Das Dunkel, das wir selber sind
08.05.2012
Pro:
- Alles
Kontra:
Nichts
Empfehlenswert:
Ja
 LasloJamf
Über sich:
Mitglied seit:27.11.2005
Erfahrungsberichte:47
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 68 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
In meinem Lesekreis stand heute Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" auf dem Programm und ich möchte die Leser dieser Rezension nun an unserer Arbeit (die zugleich ein Vergnügen war) teilnehmen lassen. Natürlich hoffe ich auch, dem Buch ein paar Leser/innen zu gewinnen. "Traumnovelle" - dieser Titel hat für mich etwas Magisches an sich und irgendwie magisch ist denn auch die Erzählung, sie chargiert eigentümlich zwischen der Welt des Tages und der Nacht, die hier gleichzeitig das Bedrohliche, Abseitige verkörpert, das Reich, in dem unsere dunklen Triebe ihr Recht verlangen. Gleichzeitig hat das Buch stark märchenhafte Züge, es wird eröffnet durch eine Lesung aus tausendundeiner Nacht und die hier verwendeten Motive tauchen später in der Novelle - und zwar in einem Traum - wieder auf. Der Traum ragt in dieser Novelle ganz seltsam ins Leben hinein, er überschneidet sich mit der Realität, so daß der Protagonist Fridolin gar nicht mehr weiß, ob er all die seltsamen Vorkommnisse einer Nacht nun wirklich erlebt oder eben doch "nur" geträumt hat (ich mußte hier Anführungszeichen verwenden, denn Fridolin, wie noch zu zeigen sein wird, hält Träume keineswegs für Schäume).Dieser Fridolin, in den besten Jahren und Arzt von Beruf, glücklich - so scheint es - verheiratet mit Albertine und Vater einer kleinen Tochter, hat scheinbar alles, was ein Mann in seinem Alter sich nur wünschen kann. Und doch werden die Ereignisse, die der vorgestellten Eheidylle zu Anfang dieser Novelle folgen, ihn in eine existentielle Krise stürzen, eine Krise, die, so habe ich es empfunden, etwas über die brüchige Identität des bürgerlichen Selbst verrät. Alles beginnt scheinbar ganz harmlos: Fridolin und Albertine beichten einander Gedanken der gegenseitigen Untreue. Das Geständnis seiner Ehefrau, auch nur an einen anderen Mann gedacht zu haben, verunsichert Fridolin außerordentlich, wobei die Erzählung schon hier auch etwas über Machtverhältnisse innerhalb der bürgerlichen Familie erzählt, denn bezeichnenderweise denkt Fridolin nie daran, daß etwa auch seine Frau indigniert sein könnte. Insgeheim beschließt Fridolin, es seiner Frau heimzuzahlen, ihren nur im Reich der Phantasie vollzogenen Ehebruch mit einem echten zu vergelten. Fridolins amouröse Abenteuer der nun anbrechenden Nacht - oder sagen wir besser seine Versuche, solche zu beginnen, denn in gewisser Weise bleiben auch sie Träume, eine Wunscherfüllung findet jedenfalls nicht statt - führen ihn in immer sonderbarere Situationen und auch hier wird etwas über die Macht in einer Welt, die von Männern beherrscht wird, erzählt, aber auch von Triebbeherrschung und Triebentsagung. Fridolin agiert stets aus einer Situation wenigstens eingebildeter Überlegenheit heraus, kann sich aber gleichzeitig die Erfüllung seiner Wünsche nicht gestatten: Er weist die ihn anschmachtende Marianne zurück, er kommt bei einer Dirne nicht "zur Sache" (stattdessen beschließt er, ihr Süßigkeiten zu schenken), er möchte - in einer der sonderbarsten Begegnungen der Erzählung - die Tochter eines Kostümverleihers, von der er sich erotisch angezogen fühlt, aus den von ihm vermuteten katastrophalen Lebensbedingungen retten - kurzum, er imaginiert sich meist in die Rolle des Erlösers, eine Pose, hinter der sich aber für den Leser unverkennbar erhebliche gehemmte sexuelle Energie verbirgt.Als Fridolin dann schließlich auf den abgehalfterten Pianisten Nachtigall trifft, eröffnet sich ihm die Aussicht auf ein ihm geradezu phantastisch dünkendes Abenteuer. Dieser Nachtigall eröffnet ihm, daß er für eine geheime Gesellschaft regelmäßg Klavier spiele, und zwar mit verbundenen Augen, denn dabei gehe es höchst unzüchtig zu...Fridolin ist sofort begierig, mehr zu erfahren und es gelingt ihm tatsächlich, Nachtigall zu einem solchen Treffen zu begleiten. Die Parole, die ihm die Türen öffnet, lautet ausgerechnet "Dänemark" (denn die beiden erotischen Versuchungen Fridolins und Albertines fanden in Dänemark statt), und spätestens jetzt beginnt der Leser sich zu fragen, ob hier noch alles mit rechten Dingen zugeht oder ob Fridolin sich seine Abenteuer nur einbildet. Und hier nun ereignet sich etwas merkwürdiges: Er, Fridolin, der sich doch stets in die Rolle des Retters imaginiert hat, wird nun selbst von einer Frau gerettet. Wiederum taucht hier auch das Motiv von Wunscherfüllung und Wunschentsagung auf, verwoben mit stark märchenhaften Zügen. Denn Fridolin wird nun nach dem zweiten Passwort gefragt und das weiß er nicht (ich mußte hier an die Bedeutung von Namen und magischen Passwörten in Märchen wie Ali Baba und die vierzig Räuber denken), das heißt, er findet keinen Eingang in das Innerste seiner eigenen Wünsche, er muß leider draußen bleiben. Seine Enttarnung verläuft insofern glimpflich, als eine der Frauen der Veranstaltung sich erbietet, für sein unerlaubtes Eindringen die Konsequenzen zu übernehmen. Verschiedenen Interpretationen zufolge ist die hier auftretende Frau nichts weiter als eine Imagination Albertines (was auch ihr Eintreten für ihn erklären würde, das im Rahmen einer realistischen Leseweise ziemlich unmotiviert erscheint). Wie dem auch sei, Fridolin, noch einmal mit heiler Haut davongekommen, trifft zuhause auf Albertine, die ihm einen Traum beichtet, den sie gerade gehabt hat. Und dieser Traum steigert Fridolins Erbitterung aufs Äußerste. Ich kann über die Darstellung dieses Traums hier nur soviel verlauten lassen, daß ich sie für meisterhaft halte. Wie schwierig es ist, einen Traum sprachlich wiederzugeben, weiß jeder, der schon mal versucht hat, seine eigenen Träume aufzuschreiben: Das schlichtweg Alogische des Traums verweigert sich oftmals der Logik, die schon in unsere Grammatik eingeschrieben ist. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen komme ich nicht umhin, Schnitzler zuzugestehen, hier bis an die Grenze des sprachlich überhaupt noch Darstellbaren vorgestoßen zu sein. Was nun den Inhalt des Traums angeht, so gesteht Albertine Fridolin freimütig, daß sie ihn in diesem Traum nicht nur betrogen, sondern auch noch hat sterben lassen. Dieser erträumte Verrat berechtigt nun Fridolin seiner eigenen Meinung nach zu jeglicher Schandtat, er findet die Tatsache, daß seine Frau ihm im Traum untreu geworden ist, viel schlimmer als sein eigenes Verhalten - in meinen Augen Ausdruck eines maßlosen Besitzanspruchs seinerseits, der, frei nach der Bibel, nicht nur Taten, sondern bereits Gedanken richten möchte. Fridolins nun folgende Untersuchungen über das Schicksal der Frau, die ihn ausgelöst , und über dasjenige Nachtigalls, der ihn in die geheime Veranstaltung geschmuggelt hat, sind beunruhigend, führen aber nur zu zweideutigen Erkenntnissen. Es gibt tatsächlich Anzeichen dafür, daß besagte Frau tot ist, aber Fridolin kann sich darüber keine letzte Klarheit verschaffen. Vor dem Hintergrund der letzendlichen Versöhnung mit Albertine bleibt das Schicksal Nachtigalls und der unbekannten Schönen immerhin ein Fragezeichen gegenüber allzu optimistischen Deutungen der Traumnovelle, die in dieser Versöhnung den Sieg des Tages gegen die dunklen Kräfte der Nacht als dem Dunkel, das wir selber sind, sehen wollen. Hier wird, so sehe ich es zumindest, doch auch an die Kosten dieses Sieges erinnert. Schnitzler, aber so genau weiß ich das eigentlich gar nicht, vor der hier besprochenen Traumnovelle habe ich noch nie etwas von ihm gelesen, soll Kontakte zu Sigmund Freud gehabt haben und man mag sagen, daß merke man besagter Novelle auch an. Das schadet aber nichts, denn Schnitzler kann so gut schreiben, daß hier, um eine Formulierung von Karl Heinz Bohrer zu verwenden, ein ästhetischer Mehrwert entsteht, das heißt, wir glauben am Ende nicht, daß wir lieber gleich Freud lesen sollten. Aber vielleicht im Anschluß. Und wer weiß auch, wer hier eigentlich von wem gelernt hat? Arthur Schnitzler Traumnovelle dtv 158 Seiten inclusive Glossar und Nachwort ISBN 978423026734 5,90 €
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28.06.2012 00:03
Müsste unten "Rechte" heißen, sorry ...
28.06.2012 00:02
Mir erscheint bemerkenswert, dass die "Traumnovelle" 1925 zuerst als Fortsetzungsgeschichte in einer Berliner Modezeitschrift namens "Die Dame" erschien. Schnitzler wendete sich mit diesem Text also bewusst an Damen der gehobenen Schicht, die diese spannende Novelle sicher gern gelesen haben. Wollte Schnitzler den Damen seiner Zeit damit etwas sagen? Wenn ja - was? Dass er ihren Freiheitsdrang versteht und die Ungerechtigkeit, die sie darüber empfinden, dass Männern von der Gesellschaft mehr sexuelle Recht vor der Ehe zugestanden wird als ihnen? Ich sehe den Schluss auch nicht als allzu optimistisch. Der Alltag hat das frustrierte Paar wieder - die Konflikte aufgrund unerfüllter sexueller Wünsche bzw. Enttäuschung durch gedankliche oder geträumte Untreue des anderen werden weitergehen ... lg + bh
06.06.2012 09:08
Bh ist nachgereicht ! :))