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Verdammnis - Roman / Stieg Larsson

Gesamtbewertung (23): Gesamtbewertung Verdammnis - Roman / Stieg Larsson

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Ein Alptraum

5  08.11.2008

Pro:
starke Charaktere Mikael und Lisbeth, Handlung mit Sog, spannende Themen

Kontra:
Erzählweise (zu viele eher uninteressante Figuren), skandinavische Namen bremsen

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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SiebenteS

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Ein Alptraum
Immer wieder wundere ich mich über Buchtitel. Einige wenige sind sehr treffend. Viele schießen übers Ziel hinaus, sind zu blumig oder schlecht zu merken. Der Autor Stieg Larsson ist bzw. war Schwede - insofern hat er die deutschen Titel seiner Romane nicht selbst ausgesucht. Sie sind zwar nicht blumig, dafür aber dennoch schwer zu merken, weil sie alle recht ähnlich ausfallen und man sich fragt, welchen Teil man schon gelesen hat und welchen noch nicht. Verblendung, Verdammnis und Vergebung - so lautet die richrige Reihenfolge seiner Triologie. Hier und heute geht es um "Verdammnis", die zweite der drei Folgen. Wenn ich die Aufgabe gehabt hätte, einen Titel auszusuchen, wäre ich wahrscheinlich bei "Alptraum" gelandet - denn um den geht es inhaltlich gleich in mehrerer Hinsicht. Warum das so ist, verrrate ich nun, wie üblich, nach und nach.

Inhaltsverzeichnis:
**************************
1. Der Autor: Stieg Larsson
2. Ort und Zeit der Handlung
3. Die Figuren
***a) Mikael Blomkvist
***b) Lisbeth Salander
***c) Jan Bublanski
***d) Sonja Modig
4. Was zuvor geschah
5. Die Geschichte
6. Themen
***a) Mädchenhandel
***b) Freundschaft und Vertrauen
***c) Computerhacking
***d) (Un)Schuld
***e) Vergangenheitsbewältigung
7. Erzählperspektive
8. Lesbarkeit
9. Zielgruppe
10. Daten zum Buch
11. Pro & Contra
12. Fazit


1. Der Autor: Stieg Larsson
***************************************
Die Geschichte des Schweden Stieg Larsson ist zugleich eine erfolgreiche und eine tragische. Seine bereits eingangs erwähnte Romantriologie Verblendung - Verdammnis - Vergebung brachte ihn nicht nur in seiner Heimat ganz vorne auf die Bestsellerlisten. Er heimste damit auch Preise ein. Das tragische an der Sache: Die Ehrungen bekam Stieg Larsson erst nach seinem Tod - auch den Erfolg seiner Bücher erlebt er nicht mehr mit - denn er erlag am 9. November 2004 einem Herzinfarkt.
Zu dem Zeitpunkt war Larsson 50. Geboren wurde er in Umea, Schweden. Er war Journalist, brachte auch das Magazin Expo raus, das im Internet unter der Seite expo.se zu finden ist. Der Hintergrund für die Zeitschrift war ein anderes wichtiges Thema im Leben des Stieg Larsson: Rechtsextremismus und sein Engagement dagegen.


2. Ort und Zeit der Handlung
**********************************************
Der wichtigste Schauplatz von "Verdammnis" ist wohl Stockholm. Doch es tauchen auch einige andere Ortsnamen auf, die vielen deutschsprachigen Lesern sicher nicht sonderlich vertraut sind und die ich daher hier auch nicht im Detail aufführen werde, da sie nur kurz vorkommen und die Handlung als solche nicht entscheidend beeinflussen. Darüber hinaus macht Larsson oder vielmehr seine weibliche Hauptfigur Lisbeth Salander auch noch eine kleine Weltreise, doch auch dabei gilt, dass die genauen Örtlichkeiten nicht weiter wichtig sind.
Die Zeit, in der die Geschichte spielt, ist quasi die Gegenwart, zumindest die Gegenwart, in der die Handlung wohl entstanden ist, so um das Jahr 2003/2004 rum. Das ist vor allem in einer Hinsicht wichtig: Salander versteht sich gut darauf, Computer zu hacken. Ihre Möglichkeiten, in dem Bereich auf umfangreiche Informationen zu stoßen, sind sicher im 21. Jahrhundert größer als in den 80er oder 90er Jahren, in denen Akten verschiedenster Art noch nicht in der Menge und Form mit Computern verarbeitet und digital über Internetzugünge ausgetauscht wurden.


3. Die Figuren
**********************
***a) Mikael Blomkvist
Mikael Blomkvist ist Journalist und erscheint mir in vielerlei Hinsicht ein Spiegelbild von Autor Stieg Larsson zu sein: Beide sind sehr engagiert, beide geben ein eigenes Magazin heraus, beide sind altersmäßig in etwa gleich - Blomkvist Mitte 40, Larsson zum Zeitpunkt, zu dem er den Roman geschrieben hat, wahrscheinlich etwa 48/49.
Egal ob man zuvor "Verblendung" gelesen hat oder aber nur "Verdammnis" in die Finger bekommt: Man merkt schnell, dass Blomkvist ein kluger Kopf ist, ein hartnäckiger Journalist, der sich auch traut, in unangenehmen und gefährlichen Bereichen nachzuforschen, um Fehlverhalten anderer aufzudecken. Dabei wirkt er relativ furchtlos.
Auf der menschlichen Ebene scheint Blomkvist ein guter Freund zu sein - und das in verschiedenster Hinsicht: Zum einen ist er mit seinen Kollegen vom Magazin "Millenium" befreundet, Erika und er kennen sich seit den 80er Jahren, haben großes Vertrauen ineinander und (neben Erikas Ehe) auch eine sexuelle Beziehung. Doch Mikael ist auch anderen gegenüber ein guter Freund, so dem neuen Kollegen Dag Svensson oder Lisbeth Salander. Diesen Freunden versucht er zu helfen, auch wenn er weiß, dass es nicht einfach ist.
Ein weiterer wichtiger Charakterzug von Mikael ist seine ganz eigene Einstellung zu Beziehungen. Seine Ehe ist gescheitert, unter anderem wegen der bereits erwähnten Affäre mit Erika - ihr Mann toleriert die Treffen der beiden. Immer wieder hat Mikael zusätzlich weiterer Affären, manchmal anscheinend mehrere gleichzeitig. Sicher, er ist ein erwachsener Mann, der niemandem gegenüber Verantwortung hat. Trotzdem ist das ein Lebensstil, in den ich mich persönlich nur schwer herein denken kann.

***b) Lisbeth Salander
Opfer oder Täterin - diese Frage zieht sich in Bezug auf Lisbeth Salander durch die Geschichte. Die 25- bzw. 26jährige ist eine Figur, mit der sich wohl die wenigsten Leser 100 prozentig identifizieren können - zu speziell ist diese Frau. Das fängt schon bei ihren Äußerlichkeiten an: Mit 1,50 m hat sie nicht gerade ein Durschnittsmass - mit ihren 40 kg wirkt sie zudem recht mager und knabenhaft von der Figur. Und auch sonst ist sie nicht sonderlich feminin mit ihren kurz geschnittenen Haaren und Tattoos ... Dazu kommt, dass sie - trotz ihrer Volljährigkeit - einer Vormund unterstellt ist, da sie als zurück geblieben und zu gewaltbereit gilt. Warum das so ist, das ist eine der Fragen, die sich durch die drei Romane ziehen und Teil der Spannung der Geschichte sind.
Die andere Seite der Medaille ist jedoch die Realität - nämlich dass Lisbeth (entgegen der Meinung der Behörden) überaus clever ist, sich mit Computern und dem Knacken von Sicherheitssystemen besser als die allermeisten auskennt und zudem ein fotografisches Gedächtnis hat. Mit diesen Eigenschaften und Eigenarten hat man Salander (von Mikael auch kurz "Sally" genannt) auch schon in "Verblendung" kennen gelernt, dem ersten Teil der Reihe.
Neu ist (und wer Verblendung noch nicht kennt, sollte besser beim nächsten Absatz erst weiterlesen), dass Lisbeth durch einen nicht ganz legalen Coup zum Ende von "Verblendung" zu Reichtum gelangt ist. Dadurch kann sie - noch stärker, als sie das vorher schon gemacht hat - tun was sie will. Selbst auf die Aufträge der Sicherheitsfirma Milton ist sie nun nicht mehr angewiesen ... Diese scheinbare absolute Unabhängigkeit ist das Eine, die Tatsache, dass sie unter Verdacht gerät, zwei (vielleicht auch drei) Menschen brutal ermordet zu haben und dass ihr Bild auf jeder Zeitung und in jeder Nachrichtensendung zu sehen ist, ist die andere Seite. Lisbeth zieht sich daher noch mehr als ohnehin zurück, versucht aber gleichzeitig herauszufinden, wie sie ihre Unschuld beweisen kann.

***c) Jan Bublanski
In vielen Krimis stehen strahlende oder schrullige Ermittler im Mittelpunkt, sind diejenigen, die man als Leser (oder Zuschauer) begleitet und die man als Helden der Geschichte empfindet. Der Leiter der Ermittlungen in den gerade erwähnten Mordfällen ist Bublanski. Und er fällt meiner Meinung nach in die Heldenkategorie andere Krimis. Bublanski ist in den 50ern, wirkt gesetzt, das heißt, er ist keineswegs schillernd, finde ich. Andererseits fällt mir positiv aus, dass er durchaus gerecht zu sein scheint. Es wäre für ihn einfach, einzig und allein dem durchaus logisch klingenden Verdacht nachzugehen, dass Salander die Mörderin ist. Doch Bublanski, so scheint es, ist nicht einzig und allein hinter einem schnellen Ergebnis (nach dem Motto "egal ob es richtig ist") hinterher. Statt dessen will er wirklich der Wahrheit auf den Grund gehen und versucht da auch seine Zweifel mit einzubeziehen.

***d) Sonja Modig
Sonja Modig ist die einzige Frau in Bublanski Team, ist deutlich jünger als er, wird von ihm aber wegen ihrer klaren Analysen geschätzt. Auf mich wirkt sie weniger farblos als ihr Chef. Denn sie ist nicht nur gut in ihrem Job und - wie er - wirklich auf der Suche nach der Wahrheit: Modig legt sich auch mit ihren Kollegen an, wenn sie der Meinung ist, dass bei den Ermittlungen was falsch läuft, ist dabei auch hitzköpfig. Und genau das gefällt mir. Denn nur Figuren, die auch Fehler machen, sich nicht immer korrekt verhalten, wirken wahrhaftig.


4. Was zuvor geschah
******************************
Achtung, jetzt kommt noch ein ganzer Absatz, der nur für die Leute gedacht ist, die bewusst wissen wollen, was in Teil 1 passiert ist. Wer schon jetzt neugierig geworden ist und auf jeden Fall die Larsson-Reihe ganz und ohne zu großes Vorwissen lesen will, sollte bei Punkt 5 weiter machen, bei einer nicht zu langen Inhaltsangabe zum zweiten Teil, zur "Verdammnis". Hier geht es aber kurz um die Vorgeschichte, um "Verblendung".
Im Roman erzählte Larsson mehrere Geschichten: Die von Mikael Blomkvist, der sich mit dem Wirtschaftsboss Wennerström angelegt hatte und mit seiner Enthüllungsstory über unsaubere Geschäfte Wennerströms gestolpert war - Mikael musste ins Gefängnis. Den Konflikt zwischen beiden löst Larsson zum Ende von "Verblendung" auf. Mit der Hilfe von Lisbeth (und ihrer Fähigkeit, Computer zu knacken) gelingt es Blomkvist, Wennerströms Verfehlungen nachzuweisen. Der Wirtschaftsboss begeht Selbstmord, Lisbeth reißt sich sein Geld unter den Nagel, Mikael kann sich mit einer in jeder Hinsicht belegbaren Enthüllungsgeschichte rein waschen und erzielt für sich und für sein Wirtschaftsmagazin Millenium einen umwerfenden Erfolg.
Die zweite hauptsächliche Geschichte nimmt den großen Mittelteil ein: In der Zeit, in der Blomkvist noch als Verleumder von Wennerström gilt, nimmt er einen anderen, ungewöhnlichen Job an: Offiziell soll er die Familien-Chronik eines anderen Unternehmens, der Vangers, schreiben. Inoffiziell soll er klären, wer ein Mädchen der Familie 1966 umgebracht hat. Zunächst hält er den Auftrag für albern. Doch nach und nach gelingt es Mikael dann doch, der Sache auf die Spur zu kommen. Dabei deckt er andere, sehr unschöne Familiengeheimnisse auf. Lisbeth hilft ihm schließlich mit ihren Computerkenntnissen, rettet ihm das Leben und beginnt mit ihm eine Affäre. Die endet, als sie ihn mit seiner dauerhaften Bett-Genossin und Kollegin Erika auf der Straße geht - Lisbeth verschwindet aus seinem Leben.
Sie hat sich ohnehin immer als Einzelgängerin gefühlt. In ihrem Leben muss es einmal ein einschneidendes Erlebnis gegeben haben als sie 12 war. Danach wurde sie für schwierig, für praktisch unzurechnungsfähig erklärt, wuchs dann im Heim und mit Vormünden auf. Ihr aktueller, ein Anwalt, sah seine Chance, die erwachsene aber gleichzeitig seiner Meinung nach zurück gebliebene Frau sexuell zu missbrauchen. Doch Lisbeth wehrte sich auf ihre Weise, u.a. indem sie die Szene auf Video bannte und ihn erpresste, nun Berichte zu schreiben, mit deren Hilfe sie ihre Eigenständigkeit erreichen wollte. Vor dem Hintergrund ihrer Geschichte ist Lisbeth insgesamt ein sehr zurück gezogener Mensch, der nur schwierig Vertrauen zu Menschen schafft.


5. Die Geschichte
**************************
Zunächst hat man es mit einem kleinen Mädchen zu tun, das missbraucht wird. Während ich das hier schreibe, kommt mir der Gedanke, dass es Lisbeth Salander gewesen sein könnte, 13 Jahre bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Doch vielleicht irre ich mich ...
Denn andererseits kann es sich auch einfach "nur" um ein anderes kleines Mädchen handeln, das zum Sex gezwungen wird. In "Verdammnis" ist nämlich Mädchenhandel ein wichtiges Thema. Der junge Journalist Dag Svensson hat lange recherchiert und jede Menge Material gesammelt, mit dem er den Handel mit jungen Frauen nachweisen und belegen kann, dass selbst Polizisten als Freier oder Mittäter in diese Verbrechen verstrickt waren. Seine Freundin Mia hat ihm für diese Arbeit die akademische Vorlage geliefert, da sie sich in ihrer Doktorarbeit ebenfalls auf wissenschaftlicher Basis mit dem Mädchenhandel beschäftigt hat.
Mikael und Erika sind von Dags Geschichte angetan. Sie wollen aber seine Fakten noch einmal prüfen, um nicht erneut Gefahr zu laufen, dass eine Enthüllungsstory für Millenium aufgrund von Fehlern zum Flop wird. Sie merken, dass Svenssons Text Hand und Fuß hat, bereiten eine Sonderausgabe der Zeitschrift rein zum Thema Mädchenhandel sowie ein Buch vor.
Auch Lisbeth ist mit dem Thema "Missbrauch" in mehrfacher Hinsicht beschäftigt. Sie befindet sich auf Weltreise. Als sie mitbekommt, dass ein anderer Hotelgast seine Frau schlägt, überkommt sie die Wut, sie versucht, Hintergrundinformationen über ihn zu sammeln. Während eines gewaltigen Sturms, so merkt sie, will der Mann seine Frau ermorden, Lisbeth geht dazwischen, verpasst dem Mann einen Schlag und rettet die Frau. Der Mann kommt in dem Sturm ums Leben. Zurück zuhause beschäftigt sie auch das Thema Bjurman. Ihr Vormund hatte sie missbraucht, sie hatte ihm darauf hin ein Tattoo verpasst nach dem Motto "Ich bin ein saddistisches Schwein, ein Widerling und Vergewaltiger" ... Außerdem hat sie ihn mit einem Video erpresst, auf dem sie aufgezeichnet hat, wie sie von Bjurman brutal vergewaltigt wurde. Der Anwalt versucht nun seinerseits einen Weg zu finden, es Lisbeth heim zu zahlen.
Doch dann wird Bjurman getötet. Auf seiner Waffe befinden sich Salanders Fingerabdrücke - die Pistole wird aber nicht in der Wohnung des Anwalts gefunden sondern im bzw. vorm Haus von Dag Svensson - auch der Journalist und seine Freundin wurden regelrecht hingerichtet. Schnell fällt der Verdacht auf Lisbeth. Während Polizei und Medien sie zu finden versuchen, schickt auch der Chef von Milton Security, Salanders früherem Arbeitgeber, der viel von ihr hält, seine Leute mit in die Ermittlungen. Er ahnt nicht, dass einer seiner Mitarbeiter sich an Lisbeth rächen will. Auch Mikael stellt Nachforschungen an. Er hat Lisbeth zwar lange nicht mehr gesehen, glaubt aber fest an ihre Unschuld.


6. Themen
*****************
***a) Mädchenhandel
Ein Teenager wird aus seiner Heimat verschleppt, ist minderjährig, wird in der Fremde von einem Fremden zum Sex gezwungen, wird monatelang immer wieder als Prostituierte an Männer, die auf junge Mädchen stehen, verkauft und von ihnen brutal zur Sache genommen. Die meisten werden so etwas sicherlich als Verbrechen empfinden. Vieles davon läuft dann auch noch im Verborgenen, die Hintermänner sind gut organisiert, finden immer neue Wege, Nachschub zu besorgen und verdienen so im Handumdrehen manchen Tausender. Das System ist aus Sicht der großen Mehrheit widerlich. In Verdammnis kommt noch dazu, dass auch hochrangige Polizisten in die Sache verstrickt sind. Das, was sonst gut getarnt passiert, hat Dag Svensson aufgedeckt. Durch seinen Artikel und sein Buch würde auch das Verhalten so einiger gut situierter Männer enthüllt.
Als Leser weiß man zu Beginn längst nicht all das, was Dag oder Mikael wissen. Die Zusammenhänge des Mädchenhandel-Netzes werden erst nach und nach aufgedeckt und tragen so zur Spannung der Geschichte bei.

***b) Freundschaft und Vertrauen
Freundschaft und Vertrauen ist die Überschrift für die Beziehung zwischen Lisbeth und Mikael und zugleich für das, was zwischen ihnen schief gelaufen ist. Beide waren sich grundsätzlich einig, Freunde sein zu wollen. Und Mikael hatte das für ihn ebenfalls sehr wichtige Stichwort "Vertrauen" zusätzlich ins Spiel gebracht. Zu wissen, dass man sich auf den anderen verlassen kann, war für ihn Voraussetzung für Freundschaft.
Genau daran ist die Beziehung möglicherweise auch zerbrochen. Denn - wie schon geschildert: Lisbeth ist ein sehr verschlossener Mensch, sie hat aus den Erfahrungen ihres Lebens gelernt, dass sie nur schwerlich jemand anderem vertrauen kann. Entsprechend versucht sie, auf eigene Faust zu überleben und auf niemanden angewiesen zu sein. Dazu gehört auch, dass sie offenbar mit niemandem über ihre komplette Vergangenheit offen und ehrlich gesprochen hat. Hätte sie das getan, hätte ihr Mikael möglicherweise für Gegenwart und Zukunft helfen können.
Schwierig für sie schient außerdem der Spagat zu sein: Für sie war Mikael wohl mehr als nur ein Freund oder nur ein Geliebter. Sie scheint sich in ihn verliebt zu haben. Da ist es für sie besonders verletzend, in mit Erika zu sehen und zu wissen, dass er das Verhältnis zu ihr wohl nie aufgeben würde. Doch auch da kommt das Stichwort "Vertrauen" wieder ins Spiel: Denn das ist auf ihrer Seite nicht groß genug, um mit Mikael zu sprechen - statt dessen flüchtet sie sich in ihre Weltreise.
Die Frage, ob und wie die Freundschaft zwischen Lisbeth und Mikael sich dennoch weiter entwickelt, ist ebenfalls ganz wichtig für die Geschichte.

***c) Computerhacking
Wie findet man Informationen über einen Menschen? Schon die meisten normalen Internetnutzer wissen, dass sie manches über Suchmaschinen heraus finden können. Das mag dann auch ab und an unangenehmes Material sein (ausgelassene Feierszenen vom Urlaub vor acht Jahren, die der künftige Chef besser nicht sehen sollte) - aber es sind nicht in jedem Fall brisante Daten. Anders ist das, was Lisbeth Salander kann und macht. Sie schafft es immer wieder, in eigentlich geheime Netzwerke einzudringen, so polizeiliche, Finanz- und sonstige Firmenunterlagen einzusehen.
Als Leser war es für mich einerseits unheimlich, wie gut Lisbeth dabei an Daten kommt - egal ob Polizist, Journalist oder der Leitger vn Milton Security. Nachdenklich werde ich dabei, wie sicher Daten auf Computern überhaupt sind. Ich habe in der Hinsicht zwar in keinster Weise Leichen im Keller, die aufgedeckt werden könnten, dennoch wird sicher so mancher panisch, wenn er daran denkt, dass seine privaten oder Firmen-Daten von Fremden gehackt werden können. Genau das ist es, was diesen Aspekt zu einem aktuellen Thema macht, das auch in der Romantriologie von Stieg Larsson für Spannung sorgt.

***d) (Un)Schuld
Auch dieses Thema spielt Larsson - bewusst oder unbewusst - auf mehreren Ebenen durch: Die Schuldfrage kann sich zum Beispiel auf die Freier der Mädchen beziehen, die unfreiwillig zum Sex gezwungen werden. Die Männer sind sich ihrer Schuld nicht wirklich bewusst, empfinden, dass es ihnen zusteht, über die Mädchen zu verfügen. Sie können hier Recht und Unrecht nicht einmal unterscheiden, obwohl sie als Rechtsanwälte und Polizisten eigentlich für die jungen Frauen kämpfen müssten.
Dann gibt es natürlich auch zwei Schuld- bzw. Unschuldsfragen, die mit Lisbeth Salander zu tun haben. Die eine dreht sich um die drei Morde in Verdammnis, um die Morde an Dag Svensson, an dessen Freundin Mia und am Anwalt Bjurmann. Als Leser weiß man (vor der Polizei), dass Lisbeth die Mordwaffe in den Händen hatte. Als Leser weiß man auch, dass sie unmittelbar vor Dags und Mias Tod in der Wohnung der beiden war. Sie könnte also die Mörderin sein. Als Leser weiß man aber auch, dass Lisbeth sich zwar wehrt, dass es aber eher unwahrscheinlich ist, dass sie drei - vor allem in Mias Fall - unschuldige Leute kaltblütig erschießt. Doch man kann sich dieser Ahnung nicht sicher sein.
Dann ist da außerdem die Frage, wer ann "all dem Bösen" Schuld war, mit dem für 12-jährige Lisbeth die Zeit in der Psychatrie und der Gang durch die Instanzen begann.
Vor allem diese beiden Dinge, die mit Lisbeth zusammen hängen, sind ebenfalls zwei wichtige Punkte, die den Roman interessant machen.

***e) Vergangenheitsbewältigung
Auch die Vergangenheitsbewältigung ist wichtig für Salander. Lange Zeit hat sie versucht, alles zu verdrängen und so "irgendwie" klar zu kommen. Doch nun sieht sie sich mit einem Namen aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Für sie bedeutet das eine Existenzfrage - falls sie von dem eingeholt wird, was vor 12-13 Jahren passiert ist, kann sie das ruinieren bzw. in Lebensgefahr bringen. Zudem steht das in Gefahr, für das sie zuletzt gekämpft hat, nämlich unabhängig von der Betreuung eines anderen, vor allem eines eigennützigen Menschen wie Bjurman, zu werden.


7. Erzählperspektive
****************************
Die Erzählperspektive ist einer der Schwachpunkte von Verdammnis. Larsson schildert die Geschichte in der dritten Person. Mal ist er an der Seite von Lisbeth, mal an der von Mikael - so weit, so gut. Doch er zerfasert die Handlung, indem er diverse andere Personen ebenfalls begleitet. Da sind nicht nur die beiden bereits erwähnten Ermittler Modig und Bublanski, da sind auch eine Reihe von weiteren Polizisten, da sind die Verbrecher, da ist Lisbeths Freundin Mimmi, da ist Erika Becker und da sind viele mehr. Nicht jede Figur übt auf mich einen Reiz aus - die Handlung zerfasert, wird dadurch ausgebremst.


8. Lesbarkeit
********************
Die zweite Schwierigkeit neben der Erzählperspektive ist, dass Larsson mit vielen schwedischen Namen um sich schlägt - das sind zum einen die der Figuren, die nicht immer einfach auseinander zu halten sind für jemanden wie mich, die ich weder schwedisch kann noch mich im Land und mit dem Land sonderlich gut auskenne. Das Land oder genauer gesagt die Orte sind dann noch ein Hindernis. Stockholm ist ein Name, den ich mir merken kann, die diversen anderen kleinen Nebenschauplätze sind mir dagegen die buchstäblichen "böhmischen Dörfer". Auch das hat für mich immer mal wieder den Lesefluss unterbrochen und war hinderlich.


9. Zielgruppe
******************
Skandinavienfans und Krimifans kommen bei Verdammnis auf ihre Kosten. Mögliche Leser von Verdammnis sollten außerdem keine Angst vor umfangreichen Romanen haben - denn das sind die Bücher der Larsson Triologie zweifellos. Wenn man all diese Voraussetzungen erfüllt, kann man das Buch gut und gerne lesen - egal ob im Urlaub oder an trüben Regentagen, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt.


10. Daten zum Buch
*****************************
Stieg Larsson, Verdammnis, Heyne Taschenbuch, ISBN 978-3-453-43317-5, 2. Auflage 2008, 9,95 Euro, 751 Seiten, Originaltitel: Flikan som lekte met elden, übersetzt von Wibke Kuhn, Erstveröffentlichung 2006


11. Pro & Contra
***************************
Pro
- starke Charaktere Mikael und Lisbeth
- Handlung mit Sog
- spannende Themen

Contra
- Erzählweise - zu viele eher uninteressantere Figuren
- skandinavische Namen bremsen


12. Fazit
****************
Ich habe "Verdammnis" trotz des großen Umfangs von 751 Seiten in etwas mehr als einer Woche durchgelesen. Das spricht schon für sich. Denn es zeigt, dass die Handlung ihren Sog hat. Den verdankt sie vor allem zwei Faktoren: Den starken Charakteren Mikael Blomkvist und Lisbeth Salander. Beide sind keine glorreichen Helden sondern haben ganz normale menschliche Schwächen, in Lisbeths Fall gehen die vielleicht sogar über das Normalmaß hinaus. Die zweite Stärke sind die spannenden Themen der Geschichte, man möchte mit Mikael und Lisbeth erfahren, wer hinter dem Mädchenhandel steckt, um den es in dem Roman geht, wer die Morde begangen hat und - mit Mikael - was in Lisbeths Vergangenheit geschehen ist. Da ist es eigentlich ein Muss, auch den Vorgänger "Verblendung" zu können und ich freu mich schon mit Spannung auf den dritten Band "Vergebung", der schon als gebundene Ausgabe in meinem Regal auf mich wartet.
Allerdings gibt es auch kleine Schwächen. Da ist zum einem die Erzählweise: Mitunter verrennt sich Autor Larsson in Details in Form von anderen Figuren und dem, was sie gerade machen oder in Form von diversen skandinavischen Ortsnamen, die den meisten internationalen Lesern wohl eher nichts sagen. Dennoch werde ich für diese zweifelslos vorhanenen Minuspunkte keinen Abzug geben. Ich verleihe für "Verdammnis" alle fünf Sterne und eine Leseempfehlung.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
christianpirker

christianpirker

11.08.2009 17:20

Sehr guter Bericht! Liebe Grüße, Christian

reggie1

reggie1

22.03.2009 20:43

na toll - nächster Bericht und schon wieder muss ich weiterlesen - denn auch hier hättest Du die Bestbewertung verdient! Also dann. LG Regina

marina71

marina71

28.02.2009 14:31

Anschaulicher Bericht. BH +LG

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