Tipp des Monats DEZEMBER: Mein Cornwall
14. Dez 2005
(2. Jan 2006)
Pro:
Gehaltvolle Gedanken einer berühmten Persönlichkeit mit Langzeitwirkung
Kontra:
zusammengeballt auf kleinstem Raum, und ich hätte gerne mehr davon gelesen, außerdem packt mich das Reisefieber, und so viel Urlaub habe ich gar nicht : - (
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau:
Unterhaltungswert:
Spannung:
Aufmachung:
mehr
 Demelza
Über sich:
Momentan befinde ich mich im Lesefieber und stecke bis an die Ohren in einer Fortsetzungsserie. Weit...
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DEZEMBER ist's - und unaufhaltsam nähern wir uns Weihnachten: Zeit für mich, der Hetze und dem Stress etwas entgegenzusetzen, indem ich meine Nase mal wieder in ein gutes Buch stecke und die Abende bei Kerzenschein und einer Tasse Tee genieße. Diesen Bericht hatte ich zuerst im Café veröffentlicht, da ich es nicht fertiggebracht hatte, einen Produktvorschlag an Ciao zu senden, aber dank DagSonja und Logan hat es ja doch noch geklappt - vielen Dank an Euch beide.
Am Anfang stand ein Zitat ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈ "Das Fernsehen macht uns zu Sklaven und Unterhaltungsbedürftigen, und wir können nur gerade noch den Wind draußen hören. So mag sich wohl die Weltkenntnis des gefangenen Cornwallers erweitern, er verliert seine unschätzbare Erbschaft des Anders-Seins; Geschmack, Unterhaltung, Meinung, Ansicht, alles wird gleichgeschaltet." - Diese bemerkenswerten Sätze entdeckte ich in dem 177 Seiten starken Buch "Mein Cornwall" (Originaltitel "Vanishing Cornwall") von Daphne du Maurier (1907-1989).
Dieses Plädoyer gegen Massenkultur und alles Einzigartige verdrängenden Mainstream schrieb die in den Adelsstand erhobene britische Schriftstellerin jedoch nicht erst vor ihrem Tode, sondern bereits im Jahre 1967 - zu einer Zeit also, zu der noch niemand von einem solch immensen Medienkonsum wie dem heutigen zu träumen gewagt hätte. Oder liege ich mit dieser Behauptung daneben? Fakt ist, daß ich 1967 geboren wurde und ich mich lediglich an unser Fernsehverhalten in den Siebziger Jahren erinnern kann: Da konnten wir mit unserem Schwarz-Weiß-Fernseher, der über ganze sieben Programmtasten und keine Fernbedienung verfügte, nur die öffentlich-rechtlichen Programme empfangen. Aber spannender als die Berieselung durch Funk und Fernsehen fand ich als Kind das Spielen am Bach, Wanderungen durch den Vogelsberg und die Geschichten, die uns unsere Oma erzählte, wenn meine Schwester und ich bei ihr übernachten durften. Schauen wir zu viel fern? Geraten die alten Mythen und Erzählungen dadurch in Vergessenheit? ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Ja, erzählen wir eine Geschichte. Oder besser mehrere, und begeben wir uns auf die Spuren von Daphne du Maurier, die uns die Klassiker "Rebecca" und "Jamaica Inn" beschert hat. Auch ihr Roman "Dreh dich nicht um" ist unter dem Titel "Wenn die Gondeln Trauer tragen" verfilmt worden - Sie sehen, ich komme einfach nicht los von den visuellen Medien. Weniger bekannt ist dagegen dieses Büchlein über Cornwall, ein Land, in dem Daphne du Maurier mit 19 ihren Urlaub verbrachte und in das sie sich sofort verliebte. Fortan verbrachte sie den Rest ihres Lebens dort, und so heißt es im Vorwort des Buchs: "Zur Erinnerung an meinen Gatten um geteilter Erinnerungen und gemeinsamer Liebe für Cornwall wegen, und für meinen Sohn Christian, der die Gegenwart photographierte, während ich durch die Vergangenheit schweifte (Menabilly, 1966)". Diese Liebe zu Cornwall, die ich der Schriftstellerin sehr gut nachfühlen kann, kommt durch ihren flüssigen Schreibstil zum Ausdruck, mit dem sie in gekonnter Art und Weise Geschichten über Land und Leute mit Beschreibungen von Erlebnissen aus ihrem Leben verknüpft. Interessant fand ich ihre in den Kapiteln "Exzentriker" und "Die Sage von Penrose" beschriebenen Versuche, den Schauergeschichten vergangener Zeiten nachzuspüren und dieses Experiment zu scheitern droht. Wenn sie über die im Zinnabbau tätigen Bergarbeiter schreibt, sehe ich Bilder vor mir, die sich gänzlich von dem unterscheiden, was ich bislang darüber gehört, gelesen oder durch Besichtigungen erfahren habe:
"… erst im zwölften Jahrhundert, unter der Regierung Richards I. wurden für die ,Zinner' Gesetze geschaffen. Das war die erste Urkunde für die Zinnereien, wie diese Industrie genannt wurde. Damit wurde amtlich festgelegt, daß die ,Zinner' nach Zinn suchen und es bearbeiten durften, wie das seit den frühesten Zeiten ihr Vorrecht gewesen war, und zwar auf jedem unbebauten Boden. Der Gutsherr, dem das Land gehörte, erhielt seine Abgabe, sonst aber konnte er sich auf keine Art einmischen. Dadurch wurde der ,Zinner' zu seinem eigenen Herrn gemacht. Er durfte graben, wo und wie es ihm beliebte." (Die "Zinner") Und auch die Freibeuter waren ein wenig anders als die durch Abenteuerfilme bis heute dargestellten Seeräuber, denn Freibeuterei steht hier als Synonym für Schmuggel:
"Schmuggeln ist ein Wort, bei dem man sich Männer mit schwarzen Binden über den Augen vorstellt, gekleidet in gestreifte Wolljacken, mit Zipfelmützen, wie sie Fässer mit Branntwein und Rum in geheime Keller rollen. Wie König Artus und seine Ritter, die über das Moor nach Tintagel galoppieren, ist auch dieser Begriff unmittelbar mit Cornwall verbunden, obgleich das Handwerk die englische Küste hinauf und hinunter überall betrieben wurde. Der Wunsch, dem Gesetz einen Streich zu spielen, ist geradezu ein grundlegender menschlicher Instinkt, bis in den Nebel der Zeiten zurückreichend (…) Die Schiffe, welche früher die französischen und spanischen Küsten bedrängt hatten, schlüpften jetzt in fremde Häfen und zwar auf einer neuen, freundlicheren Grundlage, auf der Suche nach Schmuggelware nämlich. Es war eine Jagd, ein Spiel, dessen alle, mit geringer Unterscheidung des Ranges, sich freuten. Der ,Zinner', dem es schlecht ging, der Fischer auf der Suche nach Salz, der Gutsherr, der seinen Branntwein schätzte, die Frau des Gutsherrn, die sich in Spitzen kleidete, sogar der Pfarrer der Kirchengemeinde, häufig ein Vetter des Gutsherrn, jeder freute sich auf seine eigene Art an dieser fragwürdigen, wenn auch höchst beliebten Verhöhnung des Gesetzes." (Freibeuter). Die Kapitelaufstellung in Gänze ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈
Prolog Ursprünge und Zugänge Auf den Spuren von Artus und Tristan Das Klima Die "Hundreds" von Cornwall und die Madron-Quelle Die Sage von Penrose Die "Hohe Küste" und der "Lizard" Der Klein-Adel von Cornwall Die "Zinner" Exzentriker Moore und Lehmgruben Häfen und Heringe Freibeuter
So werden Geschichte und längst vergangene Zeiten für mich lebendig ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈ Dies stellt den Idealfall für mich dar, denn es gibt nichts gruseligeres für mich als Reiseführer, die trockene Zahlen und Fakten aneinander reihen und jegliche Spannung oder interessante Beschreibungen von Landschaften und Menschen vermissen lassen. Diese Befürchtung muß ich bei Mrs. du Maurier nicht haben, und ich beginne zu erahnen, weshalb sie für ihr literarisches Werk ausgezeichnet wurde. Wenn mir schon diese Reiseliteratur spannende Lesestunden bereitet hat, um wieviel packender müssen dann ihre übrigen Bücher sein? An Zeit, es herauszufinden, mangelt es mir gewiss nicht - nur der Antrieb dazu hat mir bisher gefehlt; aber dank "Mein Cornwall" bin ich nun reif für längere Erkundungsfahrten in die Vergangenheit (wie praktisch, wenn einem das nötige Kleingeld zum Reisen fehlt, aber die Zeit da ist, die eigenen Gedanken auf Spazierfahrt durch gute Bücher zu schicken). Wenn ich schon nicht selbst verreisen kann, dann greife ich zu Literatur, die ich mit meinen eigenen Reiseerlebnissen und anderen von mir gelesenen Bücher verknüpfen kann.
Zwar war ich bisher erst zweimal in Cornwall, aber gerade das Kapitel über die "Zinner" rief mir wieder meine Besichtigungstour in der "Geevor Tin Mine" von 1999 in Erinnerung, wo der Museumsführer uns Besuchern äußerst plastisch erklärte, wie beispielsweise die Arbeit unter Tage aussah und was für eine gesundheitsgefährdende Plackerei dies war. Heute wäre es dank der Arbeitsschutzbestimmungen undenkbar, Arbeiterinnen ohne jeglichen Atemschutz giftigen Dämpfen auszusetzen oder Bergarbeiter mit offenem Feuer in den Flözen hantieren zu lassen - von der Einnahme der Pausenmahlzeit unmittelbar neben der Pulverkammer, in der das Dynamit lagert, ganz zu schweigen. Auch die von der BBC verfilmten "Poldark"-Romane taten ihr übriges, um mir die von Daphne du Maurier beschriebene Landschaft samt Ortsnamen, durch die ich auf meinen beiden Reisen hindurch gekommen war, wieder ins Gedächtnis zu rufen und dadurch einen Film, tief in meinem Innern, zu generieren. Und Personen, die ich für pure Erfindung des Schriftstellers Winston Graham gehalten hatte, wurden so zu realen Gestalten, auch wenn diese schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen.
Habe ich noch etwas vergessen? Ach ja - allgemeine Daten zu "Mein Cornwall" ≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈≈ Bei "Mein Cornwall" handelt es sich um die zweite Auflage von 1999 © der deutschen Ausgabe, erschienen bei Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 1997 (Originaltitel: Vanishing Cornwall)
© Daphne du Maurier und Christian Browning, 1967 Nutzung der Übersetzung von N. O. Scarpi, mit freundlicher Genehmigung des Schweizer Verlagshauses, Zürich. Alle Rechte vorbehalten Satz: Reinhard Amann, Aichstetten Druck & Bindung: Pustet, Regensburg ISBN 3-89561-560-9 Die von mir beschriebene, gebundene Ausgabe (schwarzer Einband mit türkiser Metallicschrift auf dem Buchrücken, von türkisem Schutzumschlag umhüllt, auf welchem das Foto einer cornischen Bucht prangt) habe ich vor ein paar Jahren von einer guten Freundin geschenkt bekommen - und da ich nicht nur von den optischen, sondern auch den inhaltlichen Qualitäten hochbegeistert war, möchte ich zum Abschluss das Zitat vom Anfang dieses Berichts noch einmal in voller Länge wiedergeben:
"Trotz der eingeborenen Zurückhaltung sind die Leute von Cornwall wie die Iren große Erzähler. Oder waren es. Heute ist diese Kunst im Sterben und mit ihr das Bedürfnis, sich auszudrücken. Nicht länger mehr sind während der Winterabende die Läden geschlossen, die Lampen angezündet und die Familie um den Herd versammelt, um den alten Geschichten zu lauschen, wie das, meiner eigenen Erinnerung nach, vor fünfunddreißig Jahren noch der Fall war. Das Fernsehen macht uns zu Sklaven und Unterhaltungsbedürftigen, und wir können nur gerade noch den Wind draußen hören. So mag sich wohl die Weltkenntnis des gefangenen Cornwallers erweitern, er verliert seine unschätzbare Erbschaft des Anders-Seins; Geschmack, Unterhaltung, Meinung, Ansicht, alles wird gleichgeschaltet." Da kann ich nur sagen: Schaut weniger fern - und lest dafür mehr. Ich für meinen Teil habe diesen Vorsatz bereits in die Tat umgesetzt und wünsche allen, die bis hierher durchgehalten haben, noch frohe, sonnige Tage, ohne Stress und Verspannungen.
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04.01.2006 16:25
Dem Schlusssatz schließe ich mich vollumfänglich an, praktiziere das auch so und hab noch keinen sichtbaren Schaden genommen ob der Fernseh-Abstinenz! Interessantes Buch zu einer schönen Landschaft!
21.12.2005 08:30
Dann müßten eigentlich die "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" von Theodor Fontane unbedingt etwas für Dich sein. Sie haben zwei Vorteile: Erstens sind sie noch viel ausführlicher als das schöne Buch von Daphne du Maurier. Zweitens würde in dem Fall die Sehnsucht die Reisekasse nicht so sehr strapazieren. Aber Urlaub hast Du deshalb leider immer noch nicht...
16.12.2005 08:49
Auch wenn ich diesen Bericht schon mal bewertet hatte, tue ich es gern wieder. Aber Vorsicht: Eigentlich hast Du jetzt zwei Bericht drin. Du solltest den ursprünglichen unbedingt löschen lassen (bzw. das, was noch davon übrig ist...) LG, Stefan