Viele Antwortbögen habe ich mittlerweile gelesen, von solchen, die es versucht haben, sich der von sasafras aufgeworfenen Frage, was eigentlich "typisch deutsch" sei, anzunehmen: Mehr oder weniger diplomatisch ging es dort zu, meist mit einem Hinweis auf die unumgängliche Subjektivität des Ausfüllenden. Kann ein(e) Deutsche(r) überhaupt für ganz Deutschland sprechen? Doch eben gerade darin liegt ja der Reiz einer solchen annähernd empirischen Untersuchung von "uns" Deutschen für "die" Franzosen. Auch wenn mein Horizont sicherlich nicht übermäßig weit reicht, kann er ja vielleicht immerhin dazu beitragen, das Gesamtbild des "typische Deutschen" noch in die ein oder andere Richtung zu öffnen, ehe es zur großen allgemeinen Auswertung geht. Und außerdem schaue ich viel zu gern artes Magazin "Karambolage", das sich nahezu wöchentlich um eine andere Form der deutsch-französischen Annäherung bemüht. Auch wenn ich mich nach nur zwei mehrtägigen Paris-Aufenthalten nicht gerade für eine Expertin der französischen Eigenheiten halte, werde ich mich doch bei meinen Antworten darum bemühen, diesem spezifischen Blickwinkel gerecht zu werden (oder auch nicht). Auf die unvermeidliche Subjektivität beim Ausfüllen dieses alles andere als trivialen Fragebogens - und nur deshalb gibt es das zu lesen - habe ich ja bereits hingewiesen. Und "besser" ausfüllen als einige andere kann ich dies hier eh nicht mehr ...
BLOSSE (?) DATEN:>> 1. Alter? - 24
>> 2. Geschlecht? - weiblich>> 3. Nationalität (was steht im Pass)? - deutsch
>> 4. Nationale oder kulturelle Zugehörigkeit ("gefühlte Nationalität")? - Mitteleuropäisch, mit deutlichem Zug nach Norden>> 5. Größe des Wohnorts (ungefähre Einwohnerzahl)? - 240.000
>> 6. Haushalt (Single, Familie, WG)? - Ich habe meine eigenen vier Wände, auch wenn ich in denen nicht immer allein bin.
UND NUN DIE MATERIE:
>> 7. Eine "typisch deutsche" Eigenschaft ist:
Pünktlichkeit. Hierzulande kann ich mich eigentlich drauf verlassen, dass halb sieben auch halb sieben heißt - wenn der Gegenpart nicht gerade längere Zeit im (meist südlichen) Ausland verbracht hat. Auch wenn es exzessiv betrieben furchtbar penibel sein mag, ist für mich Pünktlichkeit immer noch ein - eigentlich selbstverständlicher - Akt der Höflichkeit. Es sei denn, man kennt das Gegenüber und dessen laxeren Umgang mit diesem Begriff.>> 8. Das "typisch deutsche" Wetter:
Acht Uhr in der Früh an einem beliebigen Wochentag. Weckerklingeln, aufstehen - auf dem Weg unter die Dusche suggeriert der Blick aus dem Fenster, dass ein schöner sonniger Tag ins Haus steht. Eine halbe Stunde später, das Bad wurde verlassen, sieht es schon nicht mehr ganz so rosig aus. Und eine weitere halbe bis ganze Stunde später entschließt man sich, das Haus lieber doch nicht ohne Schirm zu verlassen.
>> 9. Eine "typisch deutsche" Landschaft:
Diese Frage kann man eigentlich nicht beantworten. Deutschland ist von der Küste über das norddeutsche Tiefland über die Mittelgebirge bis hin zu den Alpen einfach zu verschieden, um etwas "Typisches" festzustellen. Eine erzwungene Wahl würde wahrscheinlich auf meine Heimat fallen: die Lüneburger Heide. An sich Kulturlandschaft, daher "künstlich" erzeugt (war alles mal Wald, früher ...), Felder mit Raps, Kartoffeln und Getreide wechseln sich ab und dazwischen liegt immer wieder ein mehr oder weniger großer Ort, in dem sich unabhängig von dessen Größe ein Fußballplatz zu befinden hat.>> 10. Nenne eine "typisch deutsche" Stadt (eine Stadt, die Du einem Fremden nennen würdest, der etwas "Deutsches" sehen möchte (Begründung wäre nett) …)
Hier gilt Ähnliches wie für die Landschaft. Meine Wahl würde wahrscheinlich auf Braunschweig oder Nürnberg fallen: Alte Handelsstädte (und im mittelalterlichen Stadtkern noch als solche erkennbar) mit mehr als einer städtebaulichen Sünde aus den letzten vierzig Jahren. Nürnberg kommt noch die besondere Rolle in der NS-Geschichte zu - die Megalomanie des Reichsparteitagsgelände lässt sich auch heute noch sehr spürbar erlaufen. Vielleicht sind aber auch Kleinstädte "typischer" für Deutschland.
Und eigentlich müsste zur Berücksichtigung der deutsch-deutschen Geschichte auch noch ein Plattenbauviertel aus den neuen Ländern wie Halle-Neustadt oder dergleichen genannt bzw. besichtigt werden.
>> 11. Was ist für dich ein "typisch deutsches" Essen?
Hochzeitssuppe (die finde ich wirklich "typisch") - Hähnchen "Cordon Bleu" (bratfertig aus der Tiefkühltruhe) mit Salzkartoffeln, Gemüse und Soße - Vanillepudding mit Erdbeeren (für sonntags - denn dass sonntags "etwas Besonderes" auf den Tisch kommt, versteht sich doch von selbst).
Noch "typischer" ist wohl aber eher die Verwendung von dern Fixern Tante Maggi und Onkel Knorr für die alltägliche Essenszubereitung. Oder (auch in Kombination mit diesen Fertighilfen) Gehacktes als eine Art "Fleischersatz".
Und außerdem die meist alles andere als originalgetreue Zubereitung von Gerichten, die man im Urlaub kennen und schätzen gelernt hat. Ich habe den Eindruck, dass in der Küche von keinem anderen Land so bereitwillig internationalisiert wird.>> 12. Was isst du selbst am liebsten?
Günstig (das Studentenportemonnaie ...) und aus der Pfanne sollte es sein. Entweder (bevorzugt Geflügel) Geschnetzeltes mit Gemüse "asiatischer Art", also schön scharf mit Chili und Sojasoße abgeschmeckt. Oder eher die gediegenere Variante mit einer Soße auf Basis von Crème Fraiche oder Brunch oder so. Wahrscheinlich bin ich dadurch in dieser Hinsicht schon wieder "typisch deutsch".
>> 13. Isst du meistens allein oder eher mit anderen (Familie, Kollegen, Freunde, Mitbewohner)?
Meistens allein, manchmal mit Freund und noch seltener (bis einmal pro Woche) mit Freunden. Und wenn die Familie mal dabei ist (bzw. ich bei ihr bin), mit Familie. Studentenschicksal halt ...>> 14. Kochst du regelmäßig? (jeden Tag?) und: Wie lange brauchst du fürs Kochen, wenn du die Mahlzeiten selbst zubereitest?
Nun, ich möchte zunächst einmal zwischen "Essen zubereiten" und "kochen" trennen. Natürlich bereite ich mir jeden Tag etwas Essbares zu, doch möchte ich das nicht unbedingt kochen nennen. Wie lange ich dann allerdings fürs "echte" Kochen (vielleicht zwei-, dreimal die Woche) brauche, hängt davon ab, wie gut ich das Rezept kenne [Nudeln mit selbstgemachter Käsesoße kann ich inzwischen im Schlaf, das dauert vielleicht zwanzig Minuten inkl. Garzeit], wie viele Gäste ich zu bewirten habe, wie viele Gänge es gibt ... Das können dann schon mal zwei, drei Stunden werden.
>> 15. Gemütlichkeit ist ein "typisch deutsches" Wort und angeblich in keine andre Sprache zu übersetzen. Was ist für dich gemütlich?
Draußen tobt der Herbst mit Orkanböen, ich sitze tief in ein gutes Buch vertieft warm eingepackt in meinem Lieblingssessel und schlürfe einen heißen Kakao (mit einem Schuss Amaretto) oder Tee.
Und außerdem finde ich Wort und Begriff "Zweisamkeit" sehr gemütlich.>> 16. Wie, glaubst du, sieht ein "typisch deutscher" Feierabend aus?
Bisher hatte ich einen solchen nicht - wie es das Studentenleben halt so mit sich bringt. Ich halte es aber nicht unbedingt für "typisch deutsch", dass zunächst einmal "abgeschaltet" wird - der Kopf muss frei sein für die Freizeit (oder so). Später werde ich wahrscheinlich das tun und mich dann seufzend noch an meinen Schreibtisch setzen und Stunden vorbereiten oder Klausuren korrigieren.
>> 17. Was machst du selbst nach der Arbeit (übrigens: auch Hausarbeit ist Arbeit!)?
Abschalten, meist unterstützt durch Musik oder anderes Gedudel. Den Kopf frei kriegen. Mich für kurze Zeit einmal nicht mehr damit beschäftigen, was mich den Tag über beschäftigt hat - selbst wenn das nur reine Verdrängungsarbeit ist.>> 18. Wo machst du am liebsten Urlaub? Warum gerade dort?
Ich habe einen Hang zu nordwesteuropäischen Ländern, weil dort die Sonne noch in einer Intensität scheint, die meiner Haut zuzumuten ist. Außerdem sprechen mich die skandinavischen Länder oder Irland/ Schottland auch landschaftlich mehr an.
>> 19. Wenn du (andere) Deutsche im Urlaub triffst, freust du dich dann (ehrlich)? Warum, oder warum nicht?
Ich freue mich nicht speziell darüber, Deutsche zu treffen, sondern darüber, nette Menschen zu treffen. Da ist mir die Nationalität völlig schnurz. Auf der anderen Seite hat es natürlich schon etwas für sich, wenn einem mitten im irischen Nirgendwo plötzlich ein Wohnmobil mit dem heimischen Kennzeichen entgegenkommt. Oder man im schwedischen Provinz-ICA jemanden aus der Heimatstadt begegnet - wobei damit in diesem besonderen Fall allerdings zu rechnen war.>> 20. Woran erkennt man deutsche Urlauber?
Seit einiger Zeit erkenne ich sie nicht mehr. Es mag an der Globalisierung liegen (die ist ja an so vielem schuld), dass sich die Phänomene Socken-in-Sandalen und Fotoapparat-um-den-Hals auch in andere Ländern verbreitet haben. Sofern sie ursprünglich "typisch deutsch" waren.
>> 21. Einkauf: du möchtest für vier Personen Käseaufschnitt/ Wurstaufschnitt kaufen. Wie gehst du vor? (z.B. Suche in der Kühltheke nach verpackter Ware, Order am Supermarkt-Tresen, oder Besuch im Fachgeschäft)
Um ehrlich zu sein, schaue ich in dieser Hinsicht doch aufs Geld. Feinkost Albrecht hat erstaunlich guten Käse und auch ein breites Sortiment. Für Wurstaufschnitt bin ich nicht der Experte, aber wenn die Hausmacherwurst daheim (mein Vater ist gelernter Schlachter und hat da immer einiges in Reserve) gerade nicht zur Verfügung steht, greife ich je nach Angebot in die Kühltheke oder ordere am Supermarkt-Tresen. Ich will jedoch nicht ausschließen, dass sich hier mit wachsendem Geldbeutel auch die Ansprüche erweitern.
>> 22. Beim Einkauf: Gramm oder Portionen? Worauf achtest du?
Gramm. Portionen lügen, außerdem habe ich inzwischen doch einen Riecher dafür entwickelt, bei wem ich welchen Hunger einzukalkulieren habe.>> 23. Kaufst du Brot (auch Toastbrot) und Brötchen häufiger beim Bäcker oder im Supermarkt?
Einerseits geht nichts über frisch gebackenes Graubrot (= heimatliche Bezeichnung für Roggenmischbrot) vom Bäcker - darauf dann "Brunch" schmieren und sannah ist selig. Andererseits ist das preislich auch nicht immer drin, dann gibt es den profanen Griff ins Supermarktregal ("Vitalbrot" find ich toll). Wobei ich noch nie den 29Cent-Buttertoast gekauft habe und auch nicht kaufen werde.
>> 24. "Servicewüste Deutschland". Sind die Servicekräfte (Verkäufer, Kassierer, Kundenberater etc.), denen du begegnest so unfreundlich?
Es gibt sicherlich unfreundliche Servicekräfte. Was ich jedoch viel häufiger bemerke, ist allerdings eine indoktrinierte Freundlichkeit, die manchmal zu Ungunsten einer angemessenen Eigeninitiative geht. Allerdings habe ich auch selbst schon als Kassiererin gearbeitet und weiß daher, dass viele Angst haben, ihren Job zu verlieren und daher diese weisungsgenaue Verhalten an den Tag legen.>> 25. "Die Polizei, dein Freund und Helfer". Stimmst du dem zu?
"Sie mussten noch nie blasen? Na, dann wird es doch einmal höchste Zeit!" - "Sind da noch wir zuständig oder sind das schon die Kollegen aus B.?" Abgesehen von diesen beiden Sprüchen habe ich bisher noch keine negativen Erfahrungen gemacht und kann daher nur zustimmen. Auch Polizisten sind nur Menschen.
>> 26. "Deutsche haben eine Beamtenmentalität". Stimmt das? Gab es Situationen, in denen dir das auch so vor kam?
Was ist "eine Beamtenmentalität"? Wer sich zuerst bewegt, hat verloren? Ich weiß nicht ... Sagen die Deutschen nicht den Franzosen nach, sie seien in der Hinsicht noch schlimmer?>> 27. "Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind" - wahr oder unwahr? Welches Verhältnis hast du zu deinem Auto (falls du eins hast ;-))?
Seit neuestem habe ich ein Auto, das ich auch liebevoll "Autochen" nenne. Dann hört die Liebe aber auch auf, funktionieren muss es, das heißt, mich über längere Strecken oder bei Regen von A nach B bringen.
>> 28. "Die Deutschen neigen zum Jammern". Stimmt das? Wenn ja, worüber jammern sie denn?
Jammert man nicht immer, wenn es einem subjektiv schlecht geht? Und dazu haben einige sicherlich Anlass. Ich zähle mich selbst jedoch nicht dazu und halte mich allgemein für wenig "schicksalsergeben".>> 29. Deine Anregung für eine "typisch deutsche" Alltagssituation:
Wir sehen einen Park, nachmittags gegen 16 Uhr. Auf dem Spielplatz im Vordergrund turnen einige Kinder auf dem Klettergerüst rum, man hört vereinzelt Zurufe ihrer Eltern: "Justin, lass das!" - "Klara, kommst du bitte mal kurz zu Papa?!". An einer Seite stöbert ein schäbig gekleideter Mann durch die Mülleimer und packt die gefundenen Pfandflaschen in eine abgegriffene Plastiktüte; auf dem Weg an der anderen Seite das Spielplatzes überholen Döner mampfende Jugendliche Rentner, die sich leicht gebückt mit Krückstock oder Rollatoren ihren Weg bahnen ...
In der Hoffnung, dass es sasafras helfen möge ...
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29.07.2007 19:22
typisch deutsch ist ja so eine sache. netter bericht. lg TOM
19.03.2007 00:26
Hi Sannah, ich musste sehr schmunzeln beim Lesen Deines Berichts. Ich weiß, warum ich die Offene Kategorie früher schon mochte. Sie verrät einfach mehr über die Menschen :) Über diese Fragen muss ich auch mal nachdenken - oder aber noch ein paar andere dieser Berichte lesen. Interessantes Thema! LG, Claudi
24.11.2006 18:15
ich glaub, das typische klischee vom deutschen erfüllt kaum einer. aber in san diego wurde ich in der bahn als 'typisch deutsch' erkannt, gibt mir bis heute zu denken ... kniffliger fragebogen, wie ich finde! liebe grüße!