) Übersetzung: Klaus Berr Karl Blessing Verlag (gebunden) 572 Seiten EUR 23,00/ DM 44,91 ISBN 3-89667-113-8 Sonderausgabe ebd. (gebunden) 572 S. EUR 12,78/DM 25,00 3-89667-184-7 Wilhelm Goldmann Verlag (Taschenbuch-Nr. 45122) 635 S. EUR 11,00/ DM 22,00 ISBN 3-442-45122-1
(Copyright 24.03.2000; bearbeitet 22.12.2001/Dr. Michael Drewniok)
Ich habe vor ein paar Monaten diesen mir bis dahin noch völlig unbekannten Stoff genehmigt. Für meine Busfahrten genau der richtige Stoff, auch wenn ich jetzt vom Buch 'Illuminati' viel gefesselter bin. Erstaunlich wie gut ich ihren Betrachtungswinkeln in ihrem Bericht folgen konnte. Erst wollte ich selber über dieses Buch einen Bericht schreiben, doch bei 121 vorhandenen Meinungen und dann auch noch so einer gut geschriebenen Meinung braucht glaube ich niemand noch eine. Im Nachhinein muß ich zugeben, dass nichts dolles in der Geschichte steckt, trotzdem habe ich mich beim Lesen gut unterhalten und interessant informiert gefühlt.
Super Bericht. Ich lese das Buch auch gerade, aber was ich mich die ganze Zeit schon frage: Warum schicken die nicht einfach ein paar Leute genau zu dem Zeitpunkt in der Vergangenheit, wo auch der Professor hingereist ist? Die sacken ihn dann einfach ein und hauen wieder ab. Somit wäre das ganze Buch zwar überflüssig, aber das wäre doch die einfachste Lösung, oder?
Liebe Grüße und weiter so!
Jes-Törtchen!
Also erstmal bravo für eine ausführliche und fundierte Meinung, die zwar nicht ganz meiner eigenen entspricht (wie du ja auch schon festgestellt hast), aber dennoch sooo grundverschieden auch nicht ist (Airframe fand ich übrigens auch prima; ich persönlich war von "Enthüllung" eher enttäuscht). Und dann hilf mir doch mal auf die Sprünge: Phlillip Kerr ?? Hmm, komtm mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich von ihm schon etwas gelesen, doch mir will es einfach nicht einfallen. Kannst du mir auf die Sprünge helfen (vielleicht finde ich ja noch ein wenig neues Lesefutter) ? Thanks und bye, Volker. PS: Also nach dem Genuss deiner zwei Buchmeinungen hast du mein Vetrauen mehr als verdient. Ich werde beizeiten noch ein wenig mehr bei dir rumstöbern.
us BerrEin Ausgrabungscamp in Frankreich: Hier befinden sich vier Ruinen aus dem 14. Jahrhundert, Spuren des Hundertjährigen Kriegs. Die Genauigkeit des Aufrissplans ein...
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08.12.2004 19:51
Ich habe vor ein paar Monaten diesen mir bis dahin noch völlig unbekannten Stoff genehmigt. Für meine Busfahrten genau der richtige Stoff, auch wenn ich jetzt vom Buch 'Illuminati' viel gefesselter bin. Erstaunlich wie gut ich ihren Betrachtungswinkeln in ihrem Bericht folgen konnte. Erst wollte ich selber über dieses Buch einen Bericht schreiben, doch bei 121 vorhandenen Meinungen und dann auch noch so einer gut geschriebenen Meinung braucht glaube ich niemand noch eine. Im Nachhinein muß ich zugeben, dass nichts dolles in der Geschichte steckt, trotzdem habe ich mich beim Lesen gut unterhalten und interessant informiert gefühlt.
12.10.2004 13:51
Super Bericht. Ich lese das Buch auch gerade, aber was ich mich die ganze Zeit schon frage: Warum schicken die nicht einfach ein paar Leute genau zu dem Zeitpunkt in der Vergangenheit, wo auch der Professor hingereist ist? Die sacken ihn dann einfach ein und hauen wieder ab. Somit wäre das ganze Buch zwar überflüssig, aber das wäre doch die einfachste Lösung, oder? Liebe Grüße und weiter so! Jes-Törtchen!
23.03.2002 22:10
Also erstmal bravo für eine ausführliche und fundierte Meinung, die zwar nicht ganz meiner eigenen entspricht (wie du ja auch schon festgestellt hast), aber dennoch sooo grundverschieden auch nicht ist (Airframe fand ich übrigens auch prima; ich persönlich war von "Enthüllung" eher enttäuscht). Und dann hilf mir doch mal auf die Sprünge: Phlillip Kerr ?? Hmm, komtm mir irgendwie bekannt vor, als hätte ich von ihm schon etwas gelesen, doch mir will es einfach nicht einfallen. Kannst du mir auf die Sprünge helfen (vielleicht finde ich ja noch ein wenig neues Lesefutter) ? Thanks und bye, Volker. PS: Also nach dem Genuss deiner zwei Buchmeinungen hast du mein Vetrauen mehr als verdient. Ich werde beizeiten noch ein wenig mehr bei dir rumstöbern.