Dieser Erfahrungsbericht wurde von 40 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
„Ein mitreißendes Debüt: betörend und ein bisschen unheimlich wie Venedig selbst. Glänzend und unwiderstehlich.“ So das Urteil der bekannten Schriftstellerin Rita Mae Brown über Commissario Brunettis ersten Fall, aus der Feder von Donna Leon.
Unzählige Male sah ich die ansprechend aufgemachten Bücher in den Auslagen der Buchhandlungen, und obwohl ich durchweg nur Positives über Brunetti gelesen hatte, kam es mir nie in den Sinn einen Band zu kaufen. Auch die lobenden, ja beigeisterten Leon Leser in meinem Freundeskreis konnten mich nicht überzeugen, mich näher mit Brunetti zu beschäftigen.
Dies änderte sich vor genau zwei Wochen. Warum auch immer, ich kaufte mir Brunettis ersten Fall – Venezianisches Finale.
Zunächst aber etwas über die Autorin:
Die Wahlitalienerin lebt seit 1981 in Venedig, wo sie an einer Außenstelle der „Maryland University“ einem Lehrauftrag für amerikanische und englische Literatur nachkommt. Die 1942 in New Jersey geborene Amerikanerin zieht es schon in jungen Jahren nach Europa. Sie schätzt die tiefreichenden kulturellen Wurzeln in Europa, etwas was sie in Amerika vermisst. Leon kann auf ein bewegtes Berufsleben zurückblicken. Unter anderem arbeitete sie als Werbetexterin in London, als Stadtführerin in Rom und als Lehrerin an amerikanischen Schulen in Europa und Asien. Ihre Liebe zu Venedig erklärt sie mit den folgenden Worten: „Ich habe mich in diese Menschen verliebt, in ihre Art, zu genießen, zu essen, zu trinken, in ihre wunderbare Sprache.“ [...] Venedig ist „die schönste Stadt der Welt – mein Büro.“
Erstaunlicherweise geht ihre Liebe aber nicht so weit, ihre Bücher auch in Italien zu veröffentlichen. Es mag daran liegen, dass Leon auch durchaus kritisch auf ihre Wahlheimat blickt. Themen wie Korruption oder mafiöse politische Strukturen spielen immer einen Aspekt in ihren Romanen. Sie selbst sagt dazu: „Ich will nicht, dass man glaubt, ich maße mir an, über mein Gastland zu urteilen.“
Die Idee, einen Krimi zu schreiben, kam ihr während eines Opernbesuchs in Venedig. Ihr Begleiter sprach davon, den Dirigenten umbringen zu wollen. Dieses Motiv nahm Donna Leon auf – Commissario Brunetti war geboren. „Sie habe einfach drauflosgeschrieben, sagt sie, zunächst nur, um sich selbst ein bisschen zu amüsieren. Sie hält grundsätzlich nichts davon, das Leben als Jammertal anzusehen, um ein gutes Gewissen haben zu dürfen.“ (Zitate einem Interview mit dem WDR, 1998, entnommen.)
Zum Inhalt:
Der Inhalt ist schnell erzählt: Schauplatz ist das Teatro La Fenice in Venedig, eine Premiere von La Traviata, unter dem Dirigat von Stardirigent Helmut Wellauer, steht auf dem Programm. Alles ist bereit für den dritten Akt, doch der Dirigent fehlt. Er wird tot in seiner Garderobe gefunden. Eine im Publikum sitzende Ärztin bemerkt den typischen Geruch eines sehr effektiven Giftes in Wellauers Garderobe – Zyankali.
Unverzüglich beginnt Commissario Guido Brunetti mit den Ermittlungen, und taucht tief in das Umfeld DES Dirigenten des 20. Jahrhunderts ein. Mehr als im manchmal lieb ist. Allerlei Widersprüchliches deckt Brunetti auf. Wellauer war zwar ein begnadeter Musiker, hatte aber, so findet Brunetti schnell heraus, deutliche Schwächen im menschlichen Miteinander. Da wäre zum Beispiel die Sängerin Flavia Petrelli, deren lesbische Beziehung er entschieden ablehnte und diese sogar publik machen wollte. Auch Wellauers zweite, deutlich jüngere Ehefrau reagiert scheinbar gelassen auf den Tod ihres Gatten. Nicht nur, dass sich die Ermittlungen als sehr schwierig erweisen, auch der Vizepolizeipräsident, sowie die örtliche Presse drängen auf sofortige Klärung des Falles. Im Laufe der Ermittlungen stößt Wellauer auf eine dunkle Vergangenheit. Eine mittlerweile über 70 jährige Sängerin, mit der Wellauer vor Jahrzehnten eine Affäre hatte, und deren Ruhm schon vor langer Zeit verblasst ist, scheint der Schlüssel zum Tode Wellauers zu sein.
Natürlich war ich gespannt, wie mir Brunettis erster Fall gefallen würde. Enttäuscht wurde ich nicht, aber wirklich begeistert bin ich auch nicht. Das mag zum einen daran liegen, dass mir schon vor der Auflösung klar war, wie es zum Tode Wellauers kam. Das muß natürlich den Lesegenuss nicht schmälern, aber wenn es allzu offensichtlich ist, verliert der Krimi an Spannung. Zum anderen mögen meine Erwartungen zu hoch gewesen sein, denn den Protagonisten hatte ich mir komplexer vorgestellt. Ein Freund von mir formulierte treffend, dass Brunetti viel freie Projektionsfläche aufweist. Ich will damit nicht behaupten, dass Brunetti eindimensional ist, oder es ihm an Tiefgang mangelt, aber etwa blass wirkt er schon. Interessanterweise erschuf Leon eine Figur, deren Grundzüge mich z.B. an Mankells Wallander, oder Cornwells Scarpetta erinnerten. Auch Brunetti ist mittleren Alters, auch er hat diese melancholische, introvertierte Attitüde, die ihm diese Schwere verleiht, die man von Wallander auch kennt. Allerdings, und das unterscheidet ihn markant von anderen literarischen Kollegen, ist er verheiratet, hat zwei Kinder und führt eine intakte, harmonische Ehe. Dadurch wirkt er sympathischer, denn in den leider wenigen Familienszenen erweist er sich als liebevoller Vater und Ehemann. Gerne hätte ich mehr über sein Familienleben erfahren. Man muss schon sehr genau zwischen den Zeilen lesen, um einen mehrschichtigen Eindruck von Brunetti zu bekommen. Leon gewährt dem Leser immer nur flüchtige Einblicke in Brunettis Inneres, allzu schnell verlässt sie diesen Pfad wieder. Teilweise war ich richtig verärgert, weil ich mehr über diesen Mann wissen wollte, aber keine, oder nur sehr spärliche Antworten bekam.
Alle anderen Charaktere wirken nachvollziehbar, aber auch blass, nicht wirklich menschlich, obgleich die Motive ihres Handelns sehr menschlich sind. Wird man bei den handelnden Figuren unter Umständen enttäuscht, so belohnen einen die sehr malerischen Beschreibungen Venedigs. Leons Liebe zu Venedig wird hier sehr deutlich. Sie kennt diese Stadt, die Eigenheiten der Venezianer - all das schildert sie immer wieder in ausschweifenden Passagen. Ich erinnere mich an eine Szene, die mir besonders deutlich im Gedächtnis geblieben ist, in der Venedig frühmorgens in einen dicken Nebel gehüllt ist. Eine hervorragende Metapher, die den Ermittlungsstand nicht besser verdeutlichen kann. Man merkt, dass Donna Leon über eine langjährige Erfahrung im Umgang mit Sprache und Literatur verfügt. Die 320 Seiten lesen sich sehr schnell und es ist sprachlich auf höherem Niveau geschrieben. Diese Schilderungen üben einen Sog auf den Leser aus, der einen glauben lässt, schon lange in Venedig zu wohnen. Sehr sicher führt Leon den Leser, immer aus der Sicht eines Dritte-Person-Erzählers, durch die Handlung und setzt routiniert Stilmittel ein, z.B. Ellipsen, um den Eindruck von Eile entstehen zu lassen. Leon versteht es auch wohldosierte Kritik, sei es die Bestechlichkeit lokaler Politiker, die korrupte Bürokratie, oder die soziale Verwahrlosung alter Menschen, in die Handlung einfließen zu lassen. Diese Kritik ist nicht so augenscheinlich wie bei Mankell, der soziale Missstände schon mal zu einem Leitmotiv macht, nein, sie wird nur sehr leise geäußert und ließe sich genauso auf Deutschland übertragen. Nichtsdestoweniger werden politische Unzulänglichkeiten deutlich gemacht.
Abschließend kann ich sagen, dass Donna Leon mich neugierig gemacht hat. Ich will mehr über diesen Kommissar wissen, mehr Impressionen Venedigs genießen, und deshalb liegt schon der zweite Fall – Endstation Venedig - auf meinem Nachttisch. Ich glaube Donna Leon gelingt es nicht nur eingefleischte Krimi Fans zu erreichen, sondern auch Leser die Gewaltschilderungen ablehnen, denn blutige Details oder sadistische Grausamkeiten findet man in „Venetianisches Finale“ nicht. Ich vergebe gerade noch 4 Sterne, mit Tendenz zu 3 ½ Sternen.
Verlegt wird die Commissario Brunetti Reihe im Diogenes Verlag, wahlweise als Taschenbuch oder gebundene Ausgabe.
Taschenbuchausgabe: ISBN 3257227809 - 9,90 €. Wer die englische Ausgabe bevorzugt: Death at La Fenice – ISBN 0330337726 – 11,73 €.
super bericht! hilft mir vielleicht bei meiner entscheidung welchen band ich als nächstes lese (hab erst einen und den fand ich super). grüße tigerchen28
Am meisten erfährst du über Brunettis Familienleben in Fatal Remedies. Leider fällt mir jetzt der deutsche Titel nicht ein. Es ist das 8. (glaub ich zumindest) Leon-Buch. Gruß Homorphus
netti auf zwei Hörcassetten in einer schönen Hörspielfassung von Gerd Krogmann wird viele Hörbuchfreunde begeistern. Diejenigen, die den damaligen Sensationserfolg der Aut...
netti auf zwei Hörcassetten in einer schönen Hörspielfassung von Gerd Krogmann wird viele Hörbuchfreunde begeistern. Diejenigen, die den damaligen Sensationserfolg der Aut...
* Alle Preise inkl. gesetzlicher MwSt und ggf. zzgl. Versandkosten. Preise, Verfügbarkeit und Versandkosten können im jeweiligen Shop zwischenzeitlich geändert worden sein, da eine Echtzeit-Aktualisierung technisch nicht möglich ist. Maßgeblich sind immer die Preise und Angaben auf der Händlerseite. Alle Angaben ohne Gewähr.
13.01.2003 20:52
super bericht! hilft mir vielleicht bei meiner entscheidung welchen band ich als nächstes lese (hab erst einen und den fand ich super). grüße tigerchen28
28.06.2002 19:14
Am meisten erfährst du über Brunettis Familienleben in Fatal Remedies. Leider fällt mir jetzt der deutsche Titel nicht ein. Es ist das 8. (glaub ich zumindest) Leon-Buch. Gruß Homorphus
22.06.2002 19:32
hab schon viel von donna leon gehört, aber noch nix gelesen. die hat doch mehrere bücher geschrieben,ne. liebe grüße und schönes wochenende!