SCHILLER-JAHR: Was wusste Schiller von Hitler?

5  06.10.2005

Pro:
Interessanter Stoff, die politischen Aspekte sind sehr gut dargestellt, die Parallelen zum Dritten Reich, sehr dramatische Apfel - Szene

Kontra:
Schwer zu lesen

Empfehlenswert: Ja 

SVoigt2000

Über sich: "Die Tat ist alles, nichts der Ruhm", Goethe "Faust"

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Weiter geht's mit meiner kleinen Schiller-Reihe. Dieses Mal ist ein hoch politisches Drama des "deutschen Shakespeare" an der Reihe - Wilhelm Tell. Viele werden nur die Szene kennen, in der Tell seinem Sohn den Apfel mit seiner Armbrust vom Kopf schießt. Aber dieses Drama hat noch mehr zu bieten...

-----HANDLUNG:-----
Österreichs Kaiser Albrecht will, dass die Schweiz sich ihm unterwirft. Um das zu erreichen, hat er seine Vögte losgeschickt. Besonders brutal geht dabei der Vogt von Schwyz und Uri, Hermann Gessler, vor. Er schickaniert das Volk nicht nur, indem er einen Hut hoch über dem Rathausplatz von Altdorf hängt und dem Volk befiehlt, seine Treue zu beweisen, indem es sich vor dem Hut verbeugt. Er lässt auch Festungen und Gefängnisse bauen um seiner Schreckensherrschaft mehr Nachdruck zu verleihen und seine Autorität zu stärken.

Die Bewohner der Kantone Schwyz, Uri und von Unterwalden nehmen das nicht länger hin. Sie wollen in Freiheit und Frieden leben. Also treffen sich heimlich Werner Stauffacher, Walther Fürst und Arnold vom Melchthal mit einigen Getreuen, um einen Geheimbund zu gründen, der Gesslers Schreckensherrschaft zu Weihnachten beenden will.

Doch als dann der angesehene Bogenschütze Wilhelm Tell, auf dem alle Hoffnungen liegen, gefangen genommen wird, muss sofort gehandelt werden...


-----FRIEDRICH SCHILLER:-----
Friedrich Schiller wurde 1759 in Marbach am Neckar geboren. 1773 musste er in die Militärakademie, wo er zunächst Rechtswissenschaften studierte. Später brach er das Studium allerdings ab und fing an Medizin zu studieren. 1780 schloss er das Studium ab und wurde Militärarzt.

Ein Jahr später schloss er die Arbeit an "Die Räuber" ab. Das Stück sollte dann 1782 in Mannheim uraufgeführt werden. Schiller hatte allerdings vom Herzog keine Erlaubnis, Stuttgart zu verlassen. Er tat es trotzdem. Legendär floh er von Stuttgart nach Mannheim und bekam so persönlich den großen Erfolg seiner "Räuber" mit. Das Publikum brach in lauten Jubel aus. Weniger gejubelt hat der Herzog, dem Schillers Flucht nicht gefiel und der ihn darum 14 Tage ins Gefängnis steckte und ihm bis auf Weiteres das Schreiben verbot.

Danach reiste Schiller wieder nach Mannheim und arbeitete dort als Theaterdichter. 1783 erkrankte er dann allerdings an Malaria. Dies sollte aber nicht seine einzige schwere Krankheit bleiben. 1791 erkrankte er an Tuberkulose. Diese Krankheit lies ihn danach nicht mehr los und vermutlich starb er auch daran.

1789 bekam Schiller eine Professur in Jena als Philosoph, lehrte dort aber als Historiker. Die Stelle bekam er wohl durch Goethe, der erstmal keine Konkurenz in Weimar dulden wollte. Später aber, das weiss wohl jedes Kind, freundeten Schiller und Goethe sich an und tauschten sich über ihre Werke aus. So ist zum Beispiel Schillers Drängen und Aufmuntern zu verdanken, dass Goethe den "Faust" weiter schrieb. Vorher aber, 1790, heiratete Schiller Charlotte von Lengefeld, mit der er später mehrere Kinder hatte.

Wieder in Weimar arbeitete er an vielen großen Werken der deutschen Literatur und hatte, wie bereits gesagt, ein gutes Verhältnis zu Goethe. 1802 bekam Schiller das Adelsdiplom überreicht, wodurch er nun "von Schiller" hieß. Am 9. Mai 1805 starb Schiller an einer Lungenentzündung, die wohl durch die Tuberkuloseerkrankung hervor gerufen wurde.

Weitere Werke: Die Räuber, Kabale und Liebe, Don Carlos, Wallenstein, Wilhelm Tell, Maria Stuart, Das Lied von der Glocke, Ode an die Freude...


-----ZAHLEN, DATEN, FAKTEN:-----
Titel: Wilhelm Tell
Autor: Friedrich Schiller
Verlag: Reclam, Stuttgart
Erschienen: 2004
Seiten: 160


-----KOMMENTAR:-----
Ich muss gestehen, dass ich bisher von Wilhelm Tell nicht viel wusste. Klar, mir war die Szene mit dem Apfel bekannt - wem nicht? - aber ansonsten wusste ich eigentlich nichts mehr. Also bin ich unbefangen an die Lektüre gegangen und recht schnell begeistert. Es handelt sich hier nämlich um ein sehr politisches Stück, wie man schon anhand der Inhaltsangabe sehen kann. Natürlich geht es wieder um Freiheit, aber eben auch um die Unterdrückung von Völkern durch politische Mächte. Gesslers Methoden lassen dabei an die Zeit des Dritten Reiches erinnern. Freilich konnte Schiller beim Schreiben des "Tell" nicht wissen, wie aktuell sein Stoff mal in Deutschland werden würde, aber er ist es - leider - geworden.

Ganz amüsant ist vielleicht, dass "Wilhelm Tell" zuerst im Dritten Reich, genau wie heute wieder, Schullektüre war und gelesen wurde. Adolf Hitler hat sich immer als Wilhelm Tell gesehen - ein Mann also, der sein Volk befreit. Irgendwann ist ihm dann klar geworden, dass man ihn auch mit Gessler gleichsetzen konnte und schon war der Tell verboten. Literatur kann also gefährlich sein und somit auch etwas bewegen - das freut mich.

Diese Parallele zwischen Gesslers und Hitlers Diktatur ist es auch, die das lesen des "Wilhelm Tell" für mich so interessant gemacht hat. Natürlich kann man diese Parallelen auch zu vielen anderen Völkern ziehen, die von irgendeinem Diktator unterdrückt werden.

Aber es geht natürlich nicht nur um die Politik, sondern auch um Wilhelm Tell, der eigentlich, dafür dass er die Hauptfigur des Dramas ist, relativ selten persönlich in Erscheinung tritt. Er ist, als mutiger Mann und hervorragender Bogenschütze aber die Person, die der Bevölkerung Hoffnung gibt. Dabei ist Tell zwar sehr mutig und hilfsbereit ("Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt"; 1. Aufzug, 1. Szene - S. 10 der oben genannten Ausgabe) aber auch naiv. Er hat, wie man so schön sagt, das Herz am rechten Fleck und hilft, wo Unrecht geschieht, aber er möchte eigentlich nur in Frieden leben. Trotzdem wird er in der Geschichte zum Helden, was natürlich dadurch ausgelöst wird, dass Gessler ihn zwingt, den Apfel vom Kopf seines Sohnes zu schießen und somit seine Armbrust auf sein eigen Fleisch und Blut anzulegen. Diese Szene ist natürlich der große Wendepunkt und auch gleichzeitig hochdramatisch. Diese Szene einmal im Theater, mit einem guten Schauspieler als Tell, zu sehen, das wäre eine Freude.

Ähnlich sieht es bei den Landschaften aus. Sie sind von Schiller detailliert beschrieben und beim Lesen dachte ich mir immer wieder, dass es schwer sein müsste, das alles so auf der Theaterbühne zu inszenieren. Da braust das Wasser des Vierwaldstättensees bedrohlich und es fängt an zu gewittern u.s.w. Bei der Uraufführung des "Wilhelm Tell", am 17. März 1804 in Weimar, wurde all dies wohl sehr effektvoll auf die Bühne gezaubert - unter der künstlerischen Leitung Goethes. Diese Natur mit ihrer Macht ist nämlich auch wichtig für das Stück, da sie, besonders der Vierwaldstättensee, eine Vorausdeutung auf die Lebensumstände der Bevölkerung von Schwyz und Uri sind. Umso schlechter das Wetter und umso höher die Wellen auf dem See, umso härter und unerbittlicher wird Gessler.

Interessant ist nun auch noch, dass Schiller sich hier mal wieder eines historischen Stoffes angenommen hat. Er wird ja gern der deutsche Shakespeare genannt und Shakespeare selbst hat ja auch gern historische Persönlichkeiten für seine großartigen Dramen herangezogen. Nun ist es bei Wilhelm Tell allerdings so, dass niemand genau weiss, ob es ihn wirklich gegeben hat. Es gab, schon vor Schiller, eine Sage von einem gewissen Wilhelm Tell. Durch Schillers Drama ist der Tell dann allerdings endgültig zum berühmtesten Schweizer geworden.

Zu guter Letzt dann wieder die Frage, ob das Drama denn nicht schwer zu lesen ist. Ja, ist es. Das liegt, für ungeübte Leser dieser Art von Lektüre, natürlich zum einen an der Sprache Schillers, die natürlich nicht wie unsere heute ist. Zum anderen aber liegt es daran, dass im Tell sehr viele Charaktere und Figuren mitspielen, die man erstmal unter den Hut bekommen muss. Es gibt natürlich eine Liste der Personen, die hilfreich ist, aber wenn man dort immer nachschlagen muss, stört das schon. Außerdem sollte man etwas bewandert sein, was die historischen Zusammenhänge angeht. Besonders zum Ende hin wird das einmal wichtig. Ich habe mich dann erstmal im Internet schlau gemacht.


-----FAZIT:-----
Ein sehr gelungenes Drama, dem ich auch gerade so die Topbewertung geben möchte, weil mich die politischen Aspekte sehr interessiert und gefesselt haben. Damit meine ich vor allem die verblüffenden Parallelen zum Dritten Reich.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Lady-Alexa

Lady-Alexa

20.12.2005 13:24

oh mann, das mussten wir vor jahren einmal in der schule lesen. damals fand ich das soooo langweilig. vielleicht probier ich es nochmal :o)

Cuchulainn1981

Cuchulainn1981

01.11.2005 23:01

Sehr guter Bericht. Ehrlich gesagt, habe ich "Wilhelm Tell" nie gelesen. Trotz Deutsch LK ;) Aber meinem Bruder hat es gar nicht gefallen.

Flipson3

Flipson3

14.10.2005 22:54

Wie immer sehr informativ und unterhaltsam von dir geschrieben. Ein verdientes sehr hilfreich ! mfg, Mathias

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