Verkäufer - Bimbo der Nation

2  03.10.2002

Pro:
leider gar nichts

Kontra:
unendlich viel

Empfehlenswert: Nein 

Details:

Einstellungschancen:

Aufstiegschancen

Verdienstmöglichkeiten:

Sozialleistungen:


Werkzeug-Django

Über sich:

Mitglied seit:06.05.2002

Erfahrungsberichte:63

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Verkäufer – wie praktisch alle Dienstleistungsberufe sind die Verkäufer als Bimbo der Nation anzusehen. Ich weiß, wovon ich rede – immerhin habe ich jahrelang als Verkäufer in einem Baumarkt gearbeitet. Nachdem Politik und Gewerkschaften die deutsche Seeschifffahrt Mitte der achziger Jahre vollends in den Abgrund getrieben hatten, musste ich wie Zehntausende anderen Seeleute auch einen Landberuf ergreifen. Gelandet bin ich im Einzelhandel – also ganz unten!

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Bericht strukturieren soll! Die Vorteile den Nachteilen gegenüberstellen schied sofort aus – der Beruf des Verkäufers bietet auch bei gutwilligster Betrachtung keinerlei Vorteile. Die Routine-Tätigkeiten des Verkäufers zu beschreiben erwies sich ebenfalls als ungeeignet – 75% der Zeit verbringt ein Baumarkt-Verkäufer als Warenpacker, Regalauffüller, Preisauszeichner und Regalreiniger – nur einen Bruchteil der Arbeitszeit kann den Kunden gewidmet werden. Ich habe mich also dazu entschlossen, tabellarisch alle Nachteile dieses Berufes aufzuführen – in der Hoffnung, gerade junge Menschen vor dem Fehler zu bewahren, im Einzelhandel tätig zu werden. Bitte erlauben Sie mir aus Gründen der Übersichtlichkeit, hier lediglich vom Verkäufer zu schreiben – und nicht immer vom Verkäufer/Verkäuferin! Dies soll wahrlich keine Diskriminierung der Frauen sein.

Qualifikation:
Verkäufer ist offiziell ein Lehrberuf – nach 2 Jahren Lehrzeit legt man vor der IHK die Prüfung zum Verkäufer ab. Es gibt spezielle Prüfungen für die verschiedenen Branchen – vom Fleischereifachverkäufer bis hin zum Eisenwarenverkäufer. Viele Auszubildende belassen es tatsächlich bei einen zweijährigen Lehre, um dann den Rest Ihres Berufslebens die immer gleichen Tätigkeiten auszuüben. Hundertfünfzig mal am Tag den Kunden zu fragen „darf es auch etwas mehr sein?“ ist bestimmt nicht die Erfüllung eines befriedigenden Arbeitslebens. Wer dem zumindest partiell entgehen will, kann ein weiteres Lehrjahr dranhängen und dann die Prüfung zum „Kaufmann im Einzelhandel“ (oft auch noch als Kaufmannsgehilfe bezeichnet) ablegen. Diese Prüfung ist anspruchsvoller als die Verkäuferprüfung, weil sie auch Buchführung, Handelsrecht, Arbeitsrecht und ähnliche Aspekte berücksichtigt und sich nicht nur auf die Warenkunde konzentriert.

Verdienst:
Verkäufer – erst recht Jungverkäufer mit frisch absolvierter Prüfung – verdienen erbärmlich. Verkäufer bewegen sich am äußersten unteren Rand der Einkommensskala – Bruttoverdienste von 1000,- oder 1100,- Euro sind absolut üblich. Im Bereich des ehemaligen Zonenrandgebietes ist es aufgrund des immer noch frappierenden Wohlstandsgefälles zwischen Ost und West mittlerweile üblich geworden, ältere Verkäufer aus den etwas höheren Gehaltsgruppen (also 1400,- bis 1700,- Euro brutto) auf die Straße zu setzen und durch billiger Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern zu ersetzen. Im Einzelhandel passen sich die Löhne zwischen Ost und West rapide an – in Richtung Ostlöhne auch für West-Arbeitnehmer! Politik und Gewerkschaften versagen hier völlig.

Gewerkschaftliche Unterstützung
Im Einzelhandel ist der Organisationsgrad extrem gering. Der größte Teil der Jobs findet sich in kleinen und kleinsten Firmen – und selbst große Handelsketten achten peinlich darauf, sich in kleinere Einzelfirmen aufzusplitten, damit sich ein Gesamtbetriebsrat erst gar nicht konstituieren kann. Gewerkschaftliche Arbeit wird bei zahlreichen großen Handelsketten von WalMart bis Bauhaus in der Regel mit sofortiger Kündigung bedacht.

Arbeitszeiten:
Wie alle Dienstleister sind auch die Verkäufer mit ungünstigen Arbeitszeiten gestraft. Mittlerweile ist es üblich, dass die Läden erst um 9.00 oder 9.30 Uhr öffnen – aber in der Regel bis 20.00 Uhr geöffnet bleiben. Während in der Zeit bis 10.30 oder 11.00 Uhr eine Minimalbesetzung ausreicht, ist abends prime-time! Das bedeutet in der Regel Abenddienst bis 20.00 Uhr, bis der letzte Kunde aus dem Laden ist, ist es 20.15 Uhr, bis dann die Kassenabrechnung erfolgt ist, ist es 20.30 Uhr. Und dann ist man in der Regel auch geschafft. Ein abendliches Privatleben, ein Vereinsleben, ein gemütliches Abendessen mit der Familie ist die absolute Ausnahme.
Wenn die anderen Urlaub haben, müssen Verkäufer erst recht ran. Brückentage wie der morgige Freitag bedeutet Knochenarbeit für Verkäufer. Während ein Großteil der Arbeitnehmer nach dem heutigen freien Donnerstag morgen nicht arbeiten müssen, erwartet die Dienstleistungsberufe ein anstrengender Arbeitstag. Mit einem Tag Urlaub vier freie Tage hintereinander – so was gibt es im Einzelhandel nicht.
Auch die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr, der Ostersamstag, der Samstag vor Pfingsten usw. sind im Einzelhandel Großkampftage, an denen fast überall Urlaubssperre herrscht.

Tätigkeiten:
Die Tätigkeit eines Verkäufers besteht in der Regel aus Paletten räumen, Ware packen, Regale auffüllen, z,T. immer noch Preise auszeichnen, Regale säubern und durchräumen, Pappe ziehen und kassieren. Kundenberatung ist heutzutage die Ausnahme. Natürlich ist dies von Branche zu Branche verschieden – während bei Aldi Kundenberatung naturgemäß ein Fremdwort sein dürfte, ist im Baumarkt oder Küchenstudio intensive Beratung angesagt. Da aber in der Regel auch im Baumarkt täglich etliche Paletten Ware angerollt kommen und die Abteilungen aus Kostengründen nur mit einem Mann besetzt sind, ist auch in eigentlich beratungsintensiven Branchen Beratung kaum erhältlich. Da der Baumarktleiter spätestens nach drei Stunden rumquengelt „wieso steht die Palette immer noch im Gang?“ und „ich habe Ihnen doch schon gestern gesagt, dass das Regal mit den Schraubendrehern total verstaubt ist und sauber gemacht werden muß“, hat kein Baumarktverkäufer Zeit, sich mit Kunden abzugeben. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz – trotz der geringen Gehälter sind die Personalkosten der größte Kostenblock – also wird Personal gespart, wo immer es geht! Das geht voll auf Kosten der so oft beschworenen Service-Mentalität! Viele junge Leute kommen in meine Abteilung, begierig darauf, zu lernen, begierig, den Kunden Vor- und Nachteile eines Bohrhammers ausführlich zu erklären und vielleicht sogar vorzuführen – aber wann? Nach Abschluß der Lehre sind auch die engagiertesten Azubis entweder frustrierte Warenwegpacker oder kündigen sofort und gehen nie wieder in den Einzelhandel zurück.

Die Kundschaft:
Die Kundschaft wird - m.E. sogar zu recht – immer anspruchsvoller, aber auch immer egoistischer! Der Verkäufer ist ein Hilfsmittel, möglichst schnell seine Probleme zu lösen. Dabei verschwendet bestimmt die Hälfte der Kunden niemals das Wort „Danke“ – ich bin ja der Kunde, der zahlt, und der Verkäufer ist mein Bimbo! Der Umgangston ist sehr rau geworden:
Kunde: „Wenn das Teil am Freitag nicht da ist, ziehe ich Ihnen die Ohren lang!“
Verkäufer: „Wenn das Teil am Freitag da ist, darf ich Ihnen dann die Ohren lang ziehen?“
Kunde: „Unverschämtheit – was erlauben Sie sich? Ich will sofort Ihren Chef sprechen!“
Übrigens – der Kollege hat dafür eine schriftliche Abmahnung erhalten!
Wer heute im Einzelhandel tätig sein will, muß eine starke Dickfelligkeit gegen persönliche Angriffe und Demütigungen besitzen. Gerade Kunden, die im eigenen Berufsleben das Wort Leistung oder Arbeit nur aus dem Fremdwörterlexikon kennen (und das sind beileibe nicht nur Lehrer....), sind besonders penetrant und aggressiv.

Karrierechancen:
Die Karrierechancen sind im Einzelhandel excellent. Gerade weil intelligente junge Menschen reihenweise aus diesem Berufsfeld flüchten, öffnen sich fähigen und fleissigen Mitarbeitern Tür und Tor. In 10 Jahren vom Lehrling zum Baumarktleiter mit über 30 Mitarbeitern ist keine Seltenheit. Aber genau so schnell geht es wieder abwärts, wenn die Zahlen nicht mehr stimmen, die Personalfluktuation zu groß wird oder meherer Kundenbeschwerden hintereinander eintrudeln. Ratzfatz ist man dann auf der Straße oder wieder zurückgestuft als Abteilungsleiter! Nach oben kommen ist leicht, oben bleiben schon deutlich schwerer und nur unter totaler Aufgabe des Privatlebens möglich.

Fazit:
Verkäufer sind in Deutschland die Bimbos der Nation! Nur wer leidensfähig ist und auch schwere körperliche Arbeit nicht scheut, sollte im Einzelhandel anfangen. Natürlich sind der Lebensmittelhandel und die Baumärkte auch in der Einzelhandelshierarchie ganz unten angesiedelt – aber es kann nicht jeder Verkäufer Goldschmuck, Lamborghinis oder Edelparfüms verkaufen. 95% der Arbeitsplätze im Einzelhandel sind Knochenjobs mit Magengeschwürgarantie! Ich kann junge Leute nur davor warnen, sich dies anzutun!
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
bolmsoe

bolmsoe

12.01.2004 17:59

Sicherlich kann ich Dich größten Teils verstehen. Das Problem liegt auch an den Konzernen an sich: Die Öffnungszeiten zu verlängern aber nicht mehr Personal einzustellen ist natürlich absolute Ausbeute. Ich habe auch eine Bekannte, die hunderte von Überstunden hat aufgrund dessen. Auf der anderen Seite: Wenn sich jemand findet, dem sein jeweiliger Beruf zu 100 % Spaß macht, möge sich bitte hier melden. Ich denke jeder Beruf hat seine Negativseiten.

H1Chris

H1Chris

24.12.2003 14:39

Leider finde ich hier in diesem Bericht nichts wirklch interessantes über den Beruf (Zwischenprüfung, VL, Urlaubstage, Wochenarbeitszeit...), sondern nur Selbstmitleid. Da ich auch in der Dienstleistungsbranche tätig bin, kann ich da mitreden. Die Einstellung ist beim Verkäufer sehr wichtig. Ein lächeln wirkt wunder... Auch gegenüber Kunden....

Liamara

Liamara

07.10.2002 02:08

Buuah, du machst einem ja richtig Angst... allerdings hast du bestimmt auch Recht. Als ehemalige Angestellte im öffentlichen Dienst kann ich gewisse Aspekte der Dienstleistungsberufe bestätigen... ich bin auch froh, dass ich das nicht mehr mache :)

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