Erfahrungsbericht über

Transit - Roman / Anna Seghers

Gesamtbewertung (3): Gesamtbewertung Transit - Roman / Anna Seghers

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Zuflucht & Verfolgung.

3  08.09.2008

Pro:
Geschichte  ~  regt zum Nachdenken an  ~ teils schöner Schreibstil

Kontra:
teils verworrener Schreibstil  ~  langatmig

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


BulmaZ

Über sich: Blogtip: http://ente.antispe.org/

Mitglied seit:19.04.2004

Erfahrungsberichte:1384

Vertrauende:398

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 246 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Nachdem die Resonanz auf meinen letzten Buchbericht so unerwartet positiv ausgefallen ist, möchte ich heute einen weiteren Roman vorstellen, der zu meiner momentanen Pflichtlektüre gehört. Es handelt sich dabei, genau wie bei "Mephisto" von Klaus Mann, um eine Variante der Exilliteratur. Ob mir eben jene Variante genauso gut gefallen hat, gibt's anschließend zu lesen.

>> Transit - Anna Seghers <<

++++ Bezugsquelle & Preis ++++

Gekauft habe ich den Roman bei www.buecher.de. Dort habe ich für die gebundene SZ - Bibliothek Ausgabe 5,90 € bezahlt, was ich für einen sehr moderaten Preis halte. Es gibt allerdings noch eine andere Ausgabe. Es handelt sich dabei um ein etwas dickeres Taschenbuch, welches 7,95 € kostet.

++++ Kaufgrund ++++

Auch diesen Roman habe ich mir nicht freiwillig zugelegt. Er ist genauso Pflichtlektüre wie der Roman von Klaus Mann. Da ich mir hin und wieder allerdings auch gerne mal Notizen im Buch selbst mache, etwa um Geistesblitze festzuhalten oder einfach nur, um markante Textstellen zu markieren, habe ich den Roman eben nicht geliehen, sondern gekauft.

++++ Eckdaten zum Roman ++++

Titel: Transit
Autorin: Anna Seghers
Ausgabe: Süddeutsche Zeitung Bibliothek, Band 74
Erscheinungsjahr: 1944
Genre: Exilliteratur
Seitenanzahl: 270 Seiten [mit Nachwort]

++++ Die Autorin ++++

Anna Seghers war das einzige Kind des Mainzer Kunsthändlers Isidor Reiling und seiner Frau Hedwig (geb. Fuld). Die Familie bekannte sich zum orthodoxen Judentum. Allerdings war das abgegriffenste Buch in der Familienbibliothek der Reilings die Lutherbibel. Anna besuchte ab 1907 erst eine Privatschule, dann ab 1910 die Höhere Mädchenschule in Mainz, das heutige Frauenlob-Gymnasium. Im Ersten Weltkrieg leistete sie Kriegshilfsdienste. 1920 absolvierte sie das Abitur. Anschließend studierte sie in Köln und Heidelberg Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie. 1924 promovierte sie an der Universität Heidelberg mit einer Dissertation über Jude und Judentum im Werk Rembrandts. […]

1928 wurde Tochter Ruth geboren. In diesem Jahr erschien auch Seghers erstes Buch Aufstand der Fischer von St. Barbara unter dem Pseudonym Anna Seghers. Für ihren Erstling wurde ihr auf Vorschlag von Hans Henny Jahnn noch im selben Jahr der Kleist-Preis verliehen. Ebenfalls 1928 trat sie der KPD bei und im folgenden Jahr war sie Gründungsmitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1930 reiste sie erstmals in die Sowjetunion. Nach der

Bilder von Transit - Roman / Anna Seghers
Transit - Roman / Anna Seghers Transit
Transit - Anna Seghers
Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Anna Seghers kurzzeitig von der Gestapo verhaftet; ihre Bücher wurden in Deutschland verboten und verbrannt. Wenig später konnte sie in die Schweiz fliehen, von wo aus sie sich nach Paris begab. […]

Quelle: www.wikipedia.de

++++ Der Inhalt ++++

Wir befinden uns im Winter 1940/ 41 in Frankreich. Viele Flüchtlinge machen mehr oder minder freiwillig Halt in der Hafenstadt Marseille, weil sie auf das nächste Schiff warten oder, weil sie ihre Papiere verlängern bzw. erneuern müssen. Niemand kümmert sich so recht um mehr als sich selbst.

Nur einer ist mittendrin im Flüchtlingsstrom, der seine Umwelt bewusst wahrnimmt. Es handelt sich dabei um den namenlosen Erzähler, der aufgrund gefälschter Papiere den Namen Weidler annimmt. Er hat die ewige Flucht satt und möchte dem aufmerksamen Zuhörer seine Geschichte erzählen - von Anfang an. In dieser Geschichte geht es um seine Flucht aus dem KZ und um die leicht verworrene Geschichte um die junge Marie, die ihren Ehemann sucht. Sie weiß nicht, dass dieser längst tot ist und dass der Mann, den sie in Marseille kennenlernt, den Namen ihres toten Gatten angenommen hat.

Der Erzähler verliebt sich in Marie und sieht sich mehr und mehr in der Bredouille, ob er ihr die Wahrheit über ihren Mann sagen soll oder nicht. Immerhin geht es hierbei auch um die wichtigen Papiere, die es Marie ermöglichen, auf ein Flüchtlingsschiff zu gelangen. Denn die Zeit drängt - die Deutschen sind bereits in Frankreich und die befreite Zone wird immer kleiner…

++++ Eindrücke ++++

Genau wie bei "Mephisto" handelt es sich bei "Transit" um einen Exilroman. Nun könnte man vermuten, dass hier der gleiche Tenor anklingt wie bei Klaus Mann. So in etwa jedenfalls war meine Vermutung im Vorfeld. Aber das Themengebiet heißt ja nicht umsonst ,Varianten der Exilliteratur'.
So zeigt sich eigentlich vom ersten Satz an, dass "Transit" vollkommen anders ist.

Der augenscheinlichste Unterschied ist wohl die Tatsache, dass die vorliegende Geschichte von einem namenlosen Ich - Erzähler dargeboten wird, der im Verlauf der geschilderten Retrospektive lediglich einen anderen Namen angenommen hat. Seinen wahren Namen erfährt der Leser also nie. Der Roman beginnt recht vielversprechend. Der Erzähler lädt den Zuhörer zum Verweilen ein, bietet ihm Pizza und Roséwein an. Denn er möchte seine ganz eigene Geschichte erzählen - von Beginn an und nur dieses eine Mal. Denn er hat das Zuhören satt, all die Sensationsgeschichten über turbulente Fluchten aus Nazideutschland. So geht es nach einer Art kurzem Prolog los.
Hier liegt dann auch so langsam der Hase im Pfeffer begraben. Denn ich ganz persönlich muss jetzt im Nachhinein sagen, dass mich der Roman enttäuscht hat. Zwar entbehrt die Geschichte einer gewissen Emotionalität nicht, aber die Erzählweise bzw. Seghers' Schreibstil ist sehr neutral und abgeklärt. Dies wäre sicher noch nicht einmal das Schlimmste. Denn Zeitzeugenberichte, die vor Trauer und Schmerz nur so strotzen, gibt es wie Sand am Meer. Es ist durchaus interessant, eine so distanzierte Schilderung zu lesen. Problematisch ist nur die Tatsache, dass in der eigentlichen Geschichte so gut wie nichts passiert. Der Verlauf ist der monoton. Im Prinzip ziehen sich die ewige Antragstellerei und die Bürokratenwillkür, die damit verbunden ist, seitenweise hin. Es ist immer wieder dasselbe. Man bekommt schnell den Eindruck, die Schreiberin sei in eine ähnliche Lethargie verfallen, wie es ihr Protagonist den Anschein macht. Der Stil verspricht zu Beginn noch ein gewisses Tempo, zieht sich im Verlauf dann aber regelrecht wie Kaugummi. Erschwerend zu dieser Tatsache bei trägt der teils verworrene Satzbau. Er macht den Eindruck, als sei der Schreiberin bei ihrer Arbeit immer wieder Neues eingefallen, das sie unbedingt unterbringen musste.

Geht man aber rein interpretatorisch an die Geschichte und den beschriebenen Stil heran und lässt einen zu erwartenden Spannungsbogen vollkommen außen vor, hat die Autorin allerdings ganze Arbeit geleistet. Denn irgendwie passt der lineare Buchaufbau [10 Kapitel á 10 Teile] und der leicht monotone Schreibstil zum ewigen Papierkrieg, dem die Flüchtlinge ausgesetzt sind. Denn jedes Visum erfordert wiederum ein anderes, dieses wieder erfordert einen Transitschein. Bleiben darf man in Marseille nur, wenn man nachweisen kann, dass man wieder abreist. Abreisen kann man nur, wenn man gültige Papiere hat. Und so weiter und so fort. Ich denke, ihr wisst bestimmt, was ich meine. Insofern betrachtet hat Anna Seghers sich schon eine Menge bei der Umsetzung gedacht. Offenbar hat die Geschichte ja auch biographische Einschläge, denn sie war ja auch gezwungen, vor den Nazis zu flüchten. Man sollte also vermuten, dass sie weiß, wovon sie schreibt. Dennoch - bei aller Liebe und aller Würdigung für diese Leistung, denn ich würdige das, was die Dame hier geschaffen hat wirklich und ehrlich, - hat das Lesen keinen großen Spaß gemacht. Obwohl schwerer, ziehe ich nun doch einen Klaus Mann Roman diesem hier vor. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle noch das obligatorisch hohe und intensive Interpretationspotenzial anmerken. Denn wenn man sich wirklich einmal die Mühe macht und sich die eine oder andere Textstelle herausfischt, sie genau liest und unter einem bestimmten Gesichtspunkt betrachtet, ist es schon beeindruckend, wie viel in wenig stecken kann.

Die Hauptfigur in "Transit" ist eine Sache für sich.
Wie bereits weiter oben beschrieben, handelt es sich hierbei um einen offensichtlich jungen Mann, der aus einem deutschen KZ geflohen ist. Er ist der Flucht müde und sehnt sich nach den Normalitäten und vor allem den Banalitäten des Lebens. Er genießt es, sich stundenlang in ein schäbiges Café zu setzen, bitteren Kaffee aus Weizenkörnern zu trinken und den Alten Hafen zu betrachten. Er ist zufrieden mit seinem heruntergekommenen Hotelzimmer und mit der Aussicht auf eine Arbeit auf einer Pfirsichfarm. Er erfreut sich am Kopf des Jungens eines Bekannten an seiner Schulter, während er diesem aus Holz etwas schnitzt. Vielleicht sollte man ihn einfach als jemanden betrachten, der die trivialen Dinge im Leben würdigt. Er sieht in den schlimmsten Wirren des 2. Weltkrieges und dem Flüchtlingswirrwarr die stillen Dinge, für die niemand mehr Zeit hat. Umso mehr verstehen kann man dann vielleicht auch, wieso er Marie nicht sagt, dass er den Namen ihres verstorbenen Ehemannes angenommen hat. Er liebt sie und möchte mit ihr in Marseille bleiben. Sie jedoch hat nur die Papiere im Sinn, die ihr ihr Mann eigentlich überbringen sollte, damit sie aus Frankreich heraus nach Amerika flüchten kann. Dass diese Geschichte ein tragisches Ende nehmen muss, ist quasi vorprogrammiert.

Hat man nun also die beiden Vertreter des Genres Exilliteratur, "Mephisto" und "Transit", gelesen, kann man natürlich unendlich vergleichen. Wie bereits gesagt, der augenscheinlichste Unterschied liegt wohl im Erzählstil. Aber es gibt natürlich viele Unterschiede mehr. Ein Weiterer wäre vielleicht auch noch wichtig zu nennen. Nämlich die Tatsache, dass sich Klaus Mann in seinem Roman zum einen mit der gehobeneren Gesellschaft im Dritten Reich beschäftigt sowie zum anderen am Rande auch mit einer Widerstandsbewegung. Anna Seghers hingegen beschäftigt sich mit denen, die die Machtergreifung Hitlers wohl am übelsten getroffen hat - Juden, Ausgestoßene, generell Flüchtlinge. Logisch, dass dabei ein vollkommen anderes Werk herausgekommen ist. Logisch ist auch, dass Anna Seghers' Roman keine zynischen bzw. satirischen Elemente aufweist. So, wie die Figuren sich über die Nazis unterhalten, mutet es an wie ein normales Gesprächsthema. Bei Klaus Mann handelte es sich ja um Spott in höchstem Maße. Kritik haben letztlich beide Autoren geübt - klar.

Ich denke, "Transit" sollte man wohl mal gelesen haben, wenn man sich für das Thema interessiert. Sicherlich erweitert der Roman auch den Horizont und regt zum Nachdenken an. Dennoch kann ich von mir ganz persönlich nicht unbedingt behaupten, dass mir der Roman wirklich gefallen hat. Ich habe großen Respekt vor ihm und seiner Schöpferin, aber meinen ganz persönlichen Geschmack hat er aufgrund seiner Monotonie und seines leicht verworrenen Schreibstils nicht getroffen. Auch die Geschichte an sich ist mir zu eintönig, da eben, wie weiter oben beschrieben und zu interpretieren versucht, nicht viel passiert. Dennoch möchte ich eine eingeschränkte Empfehlung abgeben. In der Endwertung vergebe ich allerdings nur drei Sterne. Für "Mephisto" habe ich einen mehr vergeben und dieser Roman hier hat mir eben nicht genauso gut gefallen - daher ein Stern Abzug.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
anonym_250

anonym_250

27.09.2008 12:24

SH... MfG ... Impi

Shelagh

Shelagh

17.09.2008 21:03

Ich denke auch, dass man Anna Seghers eigentlich mal gelesen haben sollte, aber ob es jetzt gerade dieses Geschichte sein muss ... ich denke, meins wär´s auch nicht so ganz! LG, Chris

EarlSneedSinclair

EarlSneedSinclair

13.09.2008 16:10

Das Buch ist wohl nicht so mein Geschmack, dein Bericht aber auf alle Fälle! Viele Grüße, Earl

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