C'est fini.
28.07.2002
Pro:
Spannung überall . . .
Kontra:
nur nicht im Kampf um gelb .
Empfehlenswert:
Ja
 julian.k
Über sich:
Mitglied seit:12.08.2001
Erfahrungsberichte:18
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 54 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Seit ungefähr 4 Stunden ist sie zu Ende: Die 89. Tour de France. Nach 20 Etappen, eine schwerer als die andere, haben gut 150 der ursprünglich 189 gestarteten Fahrer das Ziel auf den Champs Elysées in Paris erreicht. Für mich bestimmte diese Tour drei Wochen lang meinen Tagesablauf: Jeden Tag zwischen ca. 13:00 und 17:00 war ich vor dem Fernseher anzutreffen, um ihren Verlauf zu verfolgen. Langweilig? Nein!! Auch wenn Lance Armstrong von Anfang an als Sieger feststand gab es genug Spannung. Le maillot à pois – Das Bergtrikot ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Dank der Wertung des Bergtrikots konnten wir einen Laurent Jalabert erleben, der hunderte von Kilometern, vor allem in den Pyrenäen und den Alpen, weit ab von den Favoriten auf den Gesamtsieg, dem Ziel entgegen fuhr. Ein grandioses Ende für eine Radfahrerkarriere. Dass er nebenbei noch die rote Startnummer für den kämpferischsten Fahrer einsteckte war eigentlich Nebensache, die Taten, die ihm dazu verhalfen, brachten ihm allerdings den Respekt des gesamten Fahrerfeldes ein. Und die Liebe von Millionen Franzosen, die ihren „Jaja“ nun um so mehr vermissen werden wenn er sich im Ruhestand befindet. Dass Jalabert letztendlich keine Etappe gewinnen konnte, da er regelmäßig am letzten Anstieg einbrach und sich von einigen Fahrern überholen lassen musste, führte dazu, dass er sich in der Gesamtwertung mit Platz 42 zufrieden geben musste. Trotzdem hat und Jaja eine großartige Show geboten. Le maillot vert – Das Sprintertrikot ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Dank der Wertung des Sprintertrikots konnten wir einen bis auf den letzten Meter der Tour spannenden Zweikampf zwischen meinem persönlichen Favoriten Erik Zabel und dem Australier Robbie McEwen erleben. Dass man nun auf den ersten Blick einen klaren Sieger McEwen mit 19 Punkten Vorsprung auf Zabel sieht, verzerrt den Sachverhalt. Bis heute morgen trennte die beiden ein einziges mageres Pünktchen, zeitweise waren sie sogar punktgleich, so dass der geneigte Fernsehzuschauer mit den Finessen des Tour-Regelwerkes bekannt gemacht werden musste, das auch auf solche Fälle vorbereitet war und so dem Australier das Trikot bescherte. Zum Schluss konnten wir zum Glück aber auf diese Details verzichten, da der Kampf ums „maillot vert“ durch Taktik und körperliche Leistung entschieden wurde. McEwen zeigte mehrmals, dass er dieses Jahr im Spurt einfach schneller ist als Erik Zabel, zudem bewährte sich die schwerfällig-unflexible Taktik des Telekom-Teams nicht. Regelmäßig fuhr man den Sprint für Zabel von der Spitze des Feldes an, übernahm alle Arbeit, ging Lehrbuchmäßig Fahrer für Fahrer aus dem Wind, bis an letzter Stelle Zabel dastand und den Sack nur noch zumachen musste... wenn da nicht Robbie McEwen gewesen wäre, der bis zu diesem Zeitpunkt vom Windschatten Zabels profitiert hatte und jetzt nur noch daraus hervortreten musste um die verschiedensten Sprintwertungen für sich zu entscheiden. Erik Zabel konnte auch nicht von seiner Fähigkeit, in einer angemessenen Zeit über die Alpen- und Pyrenäenpässe, egal welcher Kategorie, zu kommen, profitieren, so dass er schließlich McEwen zu dessen Erfolg gratulieren musste. Vielleicht sollte man sich im Team Telekom einmal Gedanken machen, ob Erik Zabel nicht mittlerweile fähig ist, selbst in einer Ausreißergruppe Sprints oder gar Etappen zu gewinnen, denn ein reiner Sprinter ist er offensichtlich nicht mehr. Oder man sollte sich einen Fahrer besorgen, der es schafft, das Hinterrad Zabels für sich zu beanspruchen und so anderen Sprintern diesen Windschatten zu nehmen. Oder Erik Zabel sollte über einen Teamwechsel nachdenken... Le maillot jaune – Der Gesamtbeste ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Kommen wir zum langweiligen, gewöhnlichen, eintönigen, aber letztendlich alles entscheidenden Teil der Tour de France: Zum gelben Trikot. Wenn überhaupt nach dem starken Auftreten eines gewissen Texaners am ersten Tag der Tour noch irgendein Zweifel daran bestanden hatte, wer dieses Jahr in gelb auf den Champs Elysées würde einfahren dürfen, dann wurde dieser bei der ersten Pyrenäenetappe ausgeräumt. In einem Tempo, dem immer weniger Fahrer folgen konnten, flog Armstrong die Berge quasi hinauf und hängte regelmäßig am letzten Anstieg selbst seine härtesten Verfolger (falls dieses Adjektiv berechtigt ist) Joseba Beloki und Raimondas Rumsas ab. Von Igor Gonzalez Galdeano, zwischenzeitlich Träger des gelben Trikots, war wenig zu sehen, so dass alle Hoffnungen, es möge doch nach drei Jahren einmal jemand anders die Tour gewinnen früh zerplatzten. Da Lance Armstong offensichtlich einfach nie einen „schwachen Tag“ hat und niemand anders fähig ist, ihm auf Dauer zu folgen (von Angriffen möchte ich gar nicht reden) scheint aber auch für die nächste Zeit kein Licht am Ende des Tunnels zu erscheinen. Nicht dass Armstrong kein würdiger Sieger wäre oder dass er kein netter Mensch wäre. Nein, er ist einfach zu gut und zu nett für meinen Geschmack. Immer höflich zu allen anderen Fahrern, nie kämpferisch oder gar bösartig, stellt er mit Vorliebe die Stärken seiner Gegner heraus und sein eigenes Licht schon fast unter den Scheffel. Ich persönlich bevorzuge eher jemanden, der hinterlistig und fies ist, im ungünstigsten Moment für seine Gegner angreift und jeden Sieg für sich beansprucht. Fairness ist gut, aber zu viel Fairness ist schlichtweg langweilig. Eine gewisse Hoffnung gibt es aber trotz allem: Lance Armstrong ist (falls ich daneben liege möge man mir widersprechen, sicher bin ich mir nicht) auch nur ein Mensch. Somit ist er einem gewissen Alterungsprozess unterworfen, der dazu führen wird, dass „Big Tex“ vielleicht noch ein, zwei, mit Glück auch noch drei oder vier mal die Tour dominieren und gewinnen kann, danach wird er sich jedoch zur Ruhe setzen müssen oder zwangsläufig in die hinteren Platzierungen abrutschen. Ich denke er wird das erstere vorziehen. Somit ist eine Dominanz über Jahrzehnte hinweg, wie z.B. im Fussball von Mannschaften wie dem von uns allen heiß geliebten FC Bayern, nicht möglich, und die Tour wird in ein paar Jahren wieder richtig spannend werden. Außerdem kommt nächstes Jahr ja schließlich Jan Ullrich zurück, nach überwundenen Problemen mit Motivation, Gesundheit und Drogen stärker denn je. Ähnlich in der Wirkung wie die Überwindung von Hodenkrebs. Ganz bestimmt! Les Equipes – Die Teams ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Die Teamwertung ging in diesem Jahr an ONCE, die Mannschaft die mit Joseba Beloki, Igor Gonzalez Galdeano und José Azevedo drei Fahrer in den ersten zehn Rängen im Gesamtklassement platzieren konnte, auch wenn die zunächst scheinbar geplante Doppelstrategie, mit Beloki und Galdeano gegen Armstrong vorzugehen, nicht aufging. Zudem fiel selbstverständlich US Postal unter Lance Armstrong auf. Mit Fahrern wie Roberto Heras, der, würde er es darauf anlegen, wohl selbst fähig wäre, große Rundfahrten für sich zu entscheiden, kann man eine Tour de France ja kaum noch verlieren. Traurig ist, was aus dem einst so großartigen Team Telekom geworden ist. Nur in den seltensten Fällen konnte man Akzente setzen, erst in der letzten Tourwoche begann man, Fahrer in Ausreißergruppen mitzuschicken, in den Bergen verschwand die deutsche Mannschaft fast vollständig in der Versenkung. Die Niederlage im Kampf um das grüne Trikot für Erik Zabel, das einzige Ziel, dass dieses Team bei dieser Tour verfolgte, sollte einige Leute zum nachdenken anregen, ob Fahrer wie Julich oder Livingston wirklich eine Unterstützung für einen eventuell zurückkehrenden Jan Ullrich sein können. Wobei dieser ja auch schon mit der Option eines Wechsels zu spielen scheint, zumindest kamen Gerüchte auf, dass ein Wechsel des ersten deutschen Toursiegers zur CSC Tiscali Mannschaft unter Bjarne Riis bevorsteht. On verra...
Fazit ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Tour war alles andere als langweilig, und trotzdem bleibt zu hoffen, dass nächstes Jahr auch im Kampf um gelb wieder spannendere Kämpfe auftreten werden. Wer diesbezüglich keine Hoffnung hat, dem sei gesagt, dass sich selbst Miguel Indurain, nachdem er 5 Mal hintereinander die Tour gewinnen konnte (1991-1995), einmal geschlagen geben musste, obwohl für viele der sechste Sieg in Folge reine Formsache zu sein schien. Geschlagen wurde er von einem gewissen Bjarne Riis, dem eventuell zukünftigen Chef unserer deutschen immer-noch-Hoffnung Jan Ullrich. Vielleicht gibts da ja ein paar Tipps, die man weiterverraten könnte...Also: Nächstes Jahr lesen wir uns wieder. Bis dahin danke fürs Lesen Julian
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22.03.2003 17:56
Toller Bericht! Ich bin der gleichen Meinung! Ich habe über Lance Armstrongs buch einen Bericht geschrieben! Guck doch mal vorbei! Viele Grüße von martin-bad
30.07.2002 14:23
Ein toller, informativer Beitrag. LG, rotha
29.07.2002 23:07
Es gibt also tatsächlich Leute, die die Tour am TV-Gerät verfolgen - ich hab nur ein bisschen am Sonntag geschaut und der einzige Nervenkitzel bestand für mich darin, Paris wieder zu erkennen...