Es ist so verdammt schwierig dieses Thema sachlich und neutral anzugehen. Wobei
die Frage gestattet sein muss, warum ich oder jemand dabei sachlich bleiben soll.
Emotional zu reagieren ist ja letztendlich eine natürliche Form der Reaktion.
Hinrichtungsarten, Geschichte und weltweite Verbreitung der Todesstrafe möchte ich nicht
behandeln. Mir geht es in erster Linie um die moralischen, vielleicht noch die
rechtlichen Aspekte, von denen ich aber nur laienhaftes Wissen besitze.Um kurz auf die drei Punkte einzugehen: Die Hinrichtungsarten sind in den letzten
200 Jahren dahingehend geändert worden, dass sie humaner und schmerzfreier für
den Delinquenten sein sollten. Schnell, schmerzlos, ohne öffentliche Demütigung und
Folter, was früher eben dazugehörte, damit es besonders abschreckend war.
Außerdem wurde der damals so wichtige Aspekt der öffenlichen Ausführung abgeschafft.
Weltweit schaffen immer mehr Staaten die Todesstrafe ab. In vielen Ländern gibt es sie noch offiziell, aber die tatsächliche Ausführung wurde gestoppt.
Die Länder, von Japan und meinetwegen den USA abgesehen, die auf der Welt-
karte zu finden sind, die noch aktiv die Todesstrafe vollziehen, sind auch nicht
gerade die klassischen paradiesischen Staaten, die schon bei Nennung ihres
Namens sympathische Gefühle wecken.
Der letzte Staat in Europa, der die Todesstrafe anwendet, Weißrussland, ist gleichzeitig die letzte Diktatur auf diesem Kontinent.
Warum gibt es diese Tendenzen? Ich kann nur Vermutungen anstellen:-Die Befürwortung der Todesstrafe ist bei den Bewohnern vieler Länder drastisch
zurückgegangen und drängt dadurch auch andere Staaten sie wegen ihrer
zwischenstaatlichen (Handels-)Beziehungen abzuschaffen.
Für eine EU-Mitgliedschaft ist es z. B. unerlässlich.
-Lt. Wikipedia hat eine russische Zarin bereits 1741(!!) in ihrem Reich die
Todesstrafe abgeschafft. Nach anfänglicher Sorge wurde zu vieler Leute
Verwunderung festgestellt, dass die Kriminalität danach n i c h t anstieg.-Die Kosten der Todesstrafe sind höher als die einer Inhaftierung des Täters.
-Und natürlich - "moralische Gründe"....tja, aber was ist Moral in diesem Falle?_______________________________________________________________
Die Moral entspricht wohl immer auch dem vorherrschenden Zeitgeist. Es kann ja
durchaus wieder eine Zeit kommen, wo Milde gegenüber einem Schwerverbrecher
als unmoralisch gelten wird. Wo doch durch den Tod von Kriminellen eine Auslese
erzielt wird (Wird es das wirklich?).Der Philosoph Immanuel Kant hat Ende des 18. Jahrhunderts noch argumentiert,
dass der Tod eines Menschen auch den Tod seines Mörders erfordere. Das wird
vielen Befürwortern gewiss gefallen. Für jemanden, der ein uneheliches Kind
ermordete, wollte er diese Strafe aber nicht - es war ja nicht "rechtmässig gezeugt"
gewesen. Diese Haltung würde wohl heute niemand mehr akzeptieren.
Bei vielen Befürwortern findet man damals wie heute ein gespaltenes Verhältnis
zur ihrer eigenen Meinung. In früheren Jahrhunderten war der Henker zwar ein
gefürchteter Mann mit besonderen Vorrechten und oft war er auch wohlhabend.
Aber nie war dieser Mann angesehen oder auch nur respektiert. Außerhalb der
Stadt oder Gemeinde, mit von weitem sichtbarer auffälliger Kleidung, musste er sein Leben fristen. Ein Beamter und Gesetzeshüter, aber ein Ausgestoßener.
Hat sich das in der Gegenwart geändert? Nein. Mindestens eine Platzpatrone bei
Erschießungskommandos, mehrere Knöpfe, die von verschiedenen Leuten
gedrückt werden, bei tödlichen Injektionen....Der Gerechtigkeit muss Genüge
getan werden, aber keiner will es machen.
(Okay, es gibt immer Leute, die sowas gerne machen würden. Aber aus
verständlichen Gründen möchte man solche Perversen nicht mit einer
amtlichen Handlung betrauen.)
Wer möchte als Nachbarn einen Henker haben? Wer lädt ihn zur Gartenparty ein?
Wer gibt ihm seine liebreizende Tochter zur Frau?
Gut, aber lassen wir das. Diese Geschichte ist am Rande interessant, aber hat
mit der Moral nicht direkt etwas zu tun. Höchstens mit Scheinmoral.
Es gibt ja durchaus Argumente, die man für die Todesstrafe anführen kann:
Ein häufiges Argument der Befürworter ist das Bibelzitat "Auge um Auge, Zahn um Zahn". Tja, zu seiner Zeit war das ein erstaunliches und sicher umstrittenes Gebot.
Man stelle sich vor: Jemand tötet jemanden aus deiner Familie und Du tötest auch
nur einen aus seiner. Du löscht nicht seinen ganzen Clan oder Stamm aus, so wie
es ja als üblich, sinnvoll und gerecht angesehen wurde!
So hart diese Regel uns heute erscheint. Damals war es eine der ersten Regle-
mentierungen, dass Gerechtigkeit mit Augenmaß erlangt werden muss, nicht
mit exzessiver Gegengewalt. Wo doch eigentlich nur die Auslöschung der Täterfamilie spätere Blutrache verhindern konnte.
Ein erstaunlich früher Anfang für eine ausgewogenere Rechtsprechung, auch
wenn wir das heute kaum noch so sehen können.
Wir haben uns in den letzten Jahrhunderten doch ziemlich entwickelt.Schwierig ist es auch, gegen eine Todesstrafe für besonders schreckliche Taten
zu argumentieren. Kinderschänder, Kindermörder, Vergewaltiger....
Würde ich mit dem Vater eines mißbrauchten und ermordeten Kindes Auge in Auge
darüber diskutieren wollen, warum der Täter in Haft und therapiert werden muss,
statt ihn einfach mit einem Knüppel zu erschlagen? Nein, dieses Gespräch
könnte ich nicht führen. Nicht in den Wochen und Monaten nach der Tat und wohl
auch nicht, bevor der Vater selber in einer Therapie war, um ihm irgendwie in
seinem Schmerz beizustehen...falls das hilft.
Bestenfalls würde ich mich trauen ihm einen Brief zu schreiben, irgendwann später.
In diesem Brief würde ich dann, mit Formulierungen die mir jetzt beim besten Willen noch nicht einfallen, versuchen ihm zu vermitteln, dass es sich bei dem
Täter um einen kranken, von einem unsteuerbaren Trieb befallenen Menschen
handelt, der selber auf Hilfe dringend angewiesen ist und dem man leider nicht
rechtzeitig beigestanden hat.
Ich bezweifle aber, dass dieser Brief tröstlich für ihn wäre
oder auch nur einen Teil des Hasses auf den Täter mindern kann.Aber das genau ist mein Argument, warum er in Haft und Therapie muss:
Er k o n n t e nicht anders! Niemand sucht es sich aus, ein Kinderschänder zu sein.
Darum heißt es "Triebtäter" (ungefähres Zitat von Volker Pispers).
Versucht euch einen Moment in die Situation dieses Täters zu versetzen (schwierig,
ich weiß): Wenn er auch nur einen Hauch von Mitmenschlichkeit besitzt, wird er
sich nach der Tat selber absolut widerwärtig fühlen.
Es kann keinen Täter geben, der an so einer Tat echte Freude empfindet. Ich kann es mir jedenfalls nicht vorstellen. So schwarz-weiß sind Menschen nicht.
Stellt euch vor, wie sich nach eurer Verhaftung alle (Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen) von euch endgültig und mit tiefster Abscheu abwenden. Die Tortur für eure Familie, die direkt aus der Stadt fliehen muss....
Was ich sagen will: Niemand plant so eine Täter-Karriere, oder?Gut, noch einmal zu Moral und Doppelmoral:
"Todesstrafe für (Tierquäler und) Kinderschänder", kann man hier seit einiger Zeit
in einigen Ciao-Berichten lesen. Der Teil, der nicht in Klammern steht, ist ein
Slogan, den man bei der NPD als T-Shirt oder Aufkleber ordern kann.
Das nur als kleiner Hinweis, wo welcher Slogan herkommen kann...
Dann gibt es da noch die anderen. Die im TV Kampagnen starten, dass Männer,
die bei sich selber entdecken, dass sie sich sexuell für Kinder und zu junge
Menschen interessieren, sich bei einer Hilfe-Hotline melden können, b e v o r
sie etwas Schreckliches anstellen.Moral und Doppelmoral....Die einen, die versuchen im Vorfeld ein schreckliches
Verbrechen zu verhindern. Hochachtung vor diesen Leuten! Hochachtung auch
vor denen, die sich dort freiwillig melden, um sich rechtzeitig helfen zu lassen.
Das muss verdammt schwierig sein, sich und anderen diesen Trieb einzugestehen
Dann die anderen, die sich bereit erkären, n a c h dem Verbrechen den Täter mit dem schimmernden Schwert der Gerechtigkeit niederzustrecken. Wie eben schon mal geschrieben: Es finden sich immer welche, die an sowas Spaß haben.
Im Namen des Rechts eigenhändig jemanden töten. Mordsspaß und sogar legal.
Nur um das Schreckliche im voraus zu verhindern..dafür haben sie nix getan.Die meisten Befürworter wären wahrscheinlich entsetzt, wenn sie selber der
Henker sein sollten. Zu sagen "Ich kann das" ist recht einfach, aber vermutlich ist
es entsetzlich schwierig für einen normal moralischen Menschen, das zu tun.
So, der Text ist schon recht lang. Hier noch einige Argumente und Gegenargumente-Wenn die Hinrichtung teurer ist als lebenslange Haft, dann muss das mit der
Exekution eben schneller und billiger gehen.
(Ich hoffe nicht. Nach einer schlimmen Straftat ist der Druck auf die Polizei durch
die Öffentlichkeit so groß, dass mir "schnelle Ergebnisse" Angst machen.)
-Der Staat muss das Recht haben, Schwerverbrecher auszulöschen
(Ich finde der Staat muss! besser sein als die Verbrecher, die er bestraft. Da
scheidet die Todesstrafe einfach aus, finde ich.)-Und was ist mit der Hinrichtung eines Diktators, um weiteres Blutvergießen zu
verhindern. Wie 1989 an Nicolae Ceausescu durchgeführt, um den Bürgerkrieg
in Rumänien zu beenden?
(Tja, hier versagt meine hohe Moral. Ich bin gegen die Hinrichtung, aber ich wäre
auch gegen die hunderte oder tausende Tote gewesen, die die Geheimpolizei
beim Weiterkämpfen wohl ermordet hätte. Ich bin einfach ratlos...)
Abschließend sind mir noch 2-3 Dinge wichtig. Vielleicht ist es für mich zu einfach,
hier eine Meinung zu vertreten; zu bequem. Ich bin/war weder Täter noch Opfer und
vielleicht ist meine Einstellung entsprechend schlicht, ohne die eigene Erfahrung,
die ich hoffentlich nie machen muss.Ich hoffe immer noch, dass unsere Rechtsprechung den Tätern die Möglichkeit zur
Einsicht in ihre Verfehlungen und zur Reue und teilweisen Wiedergutmachung gibt.
Ich hoffe, dass unsere Rechtsprechung den Opfern und Hinterbliebenen das
Gefühl gibt, dass ihnen und dem Täter Gerechtigkeit widerfahren ist. Auch wenn ich hier gegen die Todesstrafe argumentiert habe, will ich keines-
falls die Diskussion über das Thema mit einem "Basta" abwürgen.
Mir ist es wichtig, meine eigene Einstellung immer wieder mit den Argumenten
der Befürworter vergleichen zu können.
Ich glaube zwar im Recht zu sein, aber die meisten Befürworter haben sicherlich
das Beste für den Schutz ihrer Mitmenschen im Sinn. Das will ich ihnen keines-
falls absprechen.
Trotzdem bin ich sicher, dass nach einer Wiedereinführung der Todesstrafe viele
Befürworter bald Situationen mitverfolgen müssten, die ihnen selber zutiefst
zuwider wären.Allen einen großen Dank fürs Lesen dieses langen und wohl unangenehmen Textes.
Oft habe ich schon bemerkt, dass Leute meine Texte mit einer anderen Betonung
lesen, als ich sie beim Schreiben im Kopf hatte. Dadurch entstehen dann schnell
Missverständnisse, die ich eigentlich vermeiden wollte.
Ich hoffe, es fühlt sich niemand durch meinen Text beleidigt, dann hätte ich ihn falsch geschrieben.
Ich freue mich auf nette und harte Kommentare und Fehlerberichtigungen, falls ich irgendwo was falsch geschrieben habe.
27.10.2010 20:26
"Die Moral entspricht wohl immer auch dem vorherrschenden Zeitgeist" Mit dieser Formulierung triffst du es vermutlich sehr genau. Ich selbst sehe mich hier genau so wie du als konsequenter Gegner der Todesstrafe. Zum Thema Scheinmoral fällt mir noch die alte Frage ein: Warum wird bei Hinrichtungen durch die Giftspritze eine sterilisierte Nadel verwendet? In einem Punkt muss ich dir allerdings widersprechen: "Niemand sucht es sich aus, ein Kinderschänder zu sein." Das sehe ich anders. Niemand sucht sich aus ein Pädophiler zu sein, aber diesem Trieb nachzukommen oder nicht liegt immer noch im freien Entscheidungsvermögen. Es gibt schon seit zig Jahren Medikamente, die den Sexualtrieb ausschalten, quasi eine Art umgedrehtes Viagra. Pädophile, die sich wegen ihrer sexuellen Neigung beim Psychiater melden, können solche Medikamente problemlos bekommen. Es kann also kein Kinderschänder behaupten, dass er "gezwungen war" zum Täter zu werden. Auf ein häufig angeführtes Argument für die Todesstrafe könnte man am Ende noch eingehen: "Wenn deine Frau oder dein Kind von einem Triebtäter missbraucht und getötet wird, würdest du diesen Mann dann nicht tot sehen wollen?" Meine Antwort auf diese Frage lautet: "Vermutlich ja, aber wäre ich dann noch objektiv?" Wirklich beeindruckend an deinem Bericht finde ich allerdings, dass du mit Nicolae Ceausescu selbst ein Beispiel nennst, auf welches dir keine "bessere" Lösung einfällt, und deine Meinung am Ende ausdrücklich nicht als einzig Richtige darstellst. Zu so einer Haltung sind leider die wenigsten Menschen fähig!!! Nur die Formatierung des Berichtes solltest du noch einmal überarbeiten, die zahlreichen Zeilenumbrüche wirken beim Lesen doch recht störend.
26.10.2010 23:49
In der Verfassung des Landes Hessen ist die Todesstrafe bis heute immer noch verankert. Oberpeinlich, dass es kein Politiker für nötig hält, dort mal aufzuräumen.
26.10.2010 22:45
ein interessantes Thema