Forever Young
07.10.2008
Pro:
Wirklich mal alles
Kontra:
Wirklich mal nichts
Empfehlenswert:
Ja
 MissVega
Über sich:
Endlich wieder Hamburg-Stammi! Am 20. Juli 2013! ;-) Im Juli London, im August Las Vegas - Hawaii - ...
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Es gibt Filme, die wiegen jedes einzelne Kinoticket für jeden Scheißfilm, den ich in geschätzten 20 Jahren ertragen musste, auf. Die machen mir wieder deutlich, warum ich fast jede Woche ins Kino renne, warum ich mich auf Filmfesten rumtreibe und mir wahre Movie-Marathons in Kinosälen oder auf der heimischen Couch antue. Warum ich Independent-Produktionen, Filmen aus Ländern, von denen man vermutet, dass sie noch nicht mal ein Kino haben und Regisseuren, die vielleicht nur einmal im Leben einen wirklich guten Film abliefern, immer wieder eine Chance gebe. Warum ich enge Programmkinos, unmögliche Leute, die nebenbei quatschen, essen und rumzappeln und teure Ticketpreise in Kauf nehme. Weil es dann plötzlich passiert und man sich in einem Film wiederfindet, der einen durch die ganze Bandbreite menschlicher Emotionen führt, der einen ganz tief drinnen im Herzen berührt, einen glücklich und traurig zugleich macht, der einen anrührt, begeistert, zum Lachen bringt und einem seine ganz eigene Wahrheit erzählt. Mir steigen jetzt noch die Tränen in die Augen, wenn ich an den gerade gesehenen "Young@Heart" denke, und das aus den unterschiedlichsten Gründen. Selten hat mich ein Film so sehr berührt, mich einfach mit sich fortgerissen und emotional ergriffen zurückgelassen. Ein wirklich toller Film. Nun, genauer gesagt ist es eine Dokumentation. Und dann auch noch eine über steinalte Leute, die auf irgendwelchen Bühnen stehen und singen. Aha… Wie nun hat es Dokumentarfilmer Stephen Walker geschafft, einen so wunderbaren Film über etwas vermeintlich völlig Uninteressantes zu drehen? Ich vermute, es ist die Kombination aus einer wirklich exzellenten Regie, einem perfekt geschnittenen Film, der Musik und natürlich der unverwechselbaren und wirklich einzigartigen Darsteller, die nicht spielen, sondern einfach nur sie selbst sind. All dies wird in 109 Minuten zu einer der warmherzigsten und besten Dokumentationen, die ich je gesehen habe. Ich habe selten in einem einzigen Film so oft aus ganz unterschiedlichen Gründen geweint: vor Rührung, vor Freude, vor Trauer, vor Begeisterung und noch mal vor Rührung. Walker hat hier eindrucksvoll bewiesen, wie man punktgenau die richtige Stimmung zu den richtigen Bildern erzeugt, wie man ganz genau mitfühlen kann, was die Protagonisten fühlen und wie man gekonnt zwischen Höhen und Tiefen im Storyverlauf vermittelt. Ich bin wirklich beeindruckt.
Bob Cilman, 53, leitet einen Chor, deep down in Massachussets. Das Besondere daran: die Chormitglieder sind zwischen 75 und 92 und singen ihre ganz eigenen Versionen von The Clash's "Should I stay or should I go", James Browns "I feel good" oder dem recht unzugänglichen "Schizophrenic" von Sonic Youth. Mit ihrem Programm sind sie sowohl in Amerika als auch in Europa unterwegs, sogar vor dem norwegischen Königspaar sind sie aufgetreten. Walker wechselt in seinem Film zwischen Chorproben, den Musikvideos des Chors (die im Übrigen klasse sind), Interviews mit den Sängern und Sängerinnen in ihrer gewohnten Umgebung, das heißt zu Hause oder im Krankenhaus und den Auftritten, die sie in Konzertsälen, aber auch z. B. in einem Gefängnis abhalten. Einige Chormitglieder stellt er uns näher vor, so dass wir einen kleinen Einblick in ihr Leben bekommen, in dem sich immer noch alles um Musik dreht. Selbst schwere Krankheiten können Einige von ihnen nicht abhalten, sich immer wieder zu den Proben zu quälen, mühevoll ihre Texte auswendig zu lernen oder die leicht eingerosteten Stimmbänder wieder geschmeidig zu singen. Man merkt, das Proben, das Singen und die Auftritte nehmen einen großen Platz im Leben dieser Senioren ein. Es hält sie offensichtlich geistig fit, wie sonst wäre es zu erklären, dass eine 92jährige Frau ungeniert mit dem Regisseur flirtet, ein bereits mehrmals an Krebs erkrankter Mann die schwierigsten Songtexte in unglaublich kurzer Zeit auswendig lernt und sogar ein Mann mit schweren Herzproblemen wieder zum Chor zurückkehrt, die Sauerstoffflasche fest unter den Arm geklemmt. Der uns mit Sätzen wie "We went from continent to continent until I became incontinent" erheitert und trotz aller krankheitsbedingter Schicksalsschläge seinen Humor nicht verloren hat (vorsichtshalber hat er schon mal selbst die zu haltende Grabrede für ihn in Versform verfasst). Wenn eine kleine, schmächtige, schwarze Frau "I feel good" röhrt, dass es die Zuschauer von den Sitzen reißt, mit soviel Enthusiasmus und Lebensfreude, wird man fast neidisch. Wenn alte Menschen den Wunsch haben, noch lange, lange zu leben, damit sie weiter singen und ihr Leben genießen können, wenn sie sich wünschen, nach ihrem Tod auf einem Regenbogen zu sitzen und so den Proben sozusagen "von oben" weiter beiwohnen können, dann ist das einfach nur zutiefst berührend und zauberhaft mit der Kamera festgehalten. Da werden die müden Knochen zu Höchstleistungen angetrieben, indem man rhythmisch zu den Liedern wippt oder tänzelt, da werden die grauen Zellen mit Songtexten auf Trab gebracht und das Lebensgefühl durch das soziale Gefüge des Chors definitiv gehoben. Was für ein wundervoller Haufen Künstler, die nicht verzagen, nicht ständig über ihre Krankheiten reden und es nicht verlernt haben, sich das Beste zu greifen, was das Leben noch für sie bereithält. Gerade, weil der Tod ihrem Leben eine Komponente hinzufügt, für die sie einfach noch nicht bereit sind. Dennoch sterben im Verlauf der Dreharbeiten zwei ganz reizende alte Herren an ihren langjährigen Leiden. Aber, that's life and the show must go on, und genau das machen unsere Sänger auch, sie machen einfach weiter und integrieren ihre Trauer mit in ihre Auftritte. Diese Szenen gehören zu den ergreifendsten im ganzen Film. Walker kommentiert aus dem Off, was hier eine perfekte Ergänzung zu Bildern, Musik und den Erzählungen der Chormitglieder bildet. Übrigens Bilder: Kameramann Ed Marritz fängt sowohl pittoreske, weil in leuchtende Farben gehüllte, als auch verregnete und realistische Bilder von Massachussets ein. Hier fügt sich einfach alles perfekt zusammen zu einer hervorragend ausbalancierten Dokumentation, in der man sogar Gefängnisinsassen weinen sieht. Und auch der Zuschauer kann sich diesen überaus charmanten, witzigen und lebensfrohen Senioren nicht entziehen, ob er will oder nicht, der Film trifft ihn mitten ins Herz und bleibt dort noch eine ganze Weile hängen, was, neben der Vorstellung dieser bezaubernden Menschen, sein größtes Verdienst ist. Ich kann wirklich nur jedem, wirklich jedem empfehlen, sich diesen Film anzusehen, er ist großartig und ergreifend, rundum gelungen und fantastisch, besser kann man es einfach nicht machen und man sollte ihn auf gar keinen Fall verpassen, denn ich behaupte, man kommt sehr selten so ergriffen aus dem Kino. Definitiv fünf von fünf "Zugabe"-Rufen plus Standing Ovations für diese einzigartige Dokumentation. Bravo!
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10.11.2009 22:41
Ich kann mir im Moment noch nicht so richtig vorstellen, dass Dich dieser Film so bewegt, aber die bisherigen Tipps von Dir lassen mich dann doch nachdenken. Ich werde ihn mal auf die Liste nehmen. LG
20.08.2009 11:56
sicher kein Film zum "Berieseln" ... grüsse MOFFt
03.12.2008 14:48
Das ist wirklich nett. :) Und mit den richtigen Menschen sicherlich absolut sehenswert. :)