Hallo,
da ich einen ruhigen Kurzurlaub verbringen konnte, durfte als Urlaubslektüre schon mal bisschen Mord und Totschlag sein, also auf zum neuen Buch von Ferdinand von Schirach - Verbrechen.
Es gibt ja unzählige Bücher über Kriminalfälle und dies gesellt sich dazu. Man merkt Schirach schon ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von gekothy über Verbrechen / von Schirach, Ferdinand 22. September 2009
Produktbewertung des Autors:
Niveau:
anspruchsvoll
Unterhaltungswert:
hoch
Spannung:
ziemlich spannend
Humor:
wenig humorvoll
Aufmachung:
ok
Pro:
Sachlich berichtete Kriminalfälle
Kontra:
zu kurz, hätte gern mehr davon gelesen
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Hallo,
da ich einen ruhigen Kurzurlaub verbringen konnte, durfte als Urlaubslektüre schon mal bisschen Mord und Totschlag sein, also auf zum neuen Buch von Ferdinand von Schirach - Verbrechen. Es gibt ja unzählige Bücher über Kriminalfälle und dies gesellt sich dazu. Man merkt Schirach schon seinen Beruf an, Strafverteidiger. Ohne große Moralisierung berichtet er sachlich von seinen Fällen. Nicht mehr und nicht weniger. Zum Buch selbst. Enthalten sind auf gut 200 Seiten 11 Fälle, die ich kurz anreißen will ohne alles zu verraten.
Fähner Ein junger Medizinstudent, 24 Jahre alt verliebt sich in Ingrid. So wie sie es will, wird gleich geheiratet und der mittlerweile erfolgreiche und gut situierte Arzt Fähner erlebt ein Trauma aus Ankeifungen, seelischen Verletzungen und Demütigungen. Bis die Bombe nach fast einem ganzen Leben platzt. Fähner ist schon über 70 als er seine Ingrid endgültig und für immer zum Schweigen bringt.
Tanatas Teeschale Durch den Tipp einer Putzfrau rauben 3 junge Gauner die Villa einer japanischen Familie aus. Der Möchtegern-Mafiaboss Pocol und sein Paladin Wagner wollen Anteile aus der guten Beute und erreichen das auch, in dem sie die Gauner begaunern. Sie haben aber nicht lange Freude daran....
Das Cello Das bedrückende Schicksal zweier Geschwister (Theresa, eine talentierte Cellistin und ihr Bruder Leonhard), die unter ihrem strengen Vater leiden, aber nach der Befreiung von ihm, also nach dem Weggang von zu Hause keine Zukunft haben werden und tragisch enden. Durch einen Unfall wird Leonhard schwerstbehindert. Theresa lässt ihn sterben. Sie wird wegen Mordes angeklagt.
Der Igel Wie ein schlauer Libanese durch seine Aussage seine dumme Sippe vor der deutschen Anklage rettet ist ein Bilderbuchstück, was Demokratie im Rechtsstaat alles aushalten muss. Zum Schluss bleibt nur das allseits bekannte "in dubio pro reo".
Glück Ein nicht neues Szenario, mäßig bekannter, aber "wichtiger" Politiker stirbt den schönsten Tod, genau, beim Sex mit einer Prostituierten. Leider bekam die arme Frau panische Angst und bat ihren Freund, ihr zu helfen. Der fackelte nicht lange und nahm den Dahingeschiedenen in transportfreundliche Stücke auseinander. Das konnte nicht gutgehen.
Summertime Es gibt drei Hauptpersonen, ein junger, hitziger Palistinenser (Abbas), seine junge deutsche Freundin (Stefanie) und Herrn Boheim. Abbas hat Schulden, die "Gläubiger" sind keine friedlichen Geldverleiher und da droht Böses. Stefanie in ihrer Affenliebe geht heimlich bei Herrn Boheim anschaffen, was Abbas aber total missverstehen muss. Es kommt, wie es kommen muss, Stefanie ist tot, es gibt zwei Verdächtige, aber zum Schluss eine Antwort zu wenig.
Grün Philip, 19, ist krank, bekommt aber keine Hilfe. Er schlachtet bestialisch Schafe ab, reisst ihnen die Augen raus und hebt sie auf. Der Vater bezahlt jedes getötete Schaf großzügig. Dann verschwindet Sabine, die Tochter des Grundschullehrers. In einer Schachtel finden sie ein Bild von Sabine, auf dem die Augen ausgeschnitten sind. Die Sache wird ernst.
Der Dorn Feldmayer, eine irre Geschichte über einen guten deutschen Beamten, der im Museum seinen Dienst tut, Tag für Tag, obwohl er nichts zu tun hat und fast keine Sau mit ihm spricht. Da dreht er etwas durch.
Liebe Patrick, ein gestörter Mensch, der zu Kannibalismus neigt, aber Hilfe verweigert. Die Mutter enzieht dem Strafverteidiger das Mandat.
Der Äthiopier Eine berührende Geschichte. Michalka, obwohl zweifacher Bankräuber, zeigt, dass Menschen noch lange nicht in die Schublade Verbrecher gehören, obwohl sie Verbrechen begangen haben. Er hat auch ganz andere Qualitäten, die er erfolgreich umsetzen kann.
Meine Favoritengeschichte Ich gebe ja zu, ich bin etwas sarkastisch und schäme mich nicht, dass mich diese Geschichte begeistert hat, obwohl ich eigentlich traurig sein sollte. Zwei dumpfe rechte Schläger (mit Messer und Baseschläger aus Metall) suchen ein Opfer. Bahnsteig, nahezu leer, der nächste Zug kam erst in einer Dreiviertelstunde. Da, ein etwa Mittvierziger, Kassenbrille, grauer Anzug, sitzt auf der Bahnsteigbank. Sie machen ihn an. Zunächst verbal in ihrer Fäkalsprache. Der Mann bleibt ruhig, sagt nichts, absolut nichts und zeigt auch keine Abwehr. Das Einzige, was in diesen beiden Schwachstromgehirnen funktioniert, die Gewaltphantasien steigen und steigen. Das Messer wird eingesetzt, ein kleiner Stich in die Hand. Der Mann macht und sagt nichts. Das Messer wird geschwungen und der Mann wird mit einer langen, leichten Schnittwunde in Brusthöher verletzt. Der Mann macht und sagt nichts. Die nächste Ausholung mit dem Messer. Der Mann packt das Handgelenk, schlägt mit der anderen Hand in den Ellenbogen seines Gegners, und lenkt das Messer so, dass es mit vollem Schwung im Körper des Angreifers landet, zur Verstärkung schlägt der Mann mit der Faust auf die gegnerische Hand. Das Ziel war genau das Herz, zerstückelt - tot. Der andere Rechte überlegt (falls er das konnte), ob er abhauen oder dem Mann mit dem Baseschläger eins rüberhauen soll. Er entscheidet falsch. Er holt aus und in diesem Moment schlägt der Mann kurz und kräftig auf eine Stelle am Hals, die bedingt, dass das Gehirn Höchstalarm auslöst und den Herzschlag (Blutdruck) verringert. Der Schlag war so gewaltig, dass das Herz des Rechten zum Stillstand kommt - tot. Der Mann setzt sich wieder auf die Bank und sagt und macht nichts... Zwei junge Menschen sind tot, und ich kann keine, überhaupt keine Trauer empfinden. Notwehr? - Notwehr ist auch der Titel dieser Geschichte, aber lest sie selbst zu Ende.
Resümee Ein leicht zu lesendes Buch, das ich ohne Bedenken empfehlen kann für Liebhaber solcherart Literatur.
Bei dem happigen Preis ist natürlich Schutzumschlag, Hardcover, Lesebändchen und ordentlich weißes Papier selbstverständlich. Herrausgeber Pieper - ISBN 978-3-492-05362-4 PS: Ferdinand von Schirach ist tatsächlich ein Enkel des NS-Reichsjugendführers und hat u.a. Günther Schabowski und die Familie Klaus Kinskis strafrechtlich vertreten (Angaben aus Wikipedia).
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