20 BIG MOVIES (08): WHOS AFRAID OF VIRGINIA WOOLF
19.08.2006
Pro:
* * * Ein Meisterwerk * * *
Kontra:
-
Empfehlenswert:
Ja
 Milsch
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:192
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 110 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
"George, if you even existed I'd divorce you!" -Martha
1. DIE STORY ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ George und Martha, ein Ehepaar Ende 40, kommen spät nachts schon reichlich angetrunken von einer Party heim. "Dreckloch, verdammtes", sind Marthas erste Worte beim Aufschließen der Haustür. Die Unzufriedenheit mit ihrer Ehe und ihrem Leben entläd sie in bissigen, lauten Verbalattacken gegenüber dem etwas biederen George, der als Geschichtsdozent niemals über eine mittlere Position an der Universität hinausgekommen ist, wo pikanterweise sein Schwiegervater auch noch sein Vorgesetzter ist. George wehrt sich zunächst mit eher ruhigen, stoischen Sticheleien, die jedoch für Martha nicht minder verletzend sind. In dieser angespannten Situation eröffnet ihm Martha, dass sie noch Gäste eingeladen habe, ein junges Ehepaar von der Party: den sportlichen Mathematikdozenten Nick und seine etwas unscheinbare Frau Honey. Tatsächlich tauchen die beiden wenig später auf - was vor allem George sichtlich missfällt - und werden sogleich in die immer aggressiveren Streitigkeiten der Gastgeber hineingezogen.
Bald fließt der Alkohol in Strömen, und Nick und Honey finden sich mitten in einem handfesten Ehekrieg wieder, in dem bald auch Risse in ihrer eigenen Beziehung zum Vorschein kommen. Als Martha schließlich Nick ins Schlafzimmer abschleppt, eskaliert die Situation dramatisch. Doch da gibt es noch George und Marthas Sohn, und der wird zu Georges Trumpfkarte. Als am frühen Morgen alle langsam in dumpfe Katerstimmung verfallen, holt George zum finalen Schlag aus... 2. DIE REGIE ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Kaum zu glauben, aber das Meisterwerk "Virginia Woolf" war Mike Nichols Filmdebüt. Nach einer Karriere als Comedian in einem Duo mit Elaine May, verlegte Nichols sich bald ganz auf die Regiearbeit. Auch sein zweites Werk "The Graduate" wurde ein
Bilder von Wer hat Angst vor Virginia Woolf
Riesenerfolg, doch obwohl Nichols mit dem Medium Film hervorragend umgehen konnte, wandte er sich später verstärkt der Theaterregie zu, wo er ebenfalls grossen Erfolg hatte und zahlreiche Preise gewann.
Nichols filmt keine Theateraufführung ab, er macht aus dem Bühnenstück einen richtigen Film. Das soll heißen, er nutzt intensiv filmische Stilmittel, vor allem Schnitttechnik und Kameraführung. Die Aufeinanderfolge von immer wieder hochkochenden Emotionen und Streitigkeiten sowie anschließenden Beruhigungsphasen verstärkt Nichols mit dem Tempo der Schnittfolge. Durch den Wechsel von Totalen mit extremen Nahaufnahmen von Gesichtern hält Nichols nach Bedarf Distanz oder schafft Nähe. Wiederholt zoomt er die Figuren heran, die gerade emotional am stärksten involviert sind, und bannt ihren Gesichtsausdruck auf die volle Bildschirmgröße. Auch die klassischen Frosch- und Vogelperspektiven zur Untermalung von Macht und Unterwerfung setzt Nichols gern ein. Subtil benutzt er diese ganzen Formen nicht gerade, er drängt sie dem Zuschauer fast schon übertrieben auf. Doch tut er dies durchaus bewusst, denn diese Filmtechnik passt zum Stoff: während der Zuschauer sich zunehmend unwohl den abgründigen, zutiefst privaten Ehestreitigkeiten von George und Martha ausgeliefert sieht, ziehen ihn die intensiven Bilder vollends in das Geschehen hinein.
3. DIE SCHAUSPIELER ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Taylor und Burton hatten 1964 geheiratet, zwei Jahre später gaben sie auf der Leinwand zwei Stunden lang den totalen Ehekrieg. Das war kommerziell ein geschickter Schachzug, denn es weckte Phantasien beim Publikum, wie es wohl in der richtigen Ehe der beiden Schauspieler zugehen möge, und garantierte damit den Kassenerfolg. Richard Burton, ein Spezialist für zerrissene Charaktere, spielt mit der ihm eigenen, stoischen Ruhe und Überlegenheit den spießigen George, mit Hornbrille und Strickjacke. Schnell aber ist klar, dass George durchtriebener und abgebrühter ist, als er sich zunächst gibt. Er konterkariert das aufbrausende, emotionale Spiel von Liz Taylor mit knochentrockenen verbalen Paraden und Attacken. Liz Taylor dagegen ist der dynamische Motor des Geschehens, vordergründig die laute, ordinäre Schlampe, unter der brüchigen Oberfläche aber eine zutiefst verzweifelte und verletztliche Person. Ihre vulgären Ausbrüche sind beeindruckend, immer bewegt sie sich dabei am Rande des gerade noch Erträglichen. Zurecht erhielt sie den Oscar für ihre glänzende Darstellung.
Offenbar wenig Raum für die jungen Sandy Dennis und George Segal, sich zu profilieren bei soviel Präsenz in den Hauptrollen, doch in diesem Film sind auch die kleineren Parts perfekt besetzt. Sandy Dennis bekam ebenfalls einen Oscar als beste Nebendarstellerin. 4. DAS BUCH ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Basis des Films ist das 1962 uraufgeführte, gleichnamige Theaterstück von Edward Albee. Mit dem Titel spielt Albee auf das Kinderlied "Who's Afraid Of The Big Bad Wolf?" an, ersetzt jedoch den bösen Wolf durch den Namen der geisteskranken Schriftstellerin, die unter schweren Depressionen litt und Selbstmord beging - ein direkter Bezug zum Geisteszustand von George und Martha.
Produzent Ernest Lehman setzte die starke literarische Vorlage dankenswerterweise praktisch unverändert in ein Drehbuch um. 5. DIE MUSIK ¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯¯ Der klassische Soundtrack stammt von Alex North, der u.a. die Musik zu so bekannten Filmen wie "Cleopatra", "Spartacus" oder "A Streetcar Named Desire" lieferte. Seinen größten Erfolg hatte er aber wohl mit der weltbekannten "Unchained Melody" von den Righteous Brothers (aus dem Film "Unchained") - unzählige Male gecovert und u.a. durch den Film "Ghost" nochmals ins Bewusstsein der Zuhörer gebracht. Der komplette Soundtrack zu "Ghost" stammt übrigens ebenfalls von ihm.
------------------------------ MEINE WERTUNG ------------------------------ "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" ist ein anstrengender Film, für den man sich in der passenden Gemütslage ganz bewusst entscheiden sollte. Hier geht es laut, brutal und vulgär zu - als Zuschauer ist man nach gut zwei Stunden sichtlich erschöpft. Auf der anderen Seite ist aber gerade das auch der besondere Reiz dieses Filmes: er gestattet keine emotionale Distanz zum Geschehen, er "nimmt einen mit", im wahrsten Sinne des Wortes. Zwar sprechen die ersten Minuten sehr unverhohlen nur den Voyeurismus des Betrachters an, doch recht zügig baut man hier mit den Figuren Sympathien und Antipathien auf, man streitet und leidet mit ihnen.
Da es hierbei kein klassisches Gut-und-Böse-Muster gibt, sondern die Charaktere höchst differenziert gezeichnet werden, bleiben Anspannung und Interesse auch über die gesamte Laufzeit auf höchstem Niveau. Sehr unterschiedliche Wahrnehmungen von Motiven und Handlungen der beteiligten Personen sind möglich, ebenso kontroverse Diskussion über Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Kurz: unter der Oberfläche der sichtbaren, schmutzigen Streitereien wartet eine komplexe Charakterstudie auf den Zuseher. Die Erfolgsfaktoren, die dieses beeindruckende Werk ausmachen, wurden bereits identifiziert: an erster Stelle die herausragenden Schauspieler, ausgezeichnet wie gesagt mit zwei Oscars für Elizabeth Taylor und Sandy Dennis. Dann natürlich die Regieleistung von Mike Nichols und meiner Ansicht nach auch die werknahe Umsetzung des Theaterstücks in ein Drehbuch, da die Vorlage wirklich keine größeren Adaptionen benötigt hätte.
Ein Happy-End bleibt übrigens aus, am Ende gibt es eigentlich nur Verlierer, aber auch die vage Aussicht auf einen Neubeginn. Im wahren Leben lief es für die Hauptdarsteller ähnlich schlecht: ihre Ehe wurde nach zehn Jahren geschieden. -----------
> Facts And Figures Originaltitel: Who's Afraid Of Virginia Woolf? Deutscher Titel: Wer hat Angst vor Virginia Woolf? Länge: 131 min Veröffentlicht: USA 1966 FSK: 16 Regie: Mike Nichols Buch: Edward Albee, Ernest Lehman Darsteller: Liz Taylor, Richard Burton, George Segal, Sandy Dennis
----------- Die Serie 20 BIG MOVIES informiert in kompakter und standardisierter Form über herausragende Werke der Filmgeschichte. Bisher erschienen:
[07] ANGEL HEART (12.08.2006) http://www.ciao.de/Angel_Heart__Test_3119849 [06] CASABLANCA (03.08.2006) http://www.ciao.de/Casablanca_Film_1942_2002__Test_3116875
[05] THE GODFATHER (28.07.2004) http://www.ciao.de/Pate_1_Der__Test_2843445 [04] ONE FLEW OVER THE CUCKOO'S NEST (27.07.2004) http://www.ciao.de/Einer_flog_uber_das_Kuckucksnest__Test_2843089
[03] TWELVE ANGRY MEN (26.07.2004) http://www.ciao.de/Zwolf_Geschworenen_Die_1957__Test_2842660 [02] FULL METAL JACKET (25.07.2004) http://www.ciao.de/Full_Metal_Jacket_USA_1987__Test_2842252
[01] HIGH NOON (24.07.2004) http://www.ciao.de/12_Uhr_Mittags__Test_2842009
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09.10.2006 09:12
Klasse Bericht, informativ und prägnant. LG, Florian
26.09.2006 13:45
Da zücke ich doch glatt wieder ein Damenunterwäsche-Utensil. Großartiger Bericht zu einem Klassiker, den ich leider noch nicht kenne. Gefreut hat mich die knappe Inhaltsangabe ... Lange Inhaltsangaben ermüden mich nämlich immer ;-)
09.09.2006 12:54
Mehrmals schon habe ich den Anlauf unternommen, den Film ganz zu sehen, aber wie du schon sagst - er ist anstrengend und so ist mir das Gezeter jedesmal so gehörig auf den Geist gegangen, dass ich noch nie mehr als 20 Minuten durchgehalten habe.