Valle-Bote

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... Der einzige, der einiges von seinen Machenschaften an die Öffentlichkeit bringen könnte, wäre der Valle-Bote. Aber der schweigt. Weil er so unabhängig ist? Wie unabhängig ist denn ein Blättchen mit einer Auflage von geschätzt so um die 14.000 Stück, in einem Tal mit so wenig Bewohnern, dass ... Bericht lesen





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KÄPT´N LAUBÄR: Das Schweigen der BÄH-LÄMMER-TEN
Erfahrungsbericht von Emmanuelle_Kant über Valle-Bote
03.09.2002


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Eigentlich ganz unterhaltsam !
Kontra: Mehr Mut täte gut !  Und alter Glanz wird irgendwann blass, wenn man nicht nachpoliert  .  .  .

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

So, nu is Eure Emmanuelle also wieder in der trauten Heimat, nachdem Artie Fishel, mein kunstkritischer Lover mich da neulich ganz link überlistet hatte, doch einmal Urlaub zu machen auf der Insel der Beknackten, Nicht-Insidern auch bekannt als La Gomera, Ex-Hippie-Island, oder namenloser Fliegenschiss auf der Landkarte nahe Teneriffa.

Mit Hilfe des genialsten Reisebüros der Welt, dem La Paloma, war es uns ja gelungen, eine Unterkunft zu erhaschen, die möglichst wenige Kalorien verbrauchte, um zu den jeweils für mich interessanten Orten im Tal der Seligen zu gelangen.

Neben der Möglichkeit, beim Bezahlen des Apartamentos schrittesparend gleich nebenan in einem netten Lädchen namens Ansiria mit integrierter Leihbücherei einen Stapel Thriller zu borgen, erschloss sich mir gleich auch die Möglichkeit, an echt jeder Ecke den VALLE-BOTEN kaufen zu können, womit wir jetzt mal so ganz langsam zum Thema kommen könnten.

Beim VALLE-BOTEN handelt es sich um ein interinsulares Magazin der besonderen Art, gemacht von Residentes, für Residentes, deshalb auch in deutscher Sprache verfasst, und fleißig gekauft von den Touris, die hier drin aber genauso schlecht wegkommen wie die Residentes selbst, als auch die Festland-Spanier und natürlich die Einheimischen.

Das Blättchen erscheint seit nunmehr ungefähr irgendwas über 10 Jahren ? je nach Bock und Wetterlage, mir liegt die neueste Ausgabe, Nr. 36, vor, was bedeutet, dass die Schreiberlinge nicht allzu viel Bock haben, dafür aber die Sonne fleißig aufs Eiland scheint, und die Anzeigenkunden, mit denen das Blättchen sich ebenso finanziert wie dem doch einigermaßen stolzen Verkaufspreis von 1,65 Euro, eher rar sind. Ganz kleingedruckt findet man auf der Titelseite dann noch die Preise für das Blättchen im Rest der Welt: 1,50 $ in USA, in der Schweiz 2,75 Sfr, in England ein halbes Pfund, ein halbes Gramm in Marokko, und kostenlos in Hongkong. Wobei ich noch darauf warte, dass sich mal ein Bewohner der asiatischen Metropole meldet, um ein Abo zu bestellen....

Für diesen Preis erhält man ein inzwischen bei 56 Seiten angelangtes Blättchen, sogar mit einigen bunten Bildern, und einer Fotoqualität, die inzwischen immerhin bei dem Standard ?Relativ? angekommen ist, denn manche der Bilder sind sogar scharf! Dies war keinesfalls immer so! Schließlich hatte ich Gelegenheit, auch ältere Ausgaben dieses Blättchens in Augenschein nehmen zu dürfen. Wenn man es recht nimmt, kenne ich den Boten schon seit Anbeginn, denn meine virtuell verstorbene Freundin Fostermom war ? einigen Mitgliedern hier ist dies vielleicht noch bekannt ? alljährliche Dauer-Urlauberin auf dem Eiland der Bekloppten (wo hätte DIE wohl auch sonst hinfahren sollen?), und verfügte über eine große Auswahl von Ausgaben auf der Fensterbank ihres Klos, welche ich bei diversen Sitzungen zu genießen pflegte.

Die ganz alten Ausgaben waren ein paar Blätter Papier übelster Qualität, mit Schwarzweiß-Fotos, die zum Teil alles mögliche hätten darstellen können. Es war ein abgedrehtes Sammelsurium von Stories über Inselbewohner und Besucher, und es fanden sich herrlich absurde Geschichten wie z. B. die wiederkehrende Berichterstattung über das gomerische Hanghuhn (langes Talbein, kurzes Hangbein ? weshalb die Tierchen immer nur in einer Richtung die Insel umrunden konnten).

Inzwischen hat sich der Bote also ganz schön gemausert, enthält sogar die Frauenseite VALLE-BOTIN, wo die Männerwelt nicht immer ganz so gut wegkommt, aber: selber schuld! Auch eine sporadisch auftauchende Kinderecke ?VALLE-BÖTCHEN? findet sich in einigen der letzten Ausgaben, doch mangels redaktioneller Beteiligung der faulen Inselgören, die lieber an die Playa rennen, und hinterher meckern, dass die anderen Inselkinder wieder nichts Lustiges zum Drucken eingereicht hätten ? so die Meinung des Chefredakteurs ? fällt die Kinderecke mitunter flach.

Dabei haben es die Schreiberlinge mit dem Fleiß ja selber nicht so, wie schon erwähnt. Nicht vergessen zu erwähnen möchte ich, dass sich der Bote zwar an der Tatsache freut, dass Touristen lesen können, trotzdem aber offensichtlich meint, unsereins wäre nicht in der Lage, Gelesenes zu verarbeiten und sogar abzuspeichern:
Wie sonst wäre es zu erklären, wenn man z. B. in der einen Ausgabe eine Geschichte liest, wie ein über genug Bares verfügender Ex-68er-Touri mit den Schweinebucht-Hippies losgezogen ist zum Zug durch die Gemeinde, bis tief in der Nacht die Einheimischen mit mehr oder minder Gewalt den Radau auflösten, den die gemacht haben. Die Geschichte war lustig.
Ein oder zwei Ausgaben später erschien dieselbe Geschichte, lediglich spielte diese nicht mehr in Vueltas, sondern im Ortsteil La Playa, und die Kneipennamen waren schlicht ausgetauscht worden.
Das fand ich dann wirklich nicht mehr lustig. Verdingensen kann ich mich nämlich selbst!

Ansonsten bezeichnet sich die Tal-Postille selbst auf der Titelseite als ?Das ultimative Gomera-Magazin ? unabhängig, überparteilich, abgedreht?.
Nun: ultimativ ist sie sicherlich! Noch. So halbwegs. Naja.

Unabhängig?
Der Bote lebt von seinen Anzeigen-Kunden, das sind die Restaurants, Kneipen, Apartmentvermieter, Freizeitgestalter, Autovermieter, Lädchen, Supermärktchen etc. in erster Linie aus dem Valle Gran Rey, aber teilweise auch vom Rest der Insel bis hin zum Hauptstädtchen San Sebastian am entgegengesetzten Inselende ? sofern eine fast runde Insel ein solches haben kann.

Hört man sich jedoch ein wenig genauer um bei den Menschen die dort leben ? und ich habe in vielen Bars und Restaurants gesessen und die Ohren aufgesperrt, wenn man sich an den Nebentischen über Inselinterna austauschte, so kommen einem Dinge zu Ohren, die einem die Augen nicht nur öffnen, sondern gleich übergehen lassen, mit der Nebenwirkung des Anschwellens der Halsschlagader. Doch hierzu werden noch weitere Berichte folgen....

An dieser Stelle nur soviel:
Es gibt in dieser Gegend des Atlantiks auch Haie, der größte aller Haie dort lebt aber auf dem Land, und gehört zur Gattung der Immo-Haie (Immobiliaris geldgiericum), dem der Königstitel im Tal des großen Königs zu gering ist, und deshalb gleich Gott spielt. Und man lässt ihn. Der einzige, der einiges von seinen Machenschaften an die Öffentlichkeit bringen könnte, wäre der Valle-Bote. Aber der schweigt. Weil er so unabhängig ist? Wie unabhängig ist denn ein Blättchen mit einer Auflage von geschätzt so um die 14.000 Stück, in einem Tal mit so wenig Bewohnern, dass der Ausdruck ?Dorf? völlig ausreicht und ein nächtlicher Hahnentritt durch den einen oder anderen Touristen eine willkommene Bereicherung des Genpools sein muss. Wo jeder Anzeigenkunde hart erkämpft wird. Und wo der kleine Inselgott (Aug in Aug mit Danny de Vito) in jeder Ausgabe genau in der Heftmitte eine doppelseitige Anzeige drucken lässt.

Ach ja: selbiger kleine Inselgott verschandelt nun den Hafenort Vueltas mit einem Riesenklotz von einem ?Edificio? ? so nennt man diese Apartamento-Bunker mit jede Menge dann hinterher leerstehender ?Tiendas? ? also Ladenlokale - im Erdgeschoss. Dat is kein bisken geheim, weil: das Schild vor der Baustelle ist riesig genug, dass ich nicht mal bis ganz nahe ranlaufen musste, um es lesen zu können. Und das gomerische Inseltrommelgramm lässt die Info durch die Bananenblätter rauschen, dass el Cheffe vom VALLE-BOTEN die beiden schönsten Apartamentos und eines der bestgelegenen Ladenlokale zugesagt worden sind ... VIVA LA INDEPENDENCIA!

Da kriegt das selbst auferlegte Attribut ?abgedreht? doch gleich eine völlig neue Bedeutung, oder?

Ach, ja: Wir waren ja gerade beim Thema ?Lokale?:
Ein Restaurantführer ist in jeder Ausgabe vorhanden, damit die Touris sich trink- und essenstechnisch zurechtfinden. Nette Geste, oder? Oder? Nun, ewig die gleichen zwei Seiten zu drucken spart natürlich jede Menge Arbeit. Darüber hinaus werden natürlich nur die Restaurants empfohlen, die zusätzlich auch eine Anzeige geschaltet haben. Das kennt man hierzulande auch in den sogenannten Szenemagazinen, ist normal. Nur: hiesige Magazine tun nicht so, als wären diese Empfehlungen Berichterstattung. Und die watschen auch nicht die bösen, bösen Wirte ab, die es wagen, keine Anzeige zu schalten.
Komischerweise waren viele von Artie und mir testgegessenen Restaurants, die keine Anzeige hatten und deshalb auch nicht im Valle-Boten drinstehen, ausgezeichnet. Und äußerst gut besucht. Mag es sein, dass die sooo gut kochen und die Gäste betutteln, dass der Laden auch ohne Anzeige brummt? Dass die Köchin gesagt hat: ?Für noch mehr Gäste habe ich nicht genug Arme und wir sind hier auch nicht bei McDoof??

Es ist jedenfalls eine verbürgte Story, dass ein Wirt ein Reiseführer-Autoren-Pärchen rausgeschmissen hat, dass sich gerade zum Für-Lau-Test-Fressen breitgemacht hatte. Nach dem Motto: ?Wenn Du auch nur ein Wort über meinen Laden schreibst, gibt ´s aber Ärger! Ich habe jetzt schon mehr Arbeit als mir lieb ist ...?

Deshalb hege ich auch so meine Zweifel an der Echtheit von Leserbriefen, die sich über Restaurants beschweren, die auf der Liste des Boten fehlen. Ich weiß nicht unzufällig, dass eine ?Autoreifen-Pizza? aus einem gewissen Laden nicht den Tatsachen entsprechen KANN! Und Hunderte zufriedener Immer-Wieder-Dort-Esser wissen das auch.

Wer ist denn nun eigentlich dieser Cheffe vom VALLE-BOTEN? Claus Heinrichs, genannt Capitano Claudio, der irgendwann vor zig Jahren auf dem Bananen-Eiland hängenblieb, ist ein norddeutscher Seefahrer, der nun schon seit vielen Jahren den Club de Mar unterhält, und residiert in einem Lädchen in dem man Haifischzähne, Angelhaken und Karten für Bootsausflüge kaufen kann.
In den Club de Mar treten Bootsbesitzer ein, werden für die durchgeführten Ausflüge schlecht bezahlt, und kriegen jede Menge Hallas an die Backen, wenn sie versuchen ihr Boot aus Claudio´s Club wieder rauszukriegen ...

Bei diesen Bootsfahrten könne die Touris ? wenn sie Glück haben ? Delfine oder Wale sehen. Oder eben auch nicht ? das ist Glückssache.
Damit sich die Wale und Delfine auf der Welt in Sicherheit fortpflanzen können, schimpft der VALLE-BOTE immer wieder schön laut, wenn es um den Schutz der Meeressäuger geht, und meckert über Norwegen und Japan, etc.
Als es allerdings um die alte Schnellfähre der Trasmediterranea ging, von der es eine Zeitlang hieß, sie verletze und töte Wale, da hat der Bote nicht nur gekniffen, sondern öffentlich in einer der Ausgaben zugegeben, man wolle sich doch nicht mit denen anlegen, weil sie ja so mächtig wären. Ja, wer sollte das denn bitteschön sonst tun, wenn nicht die Presse?????

Im Nebenerwerb oder so hat Heinrichs also die Zeitung gegründet ? vielleicht auch bloß, damit er ungestraft sein Seemannsgarn verbreiten kann in irgendwelchen Fortsetzungsgeschichten á la ?Wie ich einmal ganz alleine Kap Horn umrundete?, und bei deren Lektüre man sich wünscht, man hätte doch lieber in Deutschland ein Buch vom Käpt´n Blaubär eingepackt, weil der wenigstens wirklich lustig flunkert, und nicht solche aufgesetzten, aber abgestandenen Witzkes aneinander reiht.

Wo wir gerade bei den ?Witzkes? sind: ?Erwin Kaczmarek erklärt Sie die Insel? ist eine Serie, in der den Touristen bestimmte Gepflogenheiten oder auch Spezialitäten Gomeras beschrieben bekommen. Wieso jetzt ein norddeutscher ?Redakteur?/Schipper hergehen muss, um auf Ruhrpöttisch Touristen aus ganz Deutschland eine spanischsprachige Insel westlich von Afrika zu definieren oder auch von einem HiWi definieren zulassen, wie auch immer, ist mir in all den Jahren Klo-Lektüre nicht klar geworden. Sei `s drum. Nur: werter Herr Heinrichs, ich bin ?mit Wasser ausse Leckenbecke getauft? ? sprich: Eingeborene des Ruhrgebietes ? auch wenn ich mich mitunter des Hochdeutschen bemächtige. Also ? dat mit dat Ruhrpöttische, dat übenwa abba nomma, ne?

Etwas anderes, das der Cheffe noch einmal üben oder zumindest überdenken sollte, ist der Umgang mit seinen Mitmenschen. Wer für einen soliden Journalismus zu feige ist, der sollte sich wenigstens enthalten, über Residentes herzuziehen, die mit was auch immer gescheitert sind, und nicht auch noch obendrein die am Boden Liegenden per Schmäh-Artikel treten.
Natürlich gibt es lustige Geschichten wie die, wo ein paar angedüdelte Jungs in Vueltas einen 2-Meter-Manta ausm Hafenbecken gefischt haben, der beim Versuch, diesen auf dem Autodach fürs Abendessen nach Hause zu transportieren, beim Bremsen auf die Straße geklatscht ist. Und wenn der eine oder andere mal ein wenig geeulenspiegelt und gefrotztelt wird, so lesen wir das gerne. Aber in schöner Regelmäßigkeit über die Bild-Zeitung herzuziehen verlangt m. E. vom Kritiker ab, die eigenen Grenzen ein wenig enger zu ziehen. Nur mal so der Konsequenz und Glaubwürdigkeit halber. Oder um des Anstandes willen.

Zum guten Schluss:
War es vor Jahren so, dass man am Strand vorbeilaufend vor Lachen im Sand sich kugelnde Touristen sah, dann wusste man genau, dass selbige gerade die neueste Ausgabe des VALLE-BOTEN vor sich liegen hatten. Damals, als es auch noch mitten drin so kleine Gags gab wie: ?Watt sacht der Hurrikan zur Palme? ? ?Halt die Nüsse fest, gezz wird geblasen!?. Doch seit einiger Zeit muss man sich schon bemühen, im VALLE-BOTEN eine Stelle zu finden, die einem wenigstens ein müdes Grinsen ins Gesicht zaubert.
Nur vom Rufe einstiger Lustigkeit lässt es sich nicht ewig leben, deshalb wäre es vielleicht nun doch an der Zeit, den Hintern von unter der häuslichen Palme wegzubewegen, um am Schreibtisch mal wieder richtig Zeitung zu machen.

Schließlich sind die Tage auf La Gomera alle gleich lang, aber unterschiedlich breit.

Wer sich selbst überzeugen will, was der Bote so schreibt, der kann das hier tun: "http://realserver.wvnet.at/leonhard/bar/ValleBote/ValleBote.htm"


   

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