Der neue Roman vom Autor des Welterfolgs "Fräulein Niemand""Selten wurde mitreißender und anrührender über den Mut, die Chuzpe und die Verzweiflung eines Kindes geschrieben als in... mehr
Erfahrungsbericht von maphyou über Zauberer - Roman / Tomek Tryzna 19.08.2009
Produktbewertung des Autors:
Niveau
anspruchsvoll
Unterhaltungswert
hoch
Spannung
durchschnittlich spannend
Wie ergreifend ist die Story?
berührt ein wenig
Pro:
eine schelmisch - komische Geschichte mit melancholischem Touch
Kontra:
gegen Ende etwas konfus
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
*******Kritik*******
Während er im roten Rennauto des Nachbarmädchens durch die Straßen seines niederschlesischen Heimatstädtchens flitzt, vergisst Romek vor lauter kindischem Leichtsinn völlig, dass die elterliche Wohnungstür noch weit offen steht. Als er wiederkommt, haben Diebe bereits seine kindische Unachtsamkeit ausgenutzt und die Wohnung geplündert, auf die er aufpassen sollte. Romek Stratos ist erst fünf Jahre alt und doch lastet auf ihm eine gewaltige Schuld. Die Schneider-Familie steht vor dem Ruin: Schlimm genug, dass all ihre Ersparnisse fehlen. Viel fataler ist, dass auch die wertvollen Kleider gestohlen wurden, mit deren illegalem Verkauf die Familie ihren Lebensunterhalt im kommunistischen Polen der Fünfziger Jahre bestreitet.
Soweit die tragische Ausgangssituation von Tomek Tryznas zweitem Roman „Zauberer“. Es ist eine Geschichte von Schuld und dem schelmischen Versuch ihrer Sühne. Das schlechte Gewissen plagt Romek, die Tatsache, für alles verantwortlich zu sein – den finanziellen Ruin der Familie, den Hunger, die Alkoholsucht des Vaters, die Selbstmordversuche der Mutter. Und so wagt er sechs Jahre nach „jenem fatalen Tag“ ein mutiges Unterfangen. Der mittlerweile Elfjährige versucht, das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und der Misere ein Ende zu setzen, sie gewissermaßen „wegzuzaubern“: Seine Mutter soll in Warschau ein großes Modehaus gründen und er selbst will auf Polens großen Bühnen als Schauspieler Karriere machen.
Es wird zwar schnell klar, dass diese überzogenen Vorstellungen an der tristen Realität vorbeizielen, doch wünscht man dem gewitzten Burschen als Leser trotzdem viel Glück. Man folgt interessiert der unprätentiösen und doch sehr amüsant erzählten Geschichte. So schmunzelt man ungläubig über die Geisterbeschwörung, die Romek raffiniert inszeniert, um seine Mutter zu überzeugen, ihr Glück zusammen mit ihm in Warschau zu versuchen. Auch die zahlreichen Traumszenen und Erinnerungen Romeks, die sich in die Erzählung einbetten, bergen so manche charmante Anekdote. Häufig wundert man sich jedoch über den ambivalenten Charakter Romeks, der einerseits sich und seine Umwelt kühl zu reflektieren vermag, andererseits immer wieder in kindische Naivität und Träumerei verfällt.
Die Reise von Mutter und Sohn entpuppt sich als Odyssee, gespickt mit Hindernissen, Betrügereien und Enttäuschungen, an deren Ende man wieder am Ausgangspunkt steht. Es ist gewissermaßen der „Fall des kleinen Zauberers“ - wie auch Romeks liebstes Theaterstück heißt. Im Bewusstsein, sein Schicksal nicht ändern zu können, entscheidet er zuversichtlich: „Ach was, soll doch kommen, was kommen muss. Ich will es nicht wissen.“
*******Fazit*******
"Zauberer" ist nicht unbedingt ein Buch für Jedermann. Ich habe es im Rahmen eines Uni-Seminars gelesen und wäre andernfalls wahrscheinlich gar nicht erst darauf gekommen. Alle, die schelmische Romane mit jungen, aber altklugen Protagonisten lesen, könnten am Abenteuer des kleinen Romek Stratos gefallen finden. Ich denke da zum Beispiel an Fans des - ungleich bekannteren und erfolgreicheren Buches "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer. In beiden Büchern hat man es mit "Bengeln" zu tun, die überzeugt von ihrer geistigen Reife sind, aber von ihrer Umwelt nicht (immer) ernst genommen werden. Leser mit einem ausgesprochenen Bedürfnis für lineare Handlungsstränge, sollten es sich zweimal überlegen, Tryznas Buch zu kaufen, denn hin und wieder springt die Story derartig, dass man häufig nicht umhin kommt, zurückzublättern und bestimmte Passagen erneut zu lesen. Es hält sich jedoch in Grenzen und wenn man geistig "am Ball" bleibt, ist es keinesfalls ein Krampf, "Zauberer" zu lesen, sondern vielmehr ein schmunzelndes und zugleich melancholisches Leseerlebnis.
Viel Spaß und ein verzaubertes Lesevergnügen wünscht der maphyou