Untergang, Der (2004)

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Untergang, Der (2004)

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"Die großen politischen Verbrecher müssen durchaus preisgegeben werden, und vorzüglich der Lächerlichkeit. Denn sie sind vor allem keine großen politischen Verbrecher, sondern die Verüber großer politischer Verbrechen, was etwas ganz anderes ist." (Bertolt Brecht) „Es müsste eigentlich ... Bericht lesen





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1-6 von 55 Erfahrungsberichten    
> Alle 55 Untergang, Der (2004) Erfahrungsberichte anzeigen
Vom Faszinosum der Macht und des Bösen
Erfahrungsbericht von Posdole über Untergang, Der (2004)
20.09.2004


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Bruno Ganz, Juliane Köhler
Kontra: Siehe Bericht; so kurz nicht darstellbar

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

"Die großen politischen Verbrecher
müssen durchaus preisgegeben werden,
und vorzüglich der Lächerlichkeit.
Denn sie sind vor allem keine
großen politischen Verbrecher,
sondern die Verüber großer
politischer Verbrechen, was etwas
ganz anderes ist."
(Bertolt Brecht)

„Es müsste eigentlich jeder wissen,
dass wir auf dem Boden der Geschichte
stehen, und wenn wir das ignorieren,
dann sind wir schlecht beraten.
Es geht um einen gravierenden Punkt
in der deutschen Geschichte, und wenn
wir den vergessen, ist das schlecht für
uns alle, weil wir dann ein kollektives
Trauma nicht bearbeiten, nicht beseitigen
– und auch niemals weiterkommen werden
als Volk. Mit diesem Film verbinde ich
die Hoffnung, dass es dann irgendwie
endlich vorbei ist, dass es dann mal gut
ist damit, dass es mich nicht mehr mit
Angst, Schrecken und Entsetzen erfüllt,
sondern dass ich es als einen Punkt in
der Geschichte nehmen und ein Teil
meines Inneren dann weitergehen kann.”
(Corinna Harfouch) (1)

Dem Schrecklichen den Schrecken nehmen. Durch was? Durch Authentizität? Durch dramaturgische Annäherung an das Echte, Wahre? Durch haarscharfe Kalkulation mit dem Kern, der Substanz dessen, was sich in wenigen Tagen im Führerbunker abspielte? Ich habe da meine Zweifel.

Bernd Eichingers vor Kinostart allerorten beworbenes Drama „Der Untergang” schildert die Zeit zwischen dem letzten Geburtstag Hitlers und der Kapitulation Deutschlands und der Wehrmacht im Bunker in Berlin, in dem sich Hitler, Eva Braun, zeitweise der als „Architekt des Dritten Reiches” titulierte Speer, Himmler, Goebbels samt Familie, die Generäle Keitel und Jodl sowie etliche andere Führungskräfte, Militärs und SS-Angehörige sowie die Sekretärin Hitlers, Traudl Junge, aufhielten. Der Film basiert auf dem von Joachim C. Fest, dem ehemaligen Mitherausgeber der FAZ, geschriebenen gleichnamigen Buch sowie den Aufzeichnungen der inzwischen verstorbenen Ex-Sekretärin Hitlers, Traudl Junge, die bereits in einem Film André Hellers „Im toten Winkel – Hitlers Sekretärin” (2002) über ihre Erinnerungen an diese Zeit berichtet hatte.

Zum Teil ist der Film aus der Perspektive von Traudl Junge erzählt, teilweise wohl aus den verschiedenen Aufzeichnungen rekonstruiert. Es lassen sich mehrere „Gruppen” erkennen: Einmal die Sekretärinnen, die „unbedarft”, „naiv” und „nichts wissend” über die Gräuel des Nazi-Regimes die Arbeit im Führerbunker annahmen. Was diese Perspektive angeht, ist der Film Hellers fast aufschlussreicher, obwohl sich mir bei Sicht von „Im toten Winkel” schon die Frage stellte, worauf Heller letztendlich hinaus wollte. Ob diese Perspektive in Hirschbiegels Film tatsächlich der von Traudl Junge entspricht, ist schwer zu entscheiden. Im Film hat Alexandra Maria Laras Frau Junge eher eine teilnahmslos beobachtende Rolle, die möglicherweise der Naivität, von der Frau Junge Jahrzehnte später Heller berichtete, entsprechen mag.

Die zweite Perspektive ist eindeutig die Hitlers, der sich derart in seine eigene verbrecherische Ideologie verrannt hat, dass ein Abweichen weder in Hinsicht Kapitulation, noch im Hinblick auf eine mögliche Flucht ihm möglich erscheint. Hitler hält daran fest, dass entweder der Endsieg erfolgen muss oder das deutsche Volk sein Existenzrecht verloren hat. Die Befehle an seine unmittelbare Umgebung sind eindeutig; und erst als er sich selbst und anderen gegenüber offen zugibt, dass eine totale Niederlage unausweichlich ist, entscheidet er sich für den Selbstmord – ebenso wie Goebbels, der gemeinsam mit seiner Frau entscheidet, in einem nicht nationalsozialistischen Deutschland sollten beider Kinder nicht leben.

Eine dritte Perspektive ist die der unmittelbaren Umgebung Hitlers. Hier finden wir bis zum letzten Atemzug treue Anhänger Hitlers (v.a. Goebbels) und Realisten, die zwar nicht offen aussprechen, kapitulieren zu wollen, die Situation aber für völlig hoffnungslos halten und das auch sagen.

Ergänzt wird diese Situation im Bunker im Film mit Szenen über Bomben- und Granatenangriffe sowie mehr angedeutete Reaktionen einzelner Soldaten, Kinder und anderer Zivilisten auf die immer brenzliger werdende Situation.

Die meisten dieser in den Büchern und im Film geschilderten Fakten sind seit langem bekannt: das Festhalten Hitlers am „Endsieg”, der Selbstmord Hitlers und Eva Brauns, die Ermordung der Kinder Goebbels durch ihre Eltern, die Selbstmorde von Goebbels und seiner Frau, das Festhalten der Militärs und Politiker am Treueid zum „Führer” bis zum bitteren Ende wider besseres Wissen über die wirkliche militärische Situation usw.

Zum gegebenen Zeitpunkt war der Krieg des nationalsozialistischen Deutschlands endgültig verloren; daran konnte es keine Zweifel geben. Berlin war von der Roten Armee eingekreist. Und die Alliierten dachten zu diesem Zeitpunkt (nicht mehr) an irgendwelche Verhandlungen mit den Spitzen der NS-Regierung. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und der Wehrmacht war schon lange beschlossene Sache der Alliierten und wurde dann, am 7. und 8. Mai 1945, ja auch vollzogen. Die Situation im Bunker war demnach eine, aus der heraus irgendeine Wende in Krieg und Politik nicht mehr möglich war.

Es stellt sich daher die Frage, welche Absichten Eichinger und sein Regisseur Oliver Hirschbiegel mit der Inszenierung dieses Films verfolgen. Eichinger äußerte sich in einem Interview wie folgt:

„Der Film beschreibt keinen Mikrokosmos, sondern in epischer Form einen Endzustand wie ein Zeitraffer. Ein Zeitraffer der genau das aufzeigt, was in den ganzen zwölf Jahren des Hitlerregimes stattgefunden hat. Das war der Auslöser für den dramaturgischen Ansatz. Mit meinem Drehbuch habe ich versucht, etwas über das gesamte Regime zu erzählen, allerdings auf einen Zeitraum kondensiert, den man in den Griff kriegen kann. Dabei findet man natürlich immer wieder neue Elemente, aber nie die endgültige Antwort.” (2)

Tatsächlich finden sich im Film einige Anhaltspunkte für diese prognostizierte Absicht – etwa die gnadenlose Skrupellosigkeit Hitlers gegenüber allem und allen, die sich – auch nur verbal – seinen Absichten, taktischen oder strategischen Zielen usw. entgegenstellen, sowie die entsprechend brutale Mentalität auch dem eigenen Volk gegenüber, das es nicht verdient habe, weiter zu existieren, wenn es nicht in der Lage sei, seine Feinde zu eliminieren.

Um es vorwegzunehmen: Meine Einwände gegen diese Art der Visualisierung beziehen sich ausdrücklich nicht darauf, dass man etwa die Person Hitlers oder anderer nationalsozialistischer Größen in einem Film nicht darstellen dürfe. Es kann kein Verbot geben, Personen der Geschichte in einem Film zu zeigen, auch wenn es sich um Völkermörder handelt. Meine Einwände beziehen sich auch nicht darauf, der Film könne von heutigen faschistischen Gruppierungen für deren Propaganda ge- oder missbraucht werden. Dies ist angesichts der Darstellung im Film kaum möglich.


1. VISUELLE AUTHENTIZITÄT UND HISTORISCHE ERKENNTNIS

Die dramaturgischen Mittel Eichingers sind ein Kernpunkt meiner Kritik. Eichinger wählt eine Mischung aus dokumentarischem Film und (mehr oder weniger) klassischer Tragödie, er nennt das „epische Form”, um der „Sache” ganz nahe zu kommen. Diese Nähe zu Ereignissen und Personen reicht von der äußeren Annäherung vor allem in bezug auf Hitler über detailgetreue Nachbildungen des Bunkers bis hin zur Sprache Hitlers, der Wiedergabe von Gesprächen nach den entsprechenden Aufzeichnungen, soweit noch vorhanden, kurz „Nähe” wird erzeugt durch den Versuch, authentisch zu werden, zu bleiben und diese Authentizität über die gesamte Zeit des Films – immerhin zweieinhalb Stunden – zu halten und dem Publikum zu vermitteln.

Bruno Ganz sieht aus wie Hitler, spricht wie Hitler, gebärdet sich wie Hitler und so weiter. Kein Zweifel besteht daran, dass Ganz hier (für sich genommen) eine grandiose Leistung vollbringt – auch wenn einige seiner Wutausbrüche (besonders gegen Schluss des Films) eher unfreiwillig lächerlich erscheinen. Und doch hatte ich die ganze Zeit über das Gefühl, ich sehe nicht Hitler – sondern Bruno Ganz in der Maske des Massenmörders. Dieser Drang, man kann fast sagen: selbstauferlegte Zwang zur Authentizität scheitert von vornherein übrigens bei den anderen Nazi-Größen. Weder Ulrich Matthes, noch Corinna Harfouch haben Ähnlichkeit mit den historischen Nazi-Größen Goebbels und Frau, und auch in Ulrich Noethen sah ich eher den Schauspieler als Himmler. Diese frappante Diskrepanz zwischen Schauspielern und gespielten Personen fällt bei „Der Untergang” deshalb ganz besonders auf und ins Gewicht, weil die historischen Personen, besonders Hitler selbst, seit Jahrzehnten in Mimik, Gestik, Aussehen, Sprache, in fast allen möglichen Einzelheiten der Person usw. und im Unterschied zu vielen anderen historischen Figuren in einer dermaßen hohen Intensität über die unterschiedlichen Medien in der Öffentlichkeit ein Bild „hinterlassen” haben, dass eine Identifizierung über einen „authentischen” Schauspieler so gut wie zum Scheitern verurteilt ist.

Eichinger hat Recht, wenn er sagt, dass man das NS-Regime und alles, was mit ihm verbunden ist, kaum visualisieren kann, indem man zum Maßstab der Visualisierung Vollständigkeit der Fakten und Ereignisse macht. So hat etwa Roman Polanski in „Der Pianist” (2002) am Schicksal einer einzigen Person, unter Konzentration auf den polnischen Pianisten Szpilman die ganze Brutalität der Zeit dermaßen erschütternd in Szene gesetzt, dass ein Rekurs auf andere Ereignisse dieser Zeit oder gar Naziführer völlig unnötig war.

Eichinger hat jedoch Unrecht, wenn er meint, der zum Scheitern verurteilte Glaube an Vollständigkeit könne über die Hintertreppe quasi wieder eingeführt werden, indem man den von ihm gewählten Ausschnitt aus der betreffenden Zeit in der dramaturgischen Darstellung durch den Drang nach Authentizität „ersetzt”, den (hier sehr kurzen) Zeitausschnitt sozusagen mit prallen Fakten, „echten” Personen und Detailverliebtheit bis zum Rand füllt. Dies ruft bei manchem den bewundernden Satz hervor: „Der Film ist so realistisch.” Kein Film ist realistisch, sondern versucht höchstens, über verschiedene Stilmittel einer Realität Ausdruck zu verleihen. Dies ist aber etwas anderes. Selbst ein Dokumentarfilm zeigt immer nur Ausschnitte einer bestimmten Realität, Ausschnitte, die vom Dokumentarfilmer subjektiv gewählt wurden. Andere Dinge, die er nicht zeigen will, bleiben außen vor.

Das Zauberwort in diesem Kontext hieße: Verfremdung. Schon die klassische Tragödie, sei es die antike, sei es die Shakespeares kannte keinen Drang nach „Echtheit” dessen, was Person und Handlung betraf. Dialog und v.a. Monolog waren die dramaturgischen Instrumente, um eine historische Person gerade über den Weg der Distanz (!!) näher zu bringen. Brecht machte in seinem Stück „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” aus Hitler einen Gangster und verlagerte den Schauplatz der Geschichte nach Chicago. Andere Autoren kritisierten z.B. Stalin, indem sie die Geschichte der „heiligen Inquisition” und den Großinquisitor in Spanien zum Schauplatz wählten. Eichingers Film jedoch dramatisiert nicht wirklich, weil er immer wieder „realistisch” sein will, ohne es wirklich zu können. Es gibt z.B. keinen – etwa „Hamlet” vergleichbaren – „unrealistischen” Monolog und damit verfremdenden Effekt, der eben gerade über diese Distanzierung von der realen Person ins Zentrum des Wichtigen vorstoßen könnte.

Das Problem der Authentizität hat aber noch eine andere Seite. Das Bild Hitlers oder anderer derart seit Jahrzehnten in den Medien verhandelter Personen scheint – trotz aller individuellen Nuancen in den Vorstellungen einzelner – geprägt durch eine Unmenge an historischen Forschungsergebnissen, die über die Medien zu zentralen Aussagen gebündelt und popularisiert werden. Hitlers Bild scheint in den Grundfesten festgefügt. Wir müssen uns allerdings darüber im klaren sein, dass es – so paradox das klingen mag – zwischen historischer Person und historischem (und übrigens im Laufe der Zeit verändertem oder modifiziertem) Bild über diese Person eine nicht zu überwindende Differenz gibt. Personen haben so und so gelebt, gehandelt usw. Bilder verändern sich, nicht zuletzt auch in Abhängigkeit von sozialen, politischen, kulturellen Veränderungen. Dieses Phänomen und Problem ist in der historischen Forschung seit langem bekannt. Alle Naselang, sprich alle Generationen, modifiziert sich das Bild von Epochen und Personen der Geschichte.

Der Versuch nun, in der authentischen Visualisierung den „richtigen” Hitler zu finden, ist selbst geprägt von den Vorstellungen, die die Autoren über diese Person haben. Das Authentische kann sich also als trügerisch erweisen. Dabei meine ich nicht so sehr die Fakten über den Holocaust, das NS-Regime usw., sondern hier v.a. die Darstellung der Person selbst. Das Hitler als „das absolut Böse” gilt, ist der Kitt, die Klammer, um den Drang nach Authentizität so realistisch und verständlich machen zu wollen.

Kurzum: Der Versuch einer authentischen, „echten”, „realistischen” Darstellung der Person und die Vermittlung dieses Ansinnens in der Öffentlichkeit verleitet in doppelter Hinsicht dazu, für bare Münze zu nehmen, was in Wirklichkeit subjektives Empfinden und Denken der Autoren des Films respektive der Bücher, die als Vorlage dienten, ist – selbst wenn Tausende und Abertausende über Situation und Personen vielleicht ähnlich empfinden oder denken. Denn die entscheidende Frage ist, was – trotz dieser möglichen Übereinstimmung – die Handlung des Films darüber hinaus aussagen kann, selbst wenn man das Problem der avisierten detailgetreuen und authentischen Darstellung einmal beiseite lässt.


2. GESTALTEN MACHEN GESCHICHTE?

Der Drang nach Authentizität kann vieles bedeuten, zum Beispiel: Man will „es” endlich wissen? Doch Film wie auch der dahinter stehende Autor Joachim C. Fest deuten auf etwas anderes. Fest gehört zu jener Sorte Historiker, die in der Geschichte v.a. das Werk „gestaltender” Männer sehen. Nun kann man kaum bezweifeln, dass Männer wie Hitler, Stalin, Bismarck, Napoleon und wie sie alle heißen mögen (Frauen scheiden hier offenbar selbstverständlich aus) „gestaltend” gewirkt haben. Gerade an einem Film wie „Der Untergang” jedoch wird bei näherer Betrachtung deutlich, dass die gesamte Vorgeschichte der Katastrophe von 1945 völlig ausgeblendet ist und auch in den Äußerungen und Handlungen der Personen im Bunker nicht mehr zum Ausdruck kommt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Lange bevor Hitler und seine Epigonen in der Weimarer Republik politischen Einfluss bekamen, existierte in Deutschland und zuvor im Kaiserreich eine breite sowohl antisemitische, als auch rassistisch-kolonialistische Grundüberzeugung (bis hinein in die Arbeiterbewegung), die z.B. von Verbänden wie den „Alldeutschen”, später von den Freikorps und vielen mehr oder weniger einflussreichen Gruppen propagiert wurde. Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht durch Freikorps-Mitglieder war ein tragischer Höhepunkt dieser politischen Atmosphäre direkt nach dem ersten Weltkrieg. Die sog. „Dolchstoßlegende” war ebensowenig eine Erfindung Hitlers. Und die Existenz der Deutschnationalen war nicht ihm geschuldet. Es gab einen Boden, ganz unabhängig von Personen wie Hitler oder Goebbels. Und nur auf diesem Boden konnten Hitler, Goebbels und einige andere das vollbringen, was zum Holocaust führte.


3. DAS FASZINOSUM DER MACHT

Der Film aber – und auch Fests Hitler-Biographie, die schon etwas älter ist – kulminiert in der Darstellung der Machtzentrale des faschistischen Deutschlands in dem Zeitpunkt, als die Macht rapide zu schwinden beginnt. Die Konzentration auf dieses Moment in der Geschichte des NS-Machtapparates verbindet sich auf eine trügerische Weise mit dem vehementen Drang nach Authentizität. Eichinger sagt in dem bereits zitierten Interview:

„Das ist ein sehr komplexes Thema. Es wäre zu einfach, zu sagen, das Liebäugeln mit großen Untergängen, mit großem Pathos sei eine deutsche Tugend oder Untugend. Ich scheue mich, dies als typisch deutsches Syndrom darzustellen. Vielleicht ist den Deutschen etwas anderes als dieser Untergangssog eigen: Die Pflichterfüllung. Sie fühlen sich selbst als Verräter, wenn sie aufgeben. Man gibt nicht auf, das tut man einfach nicht. Man beschwert sich nicht, man nimmt es hin, das ist die Pflicht – und die Obrigkeitshörigkeit stelle ich eher als Tugend oder Untugend der Deutschen hin. Aber mit den gleichen Voraussetzungen hätte ähnliches auch in anderen Ländern passieren können.” (2)

Ich will nicht behaupten, dass es eine verschwörerische Absicht bei Planung und Herstellung dieses Films gewesen sei, „das Liebäugeln mit großen Untergängen” oder „die Pflichterfüllung” bis zum Untergang zu visualisieren. Doch meinem Eindruck nach ist das genau das Ergebnis dieses Films. Der historische Erkenntnisgewinn des Films ist gleich Null. Der „moralische” oder „ideologische” Erkenntnisgewinn allerdings gründet sich auf einen geradezu fatalen Drang: Man will „ihn” sehen, so wie „er” war, in seiner „echten”, wenn auch verbrecherischen Größe. Die Faszination an der Macht, an der uneingeschränkten (wenn auch längst niedergegangen) Macht und am Bösen, gepaart mit der nötigen voyeuristischen Dynamik, die nicht nur uns als Kinogängern gegeben ist, zeitigt ein merkwürdiges Interesse an diesem Film. Man will alles sehen, auch, wie Frau Goebbels ihre Kinder betäubt und ihnen dann Giftkapseln zwischen die Zähne steckt, um sie zu ermorden. Der Film zeigt diesen Mord in aller Länge. Wozu? Um zu beweisen, wie brutal sie angesichts der verinnerlichten NS-Ideologie war? Wussten wir das nicht schon vorher? Die Frage ist nicht, ob man so etwas zeigen darf, sondern warum es gezeigt wird.

Ich will hier gerne zugeben, dass ich mir diese Szene genauso angeschaut habe wie alle anderen: Vom ersten bis zum letzten Kind. Aber warum schauen wir uns das an? Weil es an diesem skrupellosen, erbärmlichen Auswuchs einer verbrecherischen Ideologie tatsächlich etwas Faszinierendes, Fesselndes, Anziehendes gibt. Der Grund dafür ist einfach und kompliziert zugleich: Es ist das Unfassbare, Unbegreifliche, verstandesmäßig nicht Ergründbare einer Ideologie und ihrer praktischen Folgen, also der letzte Rest dessen, was weder die historischen und sozialen Wissenschaften, noch der gemeinhin „gesunde Menschenverstand” eben restlos erklären können, das, was wir weder in unserem Kopf verstehen, noch in unserem Herzen nachempfinden können.

Aber gerade in dieser Hinsicht ist „Der Untergang” das, was ich verantwortungslos nennen möchte. Das bedeutet: er gibt keine Antwort, täuscht es aber aufgrund seines Drangs nach Authentizität vor. Das wiederum kann dieser Film kaum verantworten. Wenn sich Eichinger scheut, das „Liebäugeln mit großen Untergängen, mit großem Pathos” als „deutsche Tugend” zu behaupten, ist die Karre schon halb in den Dreck gefahren. Wenn er die Pflichterfüllung bis zum bitteren Rest – das heißt über Leichen(berge) – nennt, dabei aber offen lässt, ob sie als „Tugend oder Untugend” zu qualifizieren ist, ist die ganze Karre im Dreck.


4. FAZIT

Ja, ja, und trotzdem ist „Der Untergang” doch ein guter Film. Oder? Jeder kann doch selbst beurteilen, wie er oder sie ihn in seine eigene Sicht der Dinge einbaut. Alle haben Verstand und sind vernünftig genug, ihn und das, was er zeigt, richtig zu bewerten. Oder? Und schließlich ist er nun wirklich kein Film, der von Neonazis missbraucht werden könnte.

Das ist er nicht. Doch er tut eben eines nicht, was gerade heutzutage so bitter nötig wäre: Das Faszinosum der Macht auf eine überzeugende Weise zu desavouieren und zu dekonstruieren.

P.S. Das alles heißt nicht, man solle sich den Film nicht anschauen. Im Gegenteil halte ich es für wichtig, dass beispielsweise auch Schulklassen den Film ansehen. Das würde sicherlich zu einer fruchtbaren Diskussion Anlass geben.

Wertung: 5,5 von 10 Punkten.


(1) Corinna Harfouch im Interview:
http://www.der-untergang.de/corinna-harfouch.php3
(2) Eichinger im Interview:
http://www.der-untergang.de/bernd-eichinger.php3

WICHTIGER HINWEIS !!!
P.S. Für die 11. bis 13. Jahrgangsstufe an Schulen bieten die UFA-Kinos ein 52-seitiges Materialheft zum Film an, das im PDF-Format herunter geladen werden kann. Quelle:
http://www.ufa-kino.de/html/site.php?pgID=7&cityID=64


Der Untergang
Deutschland 2004, 150 Minuten
Regie: Oliver Hirschbiegel

Drehbuch: Bernd Eichinger, unter Verwendung von Joachim Fests „Der Untergang” und Traudl Junges „Bis zur letzten Stunde”
Musik: Stephan Zacharias
Director of Photography: Rainer Klausmann
Schnitt: Hans Funck
Produktionsdesign: Bernd Lepel, Gregor Mager
Darsteller: Bruno Ganz (Adolf Hitler), Alexandra Maria Lara (Traudl Junge), Corinna Harfouch (Magda Goebbels), Ulrich Matthes (Goebbels), Juliane Köhler (Eva Braun), Heino Ferch (Albert Speer), Christian Berkel (Dr. Schenck), Matthias Habich (Prof. Dr. Werner Haase), Thomas Kretschmann (Hermann Fegelein), Michael Mendl (General Weidling), André Hennicke (SS-Gruppenführer Mohnke), Ulrich Noethen (Heinrich Himmler), Birgit Minichmayr (Gerda Christian), Rolf Kanies (General Hans Krebs), Justus von Dohnanyi (General Burgdorf), Dieter Mann (Feldmarschall Wilhelm Keitel), Christian Redl (General Alfred Jodl), Götz Otto (Otto Günsche), Thomas Limpinsel (Heinz Linge), Thomas Thieme (Martin Bormann)

Internet Movie Database:
http://german.imdb.com/title/tt0363163

© Ulrich Behrens 2004

   

weitere Erfahrungsberichte
Prämierter Erfahrungsbericht   In memoriam
Bewertung für Untergang, Der (2004) von Linnie1978

Pro: beeindruckende schauspielerische Leistungen, regt sehr zum Nachdenken an, realistisch ohne zu beschönigen, keine Minute ist langweilig oder überflüssig, überzeugende Regiearbeit, wichtiges Thema
Kontra: der Film beruht auf wahren Geschehnissen

„Wenn auch meine Hand zittert, mein Herz wird niemals zittern“ [Adolf Hitler] Schon vor einiger Zeit sah ich im Kino den Trailer zum Film „Der Untergang“ und war sofort gespannt auf diesen Film und vor allem auf die Darstellung Hitlers in einem moderne ... Bericht lesen

Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
sehr hilfreich

20.09.2004
Lieber ein Ende mit Schrecken...
Bewertung für Untergang, Der (2004) von DarkShadowTB

Pro: historisch absolut authentisch und gut recherchiert; schauspielerische Darstellung, insbesonders von Bruno Ganz
Kontra: Albert Speer wird meiner Ansicht nach etwas zu positiv dargestellt.

...als ein Schrecken ohne Ende! Wohl kaum ein Film wurde in den Medien schon vor dem Erscheinen derart heftig diskutiert, wie das Historiendrama „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel und Bernd Eichinger. Darf man einen Mann, der für derar ... Bericht lesen

Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
sehr hilfreich

18.10.2004
Der Wahnsinn hat ein Gesicht
Bewertung für Untergang, Der (2004) von Bavaria123

Pro: hervorragende Schauspieler, Umsetzung und Verknüpfung der Vorlagen
Kontra: der Krieg als Gesamtes

"Und trotzdem fällt es mir schwer, mir das zu verzeihen...." Mit diesen in die Dunkelheit gesprochenen Worten beginnt der Film "Der Untergang". Ich habe ihn am 17. September gesehen, einen Tag nach seiner offiziellen Premiere. Er hat mich sehr beschäftigt ... Bericht lesen

Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich
sehr hilfreich

19.09.2004
0,14% Führer?
Bewertung für Untergang, Der (2004) von Longasc

Pro: Erschreckende Darstellung des Monsters als Mensch
Kontra: Einige Längen, das eingeschränkte Szenario zeigt keine Entwicklung, nur die Endphase

Im Ausland sorgte der jüngste Kinofilm von Produzent Bernd Eichinger und dem durch gewagte Filme bekannten Regisseur Oliver Hirschbiegel ("Das Experiment") für Aufsehen. Britische Äquivalente zur BILD-Zeitung befanden gar, Deutschland habe den Führer verg ... Bericht lesen

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20.09.2004
Die letzten Tage im Führerbunker
Bewertung für Untergang, Der (2004) von Mountain_King

Pro: Bruno Ganz, dichte Atmosphäre
Kontra: ---------------------

Nach längerer Zeit habe ich es endlich mal wieder geschafft ins Kino zu gehen. Und der Anlass war ein Film, der mich sehr interessiert hat. Und zwar handelt es sich dabei um den neuen Film von Oliver Hirschbiegel. Der Untergang. Ich muss gestehen, ich ... Bericht lesen

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22.09.2004

Berichte die interessant sein könnten für Untergang, Der (2004)    
Antworten? Nein, aber dafür noch mehr Fragen. WARUM?
Bewertung für Der Baader Meinhof Komplex (DVD) von  franzi680

Pro: wirft Fragen auf, regt zum Nachdenken an, tolle Besetzung
Kontra: wirft Fragen auf, die Extras

...hindurch nimmt man ihr die Fanatikerin ab, so dass es schon beinahe angsteinflößend wirkt und sieht zudem der echten Gudrun Ensslin auch noch frapierend ähnlich. Nadja Uhl als Brigitte Mohnhaupt wirkt ebenfalls sehr kühl und authentisch. Ihr kommt hier nur eine recht kleine, aber bedeutsame Rolle zu teil, aber diese füllt sie komplett aus. Kälte und Fanatismus pur. Bruno Ganz als Horst Herold, der Jäger der RAF. Genial. Einfach nur genial. Der ehemaliger Hitler Darsteller (Der Untergang von 2004) spielt in seiner Rolle als Fahnder genauso wie ich es mir in meinem Klein-Mädchen-Denken vorstellte. Ein älterer Herr, der in die Fahndung die neueste Technik mit einbringt und irgendwo etwas Gutmütiges und Verständnisvolles hat. Martina Gedeck spielt Ulrike Meinhof. Ihren Start in den Film finde ich nicht so gelungen, aber das hat sich nach wenigen... Bericht lesen

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01.01.1970
Gähnen im alten Rom...
Bewertung für Germanikus (2002) von  BillMaplewood

Pro: Prolog und Epilog...
Kontra: ...der ganze Rest

...Bully hat es möglich gemacht. Sein Riesenerfolg mit ?Der Schuh des Manitu? hat die deutsche Komödie wieder salonfähig gemacht. Oliver Kalkofe parodierte Edgar Wallace und jagte den Wixxer, Otto Waalkes geht als Zwerg in den Wald und präsentiert dem Zuschauer seine Schneewittchen-Version und irgendwo da mitten drin, taucht auch Kabarettist Gerhard Polt plötzlich wieder auf. Zwölf Jahre nach seinem letzten Film ?Herr Ober? brachte er 2004 seine Version des Untergangs des römischen Reiches ins Kino und nun ist der Film auch auf DVD und VHS erhältlich. Doch vorher wurde gut zwei Jahre an dem längst abgedrehten Film herumgeschnitten, da man scheinbar mit keiner Version zufrieden war. Ein Blick auf das Werk, welches dann veröffentlicht wurde, zeigt auch warum. Selten gab es eine Komödie mit so wenig Witz. Dabei beginnt das ganze noch... Bericht lesen

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01.01.1970
Jeder darf mal nackig
Bewertung für Ein fliehendes Pferd (2007) von  yesup

Pro: lazziv, tolle Schauspieler
Kontra: wenig abwechslungsreich

.../Drama Deutschland 2007 Filmstart: 20.09.2007 Verleih: Concorde Film Länge: 92 Minuten FSK: 12 Regie: Rainer Kaufmann *06.06.1959. Mehrfach preisgekrönt, fing 1989 als Regisseur an. Große Erfolge: 1997 Die Apothekerin Drehbuch: Ralf Hertwig war u.a. schon bei Die Apotherkerin am Set Kathrin Richter Schauspieler: Helmut Halm: Ulrich Noethen *18.11.1959. Seit 1995 im Filmgeschäft, schon ausgezeichnet mit dem deutschen Fernsehpreis. Große Erfolge: 1997 Comedian Harmonists und 2004 Der Untergang Klaus Buch: Ulrich Tukur *29.07.1957. Seit 1982 (Die weiße Rose) im Filmgeschäft, diverse Auszeichnungen, große Erfolge: 1986 Stammheim und 2005 Das Leben der anderen Sabine Halm: Katja Riemann *01.11.1963. Seit 1985 im Filmgeschäft. Vom Adolf Grimme Preis bis zur Goldenen Kamera schon alles gewonnen. Große Erfolge: 1994... Bericht lesen

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01.01.1970

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    (+) netter Film mit viel Witz (-) die Zeichentrickfiguren reichen an die Marionetten nicht heran (*)
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  • Unsichtbare Auge, Das
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