Transit - Flucht und Aufbruch.
27.01.2002 (10.06.2009)
Pro:
Geschichte, Stil
Kontra:
Die Betroffenheit, die zurückbleibt
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 Magistix
Über sich:
"Glück bleibt, wo es sich wohlfühlt" .:|:. Ich lese gerne persönliche Erfahrungen, die sic...
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Dieser Bericht aus dem Jahre 2002 ist in wesentlichen Zügen identisch mit dem Originalbeitrag. Ich habe ihn jetzt, Juni 2009 um heutige Formatierungen und - sobald es wieder geht - Foto erweitert. Der Tipp ist aktuell und jeder, dem ich das Buch empfahl, hat bisher zugestimmt, dass es in der Tat lesenswert sei. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Allgemeines zu Anna Seghers und dem Buch - Transit Zu Anna Seghers kam ich durch meinen Deutsch-LK. Damals in der guten, alten Zeit nämlich behandelten wir ihr angebliches Bestwerk mit dem leicht makabren Namen Das Siebte Kreuz . Das Buch ist als das bekannteste und bewegendste Zeugnis deutscher Exilliteratur der Nazi-Zeit bekannt. Die Schriftstellerin ist zudem auch noch als Vorreiterin der späteren Ost-(deutschen-)Literatur zu nennen.Ohne große Reden zu schwingen: Das Buch war absolut begeisternd, bewegend und eins der besten, die ich je gelesen hatte. Anspruchsvolle Literatur, keine Frage, doch so einfach zu lesen, wie selten zu finden und mit einem so ungewohnten Blickpunkt auf die bösen Nazis und das Volk, das den fanatischen Glauben des Irren an der Spitze lauthals unterstützte. So kam ich weiter dazu, mir weitere Werke Anna Seghers anzuschauen und insbesondere einen weiteren Roman zu finden, der mir mehr als die üblichen 130 Seiten Lesestoff bot. Natürlich wollte ich eigentlich eine Fortsetzung oder zumindest ein ebenso gutes Buch lesen, wie ich es doch überraschenderweise im siebten Kreuz gefunden hatte. Mein Blick fiel auf Transit , doch entschloss ich mich noch nicht. Erst als ich bei der Lektüre Marcel Reich-Ranickis Mein Leben über den Hinweis auf "das bewegendste Buch einer deutschen Schriftstellerin " stolperte erinnerte ich mich wieder und beschloss, das Buch zu kaufen. Die Autorin Netty Reiling hieß Anna Seghers unter ihrem bürgerlichen Namen. Sie wurde 1900 in Mainz geboren und studierte nach einer gut behüteten Kindheit in Köln und Heidelberg von 1920-1924 an Kunst- und Kulturgeschichte. Schon gegen Ende der Studienzeit begann sie zu schreiben und veröffentlichte noch 1924 ihr erstes Buch unter dem Titel Die Toten auf der Insel Djal . 1925 heiratete sie den Ungarn Laszlo Radvanyi und zog mit ihm nach Berlin.Dort schrieb sie weiter und erzielte mit ihrem zweiten Werk Aufstand der Fischer von St. Barabara bereits einige Anerkennung und unter Anderem den damals sehr angesehenen Kleist-Preis. Schon früh beschäftigte sie sich mit Politik und beschloss aufgrund der im Idealfalle so imposanten Idee des Kommunismus noch im gleichen Jahr den Eintritt in die KPD sowie den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. Aufgrund der schnellen politischen Veränderungen und ihrem Engagement für den Kommunismus (oder vielmehr dessen Grundgedanke) fiel sie schon sehr früh in die Augen der Nationalsozialisten. So flüchtete sie denn auch 1933 weit vor dem Ausbruch des Krieges über die Schweiz nach Paris. Später bricht der Krieg aus und die Deutschen kommen nach Frankreich. 1941 flüchtete sie daher nach Marseille, von dort aus nach Mexiko, wo sie 1943 einen schweren Verkehrsunfall überleben sollte.Erst nach dem Untergang der Nazis kommt sie 1947 zurück nach Deutschland, nach Berlin. Dort entscheidet sie sich, wie übrigens viele damalige Intellektuelle und Schriftsteller, für den Ostteil Deutschlands und das neue Leben im Kommunismus. Dort engagierte sie sich wieder, war beispielsweise ab 1950 Mitglied im Weltfriedensrat. Ab 1952 ist sie der Kopf und die Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR. Sie wird in ihrem Leben später noch zum Ehrenbürger sowohl von Berlin als auch von Mainz ernannt und stirbt im hohen Alter im Jahre 1983. Ihre berühmtesten Romane sind ohne Frage das angesprochene Siebte Kreuz und Transit , um das es in diesem Bericht gehen soll. Doch auch des Weitern war sie stets aktiv, verfasste unzählige Erzählungen, die in einem großen Erzählwerk überliefert sind sowie zahlreiche Essays. Handlung (kurz) Jetzt habe ich Euch heiß gemacht und endlich geht es los. Zunächst eine kurze Inhaltsangabe, ehe ich Euch (denen die es interessiert) auch weitere Ausführungen zum Inhalt und Thema gebe.Kurz angebunden spielt Transit im Jahre 1940 im besetzten Frankreich und speziell in der Hafenstadt Marseille. Diese ist zur damaligen Zeit das Tor zur weiten Welt und die wohl einzige Möglichkeit aus Europa herauszukommen. Tausende treffen sich auf dem Weg zur Freiheit hier und fliehen vor den deutschen Faschisten. Verfolgte aus allen Herren Ländern hetzen hier nach Visa, Stempeln, Bescheinigungen, ohne die sie den Kontinent letztlich nicht verlassen dürfen und können. So treffen sie sich nicht nur auf den Strassen. Insbesondere auf der Jagd von Behörde zu Behörde kreuzen sich ihre Wege. Für kurze Zeit sind fremde Leben durch Hoffnungen, Leidenschaften, Wünsche miteinander verbunden. Doch es ist nicht nur das allgemeine, dass erzählt wird. Nein, am Beispiel eines KZ-Flüchtlings zeigt sich der Erzähler, dessen Erinnerungen eingebrannt sind, eingebrannt an eine schmerzliche Liebe an eine junge Frau, die in Marseille nach ihrem toten Mann sucht.Die Situation ist verzwickt und doch nebensächlich, dient sie doch allein dazu, die allgemeine Ausnahmesituation, die Verzweiflung und die Not des Individuums der damaligen Zeit zu zeigen. Nur soviel - den toten Mann, den sie sucht, gibt es scheinbar, denn wie ein Gespenst zieht auch der tote (oder dessen Papiere) durch die Ämter; stets nach der Jagd nach Visen und Tickets. Handlung (lang) Im Roman dreht und wendet sich alles um den ehemaligen KZ-Häftling Peter Seidel. Aus seiner Sicht (Ich-Perspektive) heraus gestaltet der Erzähler erst seine Flucht und später sein Leben in Marseille. Doch der Reihe nach. Seidel ist einer wie viele und gelangt durch Zufall nach Paris. Als Gefangener auch von den Franzosen gefangen und zum Arbeitsdienst gezwungen, gelingt es Seidel dann bei einem Bombardement der Deutschen abermals zu fliehen und flüchtet sich nach Paris, das zwar von den Deutschen besetzt ist, aber wo er wenigstens noch Bekannte oder Freunde hat. Diese nehmen ihn immerhin einige Tage auf, ehe er weiterziehen muss. Die Binnets (seine Bekannten) haben Verwandte in der Nähe von Marseille und sie drängen ihn fortzugehen, bieten ihm diesen Weg an (ohne Kenntnis der Verwandten versteht sich). Seidel geht doch hat er in der Zwischenzeit mehrere Begegnungen der besonderen Art gehabt. Außer einem Treffen mit einem ehemaligen Mithäftling unter den Deutschen hat er auch den toten Schriftsteller Weidel in seinem Appartement in Paris aufgefunden. Er hat sich wohl selbst ermordet, da seine Freundin mit einem anderen fortgezogen war und erhoffte Unterstützung und Hilfe auf seiner Exilflucht in weite Ferne gerückt zu sein schien. Er hat seine Papiere, einiges Gepäck und Manuskripte bei sich, die Seidel nun schlechten Gewissens an sich nimmt, um sie einem Freund Weidels zukommen zu lassen.Doch wieder einmal kommt es unter den Kriegswirren anders, als man erwartet. Der Freund lässt sich nicht mehr auffinden und so steht Seidel allein da; mit Ziel Marseille und den Utensilien des verstorbenen Schriftsteller Weidels. Er kommt unter einigen Wirren und verschiedensten Umständen auch dort an, versucht sich in der Fremde zurechtzufinden und muss feststellen dass die Binnets hier keinesfalls 1. ihn erwarten und 2. ihn aufnehmen können. Also sucht er sich eine Bleibe in einem Hotel und versucht sich die Stadt zu erschließen, sesshaft zu werden. Doch da gelingt ihm nie. In einer Stadt, in der Tausende auf der Flucht sind, in der der Tag nur durch das Jagen nach Visen, Aufenthaltsgenehmigungen, Passverlängerungen und so weiter besteht, ist ein verharren unmöglich. Bei einer Kontrolle der Polizei fällt er auf und es wird verlangt, dass er einen Beweis vorlegt, für seinen Ausreisewillen. In Marseille wird eben niemand sesshaft, alle wollen nur eins: Weg von hier und möglichst nach Übersee.So beginnt Seidel auch nach den Behören zu rennen und nebenbei dem Weidel auf die Spur zu kommen. Mehr und mehr verwischen sich Seidel und Weidel dabei zu einer Person und schon bald stellt er in dessen Namen Anträge auf Aufenthaltsverlängerungen, Durchreisegenehmigungen usw. Doch damit keineswegs genug der Irrungen und Wirrungen. Denn in Marseille macht er die Bekanntschaft der unterschiedlichsten Personen - unter Anderem einem Arzt und dessen junger Freundin. Jene ist ihm sogar schon hier und da in Cafes aufgefallen, die sie stets voll des suchenden Blickes abläuft, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Sie ist auf der Suche nach ihrem Mann, wie sich herausstellen wird und dieser Mann, wie kann es auch anders sein, ist jener Weidel, der nun Seidel ist oder umgekehrt. Sie ist die Frau, die Weidel in Paris hat sitzen lassen und sucht ihn nun hier, um Wiedergutmachung zu feiern.Die Beiden kommen sich immer näher (Seidel und die junge Frau) und er verliebt sich in sie. Mehr und mehr befreunden sie sich und umso verzwickter wird die ungeklärte Identität Seidels, der doch überall die Spuren des Weidels hinterlässt. Was immer auch passieren mag (dazu könnt ihr ja selber lesen), am Ende wird sie mit dem Arzt abreisen und ihr Schiff untergehen - das Ende im Buch steht schon zu Beginn in den Erinnerungen des Erzählers versteckt. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Mein Lesegefühl Transit hat es wiederum geschafft mich zu überraschen. Ganz anders als ich es erwartet hatte, mit einer Stimmung, die ich nie hätte besser umschreiben können und einem Thema, das so anders ist, als gewohnt. Transit bietet alles, was ich mir nur erträumen konnte. Das beginnt schon bei der unauffälligen Einarbeitung des Nationalsozialismus. Wo in anderen Werken Hakenkreuze und Schuldzuweisungen auf den Leser warten, wird in Transit dies nicht versucht. Zwar ist das Terror-Regime allgegenwärtig und bestimmt das Geschehen im Roman, doch wird die Frage nach den Schuldigen nicht gestellt.Dadurch werde ich als Leser nicht wieder einmal (so denke ich zumindest meist) mit der Thematik konfrontiert und es gelingt, die Realität und den Terror aus unvoreingenommener Sicht sozusagen mitzuerleben. Ja, das ist es was Transit schafft. Es baut die Brücke zwischen dem hier und jetzt und dem damaligen Heute. Lese ich das Buch, fühle ich mich mitgerissen, fort in einer Welt, in der sich eben alles ums Wegkommen dreht, in der man sich einen Morgen lang vor einem mexikanischen Konsulat anstellt nur um erwartungsgemäß abgewiesen zu werden. Transit bietet aber neben der Identifikation und der Einführung in das Zeitgeschehen noch viel mehr. Nicht umsonst sagt Heinrich Böll zu Transit , es sei der schönste Roman der Seghers. Er schreibt wörtlich es liege " wohl an der schrecklichen Einmaligkeit der zum Vorbild gewählten geschichtlich-politischen Situation ". Transit ist auch von der erzähltechischen und stilistischen Ebene betrachtet ein Meisterwerk und der posthumen Ehrung wert.Seghers zeigt vieles anschaulich und vermittelt noch viel mehr unterschwellig. Natürlich sind im Stück auch biographische Züge Seghers eigener Flucht mit eingearbeitet. Es ist nur allzu verständlich, dass sie es mit dem Schreiben über ihre Flucht versucht hat, ihre eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten. Doch machen andere Dinge die Einmaligkeit aus. Zwar ist da die dokumentarische Komponente in ihrem Buch. Bei der Beschäftigung mit dem Werk aber, öffnete sich mir auch der enorme Beitrag, den Transit hinsichtlich der Frage nach der Aufgabe eines modernen Schriftstellers liefert. Sie zeigt eindrucksvoll, welche Stilmittel, Schreibweisen und Traditionen in einen heutigen Roman passen und Verwendung finden sollten. Sie versucht und schafft es eine Realität aufzubauen, die in jedem Detail der Wirklichkeit in Nichts nachsteht. Besonders sind dabei die Eigenheiten und Hintergründe dessen, was wir normalerweise nur schnell überlesen. So ist in Transit beispielsweise diese_Wirklichkeit_ keineswegs richtig, sondern in der Person des Seidel mehr verkehrt als richtig. Es ist eine Umkehr der uns bekannten Welt und das wird in mancher Kleinigkeit schon deutlich. Ist es beispielsweise in der Welt der Transitäre und Flüchtlinge überlebenswichtig gepflegte Papiere zu besitzen, so beginnt die Geschichte Seidels ohne jegliches Papier. Auch fliegen ihm die Visen nur so zu, ohne dass er etwas dafür tun muss... Verkehrte Welt in der fiktiven Realität des Transits.Und noch mehr ist in Transit, dass mich fasziniert. Wie parallel liegen nämlich zwei unterschiedliche Welten in Marseille. Inmitten all dem Trubel und den Wirrungen des Krieges leben noch Menschen in traditioneller Art und Weise vollkommen unbetrübt weiter. Sie gehen ihrer normalen Arbeit nach und führen ihr in jeder Hinsicht gewöhnliches Leben weiter; wie die Binntes im Buch. Transit ist trotz aller Leichtigkeit beim Lesen ein ernst zunehmender literarischer Beitrag der deutschen Literatur. In Transit wird eindrucksvoll dokumentiert, wie das Leben unter der ständigen Flucht war. Miteinander war nicht möglich, keiner hörte den Anderen. Dadurch allerdings verlor jeder einzelne seine Identität, war jeder letzten Endes nichts mehr. Erst durch das Sprechen in den Cafes und das ernsthafte Kommunizieren entwickelt sich eigenständiges Denken und letzten Endes auch die eigene Persönlichkeit.~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Transit - (m)ein Fazit Das 278 Seiten starke und 7.95€ kostende Transit von Anna Seghers ist mit großer Sicherheit ein Meisterwerk und unbedingt allen Leseratten zu empfehlen, denen das Thema das Nationalsozialismus und der Flucht noch nicht zu den Ohren herauskommt. Lasst Euch also nicht von meiner Rezension abschrecken. Wer sich näher mit dem Stück beschäftigt, der wird begeistert sein, von der Gestaltungsart Anna Seghers. Wer allerdings nur ein gutes Buch sucht, der ist dennoch hier goldrichtig. Transit lässt sich einfach sehr gut lesen, fesselt für Stunden und beschäftigt uns mit einem schwierigen Thema in einer noch schwierigeren Zeit. ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ [Vielen Dank für das aufmerksame Lesen sowie die lieben Kommentare, Original aus dem Januar 2002; aktualisiert im Juni 2009]
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Flüchtlinge aus allen Ländern Europas treffen 1940 zu Tausenden in Marseille ...
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26.06.2009 16:59
klingt nach schwerer kost... also im moment für mich nicht das richtige, da im prüfungsstress... außerdem geht mir die thematik der ns-zeit langsam mächtig auf den keks... naja
17.06.2009 09:43
Ich habe selten eine so sorgfältige uns umfassende Rezension gelesen ! Respekt !!
15.06.2009 19:24
"Das Siebte Kreuz" haben wir hier als Buch und den Film hab ich in der Schule gesehen.