Gewitter im Gehirn

1  19.01.2002 (17.02.2002)

Pro:
???

Kontra:
eingeschränkte Lebensqualität

Empfehlenswert: Nein 

chris10

Über sich: ~*~ Man muß noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. ~*~ [ Friedrich N...

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Epilepsie ist eine Krankheit, das ist vielen garnicht bewusst, dabei kann jeder daran erkranken. Epilepsien sind so häufig wie Diabetes oder das Gelenkrheuma. Es gibt viele Vorurteile, aber jeder kann in jedem Lebenalter an einer Epilepsie erkranken.

Epilepsien gibt es in allen Schichten und sie kommt in allen Kulturen vor. 5% aller Menschen haben in ihrem Leben schon einmal einen Anfall gehabt. Anfälle können auch einzeln oder gelegentlich auftreten. Nur wenn sich Anfälle von selbst ohne besonderen Grund wiederholen, spricht man von Epilepsie.

Es gibt auch Gelegenheitsanfälle, z.B. bei starken Zuckerwertverschiebungen, bei Fieber im Kleinkindesalter oder bei Alkoholismus. Nach Abklingen der akuten Krankheitssituation treten diese Anfälle nicht mehr auf. In meiner Meinung über den Alkohol und seine Folgen schrieb ich über eine Frau, bei der durch den Alkohol epileptische Anfälle ausgelöst wurden.

Epileptiker sind nicht weniger intelligent und begabt als andere Menschen. Natürlich gibt es Epilepsie auch bei Menschen mit geistigen Behinderungen. Aber das ist nicht! der Regelfall.

Beruflich habe ich mit Menschen zu tun, unter denen auch manchmal Epileptiker/innen sind. Im Moment wohnt bei uns in der Wohngruppe, die ich leite, eine Epileptikerin. Sie hat schon seit Jahren keinen großen Anfall bekommen, da sie bestens medikamentös eingestellt ist. Nur ab und zu mal einen psychomotorischen Anfall. Wir führen einen Anfallskalender, der ihrem behanddelnden Neurologen zu den Routineuntersuchungen mitgenommen wird.

Der Philosoph Sokrates, der Dichter Dostojewki, der Maler van Gogh, der Musiker Händel und die Staatsmänner Cäsar, Alexander der Große und Lenin litten an epileptischen Anfällen, um nur einige Berühmtheiten zu nennen. Sie haben trotz ihrer Epilepsie Überdurchschnittliches geleistet, und damals gab es noch nicht die Behandlungsmöglichkeiten von heute.

Was sind denn überhaupt Epilepsien? Sie beruhen auf Funktionsstörungen des Gehirns. Epileptische Aktivität geht von den Nervenzellen aus, denn jede Nervenzelle erzeugt Spannungsimpulse. Bei normaler Aktivität sind die Impulse kurz, bei epileptischer Aktivität lang andauernd. Die Spannungsimpulse sind notwendig für Wahrnehmung, Denken und das Bewusstsein des Menschen.

Die epileptischen Spannungsimpulse stören diese Funktionen und Denken, Wahrnehmung und Bewusstsein sind unterbrochen. Diese Impulse lassen sich mit Hilfe des EEG's nachweisen. (Elektronencephalogramm) Es ist wie ein Gewitter im Gehirn.

Die Epilepsie kann durch unterschiedliche Schädigungen wie z.B. Hirnverletzung durch einen Unfall (die Narbe löst die Anfälle aus), eine Hirnblutung, durch Sauerstoffmangel während der Geburt, einen Schlaganfall, einen Tumor oder durch Alkoholmissbrauch ausgelöst werden.

Es gibt verschiedene Anfallsleiden, wichtig ist die Kenntnis darüber, da sie auch unterschiedlich behandelt werden.

Große Anfälle (Grand-mal-Anfälle):
Hier ist das ganze Gehirn betroffen, vom tonischen Stadium, das oft nur Sekunden dauert, geht es über ins klonische Stadium. Das heißt, es geht von der Verkrampfung über zu zuckenden Bewegungen. danach tritt das Erschöpfungsstadium ein, in dem der Kranke in einen Erschöpfungsschlaf fällt. Der Wach-Schlafrhythmus steht bei den Anfällen nicht so sehr im Vordergrund.

Ich will nicht noch weiter in die Tiefe gehen, wichtig ist, das mehrere große Anfälle nacheinander in so rascher Reihenfolge,auftreten können, dass sie wie ein Anfall erscheinen. Dieser Grand-mal-Status oder Status epileptikus ist lebensbedrohend und es muss sofort ärztliche Hilfe geholt werden.

Kleine Anfälle (Petit-mal-Anfälle):
Hierzu gehören die BNS-Krämpfe, das sind die Blitz-,Nick- und Salaamkrämpfe. Sie treten im Säuglingsalter, Schulalter und in der Pubertät auf.

Psychomotorische Anfälle sind eigentlich Dämmerattacken, in denen der oder die Betroffene unsinnige Verhaltensweisen zeigt, an die er oder sie sich hinterher nicht mehr erinnern kann. So wie die Frau aus der Wohngruppe. Sie macht dann unsinnig erscheinende Bewegungen und 'fummelt' irgendwo auf merkwürdige Art und Weise herum. Das ist weiter nicht schlimm, denn es dauert nur ganz kurz.

Absencen sind kurze Bewusstseinslücken, in denen der/die Betroffene seine Handlung unterbricht und kurz danach fortfährt. Absencen wirken oft wie Abwesenheit oder Verträumtheit. Habe ich auch während meiner beruflichen Tätigkeit erlebt. Es fiel kaum auf, spätestens wenn beim Tischdecken ein Stapel Teller zu Bruch ging oder ihm etwas anderes aus den Händen fiel.

Tragisch finde ich es, wenn jemand Jackson-Anfälle erleidet, ich habe das schon selbst miterlebt. Denn der/diejeneige bleibt bei vollem Bewusstsein während des Anfalls.

Dies alles ist auf das Wesentliche komprimiert, die Thematik ist viel komplexer, aber sonst würde es einfach zu lang.

Epilepsie lässt sich behandeln, und das Ziel ist es, weitere Anfälle zu verhindern. Dafür gibt es Medikamente. Die tägliche Menge muss bei jedem Epilepsiekranken individuell ermittelt werden. Die meisten daran Erkrankten sind anfallsfrei, so wie die Frau in der Wohngruppe, die ich betreue.

Wenn ein Epilepsiekranker mehrere Jahre anfallsfrei bleibt, besteht eine gute Chance, dass sein Gehirn 'verlernt' Anfälle zu bekommen.

Ganz wichtig finde ich es, nicht nur zu wisen, was Epilepsie ist und wie sie ausgelöst wird, sondern auch im Notfall helfen zu können.

Erste Hilfe beim Krampfanfall:
- Die Hilfsmaßnahmen sind einfach, ein einzelner Anfall hört meist von selbst auf.
- Während des Anfalls Möbel etc. beiseite räumen.
- Den Kopf schützen, evtl. ein Kissen darunter oder daneben.
- Den Betroffenen beim Wachwerden nicht alleine lassen.
- Wenn der Anfall länger als 10 Minuten dauert, muss! ein Arzt gerufen werden.

Der Anfall sebst ist nicht beeinflussbar. Nicht krampfende Gliedmaßen festhalten oder versuchen, die Zähne auseinanderzubringen, auch keinen Keil zwischen die Zähne schieben, das führt zu Verletzungen. Ansonsten wird nach einem Anfall in der Regel vor Erschöpfung geschlafen. Beim Wachwerden sollte er oder sie nicht alleine sein.

Gefahr droht, wenn ein Anfall länger als 10 Minuten dauert oder sich mehrere Anfälle aneinanderreihen, dann muss sofort ein Arzt gerufen werden.

Wichtig ist es für mich noch zu erwähnen, dass jeder Mensch mit einem Anfallsleiden die gleichen Chancen haben muss, und das nicht nur beruflich. Ein Epileptiker oder eine Epileptikerin, die gut medikamentös eingestellt sind, können genauso am Leben teilnehmen, wie wir auch.

© chris10
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Wikinger123

Wikinger123

23.02.2004 01:47

Liebe Chris, meine Mutter starb vor sechs Jahren an einem Gehirntumor und hatte aufgrund mehrerer Op`s davor öfter solche Anfälle. Ich war nie life dabei aber es muss der absolut Horror gewesen sein. Dabei wackelte das ganze Bett und diese Situation ist so Bizarr, dass man sehr große Angst vor dem Unbekannten hat und das die Person nach dem Anfall tot ist. Ich hoffe, ich komme nie in eine solche Situation, dass es mir einmal so geht wie ihr oder das ich dabei sein muss. Annette

Labla

Labla

11.08.2003 15:05

Als Betroffene, die Ahnung von der Materie hat, kann ich dir nur ein sh schenken! Leider gibts ja keine Aufklebebienchen als besonderes Lob .... schmunzel

pantherhh

pantherhh

17.11.2002 06:01

meine bewunderung, wer mit epilepsie lebt / meine bewunderung wie du diese krankheit beschreibst

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