Westfalian Alien - Wiglaf Droste

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Westfalian Alien - Wiglaf Droste

1 - CD - Mundraub - Rough Trade - 19. September 2005 - 4006180601828

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Erfahrungsbericht über "Westfalian Alien - Wiglaf Droste"

veröffentlicht 17.03.2006 | princesse
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Über sich :
La vie est dure sans confiture!
Ausgezeichnet
Pro unterhaltsam auf hohem Niveau, Droste liest für uns stellvertretend fürchterliche Bücher
Kontra Suchtgefärdend
sehr hilfreich

"Auge in Auge - mit dem alltäglichen Grauen in D"

mit dem Spardosen-Terzett

mit dem Spardosen-Terzett

Gleich zu Anfang möchte ich davor warnen, 1. diesen Beitrag zu lesen und 2. die CD zu kaufen, wenn Betreffender ein zartes Gemüt hat, empfindlich reagiert auf Spottgesang und nicht weiss, dass Satire so gemeint aber nicht ernst zu nehmen ist. Jener würde sich beleidigt fühlen, oder diese Beleidigung für andere mit-fühlen, sofern er nicht selber betroffen ist, auch als Stellvertreter-Betroffenheits-Syndrom bekannt. Praktisch vorallem dann, wenn die Betroffenen nicht selber betroffen sein können, da gerade nicht anwesend oder nicht empfindlich oder mit etwas ganz anderem beschäftigt.
Der Beitrag, aber vorallem die CD könnte zu heftigen Reaktionen führen bei Reinhold Messner, dem Papst, Hans Küng, Helmut Kohl, den Brandenburgern, Bewohner der Ukermark, Bielefeldern, Schweizern, Ostwestfalen, Patrioten, Proleten, Dieter Bohlen, Deutsche Urlauber, Gerhard Schröder, Angela Merkel, Günter Grass, Antje Vollmer, Claudia Roth, Pur und ihr Sänger Hartmut Engler, letzterer ganz besonders. Und ich - ich weiss jetzt auch wieso. Es ist ganz simple.

"Komm mit ins Abenteuerland, der Eintritt kostet den Verstand" zitiert Herr Droste Herrn Engler, und weiter "Ich lieb mich in dir fest" und er (Droste) stellt gleichzeitig fest, er würde - wäre er eine Frau - an bestimmter Stelle unweigerlich einen Krampf bekommen (Mannes Albtraum). nachzuhören auf Track 3 in ganzer Ausführlichkeit, und keine Angst, die Fassungslosigkeit bekommt ein versönliches Ende. Wäre es sonst auszuhalten? Herr Engler wohl kaum.

Ich hatte das Glück, Wiglaf Droste life zu erleben, in Darmstadt, "Dünnpfiff au lac", wie Droste es unverschämt grinsend nannte, aber erst, als ihm Eingeborene und Zugelaufene protestierend versicherten, dass Darmstadt einen See hat. Dann also avec au lac. Einen guten Teil der CD (wenn nicht gar die ganze) gab er dort zum besten, unter begeistertem Gelächter der Zuhörer, ich versuchte nicht zu lachen, sondern sass da in der 6. Reihe, eingenebelt in Schwaden von Zigarettenrauch und Haschischdunst, ununterbrochen grinsend, so als hätte mir jemand das Grinsen rechts und links festgetackert, ich wollte nicht lachen, um kein Wort zu verpassen.
Selten habe ich jemandem derart fasziniert und begeistert zugehört.

Die CD am nächsten Tag zu ordern war ein Muss, ich wollte mehr. Ich bekam ein deja écoute, was aber nicht negativ war, im Gegenteil, ich merkte, wieviel ich trotz lachenverkneifen überhört hatte während der Veranstaltung. So - per CD - war das Ganze nochmal ganz in Ruhe und entspannt, ich höre sie im Auto und sitze nun zuweilen breit grinsend im Auto und unterwegs, hoffentlich fühlt sich da keiner angesprochen.
Vielleicht wird ja jener Auftritt in Darmstadt auch noch verewigt, ein blonder grosser Hund wollte partout nicht zuhören, sondern lieber selber auf die Bühne, um dann das Ganze auf seine Weise laut, aber kurz und knapp zu kommentieren. Wiglaf Droste versprach, einen oder zwei Pack Frolic von seiner Gage zu spenden, Bühnen-Tauglichkeit, so sagt er, muss belohnt werden.

Das gelbe Grauen
Das ist Brandenburg. Oder vielmehr ein Meer von Forsythien behängt mit bunten Plastikostereiern, aussehend wie eine erbrochene Pizza. Ausreisende Berliner müssen tapfer sein, denn immer führt sie ihr Weg durch Brandenburg. Schiessschartenäugig und feindselig belauert der Brandenburger sein Durchreisen, das Durchreisenkönnen ihm neidend. "Wir haben nichts gegen Fremde, aber diese Fremden sind nicht von hier." Das ganze und ausführlichere gelbe Grauen siehe Track 2.

Seit ich die CD gehört habe, weiss ich, was mich an Horst Köhler irritiert hatte, ich bin wohl nicht die einzige. Neben anderen sinnfreien Äusserungen erhalte ich von ihm die Antwort des Westens auf den muslimischen Fundamentalismus: es ist der Christliche Fundamentalismus. "Gott segne unser Land", den Satz sollte ich mir von einem Bundespräsidenten nicht anhören müssen, Religion müsste privat bleiben, da bin ich mit Droste vollkommen d'accord. Mit Gott und Vaterland, Track 18

"Wie kann man etwas so schönes so ekelhaft beschreiben [...] wer so schreibt vögelt auch so", Wiglaf Droste über Günter Grass, und einiges mehr, höre Track 19, die Erotik des Rentensystems.

Der Leser dieses Beitrag mag eine Ahnung davon bekommen, wovor ich fürsorglich warnte eingangs, Droste ist radikal. Radikal gut. Ein Revoluzzer, Satiriker vom Feinsten, ich habe bislang keinen böseren und besseren gehört.
Und wenn er ins Puplikum kuckt und sagt: ja, sowas mögen sie, dann bin ich die in der 6. Reihe (vorne war nichts mehr frei) und nicke heftig. Ja, sowas mag ich. Endlich kommt einer, der meine vielfältigen Irritationen in Worte fasst, meine Verachtung in Bahnen lenkt, meiner Verständnislosigkeit für manche Mitmenschen eine Form gibt, und meinem Allgemeinwissen auf die Sprünge hilft (ich wusste nicht, dass Grass so schlecht ist, hatte nie etwas von ihm gelesen) und mir auch noch Geld spart: Hast du Depressionen, schmeiss die Pillen weg, hör lieber Droste, das ist weit effizienter und gleich noch amüsanter.
Zum Beispiel habe ich mir nie über den Satz: "Wir haben uns das Mittagessen e r w a n d e r t", ausgesprochen von Deutschen Urlaubern in Schweizer Bergen, tiefere Gedanken gemacht. Das mache ich zwar jetzt auch nicht, denn dafür habe ich ja Wiglaf Droste's CD. Der macht das für mich. Auch das - lieber Herr Droste - halte ich für einen unschätzbaren Service. Siehe oder höre - Track 5.
Genauso wie das stellvertretende Lesen eines Buches, in diesem Fall das von Reinhold Messner, welches das heisst "Durch die Wüste" oder so, (eventuell auch Reinhold Messner: "Die Wüste in mir"), das las er für uns (und lebt noch), danke, Herr Droste. (Allerdings kommt dies auf dieser CD nicht vor, nur in der Lesung und im ganz neuen Buch vielleicht, somit könnte zumindest Reinhold Messner diese CD gefahrlos kaufen, ob er allerdings damit dann das anfangen kann wofür sie eigentlich produziert wurde, wage ich zu bezweifeln, Satire, Herr Messner, Iiigitt!).

Gut weg kommen auf dieser CD nur Jonny Cash, schöne, intelligente Frauen und - Wiglaf Droste, wer sonst.

Und dann singt er auch, jawohl, und das sehr gut und wohltönend, Track 13 und 23, ganz sicher.

WIGLAF DROSTE

Wiglaf Droste, Kolumnist der taz-Wahrheitsseite, lebt in Berlin. 2003 wurde er für sein "vitales Dissidententum" und seine "Verbindung aus grobem Ton und feinem Stil" mit dem Ben-Witter-Preis ausgezeichnet und 2005 wurde ihm der Annette-Droste-von Hülshoff-Preis verliehen.

Wiglaf Droste ist solo oder mit dem Spardosen-Terzett unterwegs.
Gemeinsam mit Vincent Klink gibt er die kulinarische Kampfschrift "Häuptling Eigener Herd" heraus.

"Ach, wenn wir doch heute einen Tucholsky hätten! wird immer gern stoßgeseufzt, aber wenn mal einer auftaucht, dann merkt es doch keiner. Wiglaf Droste, dass wir uns nur recht verstehen, ist der Tucholsky von heute"
Willi Winkler, Süddeutsche Zeitung (1)

Biografie-Schnipsel:
1961 in Herford (Westfalen) geboren
1991 "Anfang des Jahres wurde Wiglaf Droste vom Berliner Landgericht in zweiter Instanz zu einer Geldstrafe auf Bewährung verurteilt, weil er in seiner taz-Kolumne Soldaten als "Waschbrettköpfe" und "Kettenhunde" bezeichnet hatte, die Gegen-Demonstranten eines öffentliches Gelöbnisses zusammengeschlagen hatten. Das Gericht befand in diesem Zusammenhang besonders eine Nebensatz-Konstruktion als beleidigend. Satiriker, der er ist, wurde Droste nach dem Urteil mit der Bemerkung zitiert, er werde die nächsten zwei Jahre nur noch Hauptsätze verfassen: "Soldaten sind keine Relativsätze".
Dass er das Urteil auch in seiner taz-Kolumne nicht unkommentiert lassen würde, war zu erwarten. Nachlesen kann man die mit spitzer Feder geschriebene Genealogie von Bundeswehrbeleidigern (Günther Pfitzmann war der erste!) in seinem jüngsten Band Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke, der einige seiner Kolumnen zusammenfasst. Der Soldat von heute, so erfährt man dort, ist keiner, der für Sold tötet, sondern ein wahrer Menschenfreund: "Der Soldat von heute tötet nicht, wenn er tötet - er hilft (...) Menschenrechte sind die schärfsten Waffen. In ihrem Namen darf man einfach alles." [...]" aus einer Besprechung von Elisa Peppel

Stationen u.a.: Satiriker. Zivildienst. Seit 1983 in Berlin. Publizistik-Studium bricht er ab. Aushilfsjobs. Journalist. Gründet 1991 mit Michael Stein das "Benno-Ohnesorg-Theater" in Berlin.
Auszeichnungen/Ehrungen/Preise (Auswahl): Ben-Witter-Preis (2003). Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis (2005).
Veröffentlichungen (Auswahl): Mein Kampf,dein Kampf, Textsammlung (1991, Edition Nautilus). Am Arsch die Räuber, Textsammlung (1992, Edition Nautilus). Sieger sehen anders aus, Textsammlung (1993, Edition Nautilus). Barbier von Bebra, Roman (1996, Edition Nautilus - gemeinsam mit Gerhard Henschel). Der Mullah von Bullerbüh, Roman (2000, Edition Nautilus - gemeinsam mit Gerhard Henschel). Für immer, CD (2000 - gemeinsam mit dem Spardosen-Terzett). Die Rolle der Frau und andere Lichtblicke, Kolumnen (2001, Edition Tiamat). Ich schulde einem Lokführer eine Geburt, CD (2003, Zomba und Eichborn). Der infrarote Korsar (2003, Edition Tiamat), Das Konzert (mit dem Spardosenterzett) (2004), Das große IchundDu (2004)


Westfalian Alien, 2005
Erscheinungsdatum: 19. September 2005
Label: Fsr (rough trade)
ASIN: B00008MLQP
Format: Audio CD (CD-Anzahl: 1)

derzeit Euro EUR 16,99 bei Amazon


(1) http://www.booking-hh.de/tomprodukt/droste/index.php
ausserdem ein Tourplan, sowie eine Biblio- und Discografie


(in Auszügen auch erschienen bei amazon.de)
.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • mamasigi veröffentlicht 18.08.2006
    Glückwunsch zur 100 Bewertung
  • TheFrail veröffentlicht 21.05.2006
    Ich mag's nicht, wenn er singt. Aber ansonsten, mein Lieblingszitat von ihm: "Schade, dass wir nicht in China sind... da könnte man sie alle einfach erschießen." Aus "Dr. Motte und seine Lovepararde". :D
  • cpietropaoli veröffentlicht 19.04.2006
    der würd sich hier bei ciao totlachen
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Produktdaten : Westfalian Alien - Wiglaf Droste

Produktbeschreibung des Herstellers

1 - CD - Mundraub - Rough Trade - 19. September 2005 - 4006180601828

Haupteigenschaften

Titel: Westfalian Alien

Künstler: Wiglaf Droste

Komponist: .

Genre: Comedy

Schlagworte: Comedy & Stimmung; Hörbuch; Politische Satire; Witze; 2000-2009 (Aufnahmedatum)

Medium: CD

Set-Inhalt: 1

Veröffentlichungsdatum: 19. September 2005

Label: Mundraub

Vertrieb: Rough Trade

EAN: 4006180601828

Titel auf CD 1

1.: Tünseliges Ostwestfalen

2.: Das Gelbe Grauen

3.: Keine Titelinformation

4.: Die Blusen des Bösen

5.: Nennt Mich Latte Centrale

6.: Stämmig, Verzeigt und Gebüsst

7.: Wenn Alle Sinne Dieter Heissen...

8.: Proletentoaster, Trüffelhobel

9.: Ein Ausflug in die Sommerfrische

10.: Existenzialismus Heute

11.: Trommeln auf Unserer Haut

12.: Wo ist Zuhause, Mama?

13.: I Won't Back Down

14.: Die Nacht der Guten Onkelz

15.: Auge in Auge mit der Einheit

16.: Wenn der Doktor Kommt

17.: Patrioterrorismus

18.: Mit Gott und Vaterland

19.: Die Erotik des Rentensystems

20.: Olivenstampede im Käsecorral

21.: Löwenleben

22.: Herr Spiropoulos Regiert

23.: Sold American

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