Wenn ich die Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) ein wenig beschreibe, dann komme ich nicht umhin auch die generelle Situation im österreichischen Sozialversicherungswesen zu streifen. Die TGKK bildet einen wichtigen Bestandteil im österreichischen Sozialversicherungssystem.
>> Organisation, Pflichtmitgliedschaft <<
Die Tiroler Gebietskrankenkasse ist eine Gebietskörperschaft öffentlichen Rechts. Oft wird der Status der Eigenständigkeit als Sozialversicherungsträger herausgehoben (Selbstverwaltung = ohne Miteinwirkung von staatlichen Organen). Genauso sind auch die in allen anderen Bundesländern eingerichteten Gebietskrankenkassen völlig selbstständig.
In Österreich ist jeder Arbeitnehmer Pflichtmitglied bei einer Krankenkasse. Wir können also unsere Versicherung nicht frei wählen (wie etwa in Deutschland) sondern wir sind automatisch bei einer Sozialversicherung pflichtversichert.
Wie allseits bekannt sind wir mit unterschiedlichen Krankenkassen reich gesegnet.
Die meisten Versicherten sind jedoch bei den Gebietskrankenkassen Pflichtmitglieder. Der Marktanteil zum Beispiel der Tiroler Gebietskrankenkasse (Stand 2000) liegt innerhalb Tirols bei 79 %.
Weiters gibt es für die Bauern (SVB = Sozialversicherungsanstalt der Bauern), für die Gewerbetreibenden (Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft) wie auch für die Beamten eigene Krankenkassen.
Größere Betriebe haben sich sogar eigene Betriebskrankenkassen (wie Semperit, Austria Tabak, Pengg usw.) eingerichtet.
Als Dachverband der österreichischen Sozialversicherungsträger fungiert der Hauptverband, welcher in Wien eingerichtet ist. Er nimmt aber „nur“ eine Koordinationsaufgabe für die 28 SV-Träger wahr.
>> Wogegen ist man versichert (in Klammer jeweils wie viel in die jeweiligen Bereiche fließen) <<
Pensionsversicherung (59 %)
Krankenversicherung (18 %)
Arbeitslosenversicherung (16 % - ausgenommen von den Arbeitslosenbeitrag sind die Beamten, da sie unkündbar sind)
Unfallversicherung (3 %)
Sonstige Beiträge & Umlagen (4 %)
Von den SV-Beiträgen fließen wieder 97 % an die Versicherten zurück.
>> Finanzproblem <<
Ich möchte hier keine Aufzählung von Finanzpositionen machen, sondern nur das Bilanzvolumen nennen, um die Größe der TGKK zu veranschaulichen. Die TGKK weist immerhin ein jährliches Gebarungsvolumen von ca. 8,5 Mrd. Schilling (=616 Mio. Euro) aus.
Die meisten Krankenkassen leiden, wie auch die Tiroler Gebietskrankenkasse, dass die Ausgaben mehr steigen als die Einnahmen. Die TGKK hat im Jahr 2000 wieder negativ bilanziert. Laut Butget 2001 soll ein Abgang in Höhe von 308 Mio. Schilling anfallen.
Besonders geklagt wird über die stets steigenden Medikamentenkosten wie auch dessen Verbrauch. Auch die Ausgaben für die Vertragsärzte unterliegen unterliegen Steigerungen.
Ab 1997 trägt der Hauptverband der Sozialversicherungsträger für die Krankenanstalten nicht mehr tagesbezogen für jeden stationären Versicherten einen Betrag bei (Pflegegebührenersätze), sondern zahlen pauschal (aufgrund der Beitragsseinnahmensteigerung) in die Finanzierungstöpfe (Länderfonds) ein.
>> Versicherungspflicht versus Pflichtversicherung <<
Wie schon gesagt, mit dem ersten Arbeitstag beginnend ist man Pflichtmitglied einer Krankenkasse.
Ich möchte auch diesen Gesichtspunkt beleuchten, da es in Zukunft sicherlich heftig diskutiert werden wird, ob man die Pflichtmitgliedschaft belassen sollte oder eher aufheben wird.
Was spricht für eine Pflichtversicherung:
- durch vereintes Auftreten kann man größeren
Druck auf die Verhandlungspartner ausüben
- Angehörige sind beitragsfrei mitversichert
(bis zum 31.12.200 waren auch Ehegattinnen
beitragsfrei mitversichert). Die genaue
Definition des Personenkreises welcher nicht
mehr beitragsfrei mitversichert ist, ist dem
Budgetbegleitgesetz zu entnehmen.
- Solidaritätsprinzip = Beiträge richten
sich nach Höhe des Verdienstes und nicht
nach Art und Häufigkeit der Krankheit
- Für alte kranke Menschen gibt es natürlich
keine Beitragserhöhungen
- Keine Werbung um Versicherte nötig (Kosten!!)
- Keine Kündigung des Versicherten bei schweren
und teuren Verletzungen
Was spricht dagegen:
- Junge gesunde Menschen zahlen viel mehr in dieses System ein als sie wieder herausbekommen (besonders Singles!!)
- Es kann sich jeder noch zusätzlich privatversichern (zusätzlicher Aufwand!!)
- Sozialversicherung kann man nicht frei wählen
- Keine Konkurrenz unter den Sozialversicherungsträgern
- Es findet kein freier Wettbewerb unter den SV-Trägern statt
>> Warum zahlt man in Deutschland um einiges höhere SV-Beiträge? <<
Der Grund ist nicht der, dass in Deutschland das Gesundheitssystem so viel teurer ist als in Österreich. Es geht eigentlich um die Finanzierungsart. In Österreich sind die SV-Beiträge bei weitem nicht so hoch wie in Deutschland. Auf der anderen Seite sind die gehaltsabhängigen Steuern (Lohnsteuer) höher als bei unserem Nachbarn.
Dies bedeutet, dass der Staat neben der Sozialversicherung zusätzlich als Erhalter des Gesundheitssystems auftritt. In Deutschland werden zum Beispiel die Krankenanstalten zum Großteil von den Sozialversicherungen finanziert, hiezu wären die österreichischen Sozialversicherungen nicht im Stande.
Versichertenstand der Tiroler Gebietskrankenkasse:
Versicherte: 356.000
Anspruchsberechtigte: 530.000
Mitarbeiterstand 2001: 647
Verträge mit:
- ca. 800 Vertragsärzte in Tirol unter Vertrag.
- ca. 80 private Ambulantorien unter Vertrag
- Private bettenführende Krankenanstalten (es werden Pflegegebührenersätze geleistet).
- alle 12 öffentlichen Tiroler Krankenanstalten eine Deckung der allgemeinen Gebührenklasse gewährleistet ist.
>> Hervorzuhebende Aufgaben der Tiroler Gebietskrankenkasse <<
- Zwischenstaatliche Abrechnung der TGKK
- Regressabwicklung
- Abgeltung für die Rettungsfahrten
- Mitwirkung bei der Einführung der Chipkarte
>> Service der TGKK, Gebäude, Kantine, Homepage <<
In jedem Bezirk Tirols befindet sich zumindest eine Außenstelle.
Die Zentrale hat ihren Sitz in Innsbruck, Klara-Pölt-Weg,
Ich war schon einige Male am Schalter der TGKK, um Auskünfte zu erfragen.
Wobei diese mehrheitlich von jüngeren Frauen besetzt sind. Die Auskünfte waren immer freundlich und auch kompetent.
Das Gebäude der TGKK ist mit einem „Glaspalast“ (=mein Wortgebrauch) zu vergleichen. Es ist ein Leichtbau mit dünnen wänden, im Sommer muss es dort unheimlich heiß werden.
Im 6. Stock befindet sich eine Kantine, wo ich schon öfters essen war. Es wird auch Essen an Berechtigte anderer Institutionen ausgegeben. Bis auf einige wenige Male war das Essen ausgezeichnet.
Seit ca. 2 Monaten hat die Tiroler TGKK eine eigene Homepage. Interessierte können sich sogar bei Angabe der E-Mail Adresse Newsletter zusenden lassen.
http://www.tgkk.at
Auf dieser Homepage sind auch die jeweilige Beitragshöhe (in % vom Monatsbruttolohn) für Arbeiter als auch Angestellte zu entnehmen. Auch die Höchstbemessungsgrundlage ist hier ersichtlich (man zahlt „nur“ bis zu einem bestimmten Bruttoverdienst Sozialversicherung). Ich möchte dies hier nicht nennen, da diese Grenze ständig adaptiert wird.
>> Allgemeine Diskussion in Österreich, Verbesserung des Sozialversicherungssystems <<
In dieser Diskussion geht es darum, ob die Sozialversicherungsbeiträge erhöht werden sollen oder ob man Einsparungen vornehmen und Gebühren erhöhen sollte.
Ich stehe dem ganzen mit gemischten Gefühlen gegenüber. Die rationellste (wenigster Aufwand) Methode ist sicherlich die Sozialversicherungsbeiträge zu erhöhen. Bei einer Gebührenerhöhung in den Krankenanstalten sehe ich einige Probleme. In der Vergangenheit war der Behandlungsbeitrag-Ambulanz (Beiträge für Ambulanzbesuche, S 150,-- bzw. 250,--) in den Medien präsent. Hier handelt es sich nach meiner Meinung um ein administratives Monster, das im Endeffekt nicht die erwarteten Einnahmen bringt.
Sollte es gelingen verwaltungsökonomisch und sozial gerechte (möglichst wenig administrativen Aufwand und einfach durchzuführen) Gebühren einzuführen, dann ist dagegen nicht viel einzuwenden (= unmöglich).
Ich bin dafür klipp und klar dem Bürger zu sagen, dass es nicht umhingeht die Beitragssätze zu erhöhen, da das andere wenig bringt bzw. einen unheimlichen Verwaltungsaufwand bringt (siehe Ambulanzgebührenchaos).
<< Verbesserungsvorschläge>>
Es wird viel gejammert, doch wenig Konkretes vorgeschlagen, welche Verbesserungen man vornehmen könnte.
Ich würde folgendes vorschlagen:
Verbesserung der EDV-Einrichtungen im Besonderen einheitliche EDV-Programme bei den SV-Trägern.
Ich hoffe, dass mit der Chipkarte (Bürgerkarte), dessen Start im April 2003 ist Probleme in diesem Bereich der Vergangenheit angehören.
Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger sollte mehr Kompetenzen erhalten. Eine reine Koordinationsfunktion innerhalb Österreichs und eine Vertretung nach Außen ist zuwenig. Dem Hauptverband muss so viel Kompetenz gegeben werden, um rigoros durchgreifen und Bundeseinheitliche Veränderungen durchführen zu können.
In diesem Zusammenhang merke ich an, dass wir in Österreich 28 verschiedene Sozialversicherungsträger haben. Diese Verwaltungen arbeiten zum Teil doppelgleisig. Bei der Auflösung von kleineren Einheiten und Zusammenlegung würden Synnergien geschaffen. Warum soll eigentlich ein Großbetrieb eine eigene Sozialversicherungseinrichtung benötigen??
>> Leistungsauszahlung, Resumee <<
Ich bin seit 10 Jahren bei der TGKK pflichtversichert, und habe dabei wenig Leistungen (eine ambulante Behandlung, 2 x im Jahr eine zahnärztliche Kontrolle und 4 Besuche beim Hausarzt) in Anspruch genommen. Die Leistungsauszahlung an die erfolgte immer problemlos.
Als gesunder Mensch fragt man sich immer, warum man so viel einzahlen muss, aber im Alter ist man sicher froh darum.
In Summe bin ich froh, bei einer solch großen Versicherung (nach dem Solidaritätsprinzip) Mitglied zu sein. Die Größe der Versicherung verleiht der Anstalt bei den Tarifverhandlungen einen großen Rückhalt und es war auch ihr Bemühen möglichst günstige Tarife auszuhandeln.
Ich bin mit den Leistungen der TGKK zufrieden, obwohl das Leistungsangebot immer mehr eingeschränkt wird (aufgrund der leeren Kassen).
27.05.2006 10:30
sehr ausführlicher und gut beschriebener Bericht...LG, Vanessa
28.05.2001 23:58
WOW, ausführlich :-))
27.05.2001 22:53
Pooaaah...! Hallo der Falke... sehr interessant zu lesen, wie das ganze im Nachbarland funktioniert! Diese Meinung hätte aufgrund der Ausführlichkeit und Mühe, die Du Dir damit gegeben hast ein Supernützlich verdient. Leider gibt es das nicht, also vertraue ich Dir hiermit (das haben noch wenig geschafft mit der ersten Meinung, die ich gelesen habe). Schöne Grüße vom Mondseher :o)