IN KÜRZE:
“Willi Wiedehopf räumt auf!” verkündet der Titeln dieses Comic-Bandes von Volker Reiche und verspricht damit nicht zu viel. Denn dieser Willi Wiedehopf ist ein aufbrausender Charakter, der tatsächlich ordentlich aufräumt, genauer gesagt schon mal in seiner Stammkneipe randaliert oder ... Bericht lesen
“Willi Wiedehopf räumt auf!” verkündet der Titeln dieses Comic-Bandes von Volker Reiche und verspricht damit nicht zu viel. Denn dieser Willi Wiedehopf ist ein aufbrausender Charakter, der tatsächlich ordentlich aufräumt, genauer gesagt schon mal in seiner Stammkneipe randaliert oder sogar seine eigene Wohnung verwüstet. Da spielt es keine Rolle, ob der Grund für die Aufregung die Freude über ein gewonnenes Fußballspiel ist oder der Ärger mit unglaublich aufdringlichen Nachbarn. Willi Wiedehopf rastet halt wie sein großes Vorbild Donald Duck gern mal aus und hinterlässt allerlei Schrott und ratlose Gesichter. Ein schöner Comic-Band, mit dem der Disney-erprobte Volker Reiche 1984 offenbar die Frankfurter Variante einer allzu menschlichen Tierfigur der geneigten Öffentlichkeit vorstellen wollte. Leider blieb es bei diesem einen Band, und Volker Reiche kümmerte sich künstlerisch wieder um andere (Anti-)Helden.
DER ZEICHNER:
Volker Reiche wurde 1944 geboren und begann während seines Jura-Studiums seine ernsthafte Arbeit im Comic-Bereich. 1976 veröffentlichte er im Selbstverlag den Band “Liebe” und zeigte seine deutlich seine zwei großen Inspirationsquellen auf: auf der einen Seite Zeichnungen mit menschenähnlichen Tierfiguren nach dem Vorbild bekannter Disney-Comics, auf der anderen Seite Inhalte, die dem Underground zu entstammen scheinen, insbesondere rebellischen Charakteren von Robert Crumb nachempfunden waren. Da wundert es nicht, dass Reiche eine ganze Zeit lang zweigleisig arbeitete und neben Beiträgen zur unabhängigen deutschen Comic-Szene (so in “Hinz & Kunz” 1978-81) auch klassisch angehauchte “Donald Duck”-Stories nach dem Vorbild von Carl Barks schuf. In den achtziger Jahren übernahm er außerdem die langlebige Serie um den Igel “Mecki” in der Zeitschrift “Hörzu”. Leider gibt es derzeit von all diesen Comics Volker Reiches keine gesammelten Werke in Buchform. Immerhin liegt aber sein reifes Alterswerk “Strizz” (seit 2002) schon in sieben Bänden vor - ein Zeitungscomic, der auf seine Art das Zeitgeschehen der letzten Jahre widerspiegelt.
DIE SERIE:
Es gibt zwar nur diesen einen Band mit Erlebnissen von Willi Wiedehopf, doch war wohl einst mehr davon geplant: am Ende dieses Buches wird nämlich Band 2 angekündigt und sogar tolle Gaststars versprochen. Schade, dass es nie dazu gekommen ist, das Umfeld von Willi Wiedehopf zu erweitern und ihn weitere Abenteuer erleben zu lassen. Schließlich hat Volker Reiche es später in “Strizz” meisterhaft verstanden, eine Welt um den Hauptcharakter aufzubauen, was natürlich seine Zeit dauert. So existieren nur diese drei Stories um Willi Wiedehopf: dieser lebt in Frankfurt am Main, scheint chronisch schlecht bei Kasse zu sein und macht sich durch sein aufbrausendes Wesen auch schon mal bei seinen Kumpeln in der Stammkneipe unbeliebt. Eine große und relativ teure Leidenschaft des guten Willi ist sein schöner Alfa Romeo. Er lebt offenbar allein und reagiert schon mal allergisch, wenn er in seinen eigenen vier Wänden gestört wird.
DER INHALT:
Der 144 Seiten starke Band in Schwarz-Weiß enthält drei Geschichten um den guten Willi Wiedehopf: Willi will fernsehen! Willi räumt auf! Willi drückt drauf! Willi will fernsehen! Willi freut sich wie wahnsinnig auf das große Pokalspiel seiner Lieblingsmannschaft Eintracht Frankfurt. Mit Wimpel und Fan-Kissen bewaffnet macht er sich auf den Weg in seine Stammkneipe, um mit seinen vermeintlichen Freunden das Spiel vor dem Fernseher mitzuerleben. Beim Verlassen seines Wohnhauses trifft er auf drei Gestalten, die offenbar die neuen Mieter aus der Wohnung über Willi sind. Obwohl auch diese sich auf das Spiel freuen (und schon eine Kiste voll Getränke und Knabberzeug für die Fernsehübertragung besorgt haben) will Willi mit den drei nichts zu tun haben, da sie für seinen Geschmack zu viel Krach bei der Einweihung gemacht haben. Als dann auch noch einer der drei Willis Eintracht-Leidenschaft ins Lächerliche zieht, kommt es fast zu einer handgreiflichen Auseinandersetzung - aber Willi macht sich schnell aus dem Staub. Zur Eile besteht allerdings kein Grund: in Willis Stammkneipe wartet man nicht gerade auf den jähzornigen Wiedehopf. Noch bevor er den Fernseher einschalten kann, wird ihm zunächst die Schadensbilanz des letzten Fußball-Topspiels präsentiert: bei seinem letzten Besuch in der Kneipe hat Willi einen kaputten Stuhl, ein zerrissenes Tischtuch und einen zerbrochenen Teller zurückgelassen. Alles halb so wild, sollte man denken. Leider hat er bei einem tollen “Freistoß” mit einer (unbezahlten) Frikadelle noch einen einmaligen Pokal seines Kumpels Jürgen vom Regal gefeuert und ordentlich beschädigt. Willi muss sich zunächst große Mühe geben, sich an die letzten Vorkommnisse zu erinnern; als ihm sein Meisterschuss wieder einfällt, ist er noch stolz darauf und will wieder zur Tagesordnung - nämlich zum Spiel - zurück. Nichts da - erst soll Willi sich bei Jürgen entschuldigen und dem äußerst mürrisch dreinblickenden Wirt den Schaden ersetzen. Aber nicht mit dem rechthaberischen Willi - dieser lässt sich nicht “erpressen” und verlässt die Kneipe. Da er sich aus diversen Gründen in keiner anderen Gaststätte blicken lassen kann, setzt er sich zu Hause vor den Fernseher, doch so allein macht das tollste Spiel keinen Spaß. Doch von den neuen Nachbarn oben ist deutlich zu hören, dass auch sie beim Spiel dabei sind - vielleicht sollte Willi ihnen doch mal eine Chance geben…
Willi räumt auf! Ein unguter Tag für Willi: bei Wirt Ewald (aus der ersten Story bekannt) gibt es morgens noch nichts zu trinken, schon gar nicht für Willi, der immer noch Schulden in der Kneipe hat. Da nützt es ihm auch nichts, dass er darauf verweist, dass er irgendwo noch ein wertvolles Briefmarkenalbum hat, wenn er nur wüsste wo… Nach weiteren niederschmetternden Erlebnissen auf dem Arbeitsamt sowie mit dem Hausmeister setzt sich Willi zu Hause nieder und hat keine Lust mehr auf gar nichts. Doch die lieben Nachbarn von oben brauchen Schallplatten und ausgesuchtes Werkzeug - und lassen sich nicht lange bitten, sondern suchen einfach bei Willi drauflos, wobei eine gehörige Unordnung entsteht. Als dann auch noch Freundin Wilma auftaucht und Willi auffordert, endlich mal aufzuräumen, lässt er sich das nicht zweimal sagen…
Willi drückt drauf! Mit seinem neuen Kumpel Alfons rast Willi in seinem Alfa Romeo über die Autobahn. Als Autofahrer ist Willi geradezu aristokratisch gesinnt und würde es zum Beispiel würdelos finden, sich mit einem “GTI” oder dergleichen auf ein Rennen einzulassen, er ergeht sich lieber in Lobeshymnen auf seinen Alfa Romeo und die tollen Typen, die solche Wagen souverän fahren - besonders natürlich sich selbst. Als er aber von einem anderen Alfa gleichen Typs überholt wird, erwacht sein Sportsgeist - und wie üblich schießt er übers Ziel hinaus und richtet allerlei Schaden an…
ZU DEN ZEICHNUNGEN:
Die Gestaltung der Figuren ist stark von Reiches Disney-Erfahrungen geprägt, so dass besonders einzelne Nebenfiguren an das Donald-Duck-Universum erinnern. Der Künstler verwendet klare Linien, denen allerdings ein wenig Farbe sicher auch nicht geschadet hätte. Dynamisch und packend sind vor allem Willis Wutausbrüche ins Bild gesetzt - so in der titelgebenden Story, die an zweiter Stelle im Band steht. Genauso ausdrucksstark gelingt dem Zeichner auch die kindliche Freude der Hauptfigur, als er endlich das Briefmarkenalbum wieder findet. Einen unvergesslich mürrischen Gesichtsausdruck zeigt Wirt Ewald - gibt es für ihn etwa gar ein Vorbild im wirklichen Leben?
DATEN:
“Willi Wiedehopf räumt auf!” Text und Zeichnungen von Volker Reiche 144 Seiten in Schwarz-Weiß, Format 15x21cm, Softcover Semmel-Verlag 1984 ISBN 3-922969-19-4 Preis: nur noch antiquarisch zu bekommen - der im Band angekündigte Band 2 ist leider nie erschienen
INSGESAMT:
Ein zeichnerisch sehr schöner Band, der ein gelungenes Charakterbild dieses aufbrausenden und dickköpfigen Wiedehopfs vor uns ausbreitet. Willi Wiedehopf ist ein sehr sympathischer Loser, der auch schon mal unter seinem eigenen Temperament leidet und für den der Leser sicherlich stets ein Happy End erhofft. Ich könnte mir gut vorstellen, dass dieser Band, der den Charakter prägnant und überzeugend einführt, auch sehr vergnüglich mit weiteren Bänden hätte fortgeführt werden können - dazu ist es aber leider nie gekommen.
So bleibt das Urteil über die Serie nur auf diesen einen Band bezogen; und meine Bewertung fällt durchgehend positiv aus. Volker Reiche gelingt eine Disney-Variation mit viel Lokalkolorit, siehe insbesondere Willis Begeisterung für Eintracht Frankfurt. Ich habe auch irgendwie das Gefühl, solche mürrischen Typen wie Wirt Ewald schon mal irgendwo gesehen zu haben. Die Handlung verläuft vergnüglich und bietet genug Anlässe für Willi, aus der Haut zu fahren und mal ordentlich aufzuräumen - und wie! Insofern hat der Titel des Bandes nicht zu viel versprochen, sondern trifft exakt den Nagel auf den Kopf. Leider ist der Band bis auf den Umschlag durchgehend Schwarz-Weiß - der farbige Willi Wiedehopf auf dem Cover und auf der Rückseite (dort bei einem Picknick mit Volker Reiche) ist schön anzusehen. Wäre schön, wenn es eine farbige Neuausgabe gäbe; an eine Fortsetzung nach so langer Zeit ist wohl nicht zu denken.
Hochinteressant zu lesen, wie Volker Reiche mit diesem Band an seine Arbeit an “Donald Duck” anschließt, einen ähnlich sympathischen Loser ins Bild setzt und dies mit ordentlich Lokalkolorit versieht. So empfiehlt sich zumindest in diesem Band Frankfurt am Main als gesunde Alternative zu Entenhausen. Eine sehr lohnenswerte Lektüre.
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