Mit Karl und Werner in die heilige Nacht

5  22.12.2005

Pro:
Leben kann Geschichteb schreiben

Kontra:
Gar nichts

Empfehlenswert: Ja 

ManfredJG

Über sich: Besucht unseren Adventskalender und unser Quiz auf http://www.unserkaminzimmer.de . Manfred J. Grie...

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Vorwort
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Diese Geschichte hat sich tatsächlich vor vielen Jahren zugetragen, ist somit als eine wirkliche Erfahrung. Ich bringe sie ausser der Reihe und bitte euch deshalb, auch den folgenden Bericht über das Weizenbier zu lesen. Irgendwie passen beide Berichte in eigentümlicher Weise zusammen.

Nun also ab, mit Karl und Werner in die heilige Nacht.
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Weil ich etwas Gitarre spielen und singen kann - nein, für einen Popstar reicht das sicherlich nicht - bekomme ich manchmal eine Einladung zu Menschen, denen ich ohne dieses Talent sicherlich nie begegnet wäre. Besonders zur Weihnachtszeit häufen sich diese Einladungen. "Können Sie nicht am heiligen Abend für die Obdachlosen bei uns ein paar Weihnachtslieder singen?" Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr mir diese Frage gestellt wurde, es muss das Jahr 'Ich-weiß-nicht-wann' gewesen sein und die Einladung wurde von einer Person ausgesprochen, an die ich mich ebenfalls nicht erinnern kann. Wenn man mir so eine Frage am Obststand auf dem Markt stellt, dann kann man garantiert mit einem 'Ja' rechnen. Schriftliche Einladungen sind sortierbar, direkte Fragen nicht. Und so geschah es in diesem Jahr, dass ich meiner Familie spontan mitteilte: "Bis 21:00 Uhr bin ich noch beschäftigt - ihr könnt also ab 21:45 Uhr mit mir rechnen. Wenn du den Herd anstellst, Mutter, dann leg bitte ein Zigeunerschnitzel beiseite. Ich mag es gerne frisch." Die Zeitspanne ergab sich aus der Fahrtzeit von meinem Wohnort hin zu meinem Elternhaus. Ein etwaiger Stau hätte meine Berechnungen durcheinander gebracht. Aber ich war mir sicher, am heiligen Abend ist niemand mehr auf der Straße, außer - außer den Obdachlosen. Und damit die keinen Stau verursachen könnten, wollte ich für sie Weihnachtslieder spielen.

Ein herrlicher Tannenbaum begrüßte mich beim Betreten des kleinen Raumes, in dem seltsam anmutende Gestalten mich bereits erwarteten. Es roch nach Glühwein und Straßenstaub, Mülltüten und Nüssen. Dazwischen mischte sich die wohlige Wärme der Kerzen, richtige Kerzen, die jemand am Weihnachtsbaum angezündet hatte. Ich schloss die Tür zur Welt hinter mir, nahm Platz zwischen den Schicksalen, die die Welt nicht verstand und ließ mir erst einmal ein Glas Glühwein reichen. Meine Wangen glühten richtig, als weihnachtliche Stimmung aufkam und mir signalisierte, dass es nun an der Zeit für ein Lied sei. Ich intonierte "Oh du Fröhliche", hatte gerade die erste Zeile gesungen, da bemerkte ich einen Fußtritt unter dem Tisch, der gegen mein Schienbein gerichtet war. Es war die Person, die mich eingeladen hatte. Unzweideutig gab sie mir zu verstehen, dass dieses Lied wohl 'unangebracht' sei. Ich reagierte, wechselte die Tonart zu G-Dur und ließ den Schnee leise rieseln. In den Augen der Anwesenden begann es zu glitzern, allerdings war es eher ein Glühweinglitzern und diesmal bedurfte es keines Schienbeintrittes. Ich landete auf A-Dur und ließ den Schnee schmelzen.

Etwas unbeholfen schaute ich in die Runde. Vielleicht sollte ich die Anwesenden erst einmal kennen lernen, dachte ich und stellte mich vor. "Ich heiße Manfred und spiele Gitarre." Aufmerksamkeit wurde mir plötzlich zuteil. Karl, der direkt neben mir saß, folgte meinem Beispiel worauf Hans bedeutungsschwanger sein Glas Glühwein abstellte. "Kannst du 'Wir lagen vor Madagaskar' spielen?" Klar konnte ich das. Nur schien mir dieses Lied vollkommen ungeeignet für einen Weihnachtsabend zu sein. Ich schaute zur Tür. Sie war geschlossen. Niemand aus der Welt draußen würde mich hören und so Griff ich zu C-Dur, der Tonart, in der alle Menschen miteinander singen können. Karl und Hans begleiteten mich vom ersten Vers an und Dieter kramte seine Mundharmonika hervor. Die Kerzen am Baum flackerten im Takt der Melodie und weihnachtliche Menschlichkeit duftete aus dem Glühweinextrakt der Welt hinter der verschlossenen Tür. Ich beschloss, bei C-Dur zu bleiben. Lieder wie "Winde wehen, Schiffe gehen" oder "Wenn die bunten Fahnen wehen" begleiteten zusammen mit der Mundharmonika von Dieter, dem Gesang von Karl und und Hans und dem Grölen der restlichen Anwesenden den weiteren Verlauf dieses heiligen Abends.

"Ich hatte einmal ein Bungalow", Werner sprach mich zwischen den Liedern unvermutet an. Ein weiterer Schluck Glühwein begleitete seine Reise durch die Erinnerung, der alle lauschten. Anschließend intonierte ich "Schaffe, Schaffe, Häusle bauen" und alle sangen mit. Und so ging es weiter. Eine Geschichte von Helmut, zwei Schluck Glühwein und ein Lied in C-Dur. Die Zeit verstrich und nahte der 21:00 Uhr Grenze - da erinnerte ich mich erneut an den Anlass des Abends. Ich unterbrach die seltsame Feier mit einem in G-Dur gehaltenen Weihnachtslied. "Stille Nacht, heilige Nacht." Einsam erklang meine Stimme unter dem Baum mit den Kerzen. Nur einen Moment lang. Dann gesellte sich Karls Stimme zu der meinen und auch die anderen folgten mit jedem Vers. Dieter hatte noch eine G-Dur Mundharmonika in der Tasche und Werner lächelte mich an. "Du bist in Ordnung", erklärte er leise flüsternd. Was er damit meinte, wurde mir erst Jahre später klar. Ich hatte, ohne es zu wissen einen Platz gefunden in der Welt hinter der Tür. Zwar blieb es mir mein Lebtag versagt, jene Welt zu verstehen. Aber sie zu respektieren, das habe ich an diesem heiligen Abend gelernt.


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mozarteum

mozarteum

20.01.2009 19:19

ja manni, es gibt geschenke, die sind nicht verpackt und sie sind mit keinem geld der welt zu bezahlen! lg detlef

arbeitsmaus

arbeitsmaus

26.01.2006 18:01

Werden wir diese Menschen jemals verstehen. Respektieren ja, denn jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Manfred, deine Art Geschichten zu erzählen fesselt mich immer wieder. LG. Traudel

Jacky23

Jacky23

02.01.2006 19:44

Echt schön geschrieben. Grüßle Jacky

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