Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
ansprechende Aufmachung / interessant und innovativ geschrieben / leicht verständliche Lektüre, besonders für Einsteiger |
| Kontra: |
wohl eher nichts für Kenner |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Wein zu trinken ist schon was feines. Je mehr ich mich mit Wein beschäftige, desto neugieriger werde ich auf den Rebensaft. So viele unbeantwortete Fragen (Welchen kaufen? Wie lagern? Wann dekantieren? Zu was trinken?), was liegt also näher, als im Buchhandel mal nach einem Weinbuch Ausschau zu halten. Genau das habe auch ich getan, als ich vor einiger Zeit nach einem passenden Geburtstagsgeschenk für meinen Schatz gesucht habe und bin dabei auf "Wine Basics" von Reinhardt Hess gestoßen. Das Buch hat mich gleich so begeistert, dass ich es am liebsten selbst behalten hätte. Klar also, dass ich es meinem Freund nun immer wieder wegnehme, um selbst darin zu lesen... ;-)
[ VOM LAIEN ZUM WEINKENNER IN 100 SEITEN? ]
Ich hatte mir früher schon mal ein Weinbuch gekauft, das allerdings die meiste Zeit unberührt im Regal steht. Die meisten Weinbücher haben den Nachteil, dass sie für blutige Laien, die keinerlei theoretisches Wissen zum Thema Wein haben, oft denkbar ungeeignet sind. Viele Autoren machen sich einfach nicht die Mühe Fachausdrücke möglichst nachvollziehbar zu erklären. Wenn dann im Kapitel Degustation von adstringierenden Weinen die Rede ist, steht man als Laie doof da, weil man das Fachchinesisch nicht kennt. Zu Weinwissen Zugang zu bekommen ist oft nicht leicht, ganz einfach, weil viele Experten sich offensichtlich nicht die Mühe machen, Laien einen einfachen Einstieg in die Materie zu bieten.
Was mich an vielen Weinbüchern auch stört ist, dass ich 200 Seiten über Anbaugebiete und die Geschichte des Weins seit der Antike präsentiert bekomme, wenn es aber um die Fragen geht, die mich wirklich interessieren, kriege ich oft nur wenige Antworten. Was ich immer gesucht habe, war so eine Art Wein-ABC, das mich mit allen Infos versorgt, die man zum Wein genießen (nicht zum intellektuellen Small Talk...) braucht. Mit "Wine Basics" habe ich so ein Buch endlich gefunden...
[ EIN POPPIG-BUNTER SCHMÖKER ]
"Wine Basics" ist ein weiteres Buch aus der Basics-Reihe mit diversen Kochbüchern aus dem Verlag Gräfe und Unzer. Allein optisch zeigt das Buch schon wer hier zur Zielgruppe gehört: Junge Leute. Das knallrote Paperbackcover sticht einem schon von weitem ins Auge. Ein Buch, das man gar nicht verfehlen kann.
Auch im Innern setzt sich dieser Stil fort. Es wird viel mit Farben und Fotos gespielt, wobei einige der Bilder weniger inhaltlich wichtig sind, sondern vielmehr die Gestaltung des Buches unterstützen. Auf Design wurde also sehr viel Wert gelegt, was sich in keinster Weise negativ auf die Funktionalität auswirkt. Die Inhalte bleiben stets nachvollziehbar und sind benutzerfreundlich gegliedert. In seiner Struktur eignet sich das Buch besonders gut zum Querlesen. Auf fast jeder Seite findet man eine farbige Textbox, die zusätzliche Informationen in komprimierter Form bietet. Ein Buch also, das man immer wieder zur Hand nehmen kann.
Wer im Buchhandel schon mal nach Weinbüchern geguckt hat, der wird vielleicht einen riesigen, großformatigen Schmöker erwarten, doch „Wine Basics“ ist da vergleichsweise kompakt. Gerade mal 160 Seiten, die aber prallt gefüllt sind mit interessanten Informationen in ansprechend ausformulierter und leicht verständlicher Form. Dafür kostet das Buch auch nur € 15,-. Für Einsteiger sicherlich ein weiteres gutes Argument zu diesem Buch zu greifen.
[ ÜBERSICHTLICH, ANSPRECHEND, INFORMATIV ]
Inhaltlich gliedert sich "Wine Basics" in 6 Teilbereiche. Innerhalb dieser 6 Bereiche gibt es verschiedene Unterrubriken, die immer wieder auftauchen. Das schöne an dem Buch ist, dass innerhalb dieser Struktur sehr viele konkrete Tipps gegeben werden, die man sofort gebrauchen kann. Ich hatte beim Lesen mindestens einmal pro Seite einen Aha-Effekt. Man lernt gerade als Einsteiger also wirklich etwas dazu. Dabei hat das Buch seinen ganz eigenen Charme, denn manchmal muten die Tipps auch etwas skurril an. Doch kommen wir erst einmal auf die 6 Teilbereiche zurück...
#01 Wein & Ich
Hier zeigt der Autor in lesenswerter Form einmal auf, was den Wein eigentlich so interessant macht. Des weiteren geht es um Aromen im Wein und das Trainieren der Nase, um diese Aromen wahrnehmen zu können. Dazu gibt der Autor auch eine Anleitung für ein paar praktische Übungen, die man zu Hause durchführen kann. Man wird an das Thema Wein recht behutsam herangeführt, fast als würde Reinhardt Hess den Leser an die Hand nehmen und ihm die weite Welt der Weine zeigen. Ein sehr schöner Einstieg in die Materie, der mir ausgesprochen gut gefallen hat.
#02 Wein kaufen
In diesem Kapitel gibt der Autor dann viele brauchbare Tipps zum Weineinkauf. Themenschwerpunkte sind dabei Bezugsquellen, Schnäppchenweine, Flaschenformen, Etiketten und die Lagerung. Gerade der Supermarkt als wichtige Bezugsquelle für Einsteiger wird hier recht ausführlich abgehandelt. Ein Kapitel, das man in vielen anderen Weinbüchern vergeblich sucht. Das heißt aber noch lange nicht, dass der Autor sich nur mit "Supermarkt-Fusel" abgibt. Auch die klassische Weinkellerpyramide, die man in Weinbücher immer wieder findet, wird beispielsweise abgehandelt.
#03 Wein probieren
Hier gibt es dann eine recht konkrete und durchaus umsetzbare Hilfestellung zum Probieren von Wein. Exemplarisch stellt Reinhardt Hess 3 Weinproben zusammen, die sich leicht realisieren lassen, und führt den Leser so an die verschiedenen Weine heran. Tipps zu Beurteilung gibt er dabei auch gleich. Man sieht auch an diesem Kapitel wieder, dass das Buch nicht einfach trockene Lektüre sein will, sondern sich an der Praxis orientiert. Ich denke so findet man einfach auch den besten Zugang zum Wein...
#04 Wein verstehen
In diesem Kapitel gibt es dann doch noch ein paar theoretische Grundlagen, nämlich zum Weinanbau. Es wird erläutert wie aus Trauben Wein wird und was es zum einem qualitativ hochwertigen Wein braucht. Auch "Weinkosmetik" und Weinskandale werden abgehandelt. Insgesamt ein durchaus interessantes Kapitel, denn ein bisschen Hintergrundwissen gehört zum Wein genießen ja dazu...
#05 Wein kultivieren
Nachdem der Autor in den ersten Kapiteln noch viel grundlegendes Basiswissen vermittelt hat, geht er nun davon aus, dass der Leser schon etwas Bescheid weiß. Zunächst gibt es ein paar Informationen zur Trinkreife von Weinen und Tipps zum Führen eines Kellerbuches. Dann gibt es eine Einführung in professionelle Bewertungsmethoden (z.B. Parker-Punkte), Tipps zur professionellen Weinprobe zu Hause (z.B. Je leerer die Flasche-Test) und ein paar goldene Regeln für den Restaurantbesuch.
#06 Wein genießen
In diesem Kapitel geht es um Weine zu unterschiedliche Tageszeiten, Schaumweine, Spezialitäten und Wein zum Essen. Auch auf die gesundheitlichen Aspekte geht der Autor ein, wobei auch Wasser als Begleiter zum Wein eine Rolle spielt. Teilweise geht es also wieder mal um Aspekte, die nicht unbedingt typischerweise in jedem Weinbuch zu finden sind. Durchaus interessante Themen, die der Autor auch gekonnt und unterhaltsam rüberzubringen versteht.
Kurz und knapp stellt Reinhardt Hess an verschiedenen Stellen im Buch auch die unterschiedlichen Anbaugebiete vor. Unterteilt wird in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich & Schweiz, restliches Europa und die neue Welt, wobei jedes Land auf einer Doppelseite abgehandelt wird. Nicht gerade viel. Wer also großes Interesse an den Weinbaugebieten im Speziellen hat, der wird in diesem Buch nicht viele Infos finden.
Schön finde ich die Doppelseite "Magazin", die es in jedem Kapitel gibt. Hier findet man Rezeptvorschläge, eine Bastelstunde (da sage ich später noch was zu...), eine Art Kolumne mit dem Titel "Neffe Andys Weingeschichten", die ganz nett zu lesen ist und eine Beispielrechnung, anhand derer man nachvollziehen kann, was die Weinherstellung den Winzer in etwa kostet.
Die verschiedenen Themenblöcke der einzelnen Kapitel werden immer recht kurz und prägnant abgehandelt. Selten geht ein Artikel über mehr als eine Doppelseite. Somit könnte man dem Autor sicherlich als Kritik vorhalten, dass sein Buch oberflächlich wäre. Stimmt sicherlich auch in gewisser Weise. Da das Buch aber ja einen Einstieg vermitteln will und keinen Rundumschlag in Sachen Wein darstellt, kann man mit dieser Oberflächlichkeit sehr gut leben. Ich jedenfalls. Gerade für Einsteiger helfen kurze, knackige Information mehr als ausschweifenden, allumfassende, seitenlange Abhandlungen.
Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar, in dem ein bisschen Weinchinesisch übersetzt wird, eine kleine Auswahl interessanter Internetadressen zum Thema Wein und ein umfangreiches Register. Diese Dinge tragen sicherlich noch dazu bei den Nutzwert des Buches zu steigern. Insbesondere das Glossar und das Register finde ich eigentlich unersetzlich.
[ LEKTION 1: DEKANTIEREN – MAN NEHME EINE BLUMENVASE... ]
In diesem Punkt komme ich ganz einfach noch einmal auf die Überschrift zurück. Warum ist "Wine Basics" ein Buch für tolerante Weinfreunde? Ganz einfach, weil ein richtiger Weinkenner vermutlich niemals eine Blumenvase zum Dekantieren nehmen würde. Vermutlich würde er auch unter gar keinen Umständen mit dem Wasser-Sprudler selber Prosecco herstellen. Doch Reinhardt Hess bricht in seinem Buch ganz einfach mit solchen Tabus und gibt ganz unverfroren die skurrilsten Tipps.
Eine meiner Lieblingsrubriken im Buch ist daher auch die Bastelstunde. Hier gibt der Autor die interessantesten und schrägsten Tipps, die man sich in einem Weinbuch nur vorstellen kann. Doch das macht er natürlich nicht weil er so ein schräger Vogel ist (vielleicht das auch, aber wer weiß das schon...), sondern im Dienste des Weinverständnisses. Er versucht dem Leser verschiedene Dinge nicht auf abgehobene, theoretische Weise, sondern möglichst plastisch näher zu bringen. Und zu diesem Zweck greift er dann schon mal zu recht ungewöhnlichen Vergleichen und Tipps. So erklärt er beispielsweise den Begriff „adstringierend“ anhand eines kleinen Versuchs mit ein paar Teebeuteln. Oder er erläutert mittels eines nachkonstruierbaren Versuchs wie aus Federweißer Wein wird. Dank dieser Versuche versteht man beim Lesen bestimmte Sachverhalte wirklich besser, insofern erzielt die Rubrik voll und ganz ihre Wirkung.
Doch auch mit einer anderen Rubrik sucht Reinhardt Hess immer wieder die Kontroverse, und zwar unter der Überschrift „Face to Face“. Hier präsentiert er jeweils zwei gegenteilige Meinungen zu Themen, die unter vielen Weinfreunden als strittig gelten. Alte Welt vs. Neue Welt, Edelstahltank vs. Holzfass, Feiertagswein vs. Alltagswein oder Naturkorken vs. Kunststoffkorken. Auch diese Rubrik ist gleichsam lehrreich wie unterhaltsam und gehört daher ebenfalls zu meinen Lieblingsrubriken.
Dass dieses Buch nichts für Pedanten ist, zeigt sich sehr schnell. Wer aber Wein gegenüber aufgeschlossen und neugierig ist, der wird an diesem Buch sicherlich seine Freude haben. Es bietet einen lockeren und unverkrampften Einstieg in die Materie und ist gerade für Laien außerordentlich lehrreich. Wer genügend Toleranz mitbringt und den Tabubrüchen und Experimenten des Autors unvoreingenommen entgegentritt, dem wird die Lektüre sicherlich auch etwas bringen.
Hess lässt immer wieder anklingen, dass es beim Wein einzig und allein auf eine Sache ankommt, den individuellen Geschmack. Jeder sollte ganz einfach für sich die passenden Weine finden, ohne Rücksicht auf Parker-Punkte oder sonstige Kriterien. Und so sagt der Autor es dann auch im Vorwort: "Dieses Buch beginnt nicht bei den alten Römern und den großen Namen, sondern da, wo das Trinken anfängt: im Glas. (...) Und es gibt Antworten auf die Fragen, die wirklich zählen: Wie schmeckt dieser Wein? Schmeckt mir dieser Wein? Und was schmeckt mir noch? Also Flaschen auf, denn im Glas findet sich die Wahrheit."
[ BUCHDATEN ]
Wine Basics
Reinhardt Hess
Gräfe und Unzer Verlag
Erschienen im September 2002
160 Seiten
ISBN 3-7742-4936-9
Preis € 15,-
[ FAZIT ]
Von den Weinbüchern, die ich bislang in der Hand hatte, ist "Wine Basics" auf jeden Fall das, was mir am besten gefällt: Ein kompaktes Buch mit ansprechender Aufmachung und vielen Informationen, die verständlich und teils sogar etwas schräg rübergebracht werden. Für ein Weinbuch äußerst innovativ.
Es werden zwar längst nicht sämtliche Facetten des Weins abgedeckt und insbesondere die Anbaugebiete kommen ziemlich kurz, dennoch haben mir die vorhandenen Inhalte jede Menge Fragen beantwortet. Schließlich richtet sich das Buch ja auch an Einsteiger. Vom Preis-/Leistungsverhältnis her kann man wirklich nicht meckern. Ein Buch das auf jeden Fall 5 Sterne verdient hat.
Empfehlen würde ich es natürlich in erster Linie für Einsteiger und auch eher für die jüngerer Generation. "Wine Basics" ist eine Art "Pop-Reader", mit dem viele ältere Menschen wahrscheinlich nicht allzu viel anfangen können. Auch als Geschenkidee für aufgeschlossene Weinfreunde eignet sich das Buch meines Erachtens sehr gut. Mein Freund hat sich jedenfalls sehr darüber gefreut und liest sehr gerne darin, obwohl er sonst vermutlich kein Weinbuch zur Hand nehmen würde. Pedanten und selbsternannte Weinpäpste sollten aber besser die Finger von diesem Buch lassen (Aber die dürften bereits durch die poppige Aufmachung abgeschreckt werden...).
In diesem Sinne: In vinum veritas...
So long,
Meike