... Nach seinem Bestseller „Rheingold“ rückt „Wodans Fluch“ mit der Figur Hagens den Konflikt zwischen Christentum und heidnischen Schamanismus in den Mittelpunkt. Diesmal wird weniger Sagenstoff aufgegriffen als tatsächliche Geschichte, Hagen, Attila, sein fränkischer Freund Walter und Hildegund, ... Bericht lesen
Erfahrungsbericht von Longasc über Wodans Fluch / Stephan Grundy 20.07.2003
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
wenig spannend
Wie ergreifend ist die Story?
ergreifend
Pro:
Hagens Zeit bei den Hunnen, Konflikte zwischen Heiden - und Christentum
Kontra:
Kaum Charakterentwicklung, kein echter Höhepunkt, abruptes Ende
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Weltbekannt ist die Legende vom strahlenden Drachentöter Siegfried. Doch nahezu genauso berüchtigt ist sein grimmiger Mörder Hagen.
Stephan Grundy, der seine Doktorarbeit über den germanischen Gott Wodan schrieb, ist ein Kenner der Materie. Nach seinem Bestseller „Rheingold“ rückt „Wodans Fluch“ mit der Figur Hagens den Konflikt zwischen Christentum und heidnischen Schamanismus in den Mittelpunkt. Diesmal wird weniger Sagenstoff aufgegriffen als tatsächliche Geschichte, Hagen, Attila, sein fränkischer Freund Walter und Hildegund, die einmal Attila heiraten soll, sind die Hauptpersonen.
Auffallend ist, das obwohl „Wodans Fluch“ ein Prequel zu „Rheingold“ ist, die Namensgebung sich unterscheidet: So heißt Hagen Hagan, Walter Waldhari und Gunther Gundahari. Zum Glück kommt kein Karl (Kalahari?) in der Handlung vor. Weiterhin treten die bekannten Sagengestalten Dietrich von Bern (hier: „Thioderik“) und Waffenmeister Hildebrand auf.
‹›•‹›•‹› HANDLUNG ‹›•‹›•‹›
Attila, König der Hunnen, fordert von den Burgundern eine Friedgeisel. Nun möchte man nicht Gundahari hergeben, der seinem Vater Gebika als König der Burgunder nachfolgen soll. Krimhild schickt deshalb Hagan in das Lager der Hunnen.
Dieser wird dort zwiespältig aufgenommen. Seine Klugheit, Wildheit in der Schlacht und sein Respekt gegenüber den Bräuchen der Hunnen und seine Liebe zu den alten Göttern werden sehr hoch geschätzt. Doch der des Lächelns unfähige, ewig misstrauische und insgesamt wenig erbauliche Hagan hat außer dem christlichen Franken Waldhari, der ebenfalls eine der zahlreichen Friedgeiseln Attilas ist, keinen echten Freund im Lager der Hunnen. Außer dem Gyula, den Ober-Schamanen der Hunnen. Dieser erkennt Hagans Potential und will ihn zu seinem Nachfolger machen.
Die Kultur der Hunnen ist wild und rauh, Frauen haben außerhalb ihres Frauenhags wenig zu sagen. Das ist für die junge Hildegund, die Attila zuerst als Friedgeisel und später als Gemahlin zur Seite stehen soll, eine echte Katastrophe. Wenig beeindruckt ist sie auch von Attilas Begrüßungsshow, sie auf dem Pferd reitend vom Boden zu reißen und sie so zu „rauben“. Von solchen und ähnlichen Missverständnissen ist ihre Beziehung stets geplagt, zumal sie als Christin in der heidnischen Welt der Hunnen nicht so Recht Fuß fassen kann.
Bald erkennt Attila, wie sehr Hildegund dem jungen Waldhari zugetan ist. Hagan als Vertrauter Attilas steht nun zwischen den Stühlen und unternimmt alles, um seinen Freund zu schützen. Doch nach dem Tod König Gebikas wird er nach Burgund zurückgerufen, er lässt Waldhari und Hildegund zurück, aber auch die schöne Hunnin Saganova, die es dem sonst mehr in der Geisterwelt lebenden Hagan schwer macht, zu gehen.
Er wird Hüter seines Bruders Gundahari und der Sitten seines Volkes, die immer mehr vom Christentum verdrängt werden. Seine Mutter Krimhild lässt ihn jedoch nicht aus ihrem intriganten Griff, er heiratet zum Wohle Burgunds die Christin Kostbera, eine Ehe, welche für beide die Hölle auf Erden ist. Verständnis ist zwischen der fanatischen Christenfrau und dem nur wenig kompromissbereiteren Hagan nicht gegeben.
In Attilas Lager kompromittieren eifersüchtige Hunnenweiber Waldhari und Hildegund, und obwohl noch nichts zwischen ihnen geschehen ist, ist ihre Liebe so offensichtlich, dass Attila keine Wahl bleibt, er will Köpfe rollen sehen. Die beiden können fliehen, und Attila hetzt ihnen Reiter nach. Die Flüchtigen kreuzen Gundaharis und Hagans Weg, die als hunnische Verbündete, aber auch als enge Freunde, ihnen nun im Kampf begegnen müssen.
‹›•‹›•‹› KRITIK ‹›•‹›•‹›
Das Buch fasziniert vor allem im Lager der Hunnen – hier kann Grundy aus seinen reichen Kenntnissen schöpfen, und mit Attila, Hildegund, Waldhari und Hagan sind neben vielen anderen gelungenen Nebenfiguren auch die interessantesten Aspekte des Buches zu finden.
Trotz gelegentlicher Schlachten ist der sich anbahnende Konflikt zwischen Attila und dem durch Waldhari und Hildegund verkörperten Christentum das zentrale Thema. Hagan steht fest auf Seite der alten Götter, seine an den Zauberer Merlin erinnernde Ausbildung zum halben Schamanen durch den Geistesbeschwörer der Hunnen tut dazu ihr übriges. Diese wird oft metaphysisch dargestellt, so sieht Hagan in der Schlacht die Walküren Krieger niederstrecken oder beschirmen, und ist selbst in Geisterform fähig, seinen Freund Waldhari z.B. zu schützen.
Toll ist die freundschaftliche Beziehung Attilas zu seinen Friedgeiseln geschildert, über der immer eine latente potentielle Feindschaft liegt. Darunter leidet aber vor allem die Charakterentwicklung Hagans: Der Einstieg in die Geschichte beginnt mit einem bereits ca. 14-16 jährigen Hagan, der bereits die grimmigen, verschlossenen und treuen Züge der klassischen Figur trägt. Er entwickelt sich nicht weiter im Laufe des Buches, seine Charakterzüge werden nur durch verschiedene Ereignisse deutlicher herausgestellt. Geheimnisse Hagans wie seine zweifelhafte Herkunft werden nicht gelöst, stattdessen wird er zu einem heidnischen Zauberlehrling im Kettenhemd umfunktioniert, zum Glück nicht allzu sehr, aber mir persönlich missfiel diese Interpretation Grundys.
Der bei Wagner unverheiratete Hagan nimmt sich hier, wie in Rheingold, eine Frau, Kostbera, aber auch die Konflikte im eigenen Haus zwischen Christin und Heiden werden zwar schlüssig und überzeugend, allerdings doch recht kurz abgehandelt.
Überraschend ist, Hagans großer Auftritt, der ihn berühmt gemacht hat, der Mord an Siegfried, wird in diesem Buch noch gar nicht stattfinden. Ebenso bleibt der finale Kampf in Attilas Halle dem Vorgänger „Rheingold“, zu dem dieses Buch das Prequel ist, vorbehalten.
Die Flucht Waldharis mit Hildegund findet auf den letzten Seiten statt, und so besteht der Großteil des Buches aus Charakter- und Kulturstudien. Das ist allerdings nicht so negativ gemeint wie es jetzt klingen mag, diese sind sehr unterhaltsam und gut, vor allem die Zeit bei den Hunnen ist sehr komplex und vielschichtig und nimmt auch den größten Teil des Buches ein. Leider fehlt es dann doch an den großen Aufhängern, den epischen Höhepunkten, wie sie das in „Rheingold“ vorgestellte Nibelungenlied bieten konnte.
‹›•‹›•‹› FAZIT ‹›•‹›•‹›
Wer dieses Buch liest, ohne den Bestseller „Rheingold“ zu kennen, wird es nicht ganz genießen können. Ein Interesse für die Figur des Hagan und gewisse Grundkenntnisse der Historie und Sagen dieser Zeit sollte vorhanden sein. Diese Ansprüche werden dann auch weitgehend erfüllt, jedoch ohne große Spannungsmomente.
Wer einen Germanen in Action erleben will, sollte vielleicht eher sein Augenmerk auf das oberflächlichere, aber unterhaltsame „Thorag oder Die Rückkehr des Germanen“ von Jörg Kastner richten, welches die Erlebnisse des ehemaligen Römerfreunds Thorag an der Seite Armins, der Varus in der berühmten Schlacht im Teutoburger Wald vernichtend schlägt, schildert.