Volvo 850

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Volvo 850

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Schwedische Familienkutsche mit Stil

5  13.09.2009 (19.05.2011)

Pro:
Platzangebot, Geräuschniveau, Verarbeitung, Fahrwerk, Verbrauch ( ! ), Motorklang, Stil

Kontra:
Ersatzteil -  und Reparaturpreise bei Vertragswerkstätten

Empfehlenswert: Ja 

gaston73

Über sich:

Mitglied seit:09.08.2004

Erfahrungsberichte:10

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 31 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Zunächst einmal einleitend eine Begründung zum Bericht über ein so "altes" Auto: es gibt Menschen (wie mich z.B.), die aus Überzeugung alte Autos fahren, weil man einfach nicht billiger von A nach B kommt. Haftpflichtversicherung reicht, Wertverlust egal, Selbstschrauben möglich, Parkrempler undramatisch, etc., etc. Zudem zeigt sich normalerweise erst nach vielen Jahren Dauereinsatz, wie gut ein Auto wirklich ist.

Aber zurück zur eigentlichen Absicht dieses Texts: Der Volvo 850 - in der Kombiversion auch 855 genannt (8er Serie - 5 Zylinder - 5 Türen), als Limousine 854 (dito, aber 4 Türen) ist einer der Vertreter der prä-Ford-Ära. Er vereint die klassischen Volvo-Tugenden wie Kantigkeit, großvolumige Motoren und enorme Langlebigkeit. Er wurde bereits 1991 vorgestellt und stand als erster großer Volvo mit Frontantrieb und Quermotoren für eine kleine Revolution. Man hatte zwar schon bei den kompakten 440/460/480 Erfahrung mit dem Antriebskonzept, die Großen hatten aber traditionell Heckantrieb, gern auch mal mit archaischer Starrachse.
Wie auch immer, der 850 wich erstmals von dieser Linie ab. Ebenso gab er sich keine Mühe, dem Trend zur zunehmenden Stromlinienförmigkeit nachzugeben. Ecken und Kanten überall und ein fast senkrecht stehender Kühlergrill konnten aber den recht ordentlichen Luftwiderstandsbeiwert von 0.36 nicht verhindern. Hut ab an die Ingenieure für die Verbindung von Stil und Effizienz.
Der 850 wurde so erfolgreich, daß man sich in Schweden entschloß, 1997 das Nachfolgemodell V70 I lediglich als mildes Facelift des 850 auf den Markt zu lassen. Das Konzept ging auf. Trotz des mittlerweile recht fortgeschrittenen Alters sind die 850/V70 I auf dem Gebrauchtwagenmarkt noch begehrt, was sich auch in den Preisen niederschlägt. 3000 Euro für einen guten 855 von 1995 sind nicht selten (die eher raren 854 sind etwas billiger), von den Topmodellen T-5, T-5R und 850R ganz zu schweigen. Da bewegt man sich hin und wieder sogar auf fünfstellige Beträge zu. Solche Phänomene kennt man sonst nur noch vom W 124 von Mercedes-Benz, der im Übrigen einen der vorgesehenen Konkurrenten darstellt, zusammen mit dem Audi A6 und anderen dieser Kategorie.

AUSSEN UND INNEN:

Mein 855 ist von August 1995, somit schon die Version mit den flacheren Scheinwerfern und Fünfloch-Felgen. Der große Volvo ist ein Charakterkopf: Überall Ecken, Kanten und Winkel, dazu große Glasflächen. Die Motorhaube ist lang und breit, die Heckklappe fällt fast senkrecht auf den Stoßfänger ab, die Seiten verjüngen sich nach oben nur mäßig. Was den Schwedenkombis den Spitznamen "fliegender Ziegelstein" eingebracht hat, ist hier ein Garant für ausgezeichnete Übersichtlichkeit und optimale Raumausnutzung. Zudem wirkt durch die großzügige Verglasung alles schön hell und luftig.
Natürlich ist Optik eine Frage des Geschmacks, aber meines Erachtens ist der 850 eines der stilvollsten Autos, das je Asphalt unter die (Alu-)Räder bekommen hat. Er ist auch eines der Autos, die in Würde altern. Ein großer, alter Volvo ist NIE peinlich, er reift einfach zu einem Gefährt für Individualisten heran. Eine Tugend, die auch der W124 hat. Vectras oder Mondeos sehen irgendwann nach Ballonseide-Trainingsanzug, Schnauzbart und tätowierten Unterarmen aus, aber das hier ist eine ganz andere Liga.
Der Innenraum ist eher nüchtern gehalten. Der Trend zur Eckigkeit wird auch hier beibehalten, das Armaturenbrett ist aber angenehm abgerundet. Der Sitzkomfort ist exzellent, sowohl vorne wie auch hinten, und das Platzangebot über jeden Zweifel erhaben. Die Rückbank bietet fast die legendäre Kniefreiheit eines Passat 35i (ich hatte 2 davon) und der Kofferraum ist zwar relativ flach, hat aber dafür eine große Grundfläche. Nach dem Umlegen der Rückbank entsteht ein gewaltiger Stauraum mit topfebenem Boden. Die dicken, schweren Türen fallen mit sattem Ton in die Schlösser und die Griffe fühlen sich auch nach 14 Jahren noch an wie am ersten Tag.
Die Ausstattung ist bei meinem Exemplar nicht üppig, aber für komfortables Reisen absolut hinreichend. 4 Airbags, ZV mit Fernbedienung, E-Fenster vorne, el. Spiegelverstellung und el. Glasschiebedach, sowie Scheinwerferreinigungsanlage, Blaukeilscheibe, Aluräder, Hängerkupplung und Teilleder. Eine Klimaanlage ist nicht mit an Bord. Beeindruckend: alles in diesem Auto funktioniert tadellos. Das hat man nicht oft in dieser Altersklasse. Alles ist massiv und fast schon etwas überdimensioniert, nichts klappert oder knirscht.
Das höhenverstellbare Lederlenkrad liegt gut in der Hand und die schönen (bei meinem Wagen bereits überarbeiteten) Rundinstrumente sind sehr gut ablesbar und recht genau (Tacho 110 entspricht gemessenen 106,2). Alles in allem gibt die Bedienbarkeit keine Rätsel auf, an die Fensterheber und die Spiegelverstellung in der Mittelkonsole muß man sich aber kurz gewöhnen.

ANTRIEB UND FAHRWERK:

Der Motor gehört zu einer der Schokoladenseiten des 850. In meinem Falle handelt es sich um einen Fünfzylinder-Zweiventiler mit exakt 2435 cm³ Hubraum und 106 kW (144 PS), genannt 2.5 10V. Das quer verbaute Triebwerk ist flüsterleise, vibrationsarm, hat einen betörenden Klang und ist trotz der niedrigen spezifischen Leistung sehr drehfreudig. Wer angesichts der Nominaldaten allerdings sportliche Ambitionen vermutet, liegt ziemlich falsch. Das Gesamtkonzept des 850 schreit förmlich: "ich bin ein gelassener Langstreckenkreuzer!" Die ellenlange Getriebeübersetzung (ca 150km/h bei 3500/min) sorgt für ein mildes Temperament, senkt aber gleichzeitig den Innengeräuschpegel extrem ab und reduziert den Treibstoffkonsum erfreulich effektiv. Auf der Autobahn bei 130 Reisetempo laufen nur noch gut 8 Liter durch die Einspritzdüsen, unter 8 gehen aber auch problemlos. Aber selbst bei etwas flotterer Gangart (150-160 km/h) bleibt man knapp unter 9 Liter. Lediglich reiner Stadtverkehr und Heizerei lassen die Werte zweistellig werden. Ich liege im Schnitt über die ganze Tankfüllung um die 9 Liter, mal etwas mehr, mal etwas weniger.
Heizerei ist übrigens ein gutes Stichwort. Denn das ist genau das, was man mit diesem Auto kaum macht, auch wenn beherztes Zurückschalten mit anschließendem Vollgas beim Überholen dennoch für beachtliches Temperament sorgen. Der Charakter erzieht zu ruhiger und gelassener Fahrweise, was die Fahrt selbst zu einer unglaublich entspannenden Angelegenheit werden läßt. Mein 855 ist mit 205 km/h angegeben, die habe ich allerdings noch nie erreicht. Man hat einfach nicht mehr das Bedürfnis nach Geschwindigkeitsrekorden. Allen pathologischen TDI-Heizern seien dringend ein paar Tage Cruisen im 850 empfohlen, das beruhigt ungemein.
Noch ein Wort zum Getriebe. Lange Wege, aber exakt, schnelle Synchronisation und gute Rückmeldung vom Schaltknüppel. Der Rückwärtsgang ist nicht nur ebenfalls synchronisiert sondern auch noch schrägverzahnt. Sprich, kein Kratzen beim Einlegen, selbst, wenn man noch vorwärts rollt und Rückwärtsfahrt ohne Getriebeheulen. Sehr schön, so muß das sein.
Denjenigen, die einen Wohnwagen ziehen wollen, kann man beruhigend zurufen, daß es geht. Die lange Übersetzung ist kein Problem, die knapp zweieinhalb Liter Hubraum kompensieren das souverän, auch wenn bei Tempo 80 gerade mal knapp 2000 Touren anliegen. Bei Dauertempo 90-95 braucht man etwa 11 Liter auf 100 km. Unser Wohnwagen hat ein zGG von 1200kg, ist 2,48m hoch und 2,20m breit, soviel zur Orientierung.

Das Fahrwerk paßt zum Rest der Charakteristik, ist aber direkter und handlicher, als man vielleicht vermuten würde. Die Lenkung ist sehr meldefreudig und genau, darüberhinaus machen weiches Abrollen und schluckfreudige Federung die Reise angenehm. Die Vierscheiben-Bremsanlage ist souverän und hochbelastbar. Mein 855 ist mit 1420 kg leer etwa auf dem Level eines aktuellen Golf Variant, somit keinesfalls ein übermäßiges Schwergewicht. Selbst bei voller Beladung (550 kg) treten keine Ermüdungserscheinungen auf.
Die Auslegung ist sehr neutral und zielgenau, darüberhinaus absolut gutmütig. Extremes Untersteuern ist dem Auto genauso fremd wie zickiges Auskeilen mit dem Heck, auch nicht bei vollem Ausnutzen der Maximalbeladung. Sehr hohe Kurvengeschwindigkeiten sind möglich und auch schnelle Richtungswechsel mit gleichzeitigem Lastwechsel können ihn kaum seiner Gelassenheit berauben. Man muß ihn schon sehr brutal anstellen, um ihn zum Übersteuern zu bewegen, oft geht das nur unter Zuhilfenahme der Handbremse. Sehr schön, völlig Narrensicher.

KOSTEN UND SERVICE:

Einen großen Volvo zu fahren, war noch nie allzu billig, da spielt das Fahrzeugalter kaum eine Rolle. Der Zubehörhandel bietet Teile oft deutlich günstiger an, aber das ist hier relativ zu verstehen. 360 Euro für einen Auspuff-Endtopf aus dem Zubehör sind eine deutliche Sprache. Das ist beim Vertragshändler nochmal deutlich teurer. 450 Euro kostet der Zahnriemenwechsel mit Wasserpumpe schon bei der freien Werkstatt. Ein Auspuffkrümmer ist im freien Handel schon für etwa 200 Euro zu haben, bei Volvo für 400 und so geht das weiter. Das Ganze relativiert sich aber erneut, wenn man bedenkt, daß ich nach 14 Jahren noch den ersten Auspuff habe (o-Ton Volvo-Händler: "die gehen nicht kaputt, die haben wir nicht mal am Lager vorrätig"). Klingt gut.
Die Unterhaltskosten sind dem Auto angemessen: 184 € Steuer (Euro 2) und Haftpflicht-Typklasse 17 (ab 1.10.2009). Regionalklassen variieren selbstredend.
Service habe ich bisher nur für Teile gebraucht, das Auto läuft einfach. Aber die Mannen bei meinem Volvo-Dealer behandeln einen auch mit einem so alten Hobel respektvoll und freundlich. Das habe ich nicht überall so erlebt.

FAZIT:

Ein toller, stilvoller Raumgleiter mit durchdachten Lösungen (Notkindersitz in der hinteren Mittelarmlehne und ausziehbares Gepäcknetz zwischen Rücksitzen und Kofferraum, Fächer unter dem Kofferraumboden) und großzügigem Platzangebot. Die Haltbarkeit ist schon legendär: Meiner ist 14 Jahre alt und hat jetzt 223.000 km auf der Uhr, trotzdem ist nichts ausgelutscht oder heruntergeritten. Die Sitze sind noch straff, alles funktioniert und der große Motor ist sparsamer als gedacht. Der Komfort ist etwas für Genießer.
Sicher, es gibt auch Macken, aber die sind weit entfernt von jeglicher Dramatik. Eine typische Macke des 855 ist der Verlust der Halteclips für die Innenverkleidung der Kofferraumklappe und eine Tendenz zur Rißbildung im Abgaskrümmer. Das kann man für kleines Geld schweißen, aber haltbarer ist ein Neuteil. Das mußte ich gerade selbst erfahren.
Alles in allem ein sehr empfehlenswerter Kauf, trotz des fortgeschrittenen Alters. Die teilweise astronomischen Laufleistungen auch bei Benzinern müssen nicht zwangsläufig ein Problem sein, denn abgesehen von vereinzelt erhöhtem Ölverbrauch gilt der Fünfzylinder mitsamt Schaltbox als quasi unzerstörbar. Die Turbos sind teurer und oft verheizt, die 2 Liter-Sauger lahm und durstig, Die Audi-TDIs schaffen nur max. Euro 2, was nur für die rote Plakette reicht. Die Softturbo-Variante mit Allradantrieb ist selten und wird ebenfalls hoch gehandelt.
Bei den Benziner ist noch zu beachten, daß Euro 2 in Verbindung mit Automatikgetriebe oft ein Problem ist, die Steuer läge dann bei etwa 380 Euro.
Kurz und gut, der Volvo 850 bietet individuelles Fahrvergnügen inzwischen (meist) zum Spartarif.

KLEINES UPDATE:

Inzwischen hat mein 855 fast 255.000km auf der Uhr, und ich bin nach wie vor sehr zufrieden. Die Typklasse Haftpflicht ist leider auf 18 gestiegen, aber das war's schon. Bei 238.000 wurden Zahnriemen, Wasserpumpe und Ventilschaftdichtungen gewechselt (incl. Arbeit komplett 593€ bei freier Werkstatt), für nicht ganz 100€ habe ich selbst im Dez. 2010 hinten neue Gasdruckstoßdämpfer eingebaut. Der Auspuff ist immer noch der erste. Allmählich schwächeln die Heckklappendämpfer etwas, aber das macht sich nur bei niedrigen Temperaturen bemerkbar (kosten etwa 50€ pro Paar). Ich würde jederzeit wieder einen Volvo 850 nehmen...

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
svenio

svenio

16.01.2010 02:00

Ein wirklich hilfreicher Bericht; allerdings bin ich als Volvo850er nicht wirklich objektiv; Stärken und Schwächen des Fahrzeugs sind aber gut beschrieben und decken sich mit meinen Erfahrungen. Rheinische Grüße, Sven Geibel

noname_6032

noname_6032

27.10.2009 19:39

Ein richtig guter Bericht. Mit ein paar netten Fotos würde ich sogar ein BH springen lassen.

AMGaida

AMGaida

17.09.2009 15:31

Auch von mir ein bh ... sehr guter Bericht über ein sympathisches Auto mit hohem Nutzwert! Darin eine gute Automatik wäre schön. ;-) Grüße, AMGaida

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