Ich war übergewichtig.
26.03.2009 (27.03.2009)
Pro:
der Charakter zählt, es wird gegessen worauf man Lust hat
Kontra:
Mobbing, man findet keine Klamotten, man wird nicht akzeptiert, man ist u . U . ungesund
Empfehlenswert:
Nein
 RoundaboutFlorence
Über sich:
Wer Lesungen vermisst bitte melden, mir rutscht manchmal was durch die Finger! :) Für Leserunden i...
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Es ist innerlich schwer, über das Thema zu schreiben, und doch fällt es mir so leicht, weil die Erinnerungen noch unglaublich lebendig sind. So lange ist es auch gar nicht her. Ich werde diesen Bericht wie einen ganz normalen Erfahrungsbericht gliedern und hoffe, er ist interessant und hilfreich.Wieso schreibe ich über dieses Thema? Ich bin 21 Jahre alt und war bis zu meinem 17ten Lebensjahr übergewichtig. Ich wog bei einer Körpergröße von 1,81m stolze 110kg. Ich möchte mit diesem Bericht anderen helfen und einfach meine Geschichte erzählen. Wenn ich irgendjemanden mit diesem Bericht davor beschützen kann, das ganze falsch anzugehen, bin ich schon glücklich.**Ich werde dick** Wie fing alls an?Die schlanke Zeit Bis zu meinem fünften Lebensjahr war ich rank und schlank. Ich war immer viel größer als meine Kindergartenkameradinnen und hab als Mädchen schon in diesem zarten Alter darunter gelitten. Ich fiel einfach immer auf, bevor ich überhaupt den Mund auf machte. Ich war trotz evangelischer Konfession in einem katholischen Kindergarten. Im Vergleich zu meinen Eltern waren die Eltern meiner Freundinnen furchtbar streng. Als sich langsam herauskristallisierte, dass ich eine etwas verrücktere Fantasie als die andern hatte (was vielleich auch darauf zurück zu führen ist, dass ich einen großen Bruder hatte) und davon gerne erzählte, bekamen die konservativen Mütter große Angst, ich würde ihre Kinder verderben. Die Mutter meiner damals besten Freundin rief bei uns an und erklärte meiner Mutter, meine Freundin dürfe nicht mehr mit mir spielen, da ich ihr Sachen erzählt hätte, die ihr Albträume machen (ich weis bis heute nicht, was das gewesen sein soll - schlimmer als eine Folge 'Turtles' konnte es nich sein). Da ich generell ein sehr begeisterungsfähiger Mensch war und bin, entwickelte ich für mein Alter komische Vorlieben - ich sang und tanzte Musicals nach, malte wie eine besessene .. das mag für die meisten Leser hier doch normal klingen, aber ich war im Kindergarten in ein unglaublich konservatives Umfeld geraten, dass mich als Bedrohung einstufte. Also isolierte ich mich bereits mit fünf Jahren von meinen "Freunden". Ich werde zum MoppelchenBis zu dem Zeitpunkt hatte ich eigentlich ein normales Essverhalten. Ich aß gerne Süßigkeiten, aber meine Eltern gingen mit mir und meinem bruder generell einmal die Woche in einen großen Supermarkt wo wir uns zwei Süßigkeiten aussuchen durften - ganz normal also. Nach dem Kindergarten, und später auch nach der Grundschule, ging ich allerdings oft zu meiner Oma, da meine Mutter gelegentlich bis nachmittags arbeiten musste. Da gingen meine ersten Fressorgien los. Meine Oma kochte Mittagessen, wovon ich meistens zwei Teller voll aß. Danach maschierte ich zum Süßigkeitenschrank, wo ich mich jeder Zeit bedienen konnte - meine Oma wär nicht im Traum darauf gekommen mir Grenzen zu setzen. Sie bediente meine Gelüste mit größter Freude. So aß ich nach dem Mittagessen mindestens eine Tafel Schokolade, in der Regel aber eher zwei bis drei. Wenn keine Schokolade mehr da war, nahm ich Lakritz, Bonbons, Diabetikersüßigkeiten - was immer es gab. Wenn wirklich alles weg war, fing ich an, puren Zucker zu essen. Meine Oma hatte eine große Schüssel Zucker, die beim Kaffee trinken auf den Tisch kam. Die holte ich dann schnell aus dem Schrank und gibte mir ca. 100g Zucker in ein Schüsselchen und verspeiste den puren Zucker. Und meine Oma lief immer wieder fleißig hoch zum Edeka oder Aldi und kaufte Schokolade was das Zeug hielt. Ich verstehe bis heute nicht, warum sie mir nicht Einhalt geboten hat. Mein Vater stellte die zynische Theorie auf, sie fühlte sich in ihrer Zuckerkrankheit allein und wollte mich auch krank machen. Vielleicht hat sie das alles auch nur mit gemacht, weil sie im Krieg alles für solche Völlerei gegeben hätte? Ich weis es nicht. Als ich in die Grundschule kam, ging das Spielchen weiter. Meine katholische "Freundin", mit der ich ja nicht mehr spielen, reden noch sonst was durfte, kam mit mir in die selbe Klasse - und da lauerte auch noch mehr von der Seite. Unsere Klasse teilte sich in vier Gruppen auf: die scheinbar-privilegierten kleinen Mädchen (zu denen auch meine ehemalige Freundin gehörte), die "normalen" sehr unauffälligen Schüler, die Ausländer - und ich. Ich war ziemlich eindeutig meine eigene, isolierte Gruppe. An der "Dorfschule Witten" war diese Unterteilung absolut ein deutig. Nach einem Klassenfast wollte keiner unsere zwei dunkelhäutigen, tamilischen Mitschülerinnen mitnehmen - und meine Mutter wurde mit Ekel angestarrt, als sie den beiden die Autotür aufhielt. Am ersten Schultag kam ich schon nach hause und erklärte meiner Mutter alles über meine neue Klassenlehrerin. "Diese Schüler (...) mag Frau Hemming; und die (...) nicht.".Vier Jahre Grundschul-Mobbing begannen. Wenn ich ein Spielzeug mitbrachte und es lediglich in meiner Tasche hatte, wurde es mir von meiner Klassenlehrerin weggenommen, während das zuckerkranke, dünne Prinzesschen aus der "privilegierten Gruppe" ihre Babies mitbrachte und in Reih und Glied auf den Tisch setzen konnte. Schubste ich jemanden, wurden meine Eltern angerufen und ich wurde vor der Klasse laut angeschriehen - schlugen mich mehrere Leute innerhalb einer 15-Minuten-Pause und wurde ich 20 mal am Tag "fette Sau", "dickes Monster" oder "fette Kuh" genannt, wurde mir gesagt ich sollte meine Probleme selber lösen. Schüler und meine Lehrerin ließen sich an mir aus. Wenn ich im Unterricht zeichnete (und trotzdem zuhörte), kam meine Lehrerin und riss meine Zeichnung in tausend Teile. Ich hegte bereits in der zweiten Klasse Selbstmordgedanken.In der dritten Klasse kam ein neues Mädchen auf die Schule - sie wurde meine beste Freundin und ist es noch heute. Mel war auch klein und dünn - aber kein dummes Prinzesschen, sondern eine phantasievolle Abenteurerin. Schon am ersten Tag tauschten wir Telefonnummern aus und wurden unzertrennlich. Mel versüßte mir meine bittere Grundschulzeit und stand mir bei - denn das Mobbing ging bis zum Ende der Grundschule weiter und endete dort auch nicht. **Ich nehme ab** Auf dem Gymnasium Endlich - eine neue Schule, eine neue Chance. So dachten ich und meine Eltern uns das zumindest. Aber Fehlschlag. Natürlich folgten mir auf diese Schule gleich eine handvoll Schüler aus der Grundschule, die mich zum neuen Opfer machten. Das Mobbing bewegte sich von da an auf noch höherem Niveau. Während meine neue Klassenlehrerin Frau Klenke sich wirklich große Mühe gab, die anderen milder auf mich zu Stimmen und mir ein bisschen zu Integration zu verhelfen, wendete sich gleich die ganze Schule gegen mich. Meine gesamte Stufe, aber auch Schüler aus allen anderen Jahrgängen kannten meinen Namen, rempelten mich an, beschimpften mich und lachten mich aus - wiel ich dick war und gerne Zeichentrickserien guckte. Als in der achten Klasse ein Junge, der schon mit mir auf der Grundschule war, beschloss "Gabber" und Neonazi zu werden, hatte mein Stündlein geschlagen. Im Laufe der siebten Klasse fing ic an, mich für Gothic, 70er Rock und derartige Musik zu interessieren, vereinigte ich so viele Feindbilder in mir, dass jeder was zum hassen fand. Jetzt musste ich mich auch noch mit "Zecke" und "Satanist" beschimpfen lassen (wobei ich letztes mit Humor nahm) und der aspirierende Nazi hatte einen Narren daran gefressen, mich zu schlagen udn zu beschimpfen. Meine Eltern reagierten einmal leicht schockiert, als ich einen großen blau-grünen Fleck auf der Schulter hatte, aber scheiterten immer noch dabei, die Situation richtig einzuschätzen. Erst als eben dieser Typ an Halloween bei uns auftauchte und unser Haus mit Eiern beschmiss (und ein totes Hühnchen in den Garten der Zeugen Jehovas Familie in unserer Straße warf), verstanden meine Eltern, was hier wirklich geschah. Meine Mutter telefonierte mit meinem neuen Klassenlehrer, der die Situation amüsierend, aber nicht besorgniserregend fand, und machte mit ihm aus dass ich vor der Klasse erzählen würde, was geschah. Natürlich zogen alle Mitschüler, die gesagt hatten sie würden auch auspacken bezüglich der Tätigkeiten meines Nazi-Mitschülers, den Schwanz ein und sagten kein Wort. Nur die Zeugin Jehovas meldete sich am zweiten Tag und gab klein laut zu verstehen, dass das ihr Garten war. Von Lehrern und Schulleiterin keine Reaktion. Danke Ruhr Gymnasium Witten!Der Schulwechsel Ich wechselte die Schule, weil ich mit diesen Menschen nicht mehr in einem Raum sitzen wollte. Ich ging auf ein Gymnasium in Dortmund und kam dort deutlich besser klar. Meine Mitschüler waren respektvoller und gewöhnten sich schnell an meinen schrägen Humor. Ich ging nun viel lieber in die Schule. Aber das besondere, was mit mir geschah, als ich die Schule wechselte: Ich wollte abnehmen! Stück für Stück kam der Wille, die lästigen Pfunde los zu werden. Ich starrte ständig die langen Gewänder in den Gothic Läden an, aber auch die schönen Jeans bei H&M. Ich war die Übergrößen leid! Ich hatte mit 16 Jahren Kleidergröße 48 und schlenderte ständig zum Einkaufen mit meiner Mutter zu Ulla Popken und die XL-Abteilung von C&A, wo Kleidung verkauft wurde die eher an Kartoffelsäcke erinnerte. Ich freundete mich mit einem unglaublich hübschen, blonden Mädchen an, die mir ein wenig Motivation schenkte. Und so begann ich, mich mit Kalorien zu beschäftigen. Ich lernte, dass man, wenn man noch übergewichtig ist, gut abnehmen kann wenn man sich auf 1500 Kalorien am Tag einschränkte. Also begann ich damit, und tastete mich an das Neuland "Obst" heran. Gemüse war mir noch suspekt (denn bis auf Spinat, Grünkohl und Bohnen ekelte mich jedes an!). Meine geliebten Käselaugenstangen vom Bahnhof gönnte ich mir immer noch, aber anstatt als Snack für zwischendurch setzte ich sie nun als komplettes Mittagessen ein. Ich nahm von 110kg auf 95kg ab und sah schon bedeutend besser aus. Diese ersten 15kg purzelten sehr schnell. Ich glaube, ich verlor sie innerhalb von sechs Wochen. Ich fuhr 2 bis 3 mal die Woche mit dem Fahrrad um einen nahe gelegenen See und erledigte alles zu Fuss, was ging. Am meisten aß ich in dieser Zeit Joghurt, Äpfel und Brot. Zu dem trank ich sehr viel schwarzen Kaffee und jeden Tag eine Flasche Pepsi Max (ist so wie Light - ohne Kalorien). Ein kleiner Zwischenstopp im Bericht für: Meine Tipps zum gesunden abnehmen -Versuch's mit Rohkost und Obst - Äpfel, Kirschen, Möhren, Erdbeeren! Hat alles wenig Kalorien. -Kaffee - er regt den Stoffwechsel an! Aber nicht mehr, als vier Tassen am Tag, sonst fangen die Hände an zu zittern und man ist überdreht. -Tee mit Süßstoff ist ein guter Tipp, wenn das Bedürfnis nach Süßem kommt. -Cola, Sprite und Fanta - trink sie ruhig weiter! Aber in LIGHT oder ZERO! Während normale Cola 46kcal pro 100ml hat und eine ganze Flasche somit einer Schokoladentafel ebenbürtig ist, haben die Light und Zero-Versionen *keine* Kalorien! -leckeres Gemüse wie Rosenkohl und Broccoli machen satt und haben ultra wenig Kalorien, und im Supermarkt findet man die passende Light-Sauce -ich bin ein Fan von Lightprodukten. Ersetzt man Joghurt und Käse durch ihre Lightversionen, spart man unglaublich viele Kalorien - aber dann bitte nicht doppelt so viel Essen! -viel trinken! Wasser, Tee, Kaffee und Light Getränke sind spitze. Der ganze Dreck, der sich angesammelt hat, muss aus einem raus geschwemmt werden! Man fühlt sich wie neugeboren! -niemals die Vitamine vergessen - sonst fühlt man sich schlapp und kriegt noch mehr Hunger -Motivation ist *alles*! Such dir ein realistisches Vorbild und sieh dir ab und an ein Bild an. Aber mach dich nicht verrückt! So, weiter im Bericht :) Berg ab Mittlerweile war ich auf 88kg runter gekommen. Ich ging mit meiner Familie Mittags essen und war abends alleine zu hause. Ich machte mir Vorwürfe - warum hab ich nicht Nein gesagt? Warum sind wir nicht was gesündere Essen gegangen? Warum bin ich danach nicht Fahrrad fahren gegangen? Ich fühlte mich grauenhaft - und da kam mir eine noch grauenhaftere Idee. Im Fernsehn sieht man immer wieder Berichte über Magersüchtige und Bulimiker. Warum nicht mal selber Hand anlegen, im wahrsten Sinne des Wortes? Hätte ich gewusst, in was für eine Hölle ich mich mit diesem kleinen Schritt begebe, hätte ich es nicht getan - aber ich zwang mich zu erbrechen, legte mich ins Bett und war einfach nur furchtbar glücklich, das Essen aus mir rausgequält zu haben. Schuldgefühle oder Sorgen hatte ich keine.Ich tat es nach diesem einen mal fürs erste nicht nochmal, sondern aß fast nichts mehr. Im Sommer 2005 lebte ich von zwei Joghurt und einem Apfel am Tag, manchmal sogar weniger als das. Weiter werde ich jetzt nicht mehr berichten, sondern hier abbrechen und mir meine Leidensgeschichte Richtung Untergewicht für einen anderen Bericht aufheben, denn hier passt er nicht rein.Heute wiege ich bei 1,81m 66kg und bin damit fast untergewichtig. Fazit Mein Leben hat sich verbessert, seit dem ich das Übergewicht bekämpft habe. Aber mit voller Inbrunst kann ich das erst jetzt sagen. Mein Weg zu meinem heutigen Ich führte mich vom Übergewicht zur Magersucht und zur Bulimie. Heute achte ich sehr darauf, was ich esse. Als ich dick war, war das Leben im Bezug auf Essen leichter, weil ich nicht jedes Produkt im Supermarkt umdrehte um mich nach den Nährwerten zu erkundigen. Aber jetzt habe ich viele Freunde, kann überall Anziehsachen einkaufen und sehe deutlich besser aus. Allerdings frage ich mich oft, welche meiner jetzigen Freunde ich auch dann hätte, wenn ich noch dick wäre? Mein Übergewicht stand mir immer dabei im Weg, Leute kennenzulernen.Wenn ihr abnehmen wollt, lasst euch nicht in eine Essstörung reissen und erkennt, wann es genug ist. Bei mir steht bald eine Schönheitsoperation an, wenn ich habe viel haut über am Bauch, die sich nicht wieder zurückbildet. Wenn man über 20kg abnimmt, muss man mit hängender Haut rechnen, es sei denn man hat ein super gutes Bindegewebe. Man kann auch die Cremes und Lotions ausprobieren, die es für dieses Problem überall gibt, aber ein Arzt sagte mir, die helfen bei solchen Fällen nicht mehr.Aber jeder sollte sich fragen - sind meine Freunde richtige Freunde? Würden sie mich auch mögen, wenn ich dick wär? Würde ich in dem Kreis, in dem ich mich aktuell bewege, akzeptiert werden? Wie behandel ich selber übergewichtige Menschen? Vielleicht konnte mein Bericht ein paar Menschen die Augen öffnen. Dick sein ist nicht immer ein Ergebnis aus faul sein, sondern oft falscher Erziehung oder mangelnder Motivation. Als ich nicht mehr gemobbt wurde, konnte ich endlich abnemen!
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01.05.2010 22:36
ich kenne da eine ähnliche geschichte...
28.03.2010 14:27
Super eindrucksvoll und ausschlußreich. Eindeutig BH dafür!
17.02.2010 01:20
Für diesen Bericht gebe ich dir ein BH. Sehr interessant deine Geschichte.