Ein toller Job - wenn man nichts falsches erwartet
23.05.2001
Pro:
vielseitiger Beruf, exzellente Aussichten auf dem Arbeitsmarkt
Kontra:
mir persönlich teilweise zuviel administrative Arbeit
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Einstellungschancen:
Aufstiegschancen
Verdienstmöglichkeiten:
Sozialleistungen:
 HCaulfield
Über sich:
Mitglied seit:23.05.2001
Erfahrungsberichte:14
Vertrauende:2
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 16 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich bin seit knapp zwei Jahren Azubi zum Verlagskaufmann und stecke mitten in den Abschlussprüfungen. Dass ich nach zwei Jahren Prüfung mache, ist (jedenfalls in NRW) eher ungewöhnlich: Die Ausbildung ist auf drei Jahre angelegt, Abiturienten machen i.d.R. nach 2 1/2 Jahren Prüfung. Von Hamburg weiss ich, dass dort zwei Jahre eher die Regel sind. Zum Schulabschluss: Ich will hier niemanden entmutigen, aber ohne Abi oder wenigstens HöHa-Abschluss habt ihr praktisch keine Chance. Denn erstens gibt es nur ca. 800-900 Ausbildungsplätze bundesweit, so dass sich die Verlage die Azubis aussuchen können (und das mit großer Auswahl!) und zweitens ist die Ausbildung doch recht anspruchsvoll. In meiner Klasse in der Berufsschule haben alle Abi und einer HöHa. In der Parallelklasse haben alle Abitur. Am Anfang hatten wir noch einen Realschüler dabei, er hat nach sechs Monaten aufgegeben. Aber natürlich ist das auch eine Frage der Motivation...
Wichtig ist, dass ihr euch keine falschen Vorstellungen von dem Job macht. Es gibt oft Bewerber, die einfach einen Job "in den Medien" haben wollen oder gar an redaktionelle Arbeit denken. Bei Buchverlagen bewerben sich häufig Leute mit ausgeprägtem Interesse an Literatur. Das kann zwar sicher nicht schaden, aber für Verlagskaufleute muss die Redaktion das liefern, was die Leserzahlen hoch hält und Bücher müssen nicht schön geschrieben sein, sie müssen sich vermarkten und verkaufen lassen. Es ist halt ein kaufmännischer Beruf! Ich selber wollte genau das, kannte mich auch schon etwas durch Praktika und Nebenjobs aus (sehr empfehlenswert vorab!) und hatte eigentlich nur den recht hohen Anteil administrativer Arbeit im Alltagsgeschäft unterschätzt. Liegt mir auch nicht so, bin halt eher der Verkäufertyp.
Im Verlagsbereich wird in erster Instanz zwischen ZZ- (Zeitungen und Zeitschriften) und Buchverlagen unterschieden. Eigentlich zwei komplett unterschiedliche Baustellen. Ich kann hier nur für den ZZ-Bereich sprechen, den Buchverlag kenne ich nur aus der Theorie in der Berufsschule. Im ZZ-Verlag durchlauft ihr wenigstens die Abteilungen Vertrieb, Anzeigen, Buchhaltung, etwas Redaktion, etwas Produktion. Je nach Verlag werden diese Themen anders gewichtet, teilweise kommen noch weitere Abteilungen wie z.B. Geschäftsstelle (bei Tageszeitungen), Internet oder Druckerei dazu. Was die Berufsschule angeht: 2x pro Woche, neben Fächern wie Deutsch, Englisch (Wirtschaftsenglisch für den Medien-/Verlagsbereich) oder Politik werden vor allem die drei prüfungsrelevanten Fächer unterrichtet: Rechnungswesen (kfm. Organisation und Kontrolle, u.a. Buchhaltung, kfm. Rechnen, Unternehmensorganisation, Kosten- u. Leistungsrechnung bzw. Controling etc), Allgemeine Wirtschaftslehre (zusammen mit Rewe werden in diesen beiden Fächern weite Felder des BWL-Studiums bereits vermittelt) und Berufsfachkunde/Verlagswirtschaft (hier lernt ihr je nach Lehrer unglaublich viel und bekommt echt das Handwerkszeug zum Verlagsprofi mit!).
Nach einem Jahr ist Zwischenprüfung (bundeseinheitliche Fragen, multiple-choice), die Abschlussprüfung findet wie gesagt frühestens nach 2, spätestens nach 3 Jahren an. Hier sind Fragen dann ausführlich und mit eigenen Worten zu beantworten. Bewerben solltet ihr euch möglichst früh. Die grossen Verlagshäuser (in Deutschland sitzen Europas größte) wie z.B. G+J, Springer, Bauer, Burda, Handelsblattgruppe etc. haben i.d.R. bereits zum 01.08. des Vorjahres Bewerbungsschluss. Aber auch bei den kleineren Häusern fällt die Entscheidung meist im Herbst, spätestesn im Winter. An dieser Stelle ein Tipp bzw. auch eine Bitte: Verzichtet auf unglaublich kreative Bewerbungen! Darauf steht so ziemlich kein Verlag, klassisch, aber mit Pepp im Text kommt besser.
Einige große Verlage bieten zusätzlich auch ein kombiniertes Studium an: Ihr geht dann nicht zur Schule, im Betrieb werdet ihr aber genauso ausgebildet. Ca. 5 Monate im Jahr besucht ihr dann eine Berufsakademie, wo ihr BWL studiert (meines Wissens nach gibt es da nur die Nordakademie, wo die Hamburger ihre Leute hinschicken und die BA Ravensburg, wo Handelsblatt und die Verlage aus dem Süden dabei sind). Diese Ausbildung ist wirklich der absolute Karrierebeschleuniger (sehr schneller Aufstieg, alle lecken sich die Finger nach Euch), ihr habt nach drei (Ravensburg) bzw. vier (Nordakademie) einen akademischen Abschluss (Dipl.-Kfm. FH oder BA). Aber bedenkt: Diese Zeit ist superhart, schon alleine weil ein normales Vollzeitstudium mindestens vier Jahre dauert, ihr da aber quasi alles in 20 Monaten eingetrichtert bekommt. Und natürlich ist ein solcher Platz auch sehr sehr schwer zu bekommen. Überlegt euch gut, ob ihr drei bis vier Jahre echt auf so ziemlich jegliche Freizeit verzichten und einfach nur hart arbeiten wollt und könnt! Die Berufsaussichten für Verlagskaufleute sind exzellent: Es gibt wesentlich mehr Jobs als ausgebildete Verlagskaufleute. Teilweise werben die Verlage sich die Leute schon kurz vor der Prüfung ab: Ich hatte bereits 4 Monate vor der Prüfung drei Angebote, ohne mich richtig beworben zu haben.
In kaum einer anderen Branche kann man es mit einer "Lehre" wohl so weit bringen, was aber sicher auch daran liegt, dass Verlagskaufmann neben Werbe- und Bankkaufmann zu den anspruchsvollsten Ausbildungen gehört und eigentlich nur hier dieses Fachwissen erworben werden kann. In kleineren Häusern ist mit diesem Berufsabschluss eigentlich alles möglich (auf lange Sicht bis in die Geschäftsleitung), in den großen Häusern reicht es bis zum Anzeigen-, in Ausnahmefällen vielleicht auch bis zum Verlagsleiter. Dabei müssen sich Aussenstehende klar machen, dass z.B. Anzeigenleiter bei einer großen Tageszeitung oder Illustrierten echt schon ein Top-Job ist und mit so 180.000 DM p.a. aufwärts (nach oben offen, möchte nicht wissen, was die Gesamtanzeigenleiter der FAZ oder des Stern bekommen) honoriert wird. Dieser Aufstieg kann recht fix gehen, manche schaffen den Anzeigenleiter für ein grosses Objekt bereits bis ende 20. Wer schon früher das dicke Geld verdienen will, wird Anzeigenverkäufer, die gehören immer zu den bestbezahlten Mitarbeitern. ;-) Sehr umfabgreiche Informationen zum Ausbildungsberuf Verlagskaufmann haben einige Azubis unter www.verlagskaufmann.de ins Netz gestellt. Informationen gibt es auch beim BDZV - Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger e.V. oder dem VDZ - Verband Deutscher Zeitschriftenverleger e.V. (die Begriffe schon einmal für die Prüfungen lernen :-)).
Einen sehr guten Überblick über die gesamte Berufsausbildung bietet das Standardwerk für Verlagskaufleute "Der Verlagskaufmann" (superfetter Wälzer! Societäts Verlag /FFM, ich glaube DM 68,-). Um schon einmal etwas in die Branche hereinzuschnuppern, sollte man "werben und verkaufen" (online unter wuv.de) oder "media und marketing" lesen. Gibt´s im Babu (Fachbegriff für Bahnhofsbuchhandel). Ich hoffe, ich habe Interessierten ein wenig weiterhelfen können. Wer noch Fragen hat, kann sie ja als Reaktion posten. Hinterlaßt Eure Mail-Adresse, ich antworte gern. Jetzt ist aber Schluss, ist alles eh viel zu lang geworden...
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20.05.2006 14:31
Super Bericht, viele interessante Infos. Weiter so. Zum BH fehlt mir persönlich ein wenig mehr Details aus deinem Berufsalltag: Was machst du eigentlich so den ganzen Tag? Ich werde Verlagsbuchhändlerin und da sehen die Chancen schon anders aus. Mich würde wirklich interessieren, wie dein Alltag aussieht, dann gibt es von mir ein BH. Vielleicht änderst du das noch? Gruß exlibris
05.08.2005 00:25
Keine Ahnung ob du noch aktiv bist. Ein Widerspruch in deinem Bericht: Du schreibst, dass man sehr gute Einstellungschancen hat (du hast vor Ende der Ausbildung schon vier Angebote bekommen), aber angekreuzt hast du, dass di Einstellungschancen sehr schlecht sind. Erst fand ich es cool, dass man so schnell Angebote kriegen kann, aber dein Bericht ist ja von 2001. Mitlerweile sieht es wohl anders aus, schade :-( Aber ich mache die Ausbildung trotzdem :P LG Katha
20.05.2003 23:18
sehr hilfreicher bericht. wusste gar nicht, dass man bei ciao auch über berufe schreiben kann. da kommt mir das doch gerade recht.