Allein der Wille zählt
05.05.2004
Pro:
Gesundheit, Trainingsdisziplin
Kontra:
hoher Zeitaufwand
Empfehlenswert:
Ja
 wydmuch
Über sich:
Mitglied seit:09.08.2001
Erfahrungsberichte:61
Vertrauende:9
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 42 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ruhr-Marathon, 25 April 2004. Es war für mich einer dieser wenigen Tage im Leben, an die ich mich immer gut erinnern werde. 5 Monate Training mit ca. 850 Kilometern lagen hinter mir und sollten hoffentlich reichen, eine volle Marathondistanz von 42,195 Kilometern zu meistern. Ich musste allerdings mit der Bürde eines Fehlversuches aus dem letzen Jahr leben, als ich mit starken Magenkrämpfen nach 32km aussteigen musste, um gesundheitlichen Schaden abzuwenden (siehe 1. Bericht). Ich fühlte mich ausreichend vorbereitet, obwohl ich wusste, dass die 50 Kilometer, die ich seit Ende November jede Woche bei Wind und Wetter lief wirklich die untere Grenze für die Vorbereitung eines Marathons sind und keine Reserven bereitstellt. 600.000 Zuschauer sollten mit den 22.800 Teilnehmern das Ruhrgebiet in einen absoluten Ausnahmezustand versetzen und für ein Volkssport-Ereignis erster Güte sorgen.Aber nun der Reihe nach. Ich glaubte gut vorbereitet zu sein da ich bereits am Samstag Abend alle Utensilien für den großen Wettkampftag bereitgelegt hatte. Außerdem schlief ich in der Nacht zum Sonntag gut und hatte mich die letzten Tage von den anstrengenden Trainingseinheiten erholt und reichlich Kohlehydrate zu mir genommen. Was sollte also noch schief gehen auf meinen Weg zum Finisher? Es kam, was offensichtlich kommen musste, denn als ich 10 Minuten vor der Abfahrt nach Dortmund den Zeitmess-Chip an meinem rechten Laufschuh kontrollierte, merkte ich, dass sich ein großer Teil der vorderen Sohle löste. “Mist- ausgerechnet jetzt, dabei habe ich die Schuhe doch noch beim letzten Lauf am Dienstag getragen und nichts gemerkt!” Mir blieb also nichts anderes übrig, als die verschlissenen Schuhe vom Vorjahr aus dem Schrank zu kramen. Sehr ungünstig war, dass meine Trainingsschuhe eine Innenstütze besitzen und eine intakte Dämpfung, was bei den alten Schuhen nicht mehr der Fall war und somit eine deutliche Umgewöhnung der Muskulatur erforderten. Dabei wird gerade ein kurzfristiger Laufschuhwechsel von erfahrenen Läufern als hoher Risikofaktor gesehen.“Egal, wird schon klappen.” Also auf nach Bövinghausen in die verbotene Stadt (zur Erklärung sei gesagt, dass ich Schalker bin). Super Wetter, super Stimmung und ein großes und buntes Teilnehmerfeld, was pünktlich um 10 Uhr startete. Da ich aus dem hinteren Bereich startete, brauchte es 8 Minuten bis ich die Startlinie überquerte. Bei einer Veranstaltung dieser Größenordnung eine akzeptable Zeitspanne und auch kein Nachteil, da die Zeitmessung mit dem Chip natürlich erst nach der Startlinie los läuft. Ein Riesen-Spektakel auf der Provinzialstrasse und jede Menge Anfeuerung der Zuschauer, die Frank Busemann, Joe Kelly, Peter Klöppel & Co auf die lange Reise schicken. 3000 Teilnehmer, die sich das ehrgeizigste Ziel alle heutigen Läufe über die volle Distanz gesetzten hatten, sollen es allerdings nicht bis ins Ziel nach Essen schaffen. Von den ursprünglich 8500 Marathonis kamen nur leider 5632 auf dem Berliner Platz in Essen an. Die erste Streckenmarke kam schon nach 200 Metern auf einer großen Tafel, die in großen Lettern ankündigte, dass es NUR noch 42 Kilometer bis zum Ziel wären, welche eine Erleichterung ;-) Ein Gastwirt, der offenbar nicht der Cleverste im Rechnen, aber doch sehr kreativ war, bastelte ein Hinweisschild mit der Aufschrift “Noch 129000 Schritte bis zum Ziel, aber nur 12 Schritte bis zum kühlen Bier bei mir”. Ein frisch vermähltes Brautpaar in Hochzeitsgarderobe mit samt Pfarrer verbrachte den Tag ebenfalls auf der Laufstrecke, statt beim Feiern. Erstes Highlight im gut gelaunten Läuferfeld war eine Eisenbahn-Unterführung durch die die La-Ola-Welle schwappte und für lautstarke Stadion-Atmosphäre sorgte. Beeindruckend! Das mäßige Tempo des dicht gedrängten Feldes kam mir entgegen und lies mich allmählich warm werden. Weiter ging es leicht und locker auf der Unterstrasse Richtung Bochum Laer. Nach 7,5 Kilometern kam es zur zweiten Verpflegungsstelle und damit auch zu Problemen bei der Getränkeversorgung, da die Helfer nicht mit dem Auffüllen der Becher nachkamen. Ich war jedenfalls froh, dass ich mich nicht in die Schlange stellen musste und zur ersten Flasche meines Laufgürtels griff.Das Opelwerk in Sichtweite ging es die erste beachtliche Steigung hinauf, die bei Einigen schon Gehpausen erzwang und ein allgemeines Keuchen hervor rief. Ich verlangsamte mein Tempo etwas, um nicht frühzeitig zu viel Kraft zu verbrauchen. Die vielgelobte Idee mit dem Lauf durch das große Presswerk von Opel fiel der sehr schlechten Luft in der Halle zum Opfer. Es roch nach Maschinenöl und anderen Schmierstoffen, mir fiel das Atmen schwer und ich sehnte mich schon nach 100 Metern
Bilder von Training - Tipps & Tricks
nach dem Ende der Halle. Sehr witzig fand ich einige mega-große und knallgelbe Hinweisschilder für Opelaner, wie z.B. “DIE ARBEIT VON ANFANG AN RICHTIG MACHEN!”. Ich wunderte mich schon etwas, warum man Opel-Mitarbeitern solche Selbstverständlichkeiten offensichtlich so eindrücklich mitteilen muss. Na ja, und die klassische Musik des Pianisten auf dem roten Klavier fand ich auch eher nervig als unterhaltsam. Die gesamte Wittener Straße erwies sich als Doping für die Läufer, da die Zuschauer genauso fantastisch waren, wie im Vorjahr, wo die Strecke noch in Gegenrichtung gelaufen wurde. Besorgnis erregend für mich war, das ich schon bei Kilometer 10 mit Seitenstichen in der linken Seite geplagt wurde. Somit war für mich der Genuss des Laufes vorbei und ich überlegte mir, wie ich mich verhalten sollte. Ich konzentrierte mich auf die königsblaue Ideallinie, die alle 3 Meter, 5cm breit auf den Asphalt gepinselt wurde, um mich von den Schmerzen abzulenken. Als dies nicht half, verlangsamte ich das Tempo und trank weniger als geplant, obwohl es in der Sonne schon ziemlich warm wurde.Mir gingen direkt die Gedanken des Vorjahres durch den Kopf und ich befürchtete, dass ich auch diesmal frühzeitig aufgeben musste. Richtung BO-Innenstadt war fast jede Kreuzung ein Tollhaus mit Fans, die uns teilweise bis zur Erschöpfung anfeuerten und mir das Leben aber trotzdem kaum leichter machten. Am Bochumer Hauptbahnhof war ein weiterer Event Point. Stabile Bauzäune verhinderten, dass die Zuschauer den Läufern zu nah kamen. Trotzdem wieder Stadionatmosphäre wie beim VFL. Dann weiter über Ostring und Nordring, aber wohnen denn hier gar keine Leute? Es war dort ungewöhnlich ruhig und deshalb auch langweilig, aber ich war ja eh zu sehr mit mir und meinen nicht abklingenden Seitenstichen beschäftigt. Das Stimmungsbild sollte sich aber schlagartig nach dem Abbiegen auf die Herner Straße, besser bekannt als B51, ändern. Oh man, es waren ja erst 15 Kilometer geschafft, ich kann es gar nicht glauben, da mir die letzten 3 Kilometer schon wie eine kleine Ewigkeit vorkamen.Um nicht schon jetzt die Flinte ins Korn zu werfen, bediente ich mich nun einer Methode, die mich in schweren und langen Trainingsläufen schon öfter gerettet hatte. Ich versuchte meinen Körper praktisch auf ein Notlauf-Programm einzustellen, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen und meinen Plus so weiter zu senken. Ich hoffte, dass die Seitenstiche so langsam zurück gehen könnten. Ich senkte meine Arme, um unnötig große Schwenkbewegungen zu vermeiden. Meinen Laufstil veränderte ich so, dass die Flugphasen zwischen den Schritten noch niedriger über dem Boden stattfanden, um so noch ergonomischer als bis hierhin zu Laufen. Meinem Blick richtete ich starr auf den Boden, um nicht vom lautstarken Tamtam rund um die Strecke abgelenkt zu werden. Durch diesen maschinenartigen, aber keinesfalls spaßbringenden Laufrhythmus gelang es mir, meinen Puls um ca. 10 Schläge von 160 auf 150 zu senken. Somit konnte ich mich leicht erholen, obwohl ich mein Lauftempo nicht änderte. Am Riemker Markt war dann wieder sehr viel los, speziell an den Kreuzungen, wo die Zuschauer aus allen Richtungen an die Strecke strömten. Einige Läufer um mich herum faselten was von Endspurt und das sie jetzt zulegen sollen, um eine gute Halbmarathonzeit hin zu legen. Ich blickte frustriert nach unten und wäre so gerne auch in dieser Lage gewesen, war ich aber nicht! Vorbei am leerstehenden Gebäude von ehemals Möbel Unger und nicht weit von Nokia war nach der A43 ein weiterer lautstarker Event Point mit Tanz und Musik organisiert worden, sozusagen als letztes Highlight vor der Halbzeit.Wenig später, beim Linksabbiegen auf die Sodinger Straße hörte man schon vom weitem das Publikum im Zielbereich des Halbmarathons, Gänsehaut-Feeling! Die Zuschauer standen hier dichter an der Strecke und machten noch viel mehr Lärm als beim Start in der Stadt nahe Lüdenscheid. Ein großes Hinweisschild wies darauf hin, das sich die Marathonis links einordnen sollten und Läufer über die halbe Distanz rechts. Ich lief rechts und blieb dort, obwohl der Wendepunkt zum Zieleinlauf immer näher kam. Es hatte einfach keinen Zweck - 2:15h waren vergangen, was zwar immer noch in meinem Zeitplan lag, aber an die gleiche Strecke nochmals war irgendwie nicht zu denken... ...beim überwiegenden Teil der Läufer machte sich unglaubliche Vorfreude über das Ende des Laufes breit. Diejenigen die sich an dieser Stelle nicht freuten, haben halt schon wesentlich mehr Lauferfahrung und haben diesen Streckenabschnitt sicher schon viel früher passiert.Auch bei mir stellte sich die Vorfreude über das nahe Ziel ein. Doch plötzlich wurde ich scheinbar richtig wach und dachte darüber nach, was ich mir eigentlich vorgenommen hatte. "Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass ich mich 5 Monate auf diesen Tag vorbereitet habe und jetzt einfach auf halber Strecke aufgebe. Außerdem, woher sollte Tina wissen, dass ich es nicht mehr zum vereinbarten Treffpunkt an der Dorstener Straße schaffen würde? Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, traf ich nun spontan die risikoreiche Entscheidung, einfach weiter zu laufen, ohne abschätzen zu können, wie weit ich wirklich kommen würde. Ich lief einfach geradeaus, obwohl ich mich ja zum Rechtsabbiegen eingeordnet hatte. Einige Läufer rempelte ich so natürlich an, was deren Unmut nach sich zog. "Wie warm ist es eigentlich, die Sonne knallt ja ganz schön auf die Birne?" Es waren wohl die angesagten 22-24 Grad, aber in der Sonne natürlich mehr. Kurz vor dem Überqueren der A43 war noch eine Verpflegungsstelle, bevor es leicht bergauf ging. Ist schon komisch, denn ich fuhr die Strecke öfters mit dem Auto und hatte gar nicht zur Kenntnis genommen, das es hier bergauf geht. Aber die Sichtweise eines Läufers ist halt anders. Vorbei an Decathlon und dem Cafe del Sol passiere ich Kilometer 23. Ist schon erstaunlich wie sehr sich das Läuferfeld durch die fehlenden Halb-Marathonis ausgedünnt hat. Irgendwo hier stehen hoffentlich Dad und Tina, dachte ich.Da hier nicht so viele Zuschauer am Straßenrand standen, versuchte ich die beiden zu erkennen, um nicht versehentlich an ihnen vorbei zu laufen. Tina winkte schon und ich war froh, über die kurze Pause. Ich tauschte meinen leeren Getränkegürtel gegen einen vollen, mit 4 Fläschchen und 2 Beutel Gel. Da die beiden fragten, wie es mir den gehe, schilderte ich ihnen kurz, dass es gar nicht gut aussehen würde. Vati versuchte, mich zum abbrechen zu überzeugen, aber scheinbar wissend, dass ich eh nicht auf ihn hören würde. Ich entgegnete nur kurz: "Wir sehen uns am Musiktheater", ohne zu wissen, ob ich die 6 Kilometer noch schaffen würde. Mann oh mann, eigentlich müsste ich ja nach 850 Trainingskilometern und veränderten Essgewohnheiten (weniger Fett, kein Alkohol) an dieser Stelle besser zurecht sein. Die Schmerzen aus dem linken Unterleib strahlten halt immer noch auf den ganzen Körper aus. Dorneburger Straße, Kurhausstraße und Wakefieldstraße, irgendwie kam ich nicht so richtig vorwärts, wo war nur meine Leichtigkeit aus dem Training? Ok, sind ja doch schon 27 Kilometer vergangen.Noch ein kleiner Schlenker und wir betraten Gelsenkirchen. Vorbei am Bulmker Park verteilte die Firma Power Bar Getränke und Gel. Ich schlürfte einen Beutel mit supersüßer Apfelpampe leer, da ich wußte, dass ich ohne die Zuführung von Kohlehydraten gleich automatisch stehen bleiben würde. Bei einer kurzen Gehpause quatschte ich ein wenig mit einem Mitläufer, der aufgrund von Muskulaturproblemen schon auf der Suche nach einem Taxi war. "Nix da!" entgegnete ich, "Wir sehen uns auf dem Berliner Platz in Essen!" und setzte meinen Lauf ohne ihn fort. Richtung City war das Musiktheater nicht mehr weit. Ah, da stand ja schon Tina! Perfektes Timing, denn sie hatte diesen Punkt erst vor ein paar Minuten erreicht. Aufgefüllter Trinkgürtel, denn es war heiß, heißer als gedacht. Zu meiner großen Freude entdecke ich ein paar Freunde und Verwandte an der Strecke, die mich anfeuern. Auf der Laufstrecke hatte ich genügend Platz, um direkt an ihnen vorbei zu laufen und sie abzuklatschen. Später würden sie mir sagen, dass ich zu diesem Zeitpunkt nach 30 Kilometern noch ganz gut ausgesehen habe, sie ahnten wohl nicht, wie schlecht es mir bis dahin ging und dass sie mir jetzt aus einem Tiefpunkt heraus geholfen hatten.Plötzlich hatte ich das sichere Gefühl, die letzten 12 Kilometer auch noch zu schaffen, egal, ob im aufrechten Gang, oder auf allen Vieren. Hier in meiner Heimatstadt aufzugeben kam für mich eh nicht in Frage, wäre ja ne echte Blamage! Eine weitere, für mich lehrreiche Situation sollte sich anbahnen. Da ich mal wieder Hunger und Durst hatte, langte ich zu, als man mir einen Becher Cola anreichte. Mmmmh, das schmeckte echt gut und sollte mir durch den hohen Zuckergehalt Kraft spenden. Eine alte Läuferweisheit besagt aber, dass man im Wettkampf nichts tun sollte, was man im Training nicht schon mal ausprobiert hat. Als mein Magen dann rumpelte und pumpelte, wusste ich, dass dies tatsächlich stimmt. Na ja, halb so wild, denn der Magen beruhigte sich kurze Zeit später wieder, Glück gehabt! So, nun ging es unter dem Hauptbahnhof her, Richtung Neustadt. Rechts ab, vorbei am Wissenschaftspark und auf dem Weg zur Pilkington Glasmanufaktur (ehemals Flachglas). Auf der Reihe, heißt die Straße, die uns schweren Schrittes zur Essener Stadtgrenze führte.Jeder der Läuferinnen und Läufer um mich herum hatte irgendwelche Probleme, die sie und ihn erheblich verlangsamten. Es ging mal wieder bergauf. Einige machten Laufpause oder blieben ganz stehen, so als ob die letzten 6 Kilometer unüberwindlich wären. Passanten kümmerten sich um die Liegengebliebenen und halfen bei Krämpfen mit Massagen und Streckübungen. Meine Wagenmuskulatur machte sich langsam bemerkbar, die Seitenstiche waren aber erträglich geworden. Vielleicht hatte ich mich aber einfach nur an die Schmerzen gewöhnt. Kilometer 38, nach einer kurzen Bergab-Passage ging es so heftig bergauf, wie nie zuvor. Warum nur war diese zweite Hälfte des Marathons vom Profil her schwerer, als der erste Streckenabschnitt? Jammern half jetzt nicht, auch die anderen ertrugen ihr Leid still. Eine vorletzte Verpflegungsstelle an der Strecke war nahezu überflüssig, da jetzt nur noch sporadisch Läufer kamen, und die waren fast zu schwach zum Trinken. Ich entleere meine letzte Flasche und meinen letzten Gelbeutel und wußte, das jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen dürfte.Meine Kraftreserven gingen zu Ende, es ging nur noch darum, irgendwie durch zu halten. Ich schaute auf die Uhr und meinen guten Puls von nur 160 und wusste, dass ich insgesamt knapp 5 Stunden brauchen würde. Ich war immer noch klar im Kopf, konnte aber mein Tempo nicht mehr erhöhen, sondern setzte nur sehr mühsam ein Bein vor das andere. Dies war alles andere, als geschmeidiges Laufen. Kilometer 40, es war echt unfair, dass es wieder bergauf ging. Eine große Anzahl an Finishern wollen die Organisatoren anscheinend doch nicht haben. Das stimmt natürlich nicht, aber es war eine wirkliche Quälerei, ich wollte einfach nur noch das Ziel sehen. Zuschauer sahen in all die gequälten Gesichteter und sagten die noch verbleibenden Meter auf das Komma genau an.Kilometer 41, die letzte Steigung wurde mit einer Gehpause gemeistert. Rund um mich herum lief Niemand mehr, alle spazierten oder humpelten nur noch. Bergab schaffte ich es doch noch, wieder in den Laufschritt über zu gehen. Es war wahrlich erstaunlich, was der menschliche Körper zu leisten in der Lage ist. Ohne den absoluten Willen ging hier gar nichts mehr. Ich konnte das Ziel förmlich schon riechen und überholte bestimmt 50 bis 100 Läufer, die scheinbar total am Ende waren. Aber ich war mir sicher, dass auch sie es bis ins so begehrliche Ziel schaffen würden. Nur noch einen Kilometer und hindurch, durch den Teufelslappen, einer Tradition von der Tour de France. Hier stachelten Lauffans im Teufels-Kustüm die Läufer an und trieben sie ins Ziel.Wer an dieser Stelle glaubt, das alles erzählt ist, der täuscht sich, denn 200 Meter vor dem Ziel sollte ich noch eine sehr schmerzliche und einprägsame Erfahrung machen, die ich keinesfalls noch mal erleben möchte. Durch das dicht gedrängte Publikum im Zielbereich wollte ich für das Finnish mein Tempo etwas erhöhen. Nein, kein echter Endspurt, wie ich es immer bei meinen Halbmarathon-Wettkämpfen gemacht habe, sondern einfach nur ein schöner flüssiger Spurt sollte es werden. Stattdessen machen meine beiden Waden auf der Stelle "dicht". Ich stand da, wie eine Ölgötze, total bewegungsunfähig! So als ob man 2 Schrauben durch meine Knie gedreht hätte. Zuschauer rufen mir zu: "Lauf doch weiter, da vorne ist das Ziel". Völlig verstört fange ich an, auf der Stelle zu hüpfen, um die Waden irgendwie zu entkrampfen. Nach ca. 30 Sekunden ging es dann wieder, mit schmerzverzerrten Gesicht und anfänglichen Hüpf-Schritten ging es weiter.Mein ganzer Körper kribbelt, denn mein so sehnsüchtig erwartetes Ziel ist da! Alles ist mir egal, die Zielzeit verkommt zur unwichtigsten Nebensache der Welt. Noch 50 Meter, ich höre schon Wolf-Dieter Poschmann vom ZDF beim Moderieren, ich sehe die letzte Zeitmeß-Matte auf der Ziellinie. Ich strecke beide Arme in die Höhe und forme mit Zeiger- und Mittelfingern das berühmte Victory-V und überquere überglücklich die Ziellinie. Tina und mein Dad sind auch da, welch ein Triumph! So müssen sich wohl Olympiasieger fühlen. Dieses Gefühl entschädigte für alle Entbehrungen während der langen Trainingsphase und den Qualen während des Laufes. Helferinnen haben sichtlich Freude mir die verdiente silberne Finisher-Medallie umzuhängen. Kein Wunder, denn an dieser Stelle gibt es nur glückliche Gesichter. Ich küsse die Medallie und beiße ungläubig drauf. Ich bin am Ziel meiner Träume, eine wunderbare Lebenserfahrung liegt hinter mir. Ich falle Tina und Dad glücklich in die Arme und spüre, dass sie fast so erleichtert und glücklich sind, wie ich.Testurteil Marathon: Sehr empfehlenswert! mehr auf meiner Homepage www.wydmuch.deCiao Marco
Aktionen zu diesem Erfahrungsbericht
Mehr über dieses Produkt lesen
|
|
20.05.2005 13:03
Hab mich schwer getan, mit der Wertung. Eigentlich ein toller Bericht, aber Trainingstipps suche ich vergebens. LG Klaus.
09.06.2004 13:30
Fantastischer Erlebnisbericht und auch toll wieder einen Läufer hier entdeckt zu haben. Aber warum schreibst du ihn unter Training Tipps und Tricks? Es gibt doch für den Ruhr Marathon eine eigene Kategorie. Nur mal so als Tipp, von Morathoni zu Marathoni ;-). Sportliche Grüße Peter.
03.06.2004 15:33
sehr, sehr schön. irgendwann schaffe ich das vielleicht auch noch mal. und wenn ich dafür erst 70 werden muß...