Wing Tsun

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... Ich muss gestehen dass ich zum "Wing Tsun" selbst nur durch reinen Zufall gekommen bin. Tatsächlich dachte ich vor meinem Beitritt in die "EWTO" (Europäische-Wing-Tsun-Organisation) dass ein Kampfsport wie z.B. Tae-Kwon-Do gleichermaßen zur Verteidigung geeignet sei wie die Techniken des ... Bericht lesen





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"Was guckst du so blöd? Was auf´s Maul?!"
Erfahrungsbericht von Der_Tzwen über Wing Tsun
03.06.2006


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Sehr effizient, lockere Trainingsatmosphäre, Verteidigung ohne überdurchschnittliche körperliche Vorraussetzungen  .  .  . uvm .
Kontra: Im Vergleich zu Sportvereinein sehr kostspielig

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Wer kennt das nicht? Im Grunde möchte man mit diesem ganzen Mist garnichts zu tun haben. Diese Streitereien um Nichts und wieder Nichts bei denen es nur darum geht dass sich irgendein Halbstarker vor seinen Freunden beweisen muss. Vielleicht handelt es sich aber auch um den gewaltbereiten, frustrierten Idioten, der sich den ganzen Abend schon nach einem Opfer umsieht an dem er sich mal so richtig auslassen kann. Also das ganze Programm. Von der Einschüchterung zu Anfang über die Demütigung durch Beleidigungen, Rumschubsen oder Anspucken, bis hin zum blutigen Finale durch Kopfnüsse, Faustschläge oder Tritte.
Heute hat er sich Dich ausgeguckt. Es ist so einer dieser typischen Abende im Rahmen einer nächtlichen Feierlichkeit. Ein bekannter deines Kumpels feiert seinen Geburtstag, gerade mal eine Hand voll der Anwesenden Leute kannst du deine Freunde nennen. Die Atmosphäre ist eigentlich recht gut, einzig der Umstand dass hier sehr viel Alkohol fließt und Anwesende nach und nach immer lauter und ausgelassener werden, lässt dich häufig aufmerksam in die Runde blicken. Du kennst die Probleme die sich jetzt in aller Regel nach und nach auftun. Oft schon hast du im Kopf durchgespielt wie du dich verhalten würdest wenn tatsächlich jemand auf dich zukommt und Ärger haben möchte. "Auf keinen Fall würde ich mich so unterbuttern lassen wie die Meisten es tun! Ich würde dem Typen in die Augen Blicken und wenn es sein müsste wäre ich zu allem bereit!" Soweit deine Gedanken bisher.
Doch dann ist es soweit. Dein Blick streift den eines angetrunkenen Typen deines Alters, vielleicht etwas älter. Er wirkt den ganzen Abend schon sehr aufgedreht und als er deinen Blick zornig erwidert guckst du blitzschnell wieder weg. Bereits jetzt beginnt dein herz schneller zu schlagen. Du starrst auf den Tisch vor dir und hoffst das der Typ dich nicht wirklich wahrgenommen hat, du hast keinen Bock auf son´Scheiß. Dann hörst du die erste Beleidigung in deine Richtung. "Hast du ein Problem, Kollege? Ey, ich rede mit dir, Kumpel!"
Dein Herz rast, dennoch bist du weiterhin entschlossen deinem Plan zu folgen. du siehst ihn an und fragst: "Meinst du mich? Was ist denn los?"
"Ich zeig dir gleich was los ist du Pimmel!"
Mittlerweile steht dieser Idiot vor deinem Stuhl. Deine vermeintlichen Freunde starren unbeteiligt vor sich hin, beobachten das Geschehen unauffällig. Wenn alles vorbei ist werden sie behaupten nichts mitbekommen zu haben.
Eigentlich wäre das jetzt der Moment wo du aufstehst um deinem Gegner mit gleicher Überzeugung in die Augen zu sehen, denkst du dir, aber deine Befürchtung jetzt aufzustehen würde sofort eine körperliche Auseinandersetzung zur Folge haben lässt dich vor diesem Idioten eingeschüchtert sitzen.
Versuche jeder Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, wurde dir von klein auf beigebracht und du versuchst den Streit bis aufs Letzte abzuwenden. Dir fehlt dabei allerdings jegliche Erfahrung die notwendig ist um solche Situationen genauer abschätzen zu können .... schlägt mein Gegenüber zu oder blufft er nur? Und selbst wenn du glaubst es abschätzen zu können weist du nicht wie du dich verhalten könntest, um einer unvorhergesehenden Esskalation direkt und effektiv entgegenwirken zu können.
Wie Endet diese Situation also? Entweder es bleibt bei den Beleidigungen und vielleicht bei einem Schupser und dein Gegenüber lässt dich "blosgestellt" vor deinen Freunden zurück, oder er schlägt wirklich zu, erwischt dich unerwartet und völlig unterlegen im Sitzen. Die Folgen kann man nur erahnen.

Zunächst mal hoffe ich das diese kleine Geschichte euch nicht zu sehr gelangweilt hat. Für mich gibt es allerdings keine bessere Überleitung in das Thema Selbstverteidigung , als eine lebensechte Situation, von der ich glaube dass sie jeder schonmal erlebt hat oder sich zumindest Niemand davon frei sprechen kann dass auch er einer solchen Gefahr jederzeit ausgesetzt ist. Schließlich können Konfrontationen dieser oder ähnlicher Art sich ebenso an Bahnhöfen, im Bus, im Parkhaus im Schwimmbad oder sonstwo ereignen.


Wie ich zum WT kam:

Situationen wie ich sie oben geschildert habe waren es, die mich zum "Kampfsport" brachten. Zwar erging es mir bisweilen ,im Verhältnis zu vielen anderen, immer recht gut, aber dass hatte ganz sicher mehr mit Glück als Verstand zu tun. Ich wusste im Grunde schon immer das ich zu "stolz" (oder wie man es nennen mag) war, um mich einfach von jemandem Grundlos anpöbeln und runterputzen zu lassen, wie ich es schon oft bei anderen beobachten musste. Wenn es tatsächlich zu einer solchen Situation kam (bisher glücklicher Weise eher selten) fasste ich auch den Mut meinem "Gegner" gegenüberzutreten und ihm verbal etwas entgegenzusetzen. Wäre es allerdings zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen (was es zum Glück noch nie ist) weis ich nicht wie es ausgegangen wäre. Zwar stand ich mehr schlecht als recht überzeugend da, aber eigentlich doch völlig schutzlos. Keine Deckung, keine Idee wie ich mich vor Angriffen schützen sollte oder eigene Verteidigungsmaßnahmen anbringen könnte. Im endeffekt war ich also dem entschlossenen Schläger gegenüber genauso Opfer, wie jeder andere verschüchterte Junge auch.

Ich muss gestehen dass ich zum "Wing Tsun" selbst nur durch reinen Zufall gekommen bin. Tatsächlich dachte ich vor meinem Beitritt in die "EWTO" (Europäische-Wing-Tsun-Organisation)
dass ein Kampfsport wie z.B. Tae-Kwon-Do gleichermaßen zur Verteidigung geeignet sei wie die Techniken des Wing Tsun (kurz: WT). WT sollte es also nur sein, da die Eltern eines Freundes, über die Ausbildung bei der Polizei, Erfahrungen im WT gesammelt haben, und uns diese Kampfkunst ans Herz legten. Mittlerweile bin ich für diesen Umstand sehr dankbar :) .


Was mich überzeugt hat:

WT ist in der tat kein Kampfsport! es stimmt und es ist wichtiger diesen Umstand zu betonen als es auf den ersten Blick scheint.
Ein Kampfsportler kennt das Terrain in dem er Kämpft, er weis wann er kämpft, er kennt die Regeln, und weis dass sein gegenüber sie ebenfalls kennt. Er kann abschätzen wie sein Gegner sich verhalten wird, welche Möglichkeiten des Angriffs er hat. Er hat diverse Bewegungsabläufe im Kopf gespeichert und kann sie abrufen, außerdem wird sein Gegner ihm entweder im Gewicht oder nach anderen Kriterien gleichwertig sein.
Sieht ein solcher Kampfsportler sich allerdings einem skrupellosen Straßenschläger in einer Kneipe gegenüber, ist die Situation in der er sich plötzlich befindet eine völlig andere. Das Herzrasen ist ein ganz anderes ... das hier ist ernst ... es ist mit Angriffen zu rechnen gegen die er sich vielleicht noch nie zuvor wehren musste. Mit Finten und anderen Tricks, vielleicht auch mit ungewohnter Distanz, die einem Tae-Kwon-Do Kämpfer zum Beispiel zum Verhängnis werden kann. Des Weiteren ist nicht nur die Fähigkeit des Kämpfens von großer Bedeutung, sondern auch das Wissen, das Einschätzen und das Verhalten in einer solchen Situation.
Eben das unterscheidet Kampsport von der Selbstverteidigung WT, was für viele ersteinmal unmännlich, schwach und ungefährlich klingt. Die Wahrheit jedoch zeigt ein Programm von praktischer wie auch theoretischer Bedeutung auf, die den Schüler auf eben diese gefährlichen Auseinandersetzungen auf der Strasse oder sonstwo besser vorbereitet als jeder Kampfsport. Die Techniken des WT beinhalten keinerlei "akrobatische Einlagen" wie Tritte zum Kopf oder Tritte mit Drehungen um die eigene Achse, sondern bestehen im Prinzip blos aus simplen und vor allem direkten Bewegungen zum Ziel. WT legt viel Wert auf die Zentrallinie des Körpers, also die Körpermitte. Von hier aus wird geschlagen und permanent Druck auf den Gegner ausgeübt. Zu Anfang kommt es dem Schüler noch sehr ungewohnt vor, aber nach kurzer Zeit schon merkte ich, dass ein gezielter Fauststoß vom Brustbein an sehr viel schneller auszuführen ist als ein Faustschlag der seitlich des Körpers zum Ausholen zurückfährt, um dann den selben weg nach vorn zu schnellen. Ich kann mir keinen direkteren Weg zum Ziel vorstellen als den, der beim WT vermittelt wird. Es gibt keine einzige überflüssige Bewegung auf die leichtfertig verzichtet werden könnte. Die Prinzipien des WT sind so simpel und eindeutig und doch haben sie mich schwer beeindruckt da ich selbst im Kampf nie daran gedacht hätte sie zu berücksichtigen.

Regeln
1. Ist der Weg zum Ziel (meist Kopf des Gegners oder Solaplexus) frei (ist der Gegner also ungedeckt), so folgt ein Stoß vor (also ein oder mehrere Fauststöße zum Ziel).

2. Stoßen wir mit unserem Fauststoß auf wiederstand (treffen wir also auf den Arm des Gegners), kontrollieren wir ob unser Druck stärker ist als der seine. Sind wir stärker durchbrechen wir die Deckung und finden unser ziel (Stoß zum Kopf)

3. (Der Häufigste Fall von dem in der regel auszugehen ist!)
Wir treffen mit unserem Fauststoß auf Widerstand und sind schwächer als der Gegner. Wir lassen dem Druck des Gegners nach, weichen aber nicht zurück, sondern nehmen seinen Druck auf indem wir uns zur hälfte von ihm wenden lassen, um mit der zweiten Faust und doppelter Kraft ins Ziel zu schnellen.

Diese Regeln klingen jetzt erstmal sehr theoretisch, sie sind aber alle genau so anwendbar. Ich mache jetzt seit ungefähr einem halben Jahr WT und musste mich selbst ersteinmal davon überzeugen. Mitlerweile weis ich, dass es funktioniert. Natürlich muss ich erwähnen das man diese Prinzipien nicht von heute auf morgen verinnerlichen kann. Im Kampf selbst geschehen viele Handlungen unseres Körpers reflexartig. Leider sind es meistens Reflexe zu unserem Nachteil, sie bieten dem gegner Lücken und Angriffsflächen. Beim WT geht es darum diese reflexe durch neue, bessere zu ersetzen. dazu gehört natürlich einiges an Arbeit. Ich gehe zur zeit 3 mal die Woche trainieren und habe mir einen Wandsack (ähnlich einem Boxsack nur flacher und für die Wand, speziell für WT geeignet) angeschafft an dem ich zuhause die Wucht und vor allem die Schnelligkeit (denn auf die kommt es mehr an) meiner Fauststöße verbessern kann. Wenn man intensiv trainiert und einige Zeit dabei ist hat man die Prinzipien und die Reflexe des WT irgendwann so verinnerlicht, dass im Kampf praktisch alles wie von selbst geschieht. Und das ist das Beeindruckende und das überaus effektive am WT. Der WT´ler braucht nicht nachdenken, er braucht sich keine Bewegungsabläufe vor Augen rufen und erst überlegen bevor er handelt. trifft ein Widerstand auf seinen Arm wird er aus Reflex handeln bevor er selbst so richtig begreift was passiert. Die Handlungen werden enorm schnell und für Außenstehende unüberschaubar. Viele sagen das sieht ja bloß aus wie unkoordiniertes Rumgehampel oder so (in übertrieberner Form). WT ist eben nichts für die große Show :) Aber die richtigen Reflexe mit dem sicheren WT-Stand (spezieller Fußstand, Gewicht auf einem Bein) und dem Wissen um gefährliche Situationen um das Verhindern, aber auch um die Verteidigung bei Deeskalation geben Selbstvertrauen, Sicherheit die sich im Auftreten bemerkbar macht, einen Überblick bei gefährlichen Situationen der einem hilft sich genau richtig zu verhalten und nicht hilflos darzustehen unwissend wie einem geschieht.

Ich könnte hier sicher noch einige Zeit weiter loben, denn das Kampfsystem hat mich wirklich überzeugt, aber irgendwann wirds warscheinlich auch zu lang :)
Wer also mehr erfahren möchte kann mich ja einfach anschreiben, ich antworte gern!

Kontra:
Zum Ende hin muss ich allerdings auch noch ein wenig Kontra anfügen :-\

An der Kampfkunst an sich habe ich besher noch keinerlei Mängel entdecken können :), allerdings gibt es da ein paar formale und finanzielle Punkte die mich in meiner begeisterung etwas bremsen. WT ist kein staatlich eingetragener Sport und obliegt somit einzig und allein der Obhut vieler kleinerOrganisationen und weniger großer (wie z.B. der "EWTO"). Diese Organisationen müssen allerdings alle selbst für jegliche Kosten aufkommen, meistens auch für die monatliche Miete von Räumlichkeiten in Fitnessstudios in denen die Trainingseinheiten abgehalten werden. Die Folge ist also ein sehr hoher Mitgliedsbeitrag der jeden Monat zu entrichten ist. Im Kreis Wuppertal, indem ich trainiere, sind es 45 Euro jeden Monat (eine Anmeldung verpflichtet zu einem Jahr Mitgliedschaft). Dieser Betrag kann durch verschiedene Faktoren gesenkt werden. Ich bezahle beispielsweise "nur" 39 Euro monatlich weil ich mich zusammen mit einem Freund angemeldet habe, so eine Art Gruppenrabbat also. Dennoch eine ganze Stange Geld. Ärgerlicher fand ich jedoch den Umstand, dass es uns für diesen Beitrag nicht frei stand wie oft wir trainieren dürfen. Wir haben die Möglichkeit mit dem Auto innerhalb von einer viertelstrunde zu 2 verschiedenen WT Schulen in unserer Umgebung zu gelangen. In jeder dieser Schulen ist 2 mal in der Woche Unterricht. Uns ist es allerdings nur erlaubt in der Schule in der wir uns angemeldet haben zu trainieren (also 2 mal die Woche) es sei denn wir entrichten einen weiteren Beitrag von 18 Euro im Monat, dann dürften wir in allen Schulen im Kreis Wuppertal trainieren, also theoretisch jeden tag in der Woche. Ich bin der Meinung für einen ohnehin schon satten Monatsbeitrag sollte ein EWTO Schüler auch 4 mal die Woche trainieren dürfen.

Ich hoffe aber ich konnte trotzdem jemanden zu dieser wirklich außerordentlichen Kampkunst überzeugen.
Für Denjenigen, der das Geld und wirkliches Interesse an der Sache hat, also motiviert genug ist regelmäßig zu trainieren wird es sich ganz sicher lohnen! :)

Ich hoffe ich konnte helfen,
Gruß
Sven   
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