Eine starke Frau schreibt für alle anderen

5  29.09.2002

Pro:
Trifft den Nagel auf den Kopf

Kontra:
Viele werden "politisch korrekt" ablehnend reagieren .  .  .

Empfehlenswert: Ja 

hb66

Über sich:

Mitglied seit:01.01.2000

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 39 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Was darf ich mir oft anhören? "Frauen sind noch längst nicht gleichberechtigt! Und Karrierechancen haben sie auch nicht!" Mich schüttelt`s schon beim schreiben! Soll das wahr sein? Oder wird dieses Klischee mutwillig gepflegt? Beate Kricheldorf, Diplom-Psychologin, 1949 geboren, hat sich diesem Thema angenommen.

Mal das Vorwort des Büchleins als Vorgeschmack: "Frauen neigen zu einseitigen und subjektiven Sichtweisen, um ihre Opferhaltung beibehalten zu können und somit Eigenverantwortung zu vermeiden. Hier geht es darum, die weibliche Berechnung aufzudecken: welche Strategien und Tricks Frauen anwenden, um aus ihrer vermeintlich schwächeren Position Profit zu ziehen. Die Täuschungsmanöver sind so perfekt, dass Männer weiterhin nicht merken, dass eigentlich sie die Opfer sind."

Jetzt sehe ich vor meinem gedanklichem Auge schon bei einigen Damen die Hälse anschwellen. Genau diese sind es allerdings, welche in diesem Buch beschrieben sind. Die starken, selbständig denkenden Frauen können über ihre Geschlechtsgenossinen aber nur müde lächeln und werden mit diesem Buch und seinen Aussagen keine Probleme haben.

Die Autorin beginnt logischerweise ihre Ausführungen im Säuglingsalter. Hier beginnt das erlernen des Denkens in Geschlechterrollen. So wird einem kleinem Mädchen eher Angst und Bedürftigkeit unterstellt, wenn es schreit. Bei einem schreienden Jungen soll eher Wut oder Selbstbehauptung die Ursache sein. Das kleine Mädchen wird also schon früh rücksichtsvoller behandelt und kann so (von den Eltern!) seine Rolle lernen. Die Jungs werden zu Tüchtigkeit und Erfolg erzogen, während Mädchen doch vorwiegend "weiblich" geprägt werden. Indem sie dadurch später dieses oder jenes "nicht können", müssen das eben andere für sie erledigen. Die vermeintliche Hilflosigkeit ist also anerzogen.

Anschliessend nimmt sich Frau Kricheldorf dem Thema "Hausfrau/Hausmann" an. Bekennt sich ein Mann dazu, nicht berufstätig sein zu wollen und das "typisch weibliche" Leben als Hausmann zu führen, wird er schnell als Nichtstuer bezeichnet, der sich von einer Frau aushalten lässt. Hausarbeit seinerseits wird nur anerkannt, wenn diese zusätzlich zur Erwerbsarbeit ausgeführt wird. Und umgekehrt? Die Hausfrau hat mindestens 12 Berufe auszuüben...

Mit dem Kapitel "Berufsarbeit, Versorgungsdenken" greift die Autorin die hier und heute voll gegebene Chancengleichheit der Geschlechter in der Berufswahl auf. Warum entscheidet sich eigentlich ein Mädchen für einen "typisch weiblichen", schlechter bezahlten Beruf? Wird sie von irgend jemandem gezwungen, oder will sie keine langwierige und schwierige Ausbildung machen, da ihre Lebensplanung gar keine dauerhafte Erwerbstätigkeit vorsieht? Und wenn sie doch ein kostspieliges und langwieriges Studium aufnimmt, tut sie das vielleicht um ihre Chancen auf eine standesgemässe Heirat zu erhöhen und dadurch versorgt zu sein? Den wesentlichen Unterschied von Männern und Frauen im Berufsleben sieht Frau Kricheldorf darin, dass Arbeit für Frauen immer Spass bleiben muss. Eine Übergangsbeschäftigung bis zur Heirat, eine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung; jedenfalls eine Tätigkeit die jederzeit wieder beendet werden kann und die nicht zu regelmässiger Verpflichtung und lebenslanger Verantwortung führt. Das so keine grossen Karrierechancen bestehen ist doch wohl klar! Ich kann allerdings bestätigen, dass diese "Chancenlosigkeit" auch Männer betrifft. Nur weil ich ein Mann bin, bekomme ich auch keine leitende Position. Dafür müsste ich mich mehr einbringen, als ich dies zu tun bereit bin. Mich jetzt zu beschweren, dass ich gegenüber einem ständig Überstunden schiebenden Kollegen "benachteiligt" bin wäre wohl nur als grenzenlose Dummheit zu werten. Mir reichen 8 Stunden am Tag aus. Mit den Konsequenzen muss ich, wie die halbtags arbeitende Kollegin, leben. Wer mehr will, muss mehr tun! Egal, ob Mann oder Frau. Zitat: "In einer schwächeren oder untergeordneten Position bleiben nur die Frauen, die Verantwortung lieber abgeben oder wichtige Entscheidungen anderen überlassen."

Nun kommt die "Verantwortung" dran. Frauen wird allgemein weniger Eigenverantwortung zugestanden als Männern. Kommt eine Frau in eine finanzielle Notlage ist dies die Schuld der Männer oder der Gesellschaft. Ein Mann wird selbst für sein "Versagen" verantwortlich gemacht. Diese Haltung, die Frauen entmündigt, wird von Feministinnen gern gepflegt. Nie ist die arme Frau selbst verantwortlich wenn ihr etwas misslingt! Gelingt ihr aber etwas richtig gut, ist das allein Ihr Verdienst. So geht`s natürlich auch...

Zitat (s. 27): "Die Frauenbewegung hat dafür gekämpft und weitgehend auch erreicht, dass Frauen die gleichen Rechte erlangen wie Männer. Aber allzuviele Frauen (nicht alle, aber sehr viele) haben nicht mehr mitgemacht, als sie merkten, dass gleiche Rechte auch gleiche Pflichten bedeuten. Dies wollten sie ja nun nicht. Zwar soll sich der Mann zur Hälfte an Haushalt und Kindererziehung beteiligen, aber die halbe Beteiligung an Existenzsicherung und öffentlicher/politischer Arbeit soll für Frauen eben freiwillig bleiben und keine Pflicht werden." Diesen Satz sollte ich mir auf den Rücken tätowieren lassen...

Frau Kricheldorf führt diese Argumentation exzellent weiter. Dabei verliert sie nie die wirklichen Opfer von Gewalt und Benachteiligung aus den Augen. Sie betont mehrfach, dass sich ihr Buch nicht gegen echte, leidende Opfer (Frauen wie Männer!) richtet, sondern gegen diese selbstgemachten "Opfer", welche durch ihr Handeln den wahren Leidtragenden nur schaden, ja diese geradezu verhöhnen.

Kapitel 12 heisst dann "Trennung, Scheidung". Zitat (S. 74): "Spätestens bei Ehescheidungen wird die weibliche Skrupellosigkeit endgültig entlarvt. Denn in dieser Situation braucht die schwache Frau ihr Profit- und Versorgungsdenken nicht mehr zu tarnen." Vor kurzem behauptete jemand, Frauen würden mittels "knallharter Eheverträge erpresst". Das hat mich doch amüsiert. Die passende Erwiderung findet sich hier. Mit welchem Recht verklagt eine Kosmetikerin, die einen Millionär geheiratet hat, bei der Scheidung ihren Ex auf sein halbes Vermögen? Sie hat nicht zur Bildung dieses Vermögens beigetragen, sondern während der Ehe ausschliesslich davon profitiert. Dieser Mann wird selbstverständlich vorher auf einen Ehevertrag bestehen, um im Fall der Fälle wenigstens sein Geld behalten zu können. Eine Frau, die ohne Versorgungsinteresse heiratet, wird mit dem Ehevertrag nicht erpresst. Sie wird diesen als rein geschäftliche Angelegenheit betrachten. Zum heiraten ist doch, dank Gleichberechtigung, keine Frau mehr gezwungen!

Hätte dieses Buch keine Frau geschrieben, ich glaube es wäre längst indiziert! Beate Kricheldorf geht logisch, ohne Scheuklappen und (für die analysierte Klientel) gnadenlos vor. Ein rundum gelungenes Buch. Wer sich nach dem lesen des selben beschwert, muss sich wahrscheinlich zur Zielgruppe rechnen. Die Gedanken der Autorin sollten sich Frauen wie Männer doch wenigstens ein Mal unvoreingenommen durch den Kopf gehen lassen! Wenn dann noch alle daraus lernen würden wäre sehr viel erreicht.

Mein Urteil: LESEN!

Zum Abschluss noch schnell ein Witzchen:

Kind: "Mami, warum rennt Papa im Zickzack durch den Garten?"
Mutti: "Halt die Klappe! Lad lieber die Flinte nach!"

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Asuka86

Asuka86

31.10.2002 18:12

Naja, ist nicht so mein Geschmack ;) Aber guter Bericht! Verdient sein "sh" :) LG, Verena

H2O_MAN

H2O_MAN

29.09.2002 15:35

gefällt mir wie du das buch umschreibst ich persönlich muß dazu anmerken das mir eigentlich bücher nicht gefallen in denen man so oder so in gewisse schubladen gesteckt wird und das scheint ja der fall bei diesem buch zu sein

Liamara

Liamara

29.09.2002 15:34

Hui, das klingt aber nach einem heissen Eisen! :)

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