Mexikanischer Oldtimer
09.03.2003 (10.03.2003)
Pro:
Flirtfaktor, Fahrspass
Kontra:
Qualität
Empfehlenswert:
Ja
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 40 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Hallo Ciao-Community! Mit diesen Zeilen möchte ich meinem ersten eigenen Auto gedenken, einem 1200er in samtrot von 1984.
Einerseits habe ich den Wagen geliebt, war nunmal mein erstes Auto, andererseits habe ich ihn keine zwei Jahre gehabt. Warum könnt Ihr hier lesen. +++ Vorgeschichte +++
So begab es sich also im Jahre des Herrn 1997, dass ich den Führerschein für Auto und Motorrad machte. Die grosszügige Auszahlung eines Sparbuches sorgte dafür, dass ich zu der Zeit überaus relativ flüssig war. Aus genau diesem Grund reichte mir die Vespa PX 125, die ich damals hatte (Testbericht kommt noch irgendwann) als "nicht standesgemäss" nicht mehr aus, ein Auto musste her.
Doch was bekommt man schon für 4000,- DM? So striff ich also über die Parkplätze der diversen Autohändler und wurde beim Autohaus Otte in Bonn, bei dem meine Eltern bereits zwei Citroen gekauft hatten, fündig: In der hintersten Ecke stand ein alter Mexikaner, Baujahr 1984, samtrot, mit erst 45.000km auf der Uhr.
Der Wagen sah nagelneu aus, deshalb überlegte ich nicht langbe und begann - nach einer positiven Probefahrt und einer zweistündigen Detailuntersuchung auf Fehler und Rost meinerseits - mit dem Autohändler zu verhandeln. +++ Preis +++
Nach zähen Verhandlungen ging der Wagen für 3500,- DM samt Anmeldung und einer Inspektion über den Tisch. Gebrauchtwagengarantie konnte ich dummerweise nicht herausschlagen, genauer gesagt weigerte sich Otte, mir Garantie für das Auto zu geben - im Nachhinein eine kluge Idee des Autohauses.
So kam ich also Mitte Februar in den Besitz meines neuwertig aussehenden Käfers aus zweiter Hand und war natürlich stolz wie Oskar, hatte ich mir doch bereits zu Kinderzeiten gewünscht, später einen Käfer zu fahren. Natürlich wusste ich nicht, was ich mir damit einhandle, aber dazu später. +++ Aussehen & Design +++
Der Mexiko-Käfer von 1984 war einer der letzten offiziell importierten Käfer überhaupt. Die deutsche Produktion war bereits Ende der Siebziger eingestellt worden, um den Weg für den Golf frei zu machen. Den offiziellen Weg nach Deutschland durch VW fanden nur noch diverse Sonderserien wie zum Beispiel der Silver-Bug-Jubiläumskäfer und meine Samtrote Edition mit zwei verwirbelten schwarzen Pflanzen auf den Seiten - die Aufkleber ließ ich noch von Otte entfernen.
Alle Mexiko-Käfer entsprechen technisch und optisch den in den 60ern und 70ern in Deutschland gefertigten 1200er-Käfern, die Importe der 80er hatten noch den Vorteil gegenüber aktuellen Käfern, dass sie ein klassisches Cockpit, Lüftungsschlitze hinter den Fondfenstern und VIEL CHROM besassen, meiner auch, Radkappen, Stossstangen, Zierleisten und Radzierblenden! Innen war der Wagen recht einfach gehalten: Preiswert gepolstertes Armaturenbrett, Plastiklenkrad mit Wolfsburg-Wappen, Veloursitze und Gummimatten im Fussraum - ein durchaus authentisches Fahrgefühl!
+++ Platzangebot +++ Aus heutiger Sicht bietet der Käfer eigentlich recht wenig Raum. Enge Türen, kaum Platz im Fond bei grossen Fahrern, kaum Kofferraum...
Der oder besser gesagt: DIE Kofferräume bieten gerade Platz für das nötigste, im Kofferraum unter der Fronthaube konnte man maximal zwei Bierkästen unterbringen, was ich allerdings nicht empfehlen kann, weil eine die Kästen nach vorne schleudernde Vollbremsung die Haube mit unangenehme Hörnchen verunziert. Hinter dem Rücksitz befindet sich eine weitere Ablage, dort passt aber auch bestenfalls Kleinkram rein. Notfalls kann man aber die Rückbank umklappen und erhält dadurch hinten eine weitestgehend ebene Fläche von vielleicht 1,5 Quadratmetern. Ansonsten gibt es noch das vergleichbar grosse Handschuhfach, ansonsten aber auch keine Ablage mehr. Der Platz auf den Vordersitzen ist recht OK, ich konnte mit meinen 1,90 anständig und Bequem sitzen.
Ich liess das übergrosse Original-Lenkrad gegen ein einfaches, kleineres Sportlenkrad von Momo austauschen, da meine Beine beim Gasgeben das Lenkrad blockierten. +++ Technik +++
Wie bereits gesagt entsprach der 1200er von 1984 weitestgehendee dem deutschen Käfer der 60er und 70er Jahre. Ein 1200ccm Boxermotor treibt die 750 kg Leergewicht mit 34PS auf der Hinterachse mehr schlecht als recht an, mit bis 115km/h eingetragene Spitzengeschwindigkeit. Vier gut übersetzte Gänge und Rückwärtsgang.
Trommelbremsen an allen Rädern. Das Fahrwerk sorgte mit Drehstäben dafür, dass es ganz fürchterlich aussah, wenn der Wagen mal wieder auf der Bühne stand - und er stand oft auf der Bühne. Heisst: Die unbelasteten Räder hängen nicht senkrecht herunter sondern klappen irgendwie nach innen.
Halogenbeleuchtung? Nie gehört. Ebensowenig sollte man solch modernen Firlefanz wie Airbags oder Katalysator erwarten. +++ Fahrleistungen und -verhalten +++
Wie gesagt, mit 34PS kann man nicht viel reissen, dennoch steckt in dem kleinen Boxer mehr, als man erstmal glaubt, besonders im Anzug im Stadtverkehr kann er bis 50 oder 60km/h durchaus mit modernen Kleinwagen wie Corsa, Fiesta oder Twingo mit nahezu 60PS gut mithalten. Danach wird's zäh. Allerdings sind mir eines Tages beide (!!!) Auspuffrohre abgefallen, Verbrauch und Lautstärke stiegen enorm an, dafür zog der Wagen wie ein Zäpfchen - in den 1200ccm steckt also durchaus moderne Leistung, man muss sie nur befreien ;-)
Die vier Trommelbremsen lassen keine gigantische Verzögerungsleistung erwarten, allerdings kann man recht gut und wohldosiert bremsen dank der grossen 15"-Räder, die genug Drehmoment aufweisen um ein Blockieren zu verhindern und des geringen Gewichts. Dennoch: Bei einem Bremsentest würde der Käfer wohl den Kürzesten ziehen, also immer 10-20m mehr einkalkulieren, als man von Golf & Co. gewöhnt ist! Kleiner Gag am Rande: Mir sind innerhalb von 4 Monaten zwei neue Heckstoßstangen spendiert worden, weil mir zwei Leute draufgefahren sind und das trotz funktionierender Bremsbeleuchtung - scheinbar hängt bei der Bremsleistung mehr am Fahrer als an den tatsächlichen Werten des Autos ;-)
Tja, aber wie fährt sich der Käfer? Von agil kann keine Rede sein, eher träge, der Motorsound und das dicke Blech sowie die relativ hohe Sitzposition und winzige Frontscheibe geben einem irgendwie das Gefühl, in einem Panzer zu sitzen, was man aber tunlichst vermeiden sollte, hat der Käfer ausser Sicherheitslenksäule und Anschnallgurten doch absolut keine Sicherheitsausstattung. Auf gerader Strecke, bergab und mit Rückenwind konnte man manchmal die Tachonadel anschlagen sehen, der Tacho endet bei 160 km/h, offenbar ist unter idealen Bedingungen mehr drin, sollte man aber auch vermeiden, ist sicher nicht gut für den Motor und ob das Fahrwerk eine Vollbremsung oder einen abrupten Richtungswechsel aus dieser Geschwindigkeit verkraftet, steht auch in den Sternen, ich war zum Glück nie in einer vergleichbaren Situation.
Insgesamt kann man dem Käfer ein ziemlich unkalkulierbares Fahrverhalten attestieren, je nach Beladung und Strassenverhältnissen übersteuert er mal, wie man es von einem Hecktriebler erwartet, wenn's nass ist untersteuert er auch schonmal wegen der geringen Belastung der Vorderache, oder, ganz mies: Er über- und untersteuert gleichzeitig, was dann einen sauberen Abflug bedeutet - auf die Weise hätte ich den Wagen des Nachts mal fast in einer Volksbankfilliale geparkt ;-) +++ Verbrauch +++
Oh ja, ein dunkles, dunkles Kapitel. Da ich kein Geld hatte, den Wagen mit neuen Zylindern für Bleifreibetrieb und damit Katalysator nachzurüsten, kostete damals rund 2000,- DM. Also musste ich Bleiersatz zum Normalbenzin kippen. Positiv ist anzumerken, dass der Käfer sogar Benzin mit nur 87 Oktan problemlos verdaut, solch übles Wässerchen dürfte man aber in Europa nicht mehr finden. Für die Fahrleistungen ist der Verbrauch definitiv zu hoch, selbst wenn man vom Baujahr des Wagens ausgeht. Kamen bei konstant 90km/h auf der Autobahn noch bei rund 6 Litern, genehmigte er sich in der Stadt schonmal das doppelte, was anno 1998 allerdings nicht sooo schlimm war, kostete ein Liter Normal damals doch noch 1,50 DM. Der Regierungswechsel war dank der Ökosteuer ein Grund, den Wagen wieder loszuwerden, neben der Reparaturproblematik.
+++ Flirtfaktor +++ Da brat mir doch einer 'nen Storch. Ein gepflegter Käfer fällt auf wie ein bunter Hund, man kann nirgendwo halten, ohne mit irgendjemand ins Gespräch zu kommen, Frauen prügeln sich darum, nur einmal mitzufahren und andere Käferfahrer grüssen einen. Ein verdammt gutes Gefühl! ;-)
+++ Service +++ VW scheint nicht zu wissen, dass seine Wurzeln quasi im Käfer liegen. Schüler und Studenten werden in den grossen VW-Vertretungen schlecht oder garnicht bedient, Ersatzteile will VW auch nicht wirklich liefern, ich musste auf eine Dose Lack 4 Wochen warten! Also besser auf externen Service ausweichen.
+++ Qualität +++ Auf den ersten Blick wirkt der Käfer sehr solide. Alles was jetzt folgt ist mein subjektiver Eindruck, so schlecht kann die Qualität nicht sein bei all den Käfern, die noch rumfahren. Allerdings war meiner wohl ein Veillchendienstagauto...
Das erste, was kaputt ging, waren diverse Plastikteile. Ein Kumpel von mir demontierte direkt bei der ersten Ausfahrt den Beifahrerhaltegriff. Plastikermüdung, nicht weiter tragisch, Ersatz gab's auf dem Schrottplatz für zwei Mark oder so. Bei der Gelegenheit nahm ich gleich ein paar von diesen Plastikclips mit, die die Zierleisten halten, auch hier hatten 14 Jahre dem Plastik übel mitgespielt, interessanterweise nur bei meinem GEPFLEGTEN Mexikaner, die Clips von weitaus älteren Käfern auf dem Schrottplatz waren in bester Ordnung. Kur darauf bemerkte ich in der Waschstrasse, dass die Ausstellfenster undicht waren. Sämtliche Fenstergummis waren porös, ein Problem, dem man allerdings mit ein wenig Seifenlaufe und einem Topfschwämchen Herr werden kann. Bei der Gelegenheit entfernte ich die in die Fenstergummis gesteckten Zierleisten, die, ein verchromt, inzwischen nur noch vergilbtes durchsichtiges Plastik waren.
Vier Monate zogen ohne Probleme ins Land, dann meldeten sich die Bremsen im Juli 1998 mit einem fiesen Quietschen. "Bremsenservice bei PitStop" für 19,95 in Anspruch genommen und das Quietschen war weg, dafür lief die hintere linke Trommel heiss, so heiss, dass die Radkappe glühte. Also wieder zurück zu Pitstop und gemeckert. Natürlich wiesen die jede Schuld von sich. Der Meister dort wollte mir eine komplette Erneuerung der Bremsanlage anbieten, die ich dann auch zähneknirschend in Anspruch nahm, allerdings nicht bei den Chaoten von PitStop, sondern beim Bosch Dienst. Neue Trommeln, neue Bremszylinder, neue Bremsleitungen, neue Flüssigkeit, alles in allem 2000,- DM, die ich lieber in einen Satz breitere Reifen gesteckt hätte.
Spätestens jetzt hätte ich den Wagen verkaufen sollen. Keine vier Wochen später starte das nächste Übel: Die Elektrik-Warnleuchte sprang bei feuchtem Wetter hin und wieder an und ging dann wieder aus. Kurz darauf war die Batterie leer. Diagnose: Lichtmaschine. Eine gebrauchte war nicht zu bekommen, eine neue hätte 800 Mark ohne Einbau gekostet... Ein Tip von einem Bekannten rettete meine Finanzen: Wahrscheinlich ist die Lichtmaschine nicht kaputt, vielmehr wären wahrscheinlich die Abnehmerkohlen abgenutzt. Denn: Lichtmaschinen gehen anfürsich nicht kaputt - gut zu wissen.
Also ab zum Boschdienst. Und tatsächlich: Ein Wechsel der Abnehmerkohlen für 100 Mark (3,50 für die Kohlen, der Rest Arbeitslohn!) brachte Heilung. Natürlich musste ich die tiefentladene Batterie noch wechseln und schrottete bei der Gelegenheit den Regler für die Elektrik, der sich wie die Batterie unter der Sitzbank im Fond befindet. Ersatz gab's für 20 Mark beim Schrottplatz.
Jetzt war erstmal Ruhe, bis mir im Januar 1999 die Auspuffrohre abfielen, beide gleichzeitig, ein Sound wie ein Porsche mit Sportauspuff, ähnliche Leistungen, aber ein Dorn im Auge für jeden Polizisten. Also zu Veteranenservice, neue Rohre gekauft, festgeschraubt und gut war. Keine Woche später bemerkte ich, dass der Wagen unbelastet Schlagseite nach links hatte und beim Einfedern quietschte. Also wechselte ich hinten die Stossdämpfer gegen Neuteile aus Brasillien, aber das half nichts, weiterhin Schlagseite und dieses Quietschen. Diagnose: Drehstäbe.
Jetzt reichte es mir, ich hing einen "Zun verkaufen"-Zettel in die Scheibe, aber niemand wollte den Wagen haben, wegen des kaputten Drehstabes links hinten. Zu allem Überfluss hatte sich jemand einen Spass gemacht, mit dem Schlüssel die linke Seite zu verunstalten. In meiner Verzweiflung und völlig pleite verkaufte ich den Wagen also mit Tränen in den Augen im Juni 1999 beim "Käfer Centrum Köln" für 2300,- DM und hoffe, dass der Freak, der diesen Laden führt, meinen Kleinen gut behandelt hat.
+++ Fazit +++ Grundsätzlich hat das Erlebnis mit dem Loch ohne Boden meine Liebe zu diesem Typ Auto nicht geschmälert. Aus ökonomischen Gründen fahre ich aber momentan einen Micra (Testbericht online). Ich schätze weiterhin einfache Technik und würde jederzeit wieder einen Luftgekühlten, Heckgetriebenen VW kaufen, ob Käfer, Bulli oder Karmann. Trotzdem: Man sollte sich bei der Anschaffung klar darüber sein, dass man nicht nur einen echten Oldtimer mit allen Vorzügen und Nachteilen erwirbt (selbst bei einem nagelneuen Mexiko-Import, da werden die Dinger noch gebaut!), sondern im Zweifelsfall ein Auto, was mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hat, inklusive mieser Ersatzteilversorgung, gerade in Zeiten immer weniger werdender Schrottplätze.
Jedem Interessierten kann ich nur zu folgendem Raten: Wenn Käfer, dann aus deutscher Produktion. Die sind zwar inzwischen selten und teuer, aber die Qualität ist um Längen besser als bei allen je gebauten Mexikanern. Zumal deutsche Käfer selbst defekt und nach Unfall viel höhere Preise bringen als die mexikanische Sparversion. Ausserdem sollte man darauf achten, dass der Wagen nicht anfängt zu gammeln, also vor dem Kauf mal auf die Bühne heben und den Unterboden und besonders die Hohlteile des Rahmens einer eingehenden Prüfung unterziehen. Besonders Glück hat der, der einen guten 1303 bekommen kann, der modernste Käfer wurde nur 5 Jahre und im Windschatten des Golfs gebaut und war in jeder Hinsicht besser als der "klassische" Käfer, dank Panoramascheibe, McPherson Vorderache, längerem Vorderwagen, 50PS usw. Dumm nur, dass die Teile extrem selten und vor allem extrem rostanfällig sind.
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21.05.2003 12:49
Klasse Bericht. Ich hatte schon drei Käfer, deshalb würde ich da eher zu einem echten Oldtimmer-Käfer raten, einem 1200 er. Sie sind noch schöner, verbrauchen weniger und sind sicher wertiger gebaut als ein Mexico-Käfer. Jedenfalls hatte ich damit die wenigsten Probleme. Gruß Musikuss
17.03.2003 17:58
ein schönes auto *gg*
12.03.2003 09:26
Auch dieses Ding ist echt kultig. Leider selten geworden, der Käfer, was aber daran liegt, daß nur noch wirkliche Fans die Knutschkugel durch die Gegend fahren. Der Qualitäts- und Komfortunterschied ist im Vergleich zu modernen Fahrzeugen einfach zu groß. Gruß Tom