Verrat
08.09.2007
Pro:
-
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Nein
 TomGard
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:29
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 40 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
[Das steht hier genauso falsch oder richtig, wie mein Beitrag zu "Liebe ist ..." Dies hier stünde jedenfalls besser dort. Ist mir wurscht.] Maren und ich wurden Freunde mit elf, die dreizehnjährige verweigerte sich mir, die 17jährige verweigerte ich, das war 1972. Im März 2001 rief sie mich an, bat um meine Adresse. Schrieb einen Brief, der andeutete, fragte. Erhielt eine Antwort, die unverblümt ermutigte. Die Hitze ihres folgenden Briefes wäre schwer zu überbieten. Wir machten ein blind date für 5 Tage Insel. Am Vorabend rief sie an, kleinlaut, bedenklich. Am Morgen schrieb ich ein Telegramm: Ich werde dein archaischer Mann sein. Am Mittag trafen wir uns im Zug. Sie war kleiner, als in meiner Erinnerung und erheblich umfänglicher. Drei Kinder und manches andere hatten Zeichen der Müdigkeit in Haut und Gewebe hinterlassen. Die Lippen hatten an Fülle verloren, ungeachtet dessen war es derselbe Mund. Keine gewohnheitsmäßige Unart hatte ihn verzerrt. Wenn, dann, ja, da waren vielleicht zwei Schatten des Kummers unterhalb der Mundwinkel, zu schwach, sie herab zu ziehen. All das bemerkte ich freilich später, denn als Erstes blickte ich ihr in die Augen und es war MAREN. Sie leuchtete. Wir sahen unsern Widerschein und strahlten. Keine Fragen mehr, sie waren beantwortet, jetzt galt es erkunden. Zusammengesetzt, weg die Lehne, einander umfaßt, betastet und NATÜRLICH hob Maren die Lippen, die halb geschlossenen Lider bebend, flatternd wie 1967. Sie roch nach Maren, schmeckte nach Maren. Hätte ich nichts gerochen, nichts geschmeckt, nichts gesehen und nichts gewußt, es wäre Maren gewesen. Sie zog mich in Trance, küßte, saugte 29 Jahre weg, dann weitere vier, schließlich noch zwei.Februar 1966. Maren liegt rücklings auf dem Schlitten. Wir hatten den Nachmittag im Wald verbracht. Sie sagte, sie sei müde und ich zog sie zum Dorf. Der Schnee knirschte unter meinen Schritten, es dämmerte stark. Ich erinnere mich nicht, warum ich innehielt, mich umwandte, was ich sagte oder fragte. Maren starrt zum Himmel hinauf, ich glaube, sie antwortet etwas Einsilbiges. Dann wendet sie mir langsam das Gesicht zu und während sie mich anblickt, GESCHIEHT etwas damit. Mich ergreift eine Ehrfurcht, wie ich sie nie gekannt habe. Bis zu diesem Moment war das Mädchen auf dem Schlitten Thomas Freundin gewesen. Sie war es geworden, nachdem der Lehrer ihn der neuen Klasse vorgestellt hatte, er in die aufgereihten Gesichter sah und Maren fand, so sicher, als sei sie blutrot angemalt. Von nun an war sie Maren, die nach Thomas Ausschau hielt, der er nachstellte, die sein Herz hüpfen ließ, die ihn ärgerte, verspottete, ihn anplinkerte, ihm Geheimnisse verriet - und was Maren sonst noch gewesen sein mochte. Natürlich liebte Maren Thomas und Thomas liebte Maren, welche Frage. Möglich, das die beiden sich schon mal umarmt haben, vielleicht sogar geküßt, obwohl ich das nicht glaube. Doch jetzt ist das Mädchen auf dem Schlitten all das und sie ist eine FREMDE und diese Fremde ist MEIN. Ich kniee nieder und berühre ihre Lippen mit den meinen. Sie sagt nichts, sie SCHAUT mich nur an. So weit zurück küßte mich Maren im Zug, der uns der Insel zutrug, und gerade deshalb landete ich federleicht zurück in der Gegenwart. Denn, Jeanne, ich habe mich nie schwer darüber getäuscht, was Maren und mich verband. Was schon die Köpfe der Kinder füreinander rot aufleuchten ließ, war ihr Eigensinn. Punkt. Da dies aber so früh geschah, lehrten wir einander die Empathie des sich fertigstellenden Intellekts von elementar sinnlichen und sexuellen Ausgangspunkten her. Wir machten uns zu Empathiegeschwistern. Doch schon die ersten Schritte von diesen Ausgangspunkten weg gingen wir verschiedene, ab 1967 entgegengesetzte Wege. Unnötig an dieser Stelle etwas über diese Wege zu sagen, es wird davon die Rede sein. Hier zählt: wir wurden nicht ähnlich, sondern komplementär. Wir waren Eros und Anteros. Im endlosen Schmusen, da wir nichts wahrnehmen, nichts empfinden wollten, als den anderen, lag für mich das Glück, das aufschießende 'ICH' für lange Augenblicke fallen lassen zu können. Husch, weggeküßt. Maren - das begriff ich allerdings nicht - saugte an meinen Lippen, das Ihre zu nähren. Unsere Schöße waren tabu (füreinander, nicht für Dritte, das allerdings wußten beide nicht). 1968 "auf dem Berg" legte ich die Hand an das Tabu und mußte nichts weiter sagen oder bedeuten, Maren war klar, jetzt wollte ich nicht weniger als "alles". Beide stellten wir uns vor, wenn ein Paar ficke, das sich liebt, passiere etwas Ungeheuerliches. Für Maren hieß das: Ende aller Trübsal, aller Zweifel, Nöte und Unsicherheiten. Ich hingegen erwartete ein Krawumm, ein Zisch, ein Plopp - und zwei Seelen sind eins. Im Prinzip und jeden Tag wieder. Ich wollte daher wissen, ob es die Liebe war, was ich mit und für Maren fühlte, WEIL wir uns immer fremder wurden. Maren mochte nicht von der Vorstellung lassen, daß wir uns liebten, OBWOHL wir uns immer fremder wurden. So klammerte sie sich wie eine Ertrinkende an mich und hätte mich wohl Stunden wie im Schraubstock gehalten, hätte ich nicht gesagt: Es ist gut. 1972 verweigerte ich Maren meine und ihre prima noce (oder wie das heißt), weil für sie das ICH zählte, für mich die WELT. Ich hielt das für unvereinbar. Für sie hingegen gehörten nun WIR zusammen, weil sie all die Jahre ein WIR gesucht hatte, wie es MIT mir einst eines gegeben hatte, es, - was Wunder - bei niemandem finden konnte, und, zurückgekehrt, es jetzt BEI mir IN SICH fand.Auf der Insel vermieden wir es einvernehmlich, Einverständnis forcieren zu wollen. Wir erzählten. Von der Minute unserer Trennung an. Schilderten, legten dar, fragten nach. Tagelang. Jeder nahm begierig alle Facetten auf, die ihm geboten wurden und beide folgten der Strategie, nichts zu überstürzen, dem anderen sorgsam Schicht für Schicht die Zwiebelschalen der Ereignisse, der Ziele, der Notwendigkeiten, der Zwecke, des Empfindens aufzublättern und erst nur auf das Nötigste an Urteilen, Vorstellungen, Gedanken möglichst implizit zu deuten. Dazwischen suchten wir einander die Seelen aus dem Leib zu ficken, damit sie durcheinander fahren könnten, oder doch, taumelig und verwirrt, für Momente die Körper tauschen mochten. So jedenfalls empfand ich das. Gewiß ist, jeder von uns hatte das Geschick, einen operativen Dialekt zu lehren und anzunehmen. Binnen Kurzem hatten wir es 'raus, auf einen Wink in Sekunden flugbereit zu sein, abzuheben und nach Minuten punktgenau gemeinsam zu landen. Dann schwammen, tauchten schwebten wir uns müde hinter der Brandungszone unserer Leiber, Eros und Anteros. "Noch nie habe ich mich so oft am Tag an- und ausgezogen", sagte Maren und jeder ergänzte für sich: Es ist richtig und gut, das Bett immer wieder zu verlassen. Denn der Hunger unserer Seelen blieb hinter dem der Leiber nicht zurück. Von Tag zu Tag trauten wir uns mehr zu erfahren, wollten mehr wissen und jeder spann in sich die Fäden, von denen er meinte, daß er sie reichen könne, damit sie verknüpft würden. Auf diese Weise wurden wir wieder WIR und erfuhren doch genug, um zu wissen - zu ahnen - wir waren es niemals weniger, als im Frühling 2001. Also, logisch, wir wären nicht Maren, Thomas, die Rotköpfe gewesen, hätte nicht ich mich entschlossen, ihr Mann zu WERDEN und nicht sie beschlossen, mich zum Mann zu NEHMEN. Es ging grausam daneben. Es gipfelte darin, daß ich Maren eines Nachts nach kühlem Entschluß mit therapeutischer Sanftmut die Hysterie aus dem Leibe fickte, weil mir himmelangst um ihr Herz geworden war. Schon achtzig Minuten lang war sie da ein aufheulendes, tobendes, wimmerndes Bündel rotzenden Elendes gewesen. Ficken war die einzige Form von Nähe geworden, die sie von mir ertrug. Abseits davon zählte zunehmend nur die Differenz: Das bin nicht ICH, nicht MICH liebst du, du TEILST mich AUF, ich will GANZ geliebt werden. Es war eine folie a deux. Blind, besessen teilte ich mich ihr immer mehr, immer weiter mit. Erzählte, erklärte, wie ich das, was sie mir mitteilte, kannte, wie es anders, teils gegensätzlich, in mir war. Wie das, was es in ihr und in mir ist, zusammengehört, draußen, in der Wirklichkeit. Schloß meinen ganzen Laden auf, einschließlich aller meiner Lieben: das alles ist für dich. Das ist nicht vor dir, neben dir, gegen dich, das ist MIT dir. Sie aber wollte immer seltener wissen. Es war ihr, als berühre ich sie immer wieder tief drinnen in Herz und Verstand und schlüge ihr zugleich ins Gesicht. VERRAT. Du wirst mich verraten, wie du mich immer verraten hast. Du betrügst mich noch mit dem Mädchen, das ich einmal war. Endlich schlug auch das letzte Wohlgefühl für uns um. Bett, Kerzenlicht, Wein, Schnurren, wie die Katzen. Ich las aus dem "Rätsel der Sandbank" vor: Schau, Heimat, Gefährtschaft, das ist, was ich will, dich zur Gefährtin, dir Gefährte sein. Sie rückte von mir ab. Darf das sein? Ist es ECHT? Wenn er mich jetzt in den Arm nimmt und fickt, ja dann, dann ist es vielleicht echt. Das war für mich der Rubicon. Ich nahm Maren in den Arm und hielt sie genauso fest, wie sie mich einst "auf dem Berg" gehalten hatte. Dann flüsterte ich ihr ins Ohr, was sie da tat und warum. Natürlich verstand sie. Eine kurze Weile schien es, als könne sie aushalten, sie entspannte sich. Dann verließ sie das Zimmer, legte eine ihrer sentimentalen Platten auf und produzierte den nächsten Anfall. Ich folgte ihr, harrte bei ihr aus, rauchte eine Pfeife, stumpfte mich an ihrem Elend ab und verriet sie ein letztes Mal.
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15.09.2007 17:27
ich würde so gerne etwas dazu schreiben, aber ich finde nicht die richtigen worte. und sowas ist wirklich sehr selten. LG Manu
11.09.2007 19:10
kommentarlos.....
10.09.2007 20:03
Ach...