VON WAHLVERSPRECHEN UND WIE SIE VERGESSEN WERDEN
30.08.2002
Pro:
guter Weg der Mitbestimmung
Kontra:
leider einer der wenigen Wege als normales Menschlein
Empfehlenswert:
Ja
 sevenar
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Es dauert nicht mehr lange und dann dürfen zumindest diejenigen unter uns, die schon volljährig sind, wie immer alle vier Jahre ein wenig von ihrer sonst so geringen Macht ausüben und über die Mehrheitsverhältnisse im nächsten Deutschen Bundestag entscheiden. Unzweifelhaft ist dies die wichtigste Wahl eines Parlamentes in Deutschland. Im Bundestag werden alle wichtigen Grundlagen für das Funktionieren dieses Staates beschlossen. Viele dieser Gesetze und Verordnungen haben so weitreichende Folgen, dass sie auch die Länderregierungen und Kommunen betreffen.Man könnte also annehmen, dass es eine Verpflichtung, ja vielleicht sogar Ehre ist mit seinen beiden Stimmen an den Entscheidungsprozessen der nächsten vier Jahre mitzuwirken. Wieso eigentlich zwei Stimmen? Als Wähler hat man eine sogenannte Erst- und eine Zweitstimme. Beide sind grundverschieden und von unterschiedlicher Wichtigkeit. Mit der Erststimme wählt man den Kandidaten einer Partei aus seinem Wahlkreis. Der Kandidat, der die meisten Stimmen hat, bekommt einen Sitz im Bundestag. Die anderen sogenannten Direktkandidaten gehen leer aus und können nur hoffen einen Listenplatz zu haben, der den Einzug über die Zweitstimme ermöglicht. Klar ist somit auch, dass eigentlich nur die großen Parteien SPD, CDU / CSU und in den neuen Bundesländern die PDS aufgrund ihrer hohen Wahlergebnisse überhaupt in die Lage kommen, die Partei zu sein, die die meisten Stimmen bekommt. Um es ganz deutlich zu sagen: Wer mit seiner Erststimme eine kleine Partei wählt, verschenkt seine Stimme und kann sich das Kreuz auch sparen. Die Stimme hat keine Wirkung auf das Ergebnis noch auf die Wahlkampfkostenrückerstattung, die fast jede Partei erhält. Die Stimme hat höchstens einen ideellen Wert, wenn man so von einer Person oder Partei überzeugt ist und sie aus Überzeugung keiner anderen Partei geben möchte. Am Wahlergebnis ändert dies aber - mit einigen wenigen Ausnahmen -nichts. Alle paar Jahre schafft es mal ein grüner oder liberaler Kandidat wie zuletzt in Berlin-Kreuzberg der Abgeordnete Ströbele, aber das sind Ausnahmen. Die Erststimme hat auch keinen direkten Einfluss auf die Sitzverteilung im Bundestag. Sie entscheidet nur WER in den Bundestag einzieht. Meist allerdings nur theoretisch, da die Kandidaten in den einzelnen Wahlkreisen bereits über den Listenplatz auf der Landesliste abgesichert sind, d. h. sie kommen in den Bundestag, egal ob sie den Wahlkreis gewinnen oder nicht.Wichtiger ist schon die Zweitstimme. Sie entscheidet darüber wie hoch die Zahl der Abgeordneten einer Partei im nächsten Bundestag ist. Hier hat man aber als Wähler keinerlei Einflussmöglichkeit mehr wer in den Bundestag kommt. Auf dem Wahlzettel stehen untereinander alle Parteien, die im betreffenden Bundesland antreten. Hier kann man nur noch die Partei ankreuzen, die man für die richtige hält. Automatisch werden dann anhand des Ergebnisses von Platz 1 der Liste an so viele Abgeordnete gewählt, wie nach dem Ergebnis dieser Partei zustehen. Wenn man also möchte, dass eine Partei möglichst viele Abgeordnete hat, um z. B. die Regierung zu stellen oder einer Partei wie z. B. der PDS dazu verhelfen möchte, die 5%-Hürde zu nehmen, für den ist die Zweitstimme die entscheidende Stimme. Eine kleine Ausnahme gibt es aber, wo die Erststimme von entscheidender Wirkung sein kann. Dies tritt ein, wenn SPD oder CDU mehr Wahlkreise gewonnen, d. h. mehr Abgeordnete einen Platz im Bundestag haben, als ihnen nach dem Ergebnis im betreffenden Bundesland zustehen würden. Dies sind die sogenannten Überhangmandate. Diese haben aber nach meiner Kenntnis bisher nur einmal das Ergebnis beeinflusst. Dies war 1994 bei der Wiederwahl von Helmut Kohl, der nur aufgrund der Überhangmandate eine stabile Mehrheit hatte. Dies ist aber doch eher die Ausnahme.Soviel zur Theorie. Doch wie sieht es in der Praxis aus. Derzeit versuchen die Parteien mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln möglichst viele Wähler für sich zu gewinnen. Dafür ist kein Mittel zu schlecht. Ein Grundprinzip dieses Wahlkampfes ist besser zu sein, als der Gegner. Dazu gehört natürlich, dass der Gegner schon aus Prinzip nur schlechte Konzepte haben kann und dessen Lösungen - seien sie auch noch so gut - abgelehnt werden müssen. Prima machen sich in so einer Situation auch immer ein paar Skandale, die man wohl vorbereitet aus seinem Schreibtisch holen kann. Die kommen bei den Wählern weniger gut an und sorgen für Pluspunkte bei den Politikern mit anscheinend weißer Weste. Gut zu erleben ist dies bei den immer wieder vor Wahlen stattfindenden Talk-Shows und Diskussionsrunden, die sowohl im Fernsehen als auch in den Wahlkreisen stattfinden. Statt Lösungswege für Probleme zu suchen, die eigentlich alle angehen, versucht jede Partei nur sich als die Heilsbringerin darzustellen. Dem Gegner ins Wort zu fallen, seine Rede mit abwertenden Kommentaren zu stören und danach völlig entrüstet genau das Gegenteil zu behaupten, gehört dabei zum Spiel. Am Ende ist man zwar auch nicht weiter, aber zumindest fühlt sich jeder auf dem Podium besser. Der Hit sind die sogenannten Wahlprogramme der einzelnen Parteien, in denen diese ihre jeweiligen Ziele für die nächsten vier Jahre veröffentlichen. Grundprinzip dieser ist es möglichst viele Bürger anzusprechen, gleichzeitig aber nicht all zu viel zu versprechen, woran sich nach der Wahl vielleicht irgendjemand noch erinnern könnte. Nicht einfach, aber es funktioniert. Der Wähler an sich ist ein recht vergessliches Menschlein, der noch dazu recht leichtgläubig ist. Man könnte aber auch sagen, dass er selbst in einem Politiker immer noch etwas positives sucht und anscheinend auch findet. Anders ist es nicht zu erklären, warum so viele Bundesbürger wider besseren Wissens immer wieder Wahlversprechen glauben. Wenn man mal so ein paar Bundestagswahlkämpfe erlebt hat verfällt man auch als politischer Mensch, der ich einer zu sein glaube, schnell in Resignation. Man kennt die Abläufe, die Argumente und Gegenargumente. Weiß wann wer wie reagiert und wundert sich auch über die kuriosesten Versprechen schon gar nicht mehr. Trotzdem hofft man immer noch ein wenig. Zumindest ich hoffe, dass es doch noch eine Bundesregierung geben mag, die Probleme löst, als sie zu schaffen. Die die Arbeitslosigkeit senkt, anstatt sie schön zu reden. Das es Politiker gibt, die sich mal auf das Besinnen, was sie sind, nämlich Vertreter des Volkes und diesem verpflichtet, nicht den Lobbyisten der großen Konzerne und Interessensvereinigungen.Ich weiß, dass ist recht naiv. Aber wie oben schon erwähnt, so ein Menschlein der Gruppe der Wähler hat diese Grundeigenschaft nun mal, auch wenn diese Gruppe von Wahl zu Wahl kleiner wird. Dabei gibt es doch Möglichkeiten, wie man die Wahlverdrossenheit bekämpfen, wie man mehr Menschen davon überzeugen kann, dass auch ihre kleine Stimme ein Gewicht hat. Zugegeben, diese Möglichkeiten liegen nicht unbedingt im Interessensbereich eines Politikers. Wörter wie direkte Demokratie und Mitbestimmung hören sich zwar gut an, sind aber - wie uns insbesondere konservative Politiker immer wieder versichern - nichts für die Praxis. Warum sollte man auch Volksabstimmungen durchführen?Man mag es nicht glauben, aber gerade in Bayern gibt es eine Möglichkeit dieser direkten Mitbestimmung des Volkes auf kommunaler Ebene. Vor etwa 10 Jahren wurde es erkämpft und gegen den Widerstand der CSU auch durch alle Gerichte gebracht: das Volksbegehren. In diesem ist es möglich an den Beschlüssen in den Kommunen mitzuwirken. Wer dies nun als basisdemokratischen Schwachsinn ansieht, der von Minderheiten benutzt wird um deren völlig weltfremden Konzepte umzusetzen, der irrt. Die Praxis nach einigen Jahren beweist, dass diese Volksbegehren eine gewisse Anstrengung bei der Umsetzung braucht und nur Erfolg haben, wenn eine Mehrheit dahinter steht. Paradoxerweise ist übrigens die CSU oft eine treibende Kraft beim beantragen solcher Volksbegehren. Das könnte natürlich ein eindeutiges Zeichen sein, dass auch Politiker lernfähig sind und sich von guten Ideen überzeugen lassen. Na ja, ein abwegiger Gedanke, ich weiß. Eine weitere Möglichkeit wäre im Wahlsystem an sich mehr Einflussmöglichkeiten für den Wähler zu schaffen. Auch hier - ich getraue es mir ja kaum zu sagen - hat Bayern zumindest bei Kommunalwahlen eine Vorreiterrolle. Bei einer Kommunalwahl in Bayern hat man nicht nur eine Stimme, sondern so viele wie es Sitze im jeweiligen Parlament gibt. Diese Stimmen können dann auf Kandidaten aller Listen verteilt werden, d. h. man kann Stimmen an mehrere Parteien vergeben. Ebenso ist es möglich einzelnen Menschen auf den Parteilisten mehrere Stimmen zu geben und diesen damit zu helfen einen besseren Platz auf der Liste zu bekommen. So ist es schon öfters vorgekommen, dass anerkannte Kommunalpolitiker von aussichtslosen Plätzen in das jeweilige Kommunalparlament gewählt wurden, andere nicht, obwohl sie recht weit vorne auf der Liste standen.Sicher würde dies das Wahlverfahren sehr erschweren, aber dafür hat man als Wähler mehr Einflussmöglichkeiten, von wem man vertreten wird. Es kann ja durch aus möglich sein, dass man zwar gerne SPD wählt, aber auch einen Fischer oder Gysi unterstützen möchte. Dies ist mit diesem Wahlsystem möglich. Aber sicher werden unsere Volksvertreter wieder genug Argumente haben all diese Ideen abzulehnen. Schließlich sind wir ja nur Wähler und nicht von dieser alles wissenden Erleuchtung gesegnet, die zumindest einige Politiker uns immer vermitteln wollen.Ich möchte niemandem raten zu wählen oder selbiges nicht zu tun. Das einzige, was ich anregen möchte, ist, dass man genau schaut, wem man sein Kreuz gibt und was diese Partei danach damit macht. Eventuell erleichtert dies die Entscheidung bei der darauf folgenden Wahl. Vielleicht gehört auch einfach mal ein wenig Mut dazu nicht nur eine Partei danach zu auszuwählen, wen sie als Kanzlerkandidaten aufstellt und welcher der beiden die bessere Krawatte hat.
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02.06.2005 10:30
Auch wenn der Artikel etwas älter ist. Er bleibt aktuell und er wird ja gerade wieder aktuell. Da ja vorgezogene Bundestagswahlen auf uns zukommen könnten. Und dann haben wir wieder das Prozedere der Parteien. Auch ich stimme aswie zu. Der Wähler vergisst oder besser verdrängt zu sehr. Gruss Martin
30.05.2005 10:50
Gratuliere, da hast du dir über ein wichtiges und im Moment sicherlich sehr aktuelles Thema viel Gedanken gemacht. Das mit der Vergesslichkeit des Wählers hat mir am besten gefallen. Gruss aswie
29.05.2005 22:16
Leider habe ich nicht gewußt, dass ein Kommentar nicht 2000 Worte überschreiten sollte! Ich war so schön im Schreiben und habe mein "Ko-Referat" nicht einmal abespeichert gehabt. Und weg war's! Der Flow ist weg! Aber vielleicht kommt von mir ein Bericht demnächst!