Es gibt Dinge, die muss man lieben lernen.
Meine Vespa PX 125 E Lusso war definitiv eins dieser Dinge.
Nachdem ich im Dezember 1995 meinen 80er-Schein gemacht und eine Yamaha DT 80 Crossmaschine gekauft hatte, kam ich Mitte 1996 in den zweifelhaften Genuß eines Getriebeschadens.
Damit war meine 80er aus dem Verkehr gezogen, eine Reparatur hätte sich nicht mehr gelohnt.
So landete das Gefährt für 150,- DM beim Händler.
Nach einer langen Diskussion beschlossen meine Eltern, mich mit einem neuen Fahrzeug zu versorgen.
Inzwischen war die 125er-Regelung durch, der 1b-Führerschein galt also auch für 125er.
Objekt der Wahl war diesmal ein Roller und so entschied ich mich schnell für eine Vespa PX 125 E lusso, gedrosselt auf 80km/h, ich war ja noch nicht 18.
Der Preis lag damals bei rund 4300,- DM, wir bezahlten aber nur knapp 4000,-.
Die erste Fahrt mit der Vespa vom Händler nach Hause verlief weitestgehend problemlos. Die Handschaltung war zwar hakelig, die Reifen schlüpfrig und das Heck rechtslastig, aber was störte es mich? Ich war in den Rang der coolen Blechpiloten aufgestiegen.
Born to be Wild, die Schiene. Und Strassenbahnschienen waren auch ein herbes Problem, die winzigen Reifen liefen nämlich jeder Spurrille hinterher.
Aber das war alles eine Sache der Gewöhnung.
Keine Woche später folgte der erste Sturz. Es regnete und ich übersah beim abbiegen eine Ölpfütze, plötzlich stand ich auf der Strasse und mein Roller lag.
Der Schaden hielt sich in Grenzen, Lackstift frei und ab dafür, die paar winzigen Kratzer am Trittbrett waren nicht der Rede wert.
Es folgten mehrere überaus knappe Situationen und irgendwann wurde mir bewusst, dass die anfäligkeit für Strassenprobleme etwas mit der Reifenausstattung zu tun haben könnte. Die holzigen Rubber Vees aus der Serienausstattung fuhren sich trocken wie Schubkarrenräder, nass wie Schwämme.
Heidenaus mussten her.
Zur Stabilisierung schraubte ich eine neue Felge mit einem alten Reifen unter die linke Seitenhaube. Jetzt war das Viech auch nicht mehr so kippelig.
Fortan war die neu besohlte und jetzt überaus stabil fahrende Vespa mein treuer Begleiter nahezu überallhin.
Touren in die Eifel, Touren nach Köln, die täglich Fahrt zur Schule und zur Freundin, alles bestens.
Der satte Sound des zweitaktenden Drehschieber-Motors ließ mein Herz höher schlagen wenn wir gemeinsam in den Sonnenuntergang ritten.
Oft genug auch in den Sonnenaufgang, soviel Party musste sein.
Der Verbrauch war moderat, knapp 4 Liter auf 100 Kilometern. Eine Tankfüllung brachte mich rund 200 km weit, dann mussten sechs bis acht Liter Normalbenzin nachgeschüttet werden. Dummerweise gab es keine Reserveleuchte, irgendwann blieb der Motor einfach stehen.
Aber wer seine Vespa liebt, der schiebt.
Ökosteuer? Was ist das? Manchmal kostete der Liter nur 1,50 DM... damals.
Dazu kam etwa alle 1000 bis 1500 km ein Liter Zweitaktöl. Ich wählte halbsynthetisches, es bot das beste Preis-Leistungsverhältnis und sorgte dafür, dass es aus dem Auspuff wunderschön nach Entwicklungsland roch. Den Ölstand konnte man an einem kleinen Guckfenster unterhalb des Chokes begutachten.
Benzinhahn auf, ein Zug am Choke, einmal gekickt oder auf den E-Starter gedrückt, und die Fuhre lief. Mit einem satten *KLACK* sprang der erste Gang rein und der sonore Sound des hochdrehenden Takters klang wie Musik in meinen Ohren.
Vorwärts, auf zu neuen Taten.
Kein Wetter hielt uns davon ab, gemeinsam auf Tour zu gehen.
Zu gerne erinnere ich mich an den Neujahrsmorgen 1997, als ich bei Minusgraden 10 km von einer Party nach Hause fuhr.
Hinterher waren wir beide erfroren. Trotzdem sprang sie an diesem sonnendurchfluteten Wintermorgen an als wäre nichts, das Thermometer zeigte -17°C.
Weder Eis noch Schnee konnte uns etwas anhaben, eine treuer Freundin in alle Ewigkeit.
Ich liebte meine Vespa und meine Vespa liebte mich, auch wenn sie hin und wieder zickig war.
Oft fiel einer der Blinker auf den Seitenbacken aus, weil der Kontakt nicht richtig schloss.
Überhaupt war die Elektrik immer sehr anfällig, Scheinwerfer, Hupe, Blinker, alles fiel sporadisch aus.
Die einzige Sicherung im Schaltkreis war ungünstig im Spritzwasserbereich platziert und kurzerhand völlig durchgegammelt, mit dem Erfolg, das kein elektrisches Bauteil funktionierte. Dennoch lief sie brav zur Werkstatt, wo der Händler ihr kurzerhand einen neuen Sicherungskasten außerhalb des bösen Wassers verpasste.
Feldwege, die wir nehmen mussten, um zu diversen Grillpartys am Rhein zu kommen, nahm sie damenhaft, indem sie die Widrigkeiten schlichtweg ignorierte. Sie legte dabei oftmals versteckte Enduroqualitäten an den Tag.
Eine italienische Schönheit vom Lande, hübsch anzuschauen, aber hart im nehmen.
Hin und wieder riss sie sich die Füsse an einem Nagel auf. Dann musste ein neuer Reifen her, aber das war alles nicht der Rede wert. Dank teilbarer Felgen konnte ich Ihr persönlich die Pediküre verpassen, die sie benötigte.
Ab und an stürzten wir. Einmal bekam ich eine Kurve nicht und schmierte ab, die Vespa fiel schwer, ich noch schwerer.
Doch der Schaden hielt sich in Grenzen, mein lädiertes Knie und ihr verkratzter Lack waren die Strafe für jugendlichen Ungestüm.
Ein anderes Mal bremste ich zu spät und fuhr auf ein Auto auf. Ihr verbeulter Kotflügel und das eingedrückte Beinschild schauten mich traurig an, waren aber kein Problem für den plastischen Chirurgen in der Karosseriewerkstatt.
Drei Jahre lang gingen wir gemeinsam durch dick und dünn. Zwischenzeitlich ging ich ihr mit einem VW Käfer fremd, aber ansonsten hielt ich ihr die Treue.
Wir waren Freunde geworden. In der ganzen Zeit ließ sie mich niemals im Stich, bis auf dieses eine Mal, als mitten in der Nacht auf der Autobahn der Motor versagte. Die Kerze hatte sich losvibriert. Dumm daran war, dass mit dem Motor jede Form der Beleuchtung ausfiel und wir quasi tot auf den Standstreifen rollten.
Dennoch: Diese Panne blieb die einzige. Zusammen rödelten wir gut 21.000 km ab. Dank des großen Gepäckfachs und dem Klappgepäckträger waren selbst Touren ins nahe Belgien und Holland nicht weiter problematisch.
Proviant konnte man immer mitführen und der Wetterschutz war einwandfrei, nass wurde man nur oberhalb der Gürtellinie.
Zu vielen meiner romantischsten Momente gehörte die Vespa. Was wäre eine laue Sommernacht ohne das Fahrzeug gewesen, um die Herzensdame in ein weitläufiges Kornfeld entführen zu können?
Die Vibrationen des Zweitakters sorgten für die nötige Anregung.
Noch heute assoziiere ich Zweitakterschwaden mit glücklichen Jugendtagen, Tagen, an denen die kommenden Sorgen fern wie der Weltuntergang lagen.
Die letzten Monate verbrachten wir glücklich zusammen, wir machten mit einigen anderen Rollern und ihren Piloten die Stadt unter dem Label "Scooting Pirates" mit Strassenrennen unsicher, oft riskant, immer an der Grenze zum Selbstmord. Aber passiert ist niemals etwas.
Manchmal fuhren wir bei einem Sommerregen los und durchsurften die Pfützen in den tiefen Spurrillen, dass das Wasser nur so spritzte.
Nasser Asphalt im Sonnenuntergang.
Das Ende kam schnell und unerwartet.
Ich war inzwischen in meinem zweiten Lebensjahrzehnt angelangt und die Vespa brauchte ihren zweiten Vorderreifen.
Zärtlich zog ich ihn auf und startete durch. Ein nasses Blatt, eine blockierte Vorderradbremse und 15 Meter Bremsspur später lag ich im feuchten Blattwerk einer Randbepflanzung. Mir war nichts passiert, ich war sauber abgeflogen, aber mein Roller war nicht mehr. Ein Holzpfahl hatte ihn zerlegt.
Ein letzter Gedanke an kippelige Rollerzeiten und an die abrupt beendete Jugend blieb mir noch.
Der letzte Blick, bevor sich das Garagentor schloss zeigte meine gefallene Freundin in entwürdigender Pose. 300 Mark hatte ich noch für ihre sterblichen Überreste bekommen.
Eigentlich hatte ich gerade Geld gespart, um sie aufzumotzen - es wanderte in einen neuen Skipper LX 125.
*** Epilog ***
Seit einigen Jahren bereits geht das Gerücht, dass Piaggio die Produktion der Vespa PX einstellen möchte.
Die 1996 vorgestellte ET4 mit Viertakter und zentralem Motor war keine Gefahr für das alte Eisen. Aber seit April 2003 ist die neue Vespa GT auf dem Markt.
Genauso wie die ET4 ist sie ein viertaktendes, sauberes Technikungetüm. Obwohl sie wie eine Vespa aussieht, ist jeder Charme der klassischen Zweitakter verflogen: Die Wartungsfreundlichkeit, der Flair der guten, alten Zeit. Der Hauch von Freiheit und Ungezähmtheit.
Das bedeutet wohl endgültig das aus für die PX, den einzigen Roller mit Stil.
Die Vespa wird sich weiterentwickeln. Aber sie wird nie wieder wie die alte sein.
23.04.2007 15:08
Der Bericht ist toll. Da steckt viel Liebe drin. Kann ich verstehen.
17.08.2004 14:17
Wirklich sehr rührend, tut mir echt leid um Dein Schmuckstück. Fahre selbst eine Custom Vespa PX alt und ich weiss wie viel Herzblut darin stecken kann Gruß Flo @ MSBBonn Kann ich nur bestätigen, ichselbst fahre eine Uralt PX 125 (24 Jahre alt) und die läuft und läuft ...... und hat nicht den geringsten Flecken Rost (Sommer wie Winter draussen)
12.08.2003 23:54
Genau so eine meine ich... aber die alten waren doch noch besser... unkaputtbar...