Geschäft ist Geschäft, wenn die Liebe nicht wäre
07.01.2006
Pro:
großartige Darsteller, breit angelegte Themenkreise, stimmige Inszenierung
Kontra:
holprige Figurenzeichnung, Nähe zu "Dornenvögel"
Empfehlenswert:
Ja
 carmen
Über sich:
manchmal da....
Mitglied seit:15.12.1999
Erfahrungsberichte:1045
Vertrauende:148
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 114 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Madeleine Stowe gehört schon lange zu meinen Lieblingsschauspielerinnen, und so überraschte es mich natürlich sehr, in der Fernsehzeitung einen Film mit ihr zu finden, den ich absolut nicht kannte. Nicht mal dem Namen nach, und ich bin bekanntermaßen die Filmtante in der Familie, die sich auskennt. So wundert es auch nicht, daß hier ebenfalls noch niemand über diesen Streifen berichtet hat und da freut es mich, die erste sein zu dürfen. ** Die Story ** Man sollte meinen, es wäre das vollkommene Glück, das die Familie Barrett im Boston der 30er Jahre da besitzt. Sie sind ein junges und liberales Paar, anerkannt in der feinen Bostoner Gesellschaft und in der katholischen Gemeinde, modern in ihren Anschauungen und erfolgreich. Arthur (William Hurt) arbeitet als Anwalt, dessen Erfolg immerhin schon so viel Beachtung und Ruhm gebracht hat, daß es bis in die Kreise um Präsident Roosevelt gedrungen ist. Man munkelt, er könnte es demnächst bis zum Berater des Präsidenten bringen. Eleanor (Madeleine Stowe) ist nicht nur sehr attraktiv und intelligent, sie versucht sich auch als Schriftstellerin und hat es mit der Unterstützung ihres Mannes geschafft, gerade ihren ersten Roman zu veröffentlichen. Beide sind vermögend, wohnen in der besten Gegend und haben ein beeindruckendes Anwesen. Dazu lieben sie sich noch innig, und so könnte man denken, daß sie die vollkommene Traumehe führen.
Doch es gibt einen wunden Punkt, einen Makel in ihrem Leben: Arthur ist zeugungsunfähig, während sich Eleanor mit ganzer Seele ein Kind wünscht. Da Arthur der Wunsch seiner Frau höher steht als alle moralischen Bedenken, schlägt er ihr vor, sich einen Liebhaber zu nehmen, von dem sie schwanger werden könnte. Bei einer erfolgreichen Zeugung würde der Mann schließlich fürstlich entlohnt werden. Ein ungeheurer Vorschlag, nicht wahr? Ungeheuerlich für diese Zeit. Anfangs ist Eleanor denn auch schwer irritiert, aber schließlich ist ihr Kinderwunsch stärker als alle Bedenken. Und beide sind der Meinung, dieses Arrangement könnte ihrer Ehe keinen Schaden zufügen, weil ihre Liebe zueinander größer ist als ein Geschäft. Nur die Haushälterin Syril (Blythe Danner) warnt vor solch einem Handel. Der Auserwählte ist der Harvard-Absolvent Roger Martin, der das versprochene Geld nach erfolgreicher Zeugung gut gebrauchen kann. Er ist jung, gutaussehend und intelligent, also fällt es Eleanor nicht besonders schwer, mit ihm einige Nächte zu verbringen. Doch schon bald tritt das ein, was niemand vorhergesehen hat: der junge Mann verliebt sich schwer in Eleanor. Auch nachdem sie schwanger ist, sich von ihm getrennt und er sein Geld bekommen hat, belästigt er sie sowohl telefonisch als auch in ihrem Haus. Dann geht er so weit, Arthur zu drohen, er würde ihr kleines Arrangement öffentlich machen, wenn er Eleanor nicht sehen dürfte. Und er erhebt plötzlich Anspruch auf sein Kind.
Doch die Barretts haben noch eine Baustelle, die einzustürzen droht: der neue Pfarrer in der Gemeinde, Michael McKinnon (Kenneth Branagh) stellt sich als Sohn von Arthurs älterem Bruder Samuel heraus, der mit den Nazis finanzielle Geschäfte macht. Auch das könnte dem Ansehen der Familie schaden. Als Eleanor wenig später den Pfarrer aufsucht, platzt sie in ein Armenbegräbnis hinein. Dabei geht der Sarg auf, in dem kein anderer als Roger Martin liegt. Vor Entsetzen stürzt sie in die offene Grube und verliert ihr Kind.
** Darsteller ** William Hurt ist mir persönlich das erste Mal aufgefallen in dem überaus sensiblen Drama "Gottes vergessene Kinder". Er studierte einige Jahre Theologie, ehe er zum Schauspiel wechselte und schließlich 1980 in "Der Höllentrip" sein Filmdebüt gab. Der Durchbruch gelang ihm mit "Heißblütig - Kaltblütig" und in den 80er Jahren wurde er mit der intensiven Darstellung komplexer und sensibler Charaktere einer der gefragtesten Schauspieler. So bekam er allein in den Jahren 1985 bis 1987 einen Oscar für "Der Kuß der Spinnenfrau" und je eine Nominierung für "Gottes vergessene Kinder" und "Nachrichtenfieber". Außerdem war er zu sehen in "Gorky Park" (1983), "Der Doktor - Ein gewöhnlicher Patient" (1991), "Jane Eyre" (1995), "Die Akte Romero" (1999) und zuletzt in "The Village - Das Dorf" (2004).
Madeleine Stowe (Gefährliche Affäre, Wehrlos - die Tochter des Generals) kam erst relativ spät zum Film. Nach ihrem Studium zu (Film und Journalismus) spielte sie zunächst nur in Fernsehproduktionen und auf der Bühne und gab 1987 ihr Filmdebüt in John Badhams "Die Nacht hat viele Augen". Ganz bekannt sind wohl ihre Rollen als Wissenschaftlerin in "Twelve Monkeys", die der blinden Musikerin in "Blink", als beherzte Hure in "Bad Girls" und in "Der letzte Mohikaner".
Kenneth Branagh wird heute als Nachfolger von Shakespeare-Darsteller Laurence Olivier bezeichnet. Schon früh interessierte er sich für das Theater und war bereits mit 20 ein Mitglied der Royal Shakespeare Company. Angesehen, aber auch umstritten, denn er galt dort als arrogant, streit- und herrschsüchtig, weshalb er letztendlich seine eigene Truppe gründete, die Renaissance Theatre Company. Seine Kinokarriere begann er folgerichtig mit der Shakespeare-Adaption von "Heinrich V.", bei der er auch Regie führte und eine Oscar-Nominierung als Hauptdarsteller und als Regisseur erhielt. Er spielt aber nicht nur Shakespeare. Zu sehen war er auch in dem Thriller "Schatten der Vergangenheit", "Mary Shelleys Frankenstein", "The Gingerbread Man" oder in der Western-Komödie "Wild Wild West".
** Filmkritik ** Um es schon mal vorab auf den Punkt zu bringen, der Film ist nur etwas für Liebhaber von Melodramen mit Blick auf die Vergangenheit. Dennoch hat der Film einige interessante Aspekte, die ihn sich von der Masse der Kostümfilme abheben lassen.
Der menschliche Aspekt der Kinderlosigkeit. Da kann ich nicht mitreden, aber ich kann mir vorstellen, daß es in jedem Jahrhundert Ehepaaren große Belastung auferlegte, wenn es ungewollt kinderlos blieb. Heute löst man das weitgehend medizinisch, während es für die damalige Zeit sicher unvorstellbar war, sich einen "Leihzeuger" zu nehmen. Die menschlichen Probleme, die daraus entstanden, sind wohl vorprogrammiert. Die Rolle der Frau. Das Ehepaar Barret ist modern und liberal. Aber wenn es darum geht, der Ehefrau wirklich die Freiheit zu lassen, dann verfällt Arthur Barrett in alte Muster: als Eleanor ihn wegen des Verdachts des Mordes verlassen will, hält er ihr vor, daß sie nie ein Einkommen haben würde, als Katholikin in keine Kirche mehr gehen könnte, weil er nie in eine Scheidung einwilligen würde. Und so kehrt die Schuldige nach kurzem Aufstand in den Schoß der Ehe zurück. An der Frage nach einem Kind, so ungewöhnlich und "modern" auch die Art der Zeugung sein mag, m Ende handelt sie nicht mehr wie die emanzipierte Frau, sondern wie eine ganz gewöhnliche. "Es kam Arthur nicht in den Sinn, daß er sie von ihren Schuldgefühlen befreien oder ihr anbieten sollte, die Schuld mit ihr zu teilen, noch kam es Eleanor in den Sinn, daß sie gerade den Fehler machte, den alle Frauen seit Anbeginn der Zeit begehen: Sie hatte einem Mann nicht nur seine Taten .vergeben, sondern auch noch die Verantwortung dafür übernommen. Sie schloß die Augen und sagte ihrem weiblichen Gott Lebewohl."
Der Kriminalfall. Das Spannende an diesem Melodram ist im Grunde die Frage, ob Arthur den armen Liebhaber seiner Frau umgebracht hat oder auch nur umbringen ließ. Als Zuschauer ist man da ganz sicher, denn schließlich hat er ihn offen bedroht und angekündigt, ihn zu töten. Politik und Religion. In den zahlreichen Gesprächen, die Eleanor Barret mit ihrem Mann und mit dem Pfarrer führt, geht es natürlich auch um religiöse Grundsatzfragen, wie die Frage nach dem Geschlecht Gottes (das hatten wir dann noch einmal in "Dogma"), oder was den Glauben ausmacht. Man muß schon genau zuhören und am besten auch Der Film wird aus der Sicht des Priesters Michael McKinnon erzählt, der scheinbar eine Art Beichte ablegt.
Einziger Wermutstropfen, wenn man es so überhaupt bezeichnen kann, denn es spielt im Grunde keine große Rolle, ist die gegen Ende einsetzende Ähnlichkeit der Handlung mit Colleen McCulloughs "Dornenvögel", die frappierend ist und deswegen ein wenig billig wirkt. Ansonsten gefällt der Film durch eine tolle Ausstattung, die kunstvoll das Ambiente der intellektuellen Upper Class der 30er Jahre in Amerika widerspiegelt. Ebenso stimmig sind Musik und Kostümierung.
** Meine Meinung ** Obwohl ich nicht hundertprozentig überzeugt bin, hat mir der Film dennoch gut gefallen. Zum einen ist die Botschaft klar: Geld allein macht nicht glücklich. Und: Bei solcherlei Geschäften sind Gefühle unkalkulierbar und haben schon ganz andere Katastrophen herbeigeführt. Dank der doch recht feinfühligen Umsetzung und der beiden großartigen Darsteller ist der Film dennoch ein (streitbarer) Genuß.
** Daten ** USA 1998 Genre: Melodram Originaltitel: The Proposition Regie: Lesli Linka Glatter Drehbuch: Rick Ramage Kamera: Peter Sova Musik: Stephen Endelman FSK: ab 12 Jahren
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07.02.2006 09:22
den muss ich auch mal sehen ... lg nicky
12.01.2006 13:59
Schöner Filmbericht. Grüßle Jacky
09.01.2006 19:19
klingt interessant, sollte ich mir mal anschauen, lg heidi