Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
die Zeichnung der Charaktere, ein zeitloses Buch |
| Kontra: |
- |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Richard Bachmann ist King! Stephen King ist Richard Bachmann. Das prangt auf den Taschenbüchern des Heyne-Verlages: "Menschenjagd", "Sprengstoff", "Der Fluch" und... "Todesmarsch" [6,95 Euro z.B. bei Amazon]. Später kamen noch "Amok" und "Regulator" hinzu. Ich muss vorwegschicken, dass ich beileibe kein Jünger von King bin, doch seine Fähigkeit, Menschen in besonderen Situationen nachvollziehbar und glaubwürdig zu skizzieren, zu gestalten, fasziniert mich von Buch zu Buch. Natürlich habe ich "Shining" gelesen, und an "Es" kam ich auch nicht vorbei. Nur bin ich kein Freund all zu dicker Bücher und Stephen King haut eben auch mal 100 Seiten raus, die nicht zwingend notwendig sind. Unter dem Pseudonym Richard Bachmann schreib King 4 Bücher, die erfrischend kurz und dennoch von geradezu erschreckender Tiefe sind. "Menschenjagd" (wurde mit Arnold Schwarzenegger unter dem Titel "Running Man" verfilmt und entspricht dem Original so gar nicht) hatte ich bereits gelesen und fand Idee und Umsetzung genial. Wirklich genial. Ich weiß nicht, was mich all die Jahre abhielt, auch den "Todesmarsch" zu lesen, doch irgendwann war es halt soweit. Eingedenk der Tatsache, dass das Buch 1979 erschien und dieses Jahr sein 25-jähriges feiern könnte, kann ich eine Einschätzung bereits jetzt kundtun: das Buch und seine Geschichte ist zeitlos und teilweise beklemmend real. Und ich befürchte gar, dass die nahe Zukunft uns sozusagen rechts überholt und früher oder später es zu einem vergleichbaren Event kommen wird. Leider.
Der deutsche Titel "Todesmarsch" ist reißerisch und vielversprechend. Und er verkauft sich ... nicht erst, seitdem bekannt wurde, wer Richard Bachmann wirklich ist. Doch dieser Titel verrät meines Erachtens viel zu viel im Vorfelde. Hätte ich nur den Original-Titel "The long walk" gekannt, hätte mich der Verlauf der Story mehr überrascht, und das Erschrecken über das Gelesene wäre größer gewesen.
Denn eigentlich beginnt die Geschichte eher harmlos. Raymond Garraty wird von seiner Mutter bei einem Sammelpunkt abgeliefert. Dort warten schon mehrere Jungs in seinem ungefähren Alter und die Spanne liegt zwischen 12 und 17 Jahren. Das einzig verstörende ist, dass Ray seinen Ausweis abgeben muss und ihn nicht zurück erhält. Ray wusste das, seine Mutter ist indes besorgt. Doch dort angekommen verabschiedet er sich schnell und er findet auch schnell Anschluss bei den anderen Jungs. Sie unterhalten sich locker und zwanglos. Klar, eine gewisse Anspannung ist schon zu spüren und irgendwie gibt es den ein oder anderen Jungen, der jetzt bereits aufgeregt ist. Ray ist es nicht. Na ja - nicht besonders. Er setzt sich zu einer kleine Gruppe und erfährt etwas mehr über den Major, der den Marsch alljährlich einmal durchführt und der dafür sorgen wird, dass es keine Benachteiligungen gibt, dass alles getreu den Regeln verläuft. Eine echte Respektsperson eben und für manche der Jungs sogar Fanal.
Aber sie sprechen auch über den Marsch vom Vorjahr, und dass tatsächlich ein Junge bereits an der Startlinie stehen blieb, keinen Fuss rühren konnte und dann von den Sicherheitskräften rausgenommen werden musste. Oder andere, die wie wild losgelaufen sind und nach nicht mal 20 Meilen so fertig und erschöpft waren, dass der Marsch sich schnell für sie erledigt hatte. Ja es gibt Regeln für den Marsch, aber viel wichtiger erscheinen den Jungs die Hinweise, die sie in den Begleitunterlagen finden konnten, als sie sich beworben haben - für den langen Marsch.
Hinweis 13 lautet zum Beispiel: Kraft sparen, wann immer es möglich ist. Ein guter und einleuchtender Hinweis findet Ray. Und auch McVries, ein anderer Junge und auf seine Art schon ziemlich erwachsen, ermahnt Ray, diese Hinweise sich zurück in das Geächtnis zu rufen, wenn es denn losgeht. Ray hatte die Liste dieser Hinweise nur überflogen und er weiß eigentlich nicht so recht, ob die denn tatsächlich so wichtig sind. Aber er will auf McVries hören. Einige Jungs, so zum Beispiel Hank Olson machen Witze, aber Ray glaubt, dass das nur von der eigenen Anspannung ablenken soll. Pünktlich um 9 Uhr ist der Major dann da und er hält seine lange erwartete Ansprache an die 100 Jungs, die sich für den langen Marsch qualifiziert haben. Danach gibt er jedem der Jungen eine Startnummer und manche dürfen sogar ein Wort mit dem Major wechseln. Und sind stoltz darauf. Jeder erhält eine Wasserflasche und die Tuben mit der ersten Essensration. Das ist Weltraumnahrung, gehaltvoll und nährstoffreich. Und eine Tafel Schokolade! Ray hat die Nummer 47 erhalten. Peter McVries die 61, Hank Olson die 70.
Dann ist es soweit. Alle begeben sich an den Start. Der Major gibt das Zeichen und der Marsch beginnt. Und keiner der Jungs bleibt stehen. Alle gehen los und die Straße ist sowieso bereits seit Tagen für den normalen Verkehr gesperrt worden. Rechts und links der Marschierenden fahren Panzerwagen, die ein bisschen wie Spielzeuggefährte aussehen. Darauf sitzen die Sicherheitskräfte, die aufpassen, dass die Regeln befolgt werden. Und die sind ziemlich einfach. Die Mindestgeschwindigkeit muss 4 Meilen pro Stunde betragen (das sind 6,4 km/h ... schon recht zügig). Die Sicherheitskräfte haben Tracker, mit denen sie die jeweilige Individualgeschwindigkeit jedes Teilnehmers überwachen können. Sollte ein Marschierender langsamer werden, dann erhält er eine Verwarnung. 3 Verwarnungen kann er kassieren, bevor er rausgenommen wird. Und man kann jede Verwarnung wieder ablaufen, indem man eine Stunde ohne Verwarnung bleibt. Wer also bereits 3 Verwarnung hat, muss sich drei Stunden anstrengen...
An der Strecke stehen einige Schaulustige, die sich dieses alljährliche Spektakel nicht entgehgen lassen wollen. Vielleicht hoffen sie auch auf unvernünftige Jungs, die bereits zu Beginn Hinweis 10 vergessen: Sparen Sie ihren Atem. (Sollten Sie Raucher sein, versuchen Sie, es unterwegs zu lassen). Den Gefallen tut keiner der Jungs den Zuschauern und so schaffen es alle hundert an die erste Meilenmarke. Stebbins, der die Nummer 88 hat, fängt sich die erste Verwarnung ein, weil er einfach stehenbleibt. Dann aber geht er locker weiter und McVries klärt Ray auf, dass Stebbins wohl ziemlich clever ist, bereits jetzt seine Grenzen auszuloten. Ray gesellt sich zu einer Gruppe, die zusammen geht. Natürlich ist McVries dabei, Auch Hank Olson, der ständig sarkastische Kommentare abgibt und Ray einwenig nervt. James Baker, der die Nummer 3 hat und Barkovich mit der 4 sind auch dabei.
Nach einigen Meilen ist es soweit. Der erste Junge hat einen Krampf im Unterschenkel. Und er kassiert seine erste Verwarnung. Ray und seine "Kumpels" drehen sich um und marschieren rückwärts weiter. Ungläubig sehen sie mit zu, wie der Junge seine zweite und dritte Verwarnung kassiert. Natürlich will er jetzt noch nicht raus. Er humpelt weiter und weint dabei, er kämpft, aber er ist zu langsam. Die Sicherheitskräft sind bei ihm und nach weiteren 20 Sekunden ist es soweit. 3 der Sicherheitskräfte gehen auf den auf den Asphalt liegenden und weinenden Jungen zu, heben ihre Karabiner und erschießen ihn.
Die Jungs, die das sehen, sind doch geschockt. Und das ist der Moment, dass es auch den Leser erwischt. Ja - wer verliert, stirbt. 99 Jungs werden sterben und nur einer, der letzte, gewinnt den Preis: alles, was er sich wünscht, für den Rest seines Lebens.
Aber ist es das wert?
Ab diesem Moment wird aus dem Long Walk ein Todesmarsch, und hier beginnt Stephen King eine Tour der Leiden, denn natürlich sind die Jungs unterschiedlich und jeder geht anders mit der Gefahr, der Endgültigkeit, um. 4 Meilen pro Stunde. Einmal am Tag eine Essensration. Aber Wasserflaschen so oft man mag. Man muss nur selbst danach rufen. Ray wird es noch einige Male schaffen und sein Ruf lautet: Neue Flasche für Nummer 47!
Die Regeln sind klar. Einige Hinweise gibt es gratis dazu - Hinweis 3: Keine Sportschuhe tragen. An dieser Grundkonstellation entlang zieht sich die Story vorwärts, und King/Bachmann zeichnet seine Figuren, die bislang nur Umrisse haben, in den folgenden Seiten vollkommen aus. 320 Seiten werden es sein, doch am Ende hat man ein Buch gelesen, wie es erschreckender und zugleich wahrscheinlicher nicht sein kann. Der Autor zeichnet die einzelnen Gründe, vermeintlichen Motivationen, sich freiwillig dafür zu melden, für einen langen Gang zum unausweichlichen Ende.
Nicht über alle 100 Jungs werden wir einiges erfahren, dafür alles - wirklich alles - über einige. Natürlich über Ray, der ohne Zweifel ein lieber Junge ist, aber ohne Ziele und vielleicht ein bissl naiv. Peter McVries ist schlau, und er ist sarkastisch veranlagt. Natürlich nicht so sehr wie Hank Olson, der sich vom Schlaumeier zur tragischen Figur wandeln wird. Barkovich ist einfach nur ein schizophrenes Arschloch. Aber wie im Leben, so auch beim Marsch, muss es wohl solche geben. Stebbins hat seine ganz persönliche Motivation, doch erfahren wir die erst kurz vor dem Ende. Pearson, Abraham (Nummer 2) und Scramm, der als einziger trotz seiner jungen Jahre bereits verheiratet ist, sich professionell vorbereitet wird und damit bei den Buchmachern Favorit Nummer 1 ist.
Ray ist in Maine aufgewachsen und der Marsch startet in Maine. Eine lange Zeit wird er einen gewissen Heimvorteil genießen können. Die Plakate am Rande weisen ihn als "Maines Stolz" aus, aber der Punkt wird kommen, da ihm das egal sein wird.
Hinweis 12: Sportsocken verwenden! Jeder Jogger/Walker/Wanderer weiß so etwas natürlich. Mancher Junge muss erst qualvoll erfahren, was falsche Socken oder Schuhwerk ausmachen. Aber das sind die tragischen ersten Ausfälle, die unweigerlich passieren, und die nichts sind im Vergleich zur späteren (um viele Meilen späteren) Entwicklung.
Zwischen einigen von den Jungs bilden sich Zweckgemeinschaften, die fast schon Freundschaften sind. Und die zwerbrechen werden, je näher sie dem Ziel kommen. Die Jungen sprechen über Gott und die Welt, über Religion, Politik, aber kaum über den Marsch. Noch verdrängen sie die tödliche Wahrheit, die sie umgibt, die hinter ihnen her ist, die ihre Füße lähmt, und die die Schmerzen bringt. Sie träumen von Sex, den sie noch nicht wirklich erlebt haben oder einer Schuld, die sie treibt. Sie streiten sich, sie verzeihen sich, helfen sich... noch.
Sie pinkeln im Rückwärtsgehen. Später, als sie bereits so weit sind, dass die Muskeln so taub, die Gelenke so eingerostet und die Kraft so knapp ist, um sich zum verrichten der Notdurft hinzuhocken, da kacken sie im Gehen und lassen es in der Hose am Bein herunter rutschen. Zu dem Zeitpunkt sind ihre Füße nur noch eine traurige Mischung aus Haut, Knochen, Blut und Eiter. Die Schuhe werden durchgelaufen sein. Die Socken haben sich aufgelöst. Mancher wird die Schuhe wegschleudern und wird es barfuß versuchen. Weiter - nur weiter.
Die Jungs sprechen über Golgatha und W.C. Fields und verdrängen die wirklichen, ihre, jetzigen Probleme, bis sie nur noch aus Leiden bestehen. King zeichnet die Charaktere mit Tiefe und als Leser verschlingt man jede Zeile. Sicherlich, man könnte 20 Seiten weiter blättern und würde sich sofort wieder zurecht finden, doch jede Zeile in diesem Buch ist es wert gelesen zu werden. Und man leidet mit den Jungs, denn längst hat man einige ins Herz geschlossen, hasst andere genau wie die Jungen, die man mag und denen man das Überleben wünscht. Und im Hinterkopf weis man immer, dass nur einer überleben wird. Und so ist es wie ein kleiner, eigener Tod, wenn die Person, mit der man selbst gefiebert hat, sich die dritte Verwarnung einfängt und erlöst wird, irgendwann ist es wie eine Erlösung. Denn die Jungen werden in diesem Marsch zu Männern und sie laufen durch Maine, durchqueren New Hampshire, schaffen Massachusetts und werden Boston doch nicht erreichen. Aber bis dahin werden sie fast 500 Kilometer gelaufen sein, traurige 500 Kilometer.
Selten hat mich ein Buch so beeindruckt wie dieses. Eindringlich, spannend, erschreckend. Und noch mehr. Eine Empfehlung in allen Punkten. Selbst die Weisheiten der Jungen, die als Männer oder als Memmen sterben, sind es wert gelesen zu werden. Und so möchte ich schließen mit den Worten von Hank Olson:
Es gibt drei große Wahrheiten auf dieser Welt, und diese sind: ein gutes Essen, ein guter Fick und ein guter Stuhlgang.
Recht hat er.
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© FlatArt 2004
| weitere Erfahrungsberichte |
Hundert kleine Negerlein...
Bewertung für Todesmarsch / Richard Bachman, Stephen King von
telimo
Pro: sehr spannend, fesselt den Leser, hintergründig sozialkritisch
Kontra: ---.---
Dieser Bericht handelt wieder von einem Stephen King Buch, das allerdings unter Kings Pseudonym Richard Bachman veröffentlicht wurde. Es ist schon eine Weile her, dass ich dieses Buch gelesen habe, die Handlung und hintergründigen Ideen dieses Buches si ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
28.02.2002
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Mein Favorit des Pseudonyms Richard Bachmann
Bewertung für Todesmarsch / Richard Bachman, Stephen King von
F.V.Fellhauer
Pro: s.u
Kontra: s.u
Dieses Buch, das Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachman veröffentlichte, zählt für mich, und nicht nur für mich, zu den besten Büchern, die er geschrieben hat. Warum. Das möchte ich hier schildern:
KURZE INHALTSANGABE
Das Buch spielt in ...
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sehr hilfreich
21.06.2001
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I'm walking, yes indeed..
Bewertung für Todesmarsch / Richard Bachman, Stephen King von
pamelap
Pro: die Idee?
Kontra: die Umsetzung...
Wortwechsel im Hause TeaJay / pamelap:
„Du musst UNBEDINGT „Todesmarsch“ lesen!“
„Nee, so was Stumpfsinniges lese ich nicht!“
„Isses nicht!“
„Das ist von Stephen King!!“
„Gar nicht, da ...
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sehr hilfreich
24.08.2001
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Sadismus
Bewertung für Todesmarsch / Richard Bachman, Stephen King von
Planck
Pro: spannend, Anspruch für das Genre überdurchschnittlich
Kontra: fällt mir momentan nicht ein
Sezierte Barbarei
Wenn ein Autor auf über dreihundert Seiten einen Zeitraum von fünf Tagen beschreibt, ohne dabei den Spannungsbogen zu lockern und er dem Leser quälend langsam und minutiös die eigenen verdrängten Ängste und Phantasien kunstvoll auf ...
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sehr hilfreich
11.08.2001
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Mister "ES" kann noch besser!
Bewertung für Todesmarsch / Richard Bachman, Stephen King von
corinna_ziva
Pro: faszinierend aufgezogen mit ebenso faszinierenden Charakteren
Kontra: (dazu fällt mir erst was ein, wenn die erste, grenzenlose Begeisterung abgeflaut ist*g*)-- (15.10.02:)Falsch! Habe nicht ein Fünkchen Kritik. Immer noch nicht.
Oh ja! Denn wenn Stephen King unter seinem Pseudonym Richard Bachmann schreibt, dann wird aus Horror-King Psycho-King und der gefällt mir sogar noch ein bisschen besser als Ersterer!
Aber kommen wir zur Sache, diesmal etwas schneller als sonst STOP ...
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sehr hilfreich
09.01.2002
(16.10.2002)
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