Kein Mitleid
03.01.2012
Pro:
kein Kitsch, keine politische Korrektheit und trotzdem nie daneben
Kontra:
nüschte
Empfehlenswert:
Ja
 Dr.Ed
Über sich:
Auch dieses jahr fallen Ostern und Weihnachten wieder auf einen Tag: Der nächste Ciao-Stammi in HH f...
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Hallo Zielgruppe! Filme, in denen Behinderte die Hauptfigur sind, gelten häufig als entweder langweilig oder ihnen wird ein belehrender Charakter zugeschrieben so von wegen mehr und bessere Integration und so. Dass es auch anders geht, haben die Franzosen 2007 schon mit „Schmetterling und Taucherglocke“ bewiesen. Jetzt kommt ein weiterer Film aus der Kategorie „Männer, die im Rollstuhl sitzen und auf fremde Hilfe angewiesen sind“ in die Kinos, der in Frankreich schon diverse Rekorde gebrochen hat und bis Ende 2011 mit mehr als 16 Millionen BesucherInnen erfolgreicher war, als JEDE Hollywood-Produktion. Ob der Film auch hierzulande rekordverdächtig ist, dazu mehr in diesem Bericht. ### DER INHALT ###
~~~ heute ausnahmsweise mal die „MissVega und Dr.Ed kennen sich mit Bürostühlen besser aus als mit Rollstühlen“ - Mittelversion ~~~ Philippe könnte eigentlich ein tolles Leben führen: Er ist reich und adelig, wohnt in einem palastartigen Haus, hat Heerscharen von Hausangestellten um sich, die sich um alles kümmern und ihm jeden Wunsch förmlich von den Augen ablesen. Allerdings wäre er ohne diese Menschen auch ziemlich aufgeschmissen, denn er ist durch einen Unfall beim Paragliding halsabwärts gelähmt. Eines Tages taucht der junge Schwarze Driss bei ihm auf. Der wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen und will eigentlich nur den Ablehnungsstempel auf seiner Pro-Forma-Bewerbung, damit er Arbeitslosengeld kassieren kann. Auf den ersten Blick könnte es auch keinen ungeeigneteren Bewerber für den Job als Pfleger geben, als Driss. Doch seine unbekümmerte und dennoch irgendwie charmant-freche Art machen Philippe neugierig. Aus einer Eingebung heraus engagiert er Driss und gibt ihm zwei Wochen Probezeit. Umgekehrt möchte Driss es ausprobieren, sein Geld auch mal mit ehrlicher Arbeit zu verdienen und so entsteht langsam eine ungewöhnliche Freundschaft.
### MEINE MEINUNG ### Meist gehen ja solche Filme, in denen die Hauptfigur ein alles andere als einfaches Leben hat und auf fremde Hilfe angewiesen ist, eher in Richtung Sozialdrama. Dass solche Filme aber auch etwas poetisches haben können, hat „Schmetterling und Taucherglocke“ von Julian Schnabel eindrucksvoll bewiesen. Dass aber so ein Film auch als Komödie funktioniert, mag man auf den ersten Blick nicht unbedingt erwarten und erscheint selbst auf den zweiten Blick eher ungewöhnlich. Und dennoch ist das Grundrezept des Films eigentlich ziemlich simpel, denn es lautet „Gegensätze ziehen sich an“. Auf der einen Seite der vorbestrafte Kleinkriminelle aus den Pariser Vororten, die gewissermaßen als Synonym für soziale Brennpunkte stehen und auf der anderen Seite der Adelige, der von zahlreichen Hausangestellten umgeben in einem luxuriösen Palais mitten in Paris wohnt.
Da stellt sich natürlich die Frage, was die beiden zusammen führt. Driss bekommt vom Arbeitsamt ein Vorstellungsgespräch für die vakante Stelle als Krankenpfleger bei Philippe vermittelt. Driss erscheint nur deshalb dort, weil es die Bürokratie so will, denn er macht sich keine ernsthaften Hoffnungen auf den Job. Also drängelt er sich bei der Kandidaten-Runde dreist vor und erklärt in seiner unbekümmerten Art, dass er drei Absagen für das Arbeitsamt benötige. Ob er denn keine Ziele habe, wird Driss gefragt, „Doch, eins davon sitzt mir gerade gegenüber“ antwortet er und grinst in Richtung Philippes attraktiver persönlicher Assistentin Magalie. Diese Antwort lässt Philippe schmunzeln und da er von den anderen Kandidaten – allesamt unterwürfige Langweiler und Schnarchnasen – mehr oder weniger angewidert ist, bekommt Driss – selbst am allermeisten überrascht – den Job, wenn auch erstmal nur für 2 Wochen auf Probe. Natürlich muss Driss zunächst lernen, Philippe morgens aus dem Bett zu wuchten, ihn zu waschen und anschließend anzuziehen, in den Rollstuhl zu heben und ihn dort festzuschnallen, damit er nicht herausfällt. Er muss ihn füttern, ihm das Telefon ans Ohr halten und sonstige Handlangerdienste verrichten. Fast zwangsläufig kommen sich die beiden näher und Philippes Verwandtschaft macht sich Sorgen. Sie warnen ihn: „Sei vorsichtig, die Jungs aus der Vorstadt kennen kein Mitleid“, woraufhin Philippe antwortet „Genau das will ich: Kein Mitleid!“, was wohl der entscheidendste Satz des ganzen Films sein dürfte. Einmal sagt Driss „An Ihrer Stelle würde ich mir die Kugel geben“, woraufhin Philippe lapidar antwortet: „Auch das ist schwer für einen Querschnittsgelähmten, selbst dafür wäre ich auf fremde Hilfe angewiesen.“, womit er seine Situation auf den Punkt bringt.
Dieser sarkastische Humor, die konsequente Vermeidung von Rührseligkeiten und Driss' flapsiger Ton machen den Charme dieses Films aus. Stellvertretend für das Publikum stellt Driss all die Fragen, die im Umgang nicht-behinderter mit behinderten Menschen meist aus vermeintlicher Höflichkeit unter den Tisch fallen gelassen werden. Aber der Film lebt natürlich auch von der höchst unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der beiden: Driss wundert sich darüber, welches Farbgeklecksel als Kunst bezeichnet wird und greift dann selber zu Farbe und Pinsel und Philippe macht sich anschließend einen Spaß daraus, Driss' Bild bei seinen kunstsinnigen Freunden als Werk eines jungen, aufstrebenden Künstlers zum Höchstpreis zu verkaufen. Und als an Philippes Geburtstag zu seinen Ehren ein Kammerkonzert aufgeführt wird, gibt es von Driss als Kontrastprogramm Earth, Wind and Fire, um die dröge Stimmung ein wenig aufzulockern. In diesen Gegensätzen liegt auch die Stärke des Films: Es wird gezeigt, wie beide es schaffen, das Leben des anderen zu bereichern und sich gegenseitig zu verblüffen. Allein schon der Beginn des Films führt einen zunächst auf eine falsche Fährte: Paris bei Nacht, ein schwarzer Maserati rast viel zu schnell durch die Straßen, rote Ampeln werden ignoriert, im Autoradio laufen Earth, Wind & Fire und Fahrer wie Beifahrer haben sichtlich Spaß. Plötzlich taucht die Polizei mit Blaulicht im Rückspiegel auf und es entwickelt sich eine rasante Verfolgungsjagd. Als die Polizisten das Auto endlich stoppen können und mit vorgehaltener Pistole zum Aussteigen zwingen, bleibt Driss cool und versucht, ihnen zu erklären, dass er mit Philippe gerade auf dem Weg zum Krankenhaus ist und verweist auf den Rollstuhl im Kofferraum. Philippe macht einen auf sterbenden Schwan und umgehend wird aus den verfolgenden Ordnungshütern ein Geleitkorso.
In Rückblenden wird dann erklärt, was zwei Menschen, die gegensätzlicher kaum sein könnten, in diesem Auto zusammengebracht hat. Das ganze geschieht ohne unnötige Sentimentalitäten, Sozial-Kitsch wird rigoros vermieden, die meisten Klischees werden geschickt umschifft und bemühte politische Korrektheit geht diesem Film völlig ab. Aber das beste kommt noch: Was klingt wie ein Märchen, beruht auf wahren Tatsachen. Die Geschichte beruht auf der Autobiographie von Philippe Pozzo di Borgo, seines Zeichens Anfang der 90er Chef der Champagner-Dynastie Pommery, der 1993 im Alter von 42 Jahren mit dem Gleitschirm abstürzt und seither halsabwärts querschnittsgelähmt ist. Kurze Zeit später heuert er als Pfleger Abdel Sellou an, einen arbeitslosen Kleinkriminellen aus Algerien. Bald darauf freunden sich die beiden an und nun wurde die Geschichte der beiden verfilmt. ### FAZIT ###
Gerade, wenn man völlig ohne Erwartungshaltung in diesen Film geht, wird man umso begeisterter wieder heraus kommen, zumal die Trailer fast schon ein wenig nichtssagend sind. Ich für meinen Teil war völlig hin und weg und in der Münsteraner Sneak-Preview hat dieser Film die beste Bewertung aller Zeiten bekommen (was bei über 750 Filmen was heißen will) und den langjährigen Spitzenreiter „Good morning Vietnam“ von der Spitze verdrängt hat (sicher auch nicht der schlechteste Film). Insofern scheine ich nicht der einzige gewesen zu sein, der diesen Film absolut klasse fand. Deswegen vergebe ich 5 von 5 möglichen Rollstühlen und eine uneingeschränkte Empfehlung, sich diesen Film anzusehen! ### ABSPANN ###
Spielfilm F 2011, 112 Min., FSK unbekannt Regie: Olivier Nakache und Eric Toledano Drehbuch: Olivier Nakache und Eric Toledano als Drehbuch, Philippe Pozzo di Borgo als Romanvorlage Kamera: Mathieu Vadepied Musik: Ludovico Einaudi
~ Philippe – Francois Cluzet ~ Driss – Omar Sy ~ Yvonne – Anne Le Ny ~ Magalie – Audrey Fleurot ~ Marcelle – Clotilde Mollet ~ Albert – Christian Ameri ~ Antoine – Grégoire Oestermann ~ Adama – Cyril Mendi u.v.a.
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Toller, umfassender Bericht, ein weiteres BH sei dir gegönnt! :-)
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Ein sehr hilfreicher Bericht. LG